Heute in den Feuilletons

Chiacchiericcio

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.04.2010. Boingboing hat im Ipad eine neue Schreibung für das Wort S****a entdeckt. Auch die FAZ blättert im Ipad und macht sich Hoffnungen auf eine Zukunft der alten Medien im neuen. In der Welt erklärt der Germanist Karl-Heinz Göttert, warum die deutsche Sprache durch das Englische weit weniger gefährdet ist als seinerzeit durch das Französische. Die NZZ positioniert sich im wilden Schweizer Streit über die Frage, ob es richtig ist, Max Frischs "Entwürfe zu einem dritten Tagebuch" zu veröffentlichen, für Peter von Matt und gegen Adolf Muschg.

Welt, 06.04.2010

Matthias Heine unterhält sich mit dem Germanisten Karl-Heinz Göttert, der eine Geschichte der deutschen Sprache geschrieben hat und unter anderem erklärt, dass das Deutsche im 18. Jahrhundert stärker vom Französischen gefährdet war als heute vom Englischen: "Es ist ja nicht so, dass in Deutschland ein Drittel der Bevölkerung Englisch spricht. Wir haben 82 Millionen Deutsche - davon sprechen 82 Millionen Deutsch. Was wir haben, ist ein Einfluss des Englischen auf der Ebene des Wortschatzes. Na und? Das Deutsche hat auch andere Fremdwortwellen überstanden."

Weitere Artikel: Marko Martin schickt eine interessante Reportage über Chile nach dem Beben und den Wahlen - unter anderem hat er den Autor und Castro-Kritiker Jorge Edwards getroffen, der ihm erklärt, warum er den neuen rechtsgerichteten Präsidenten Sebastian Pinera im Wahlkampf unterstützte. In der Leitglosse greift Andreas Rosenfelder das Wörtchen "chiacchiericcio", italienisch für "Geschwätz" auf, mit dem der Papst und weitere Hierarchen der katholischen Kirche in ihren Osterpredigten die Diskussionen um Kindesmissbrauch und Zölibat zur Seite wischten. Johannes Wetzel resümiert die Pariser Buchmesse. Max Dax meldet, dass Bob Dylan nicht in Schanghai und Peking auftreten darf. Wieland Freund sieht sich David Foster Wallaces Roman "Infinite Jest" auf dem neuen Ipad an. Und Thomas Lindemann unterhält sich mit Ben Stiller über seine Rolle in dem Film "Greenberg" (mehr hier). Michael Bee erinnert sich wehmütig an David Lynchs "Twin Peaks".

Besprochen wird Peer Meters und Barbara Yelins Comic "Gift" (mehr hier), der die Geschichte der Serienmörderin Gesche Gottfried aufgreift.

NZZ, 06.04.2010

Die Veröffentlichung von Max Frischs drittem Tagebuchband hat zu einem Sturm im Schweizer Literaturleben geführt (mehr dazu in der Magazinrundschau). Martin Meyer findet sie absolut richtig und stellt sich damit auf die Seite des Herausgebers Peter von Matt und gegen Adolf Muschg, der sie verhindern wollte: "Dass Max Frisch eine Publikation zu Lebzeiten verwarf, verbietet nicht die Veröffentlichung aus dem Nachlass. Die Diskussion darüber, ob der Schriftsteller den Druck gewollt oder verhindert hätte, ist sinnlos. Archive - und also auch das von Frisch selber initiierte Max-Frisch-Archiv an der Zürcher ETH - sind dazu da, ans Licht zu heben, was dort über kürzer oder länger im Finsteren ruhte. Auch darf nicht Enttäuschung von Nachfahren über mangelnde Qualität das Kriterium gegen die Öffnung bilden."

Weiteres: Barbara Villiger Heilig berichtet von einem gefälschten Interview der Berlusconi-nahen Zeitung Libero, in dem Philip Roth angeblich über Barack Obama vom Leder zieht, das er tatsächlich aber nie gegeben hat. Roman Bucheli informiert über W.G. Sebalds nachgelassene Polemik gegen Jurek Beckers "Jakob der Lügner". Joseph Croitoru schreibt in einem Hintergrundartikel über steigende Ansprüche jüdischer Aktivisten auf den Tempelberg.

Besprochen werden John Glasscos Erinnerungen an das Paris der zwanziger Jahre "Die verrückten Jahre" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 06.04.2010

Rudolf Walther stellt das in einem kleinen Pariser Verlag erschienene Buch "Les intellectuels contre la gauche" des amerikanischen Historikers Michael Christofferson vor, in dem der Antitotalitarismus nun aber endgültig abgefrühstückt wird. Besprochen werden Hans Joachim Schädlichs Roman "Kokoschkins Reise" (mehr hier) und ein Band über das Werk der Bühnenbildnerin Katrin Brack.

Auf der Meinungsseite fürchtet Robert Misik, dass der Neoliberalismus immer noch nicht tot ist.

Schließlich Tom.
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Aus den Blogs, 06.04.2010

BoingBoing zeigt, wie in den weithin gefeierten Ipad auf Weisung Steve Jobs' das Wort S***a geschrieben wird:


Stichwörter: Steve Jobs

FR, 06.04.2010

Olivia Schoeller stellt den Bagdader Dirigenten Karim Wasfi vor, der seit 2005 das irakische Nationale Symphonieorchester leitet und zur Not auch neben einer Leichenhalle probt: "Nicht alle Iraker sind Fans des Orchesters. Einige halten die Musik für unislamisch, in manchen Stadtteilen werden junge Leute bedroht, wenn sie einen Geigenkasten tragen. Gegen klassische Musik wurde bereits eine Fatwa verhängt. Sie gilt als nicht-islamisch."

In Times mager greift Judith von Sternburg Ideen auf, das Büro hübscher zu gestalten, mit Grünpflanzen etwa oder einer attraktiven Computerspiel-Umgebung. Besprochen werden eine Werkschau des Architekten Joseph Maria Olbrich auf der Darmstädter Mathildenhöhe, ein Band zur "Baukultur" in Deutschland und Andreas Maiers Heimatkunde "Onkel J." (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 06.04.2010

Am Donnerstag wird in Sachsen-Anhalt die Internationale Bauausstellung eröffnet, die angesichts schrumpfender Städte nach Konzepten für den Stadtumbau sucht. Jens Bisky findet, dass das Schrumpfen auch die großen Fragen nach der Zukunft des Sozialstaats und des Zusammenhalts der Gesellschaft berührt und hofft, dass es anlässlich der IBA zu einer Auseinandersetzung mit diesen Themen kommt. Der Schriftsteller Martin Mosebach schwelgt in den Kalligrafien und Ornamenten, die in einer Ausstellung der "Schätze des Aga Khan Museums" im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen sind. Wolfgang Schreiber sorgt sich um die "Artenvielfalt" des Klassikrepertoires in Opern und Konzerthäusern. Niklas Hoffmann beschäftigt sich in den "Nachrichten aus dem Netz" (natürlich nicht online) mit Cyberbullying. Die französische Gegenwartsliteratur ist weiterhin von der NS-Zeit fasziniert, stellt Joseph Haniman mit Blick auf Laurent Binets jüngst mit dem Goncourt-Preis gekürten Heydrich-Roman "HHhH" fest (der Titel steht für "Himmlers Hirn heißt Heydrich", Auszug auf französisch). Reymer Klüver hat das neu eröffnete "German-American Heritage Museum" in Washington besucht. Gemeldet wird, dass der Theologe Erich Zenger am Osterwochende gestorben ist.

Besprochen werden die neugestaltete Dauerausstellung im Wikingermuseum Haithabu bei Schleswig, Pierre Audis Inszenierung von Hector Berlioz' "Les Troyens" an der Nederlandse Opera in Amsterdam, Schubert-Einspielungen des Pianisten Martin Helmchen und der Violinistin Julia Fischer sowie Hip-Hop-Alben mit Esoterikeinschlag von Erykah Badu und anderen. Außerdem Bücher, darunter Julia Bleskens Roman "Ich bin ein Rudel Wölfe" und Tom Schimmecks Medienschelte "Am besten nichts Neues" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau).

FAZ, 06.04.2010

Man sieht förmlich die leuchtenden Augen von Jordan Mejias, der es nicht lassen konnte, sich an Ostern ein Ipad zuzulegen. Es ist nicht alles Gold, was daran glänzt, kann man vielleicht resümieren, aber wie es glänzt! Gretchenfrage freilich: Wie sieht es mit der Erlösung fürs darbende Zeitungsgeschäft aus? "Für den Strand ist [die Maschine] sicher ungeeignet, des Sandes und vor allem der Sonne wegen, die noch die schönsten Bildschirmkontraste verblassen lässt. Aber in der U-Bahn? Wäre da der handliche iPad nicht ideal, um ein Buch oder eine Zeitung zu lesen? Wohlgemerkt: Nicht um den Text von oben nach unten zu schieben, sondern die Seiten von links nach rechts und rechts nach links zu durchblättern, fast wie gewohnt. Und auf dem Sofa und im Bett? Den Bildschirm zu streicheln und damit den neuesten Bestseller herbeizuholen, ohne auch nur aufstehen zu müssen?" Weitere Links zum Start des Ipad finden sich bei Carta.

Weitere Artikel: In der Glosse fragt sich Paul Ingendaay, wie ernst es der legendäre kubanische Musiker Silvio Rodriguez mit seiner späten Kritik am "Castrismus" meint. Dirk Schümer verabschiedet Massimo Cacciari, den philosophischen Bürgermeister von Venedig. Eine Münsteraner Tagung, die erste Forschungsergebnisse aus den 2006 zugänglich gewordenen Geheimarchiven des Vatikans präsentierte, hat Oliver Jungen besucht. Die Geburtstagsglückwünsche der Woche gehen an den Haute-Cuisine-Koch Pierre Gagnaire (60), den Literaturwissenschaftler Jost Hermand (80), die Sitar-Legende Ravi Shankar (80) und den Biochemiker und Nobelpreisträger Edmond H. Fischer (90).

Besprochen werden ein Konzert der Folksängerin Laura Marling in Köln, die "Alexander Dejneka"-Ausstellung in der Moskauer Tretjakow-Galerie, die Ausstellung "Byzanz. Pracht und Alltag" in der Bonner Bundeskunsthalle, die von der Künstlerin Katharina Fritsch kuratierte Ausstellung "Wrong" im Kunst im Tunnel in Düsseldorf, der Beginn der sechsten Staffel von "Dr. House" mit einem Gastauftritt von Franka Potente und Bücher, darunter Karl-Heinz Götterts Sprachgeschichtsbuch "Deutsch" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).