Heute in den Feuilletons

Hell YES! Andreas, Praxis, Du sagt's!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.11.2009. Die FR genoss beides in Korngolds "Toter Stadt": das Prunkvolle und dessen Verrottung. Der Tagesspiegel analysiert das Bündnis zwischen linken Regierungen in Amerika und Machmud Achmadinedschad. In der SZ liest Gerd Koenen den jetzt edierten Briefwechsel zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper. Viele Zeitungen kommentieren Rupert Murdochs Allianz mit Microsoft - Spiegel Online findet sie selbstmörderisch. Gawker langweilt sich ohne Paris Hilton. In der FAZ erinnert sich Michal Hvorecky an die Wende in Bratislava.

Spiegel Online, 24.11.2009

Als eher selbstmörderisch kommentiert Frank Patalong Rupert Murdochs Ausbruch aus dem Google-Universum und seine Kooperation mit Bing: "Murdoch scheint zu glauben, dass die Nachrichten seiner Unternehmen dem Web fehlen werden, wenn er sie dem kostenlosen Web entzieht. Das ist natürlich ein Irrtum, denn das Gros der Nachrichten macht News Corp. ja nicht, sondern berichtet sie nur: Die Themen sind nach wie vor da, für alle zu lesen. Die Hoffnung, alle maßgeblichen Medienunternehmen würden dem Kostenlos-Boykott beitreten, ist wohl vergebens. Erstens wollen das nicht alle, zweitens gibt es sogar welche, die es gar nicht dürften: News-Outlets wie BBC, ARD und ZDF zum Beispiel, denen man das Feld überlassen würde."
Stichwörter: ARD, Rupert Murdoch, ZDF

Tagesspiegel, 24.11.2009

Holocaustleugner kommen gut an bei der Linken, besonders in Lateinamerika! Stephan Grigat schreibt über die Bündnispolitik der linken Caudillos Lateinamerikas mit dem iranischen Regime: "In einer gemeinsamen Erklärung proklamierten diesen Sommer Venezuela, Bolivien und sieben weitere lateinamerikanische Staaten ihre volle 'Unterstützung der Islamischen Revolution im Iran und der Regierung des Präsidenten Ahmadinedschad'. Sie stellten sich damit auf die Seite der aggressivsten Fraktion des Regimes. Auch Brasilien, das diese Erklärung nicht unterzeichnet hat, betrachtet Ahmadinedschad als den legitimen Machthaber im Iran, Präsident da Silva mokierte sich gar über die iranische Freiheitsbewegung."

NZZ, 24.11.2009

Andrea Köhler widmet sich der Meldung, dass die Talkshow-Queen Opra Winfrey ihre angestammten Sender ABC und CBS verlässt und in einen eigenen Kabelkanal wechseln wird: "Den öffentlichen Kanälen, die sich allein durch Werbung finanzieren, brechen die Einnahmen und die Zuschauer weg."

Weiteres: Klaus Kreiser berichtet vom neu aufgebrandeten Streit um die turkifizierten Namen kurdischer und armenischer Orte. Besprochen werden Verdis zum ersten Mal in der Schweiz aufgeführter "Corsaro" im Zürcher Opernhaus, die friaulischen Gedichte von Pier Paolo Pasolini Reinhard Kaiser-Mühleckers Roman "Magdalenaberg" und Urs Augstburgers Roman "Wässerwasser" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Welt, 24.11.2009

Johnny Erling meldet vom chinesischen Kunstmarkt, dass sich Werke aus der Mao-Zeit blendend verkaufen, Sammler rennen den Auktionshäusern die Bude ein: "Sie geben eine verblüffende Antwort, warum sie sich für Malerei und Agitprop einer Zeit interessieren, in der es keine künstlerische Freiheit gab und in der während der Anti-Rechts-Bewegung, im Großen Sprung nach Vorn oder in der Kulturrevolution Millionen Tod und Verfolgung fanden: 'Rote Kunst und ihr revolutionärer Idealismus sind ein abgeschlossenes Sammelgebiet, zu dem nichts mehr hinzukommt.' Und sie seien inflationssicher: 'Für die Werke von Topmalern jener Zeit gibt es nur eine Preistendenz: nach oben.'"

Weiteres: Gerhard Gnauck besucht die polnische Verlegerin Monika Sznajderman, deren Czarne Verlag alles herausgibt, was in Zentraleuropa Rang und Namen hat. Stefan Kirschner interviewt die neue Vorsitzende des Kulturausschusses des Bundestags, Monika Grütters. Manuel Brug ertappt Christoph Schlingensief bei einem Anflug von Doppelmoral.

Besprochen werden Hans Neuenfels' Inszenierung von Aribert Reimanns "Lear" ("Große Hauptstadt-Oper!", meint Manuel Brug), eine Aufführung von Ödön von Horvaths "Glaube, Liebe, Hoffnung" in Hamburg, die Verfilmung von Stephenie Meyers mormonischer Vampir-Schmonzette "Biss zur Mittagsstunde", Alexander Kluges Edition "Früchte des vertrauens", Harun Farockis Filme auf DVD sowie John Woos "Red Cliff".

TAZ, 24.11.2009

Lena Unbehauen unterhält sich mit dem dänischen Installationskünstler Jeppe Hein über dessen Ausstellung im Aros-Museum in Aarhus, gefühlte Kunst, Kunst als Kommunikationsmittel und Spaß in der Kunst: "Wenn es zu spaßig wird, dann ist es schlechte Kunst. Darum ist Erfahrung für uns Künstler so wichtig, um zu wissen, wo die Grenze zu setzen ist." Doris Akrap berichtet über drei Auftritte des linken Theoretikers Antonio Negri in Berlin. Isolde Charim lobt die protestierenden österreichischen Studenten, die sehr gut verstanden hätten, "dass gerade die Bildung jener Bereich ist, an dem gesellschaftliche Integration vollzogen wird - oder eben nicht".

Auf den vorderen Seiten erzählt China-Korrespondent Georg Blume, warum er künftig aus Indien berichten wird. In tazzwei informiert uns Cigdem Akyol über die Hintergründe des am Montag beginnenden Prozesses gegen den mutmaßlichen Nazi-Schergen Iwan Demjanjuk. Und auf der Meinungsseite vermisst der israelische Historiker Zeev Sternhell eine potente Linke in Israel.

Besprochen werden die Forsythe-Choreografie "Theatrical Arsenal II" in Frankfurt und Rafael Sanchez' Adaption der Lubitsch-Komödie "Sein oder Nichtsein" für das Deutsche Theater in Berlin

Schließlich Tom.

FR, 24.11.2009

Beschwingt schreibt Hans-Klaus Jungheinrich über die Aufführung von Erich Wolfgang Korngolds Boulevardoper "Die tote Stadt" in Frankfurt. Komponiert hat sie Korngold mit 23 Jahren. "Das interessante, wenn auch zuweilen kolportagehaft aufgezäumte Sujet (nach einem Roman von Georges Rodenbach) erhält durch die Brügge-Metapher eine morbide Pikanterie. Man schmeckt und riecht förmlich in der Musik die Fäulnis, die Leere der Häuser und Gassen, diese nur mehr von Geistern und Ratten bewohnte, vor sich hin schimmelnde Urbanität. Korngolds durch beispiellose Metier-Meisterschaft gekennzeichnete Musik vermittelt das perfekt: das Prunkvolle und dessen Verrottung, die besonnte und die lädierte Vergangenheit, die Ernüchterung im übersättigten Klangrausch."

Außerdem: In Times mager scheint es Hans-Jürgen Linke der Deutschen Bahn nicht so recht zuzutrauen, das Emirat Katar mit einem Eisenbahnnetz zu versorgen. Auf der Medienseite - aber offenbar nicht online - porträtiert Thomas Schuler den jungen James Murdoch, der vielleicht die Nachfolge seines Vaters Rupert als Herrscher von News Corp. antreten wird.

Besprochen werden Aribert Reimanns Oper "Lear" an der Komischen Oper Berlin, eine Ausstellung der Schätze aus dem Königreich Qatna im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart, eine Baselitz-Doppelschau im Museum Frieder Burda und in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden und Bücher, nämlich Katharina Hackers Roman "Alix, Anton und die anderen" und zwei neue Globke-Biografien (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 24.11.2009

Gawker vermisst sehr stark die Skandalnudel Paris Hilton, die schon seit sechs Monaten in einer festen Beziehung lebt: "America got its fantasy of a world with no Paris, but, my friend, but at what price?", wird da gefragt. Und weiter: "Is a world where stars comport themselves with dignity, remember to thank their parents, refrain from swearing, never tape themselves having sex, don't steal their friends' husbands and don't Twitter in the middle of the night on meth, really what we want?"

Der Urheberrechtsexperte Till Kreutzer warnt in einer Replik auf einen Artikel Robert Schweizers vor den Folgen eines Leistungsschutzrechts: "Bedenken sollte man in diesem Zuge unbedingt, das eigentumsähnliche Schutzrechte, die einmal eingeführt wurden, in keinem bekannten Fall der neueren Geschichte wieder entzogen wurden. Das ist verfassungsrechtlich wie politisch äußerst problematisch."

FAZ, 24.11.2009

Der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecky, Jahrgang 1976, erinnert sich an den Beginn der 1989er-Revolution in der Tschechoslowakei. Ein Autounfall, den er in der Zeit hatte, war sein eindrücklichstes Erlebnis, die Politik hat er eher am Rande mitbekommen. "Erste Proteste gab es bereits am späten Nachmittag des 16. November in Bratislava. Voll Erstaunen sah ich die Gruppe von ungefähr zweihundert Studenten - im Prinzip die komplette alternative Szene der Donaumetropole -, die ihren stillen Marsch durch die Altstadt vor der Parteizentrale beendete. Der schockierte greise Apparatschik Gejza Slapka wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Im spontanen Gespräch mit den zwei Generationen jüngeren Menschen drohte er erst mit harten Sanktionen, nur um im gleichen Atemzug neue Studentenwohnheime zu versprechen."

Weitere Artikel: Sabine Frommel besucht das neue römische Museum für zeitgenössische Kunst MAXXI, entworfen von der Stararchitektin Zaha Hadid. Gerhard Rohde war dabei, als in Magdeburg der Pianist Menahem Pressler, der vor den Nazis nach Palästina geflohen war, zum Ehrenbürger ernannt wurde und dabei ein Konzert gab. Warum Joseph Conrad in Polen zusehends in Vergessenheit gerät, versucht Marta Kijowska zu ergründen. In der Glosse erklärt Julia Voss, warum wir auf Darwin nicht verzichten können. In Italien droht dem Schriftsteller Antonio Tabucchi ein wohl politisch motivierter Prozess, weil er den früheren Senatspräsidenten in einem Zeitungsartikel in seiner Ehre verletzt haben soll - Jürg Altwegg informiert über eine Petition zu Tabucchis Verteidigung, die unter anderem Philip Roth, Orhan Pamuk und Claude Lanzmann unterschrieben haben. Oliver Tolmein berichtet über einen Schweizer Gesetzentwurf, der bedenklichen Entwicklungen bei der Suizidbeihilfe Einhalt gebieten möchte. Jörg Bergmann und Christian Meyer schreiben den Nachruf auf den Linguisten Dell Hymes.

Besprochen werden eine von Anselm Weber inszenierte und von Sebastian Weigle dirigierte Aufführung von Erich Wolfgang Korngolds Oper "Tote Stadt" in Frankfurt, Hans Neuenfels' Inszenierung von Aribert Reimanns "Lear" an der Komischen Oper in Berlin (die für Julia Spinola vor allem klarmacht, dass das Werk deutlich "überschätzt" sei), Rafael Sanchez' Inszenierung einer Theaterversion von Ernst Lubitschs "Sein oder Nichtsein" am Deutschen Theater in Berlin, die Ausstellung "Taswir. Islamische Bildwelten und Moderne" im Berliner Gropiusbau und Bücher, darunter Luc Bondys Roman "Am Fenster" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 24.11.2009

Gestern wurde noch im Fernsehen Bernd Eichingers eigenartig gefühlstaubes Herunterhaspeln der RAF-Morde gezeigt. Heute schreibt Gerd Koenen, Autor des besten Psychogramms über den deutschen Terrorismus, über den Briefwechsel zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper. Die Schatulle mit den Briefen wurde ihm bei seinen Recherchen zu "Vesper, Ensslin, Baader" übergeben und ist jetzt bei Suhrkamp ediert worden. Bis heute bestürzt ihn die "verzweifelte Exaltation und sprachliche Aufgesteiltheit" der Briefe - und er zitiert aus einem Brief Gudrun Ensslins an Baader: "'Wir gehen grausam mit uns selbst um...; und ein Ergebnis wird sein, daß wir mit jedem anderen genauso grausam und kalt verfahren. Viell hat mir genau das gefehlt ...Ah, ein Schwerthieb, eine gutgezielte Kugel muß weniger sein als das, was ich spüre, wenn ich an Deine Nähe denke'. Und: 'Hell YES! Andreas, Praxis, Du sagt's!"

Weitere Artikel: Auf Seite 2 des politischen Teils feiern Bernd Graff und Thorsten Riedl die sich anbahnende Allianz von Rupert Murdoch und Microsofts Suchmaschine Bing, die die Inhalte seiner Medien künftig exklusiv (und gegen Geld, so scheint es ) auswerfen darf, als einen Sieg über Google. Marc Felix Serrao erkundet die Frage, wie Medien durch die Einführung von "paid content" Geld verdienen können (müsste die SZ eigentlich am besten wissen, die es immerhin schon eine Reihe von Jahren versucht). Thomas Steinfeld hat für den Aufmacher eine erstaunliche Reihe von Neuerscheinungen gelesen, die der Tendenz der ästhetischen Moderne zum Okkultismus nachgehen. Eve-Marie Engels, selbst Darwin-Forscherin, schreibt zum 150. Jubiläum der "Entstehung der Arten". Thomas Urban berichtet über den Wahlkampf in der nach wie vor kulturell und politisch tief gespaltenen Ukraine.

Besprochen werden Hans Neuenfels' Inszenierung von Aribert Reimanns "Lear" nach Shakespeare an der Komischen Oper Berlin, Udayan Prasads Film "Das gelbe Segel", eine von Lothar Trolle konzipierte Aktualisierung der Bachschen "Johannes-Passion" in Oberhausen, Constanza Macras' Choreografie nach Strawinskys "Ödipus Rex" in Hellerau und Bücher, darunter Wlodzimierz Nowak' deutsch-polnischer Reportagenband "Die Nacht von Wildenhagen", den Thomas Urban dringend empfiehlt.