Heute in den Feuilletons

Die Knochen gelenkiger

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.02.2010. Die Welt erzählt, wie die israelische Regisseurin Yael Hersonski einen Nazi-Propagandafilm über das Warschauer Ghetto rekonstruierte. Die NZZ lauscht dem Tee-und-Kräuter-Rap des taiwanesischen Sängers Jay Chou. In der FR streiten Paul Krugman und Niall Ferguson über die Krise Griechenlands und den Euro. In der FAZ erklärt die Informatikerin Constanze Kurz, wie der Hacker tickt.

Welt, 19.02.2010

1942 begannen die Nazis im Warschauer Ghetto einen Propagandafilm zu drehen, der nie fertig gestellt wurde. Das hat jetzt gewissermaßen die israelische Filmemacherin Yael Hersonski übernommen, berichtet der künstlerische Direktor der Deutschen Kinemathek, Rainer Rother. "Yael Hersonski, die in ihrem bemerkenswerten 'A Film Unfinished' das Material aus dem Ghetto fast vollständig zitiert, greift auf, was Kompilationen oft vernachlässigen: die filmische Konstruktion der Propagandabilder. Sie macht das spezifisch Filmische der Hetze zum Ausgangspunkt. Schon als ihr die Produzentin Noemi Schory Ausschnitte zeigte, war sie wie elektrisiert. 'Es lag etwas über das Filmemachen selbst darin, das mich erstaunte. Eine filmische Konzeption war sichtbar, eine genaue Vorstellung, wie und wann man Großaufnahmen einsetzt oder Totalen, eine Schnittkonzeption.'"

Weitere Artikel: Cornelia Froboess plaudert im Interview über die Berlinale und die Jury, der sie angehört: "Noch ist alles sehr friedlich, würde ich sagen." Thomas Kielinger bewundert die Art, wie die Familie von Johnny Dankworth den verstorbenen Jazz-Saxophonisten ehrte. Rose-Marie Borngäßer schreibt zum Tod Fey von Hassels. Uta Baier setzt sich mit Roberto Zapperis Thesen über die Mona Lisa auseinander. Manuel Brug wünscht sich etwas mehr Aktualität im gegenwärtigen Opern-Uraufführungsgeschäft. Thomas Lindemann schreibt zu 20 Jahre Photoshop. Wen. gratuliert dem Bühnenbildner Wilfried Minks zum Achtzigsten.

Besprochen werden Oskar Roehlers Wettbewerbsfilm "Jud Süss - Film ohne Gewissen" ("Film ohne Haltung" wäre der bessere Titel gewesen, meint Hanns-Georg Rodek), Michael Stocks Dokumentarfilm über den sexuellen Missbrauch in seiner Familie "Postcard to Daddy", einige CDs, die Ausstellung "Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie" im Deutschen Historischen Museum in Berlin und Philipp Theisohns Literaturgeschichte des Plagiats.

Auf der Forumsseite plädiert Gesine Schwan nachdrücklich dafür, die Vor- und Nachteile der Bologna-Reform neu auszubalancieren.

NZZ, 19.02.2010

Pop in China boomt, berichtet Matthias Daum. Nachdem die Führung jahrzehntelang die suspekte Musik aus Taiwan und Hongkong bekämpft hat, erobert sie jetzt den Musikmarkt auf dem Festland, allerdings unter den Vorzeichen der chineseness: "Jüngstes Beispiel ist Superstar Faye Wong, hierzulande bekannt als Schauspielerin in Filmen von Wong Kar-Wai. Nach fünf Jahren Pause feiert die 40-Jährige heuer ihr Comeback. Mit dem Titelsong zu einem Konfuzius-Biopic. Die Lyrics sind eine Adaption eines Gedichts aus der Tang-Zeit - man stelle sich vor: Madonna würde karolingische Lyrik vertonen. Derweil mischt Jay Chou, Taiwans Robbie Williams, chinesische Musik-Elemente mit Hip-Hop und R'n'B. Dazu singt und rappt er überlieferte Texte und Geschichte. Etwa im Song 'Ben cao gang mu': 'Wir brauchen den Westen nicht, wir haben unseren Tee und unsere Kräuter.'"



Weitere Artikel: Ura Schoettli hat die buddhistischen Höhlenklöster in Ajanta besucht und ist überrascht von der Schlichtheit des Grabes des muslimischen Mogulkaisers Aurangzeb. Thomas Fischer berichtet von den Feierlichkeiten, die zum 100-Jahr-Jubiläum der Portugiesischen Republik geplant sind.

Besprochen werden die Ausstellung "Vermeer. Die Malkunst" im Kunsthistorischen Museum Wien und eine Ausstellung über das Leben und Werk Golo Manns im Münchner Literaturhaus.

FR, 19.02.2010

Ökonomisches Feuilleton heute: Der amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman behauptet, dass an der Krise Griechenlands und Spaniens der Euro schuld sei, weil er die Abwertung inflationärer Ökonomien verhindert: "In den nächsten Jahren wird vor allem viel herumgestümpert werden: Konjunkturprogramme in Verbindung mit drastischen Einschränkungen, sehr hohe Arbeitslosigkeit und der schon erwähnte mühsame Deflationsprozess. Schlimme Aussichten. Aber man darf nicht vergessen, worin Europas fataler Fehler bestand. Auch wenn einige Regierungen tatsächlich schlecht gewirtschaftet haben, so besteht das zentrale Problem doch in einer maßlosen Selbstüberschätzung, nämlich in dem Glauben, dass eine einheitliche Währung in Europa funktionieren würde, obwohl so viel dagegen sprach."

Krugmans Gegenspieler in Sachen Defizitdeutung, der Historiker Niall Ferguson, macht dagegen die keynesianische Ausgabenpolitik der Länder für ihre Finanzmisere verantwortlich: "Die Defizite haben viel weniger zu unserer 'Rettung' beigetragen als die Finanzpolitik - Zinsraten bei null und quantitative Lockerung. Erstens haben die Staatsausgaben (das geheiligte Multiplikator-Modell) nicht den Effekt gezeitigt, den die Befürworter der Konjunkturprogramme erhofft hatten. Zweitens greifen in einer globalisierten Welt die Probleme einer offenen Volkswirtschaft auf andere Länder über. Und schließlich zieht eine ausufernde Staatsverschuldung Kosten nach sich, die sehr viel früher bezahlt werden müssen als uns lieb ist."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte hat sich weitere Wettbewerbsfilme auf der Berlinale angesehen. Regine Sylvester erinnert sich an ihr erstes Festival 1988, an der sie - damals noch als Ostlerin - teilnehmen durfte. In Times mager freut sich Arno Widmann: "Wie schön, wenn der Winter weicht, die Knochen gelenkiger und Herz und Gemüt weicher werden." Auf der Medienseite berichtet Daniel Bouhs vom Streit um die Tagesschau-Apps.

Besprochen werden das Album "Pictures Never Stop" der Band La Stampa!, Olga Martynovas Romandebüt "Sogar Papageien überleben uns" und Sebastian Ullrichs Studie "Der Weimar-Komplex" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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TAZ, 19.02.2010

Vor allem eins, findet Birgit Glombitza, belege Peter Jacksons neuer Film "In meinem Himmel", der die Geschichte einer ermordeten 14-Jährigen erzählt, die aus dem Jenseits hilft, ihren Mörder zu überführen: der "psychedelische Gestaltungswille eines digital enthemmten Regisseurs... Es kommt mit viel Geschaue, Gespüre und Gefühle zu einer haarsträubend intuitiven Täterüberführung. Und am Ende ist 'In meinem Himmel' eine ziemlich alberne Wahrsagerkugel. Wer hineinschaut, kann sehen, wie Magie entsteht, vor allem aber wie sie zerfällt."

Außerdem: Julian Weber erklärt, weshalb er heute Abend nicht zur Lesung von Helene Hegemann im Berliner Club Tresor, sondern lieber zu einem Konzert der US-Band Vampire Weekend geht: weil die ihren Zitatpop als solchen kenntlich machten. Besprochen werden das Album "Randnotizen from Idiot Town" des Hamburger Kollektivs mit dem schönen Namen School of Zuversicht und der Dokumentarfilm "Rock Hudson - Dark And Handsome Stranger" von Andrew Davies und Andre Schäfer.

Auf der Berlinale-Seite geht's unter anderem um Oskar Roehlers Film "Jud Süß" ("eine der Entlastungsfiktionen, die uns im Kino den Umgang mit dem Nationalsozialismus versüßen", meint Cristina Nord) und um Tatjana Turanskyjs Forumsfilm "Eine flexible Frau".

Und Tom.

SZ, 19.02.2010

Im Feuilleton-Leitartikel erklärt Andreas Zielcke in einem Kommentar zum Afghanistan-Einsatz die "himmelweiten" Unterschiede zwischen Polizei- und Kriegsrecht. Über die Diskrepanz von Kulturhaupstadtjubel und leeren Kassen im Ruhrgebiet schreibt Alex Rühle. Jonathan Fischer unterhält sich mit dem Soulmusiker Smokey Robinson aus Anlass von dessen siebzigstem Geburtstag. Jörg Häntzschel hat elf Briefe J.D. Salingers gelesen, die demnächst in New York ausgestellt werden. Auf einer Themenseite gehen mehrere Autoren der Frage nach, wie die "Kunsthalle der Zukunft" aussehen könnte.

Auf der Berlinale-Seite stellt Martina Knoben Wettbewerbsfilme vor, darunter auch Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen", den sie eher "langweilig" findet. Anke Sterneborg bespricht Raoul Pecks Haiti-Film "Moloch Tropical". Fritz Göttler porträtiert den Filmkritiker David Thomson, der die diesjährige Retrospektive zusammenstellte.

Besprochen werden die Brüsseler Gustav-Mahler-Perfomance "3Abschied" der Tanzstars Anna Terese de Keersmaker und Jerome Bel sowie Bücher, darunter Roswitha Quadfliegs Roman "Der Glückliche" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 19.02.2010

Der alte Nerd-Laden FAZ-Feuilleton macht eine neue Kolumne auf. Die Informatikerin Constanze Kurz (hier in einem für die taz entstandenen Youtube-Clip) schreibt fortan alle zwei Wochen über die Digitalisierung und ihre Folgen: "Es umgibt sie ein gewisser Mythos, aber auch Dutzende Klischees: Hacker." Dann wird erklärt, wie diese Spezies Mensch im Inneren tickt: Hacker "wollen und können sich nicht damit zufriedengeben, dass ein technisches System aus Gründen eines abstrakten Geschäftsmodells beschränkt oder kastriert wird... Nach einer Weile stellt sich die Erkenntnis ein, dass fast jedes System von seinen künstlichen Fesseln befreit und fast jede Sicherheitsmaßnahme umgangen werden kann, wenn nur genug Zeit, Energie und manchmal auch Geld für Werkzeuge und Hardware in das Problem fließen."

Weitere Artikel: Andreas Rossmann erklärt, dass der Kölner U-Bahn-Skandal eine durchaus weit verbreitete Praxis ans Licht bringt. In der Glosse gibt es viel Gegenwind für das etwas eselige Geschichtsverständnis des Guido Westerwelle. "Sensationell" (wenngleich fürs Studieren vielleicht nicht uneingeschränkt geeignet) findet Niklas Maak das Gebäude, das das Architekturbüro Sanaa für die Ecole Polytechnique in Lausanne entworfen hat. Patrick Bahners klamüsiert ein Urteil des Kammergerichts Berlin auseinander, das zuungunsten des Plakatsammlers Hans Sachs und zugunsten des Deutschen Historischen Museums ausfiel. Gina Thomas berichtet über den Fund dreier Porzellanvasen in Großbritannien, die die Originalität Meissens in Frage zu stellen scheinen.

Auf der Berlinale-Seite meint Michael Althen über Oskar Roehlers seiner Meinung nach zwar nicht so wahnsinnig interessanten, aber der "Buhs" am Ende der Pressevorführung auch wieder nicht werten "Jud Süß"-Film: "Nach Lage der Dinge wäre Roehler wahrscheinlich der Erste, der einen Skandal begrüßen würde, aber dazu taugt sein Film nun wirklich nicht. Dafür ist er im Umgang mit seinem Stoff viel zu ernst." Bert Rebhandl informiert über das "Forum Expanded"-Programm und Rüdiger Suchsland hat den rumänischen Partisanenfilm "Portrait of the Fighter as a Young Man" gesehen. Andreas Platthaus findet Ilona Zioks Dokumentarfilm "Fritz Bauer - Tod auf Raten" des Inhalts, nicht der Form wegen sehenswert. Er hat außerdem Alexandr Sokurows Hirohito-Film "Solnze" in der Retrospektive gesehen und freut sich, dass die Gehsteige vorgestern endlich vom Eise befreit wurden.

Besprochen werden das neue Stück "Les Naufrages du Fol Espoir" von Ariane Mnouchkines Theatre du Soleil (Joseph Hanimann findet es "so leichtfüßig, so heiter, so witzig und traurig" wie noch kein Mnouchkine-Stück), die dreigeteilte Choreografie "3Abschied" von Anne Teresa de Kersmaaker und Jerome Bel in Brüssel, Lone Scherfigs Film "An Education" nach Drehbuch von Nick Hornby, und Bücher, darunter Paolo Giordanos Debütroman "Die Einsamkeit der Primzahlen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).