Heute in den Feuilletons

Ausgestopft und ausgestellt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.09.2009. In der FR erklärt der chinesische Literaturfunktionär Li Pengyi, warum alle Verlage des Landes marktwirtschaftlich operieren sollen und nur das Publishing House for Tibetan Studies die Unterstützung der Partei braucht. Das Blog Bewegliche Lettern hat Kevin Kelly übersetzt: Das Internet ist eine Kopiermaschine. In der SZ denkt Slavenka Drakulic über Tito nach. Und alle Filmkritiker haben für Venedig gepackt. 

FR, 02.09.2009

In einem langen Gespräch mit Li Pengyi, führender Kader der KP China und Chef des staatlichen Verlags Commercial Press, versuchen Arno Widmann und Bernhard Bartsch herauszubekommen, was genau das ist: sozialistische Marktwirtschaft. "Die Zentralregierung", erklärt Li Pengyi, "will alle Verlage marktwirtschaftlich machen, bis auf vier: Peoples Press, der Verlag für Politik und Marxismus. Publishing House for Tibetan Studies, drittens, Verlag für ethnische Minderheiten, und der Verlag für die Blinden. Diese vier Verlage brauchen Unterstützung der Regierung. Alle anderen werden marktwirtschaftlich werden." Marktwirtschaftlich bedeutet idealerweise "ein Markt, der in der Hand des Staates ist".

Weiteres: Daniel Kothenschulte stellt schon mal die vielversprechendsten Filme beim Filmfestival in Venedig vor, das heute beginnt. In Times Mager versteht Ina Hartwig die Politik des Berliner Friedrich Verlags nicht, der gerade bei Literaturen zwei von vier Redakteuren entlassen hat. Besprochen wird Ang Lees Film "Taking Woodstock".

TAZ, 02.09.2009

Cristina Nord stimmt sich und uns auf Venedig ein. Besprochen werden Jochen Schimmangs Roman "Das Beste, was wir hatten" und Andreas Dresens neuer Film "Whisky mit Wodka" (mehr hier).

Tom.
Stichwörter: Andreas Dresen, Venedig, Wodka

Aus den Blogs, 02.09.2009

Das Blog Bewegliche Lettern hat einen klassischen Internet-Essay des immer wieder empfehlenswerten Kevin Kelly übersetzt: "Besser als Kostenlos" ("Better than Free"): "Das Internet ist eine Kopiermaschine. Auf seiner grundlegendsten Ebene kopiert es jede Handlung, die wir tun, jedes Zeichen und jeden Gedanken, den wir äußern, während wir darin unterwegs sind..."

In einem Blog der Böll-Stiftung weist Perlentaucher Thierry Chervel darauf hin, dass es so etwas wie eine Kulturflatrate schon gibt. Sie wird jeden Monat von der GEZ eingezogen. Man muss sie nur anders verteilen...

Netzpolitik hat zu Variationen von Wahlkampfplakaten der CDU aufgefordert. Hier einer der besten Entwürfe:

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Tagesspiegel, 02.09.2009

James Murdoch, Sohn von Rupert und wahrscheinlich dessen Nachfolger, hat zum Angriff auf die BBC geblasen. Neu war, dass ihm diesmal so viele Verleger zustimmten, berichtet Matthias Thibaut. "Nun beschrieb James Murdoch die durch jährlich 3,6 Milliarden Pfund aus 'zwangsabgeführten' Gebührengeldern übermächtig gewordene BBC als 'staatlich gesponsortes' Herz eines 'autoritären Rundfunksystems'. Sie 'ersticke' den Markt durch ihren Expansionismus, hindere Wettbewerber daran, eigene Projekte zu entwickeln und unterscheide nicht mehr zwischen dem, was gut für sie selbst und was gut für das Land sei. 'Es ist, als hätten wir beschlossen, Unabhängigkeit und Pluralität dahinwelken zu lassen. Wir erlauben der BBC, den Nachrichtenmarkt abzuwürgen und lassen sie dann, um dies zu kompensieren, immer größer werden'."

Der Guardian beschreibt, wie sich James Murdoch und Robert Preston von der BBC beim offziellen Dinner des MediaGuardian Edinburgh International TV Festivals angebrüllt haben: "If you think you can get fucking angry, I can get fucking angry."
Stichwörter: Guardian, Neu, Sohn, Unabhängigkeit

Berliner Zeitung, 02.09.2009

Harald Jähner blickt in der Berliner Zeitung auf 20 Jahre Haus der Kulturen der Welt in Berlin zurück. Wurde damals das Fremde als solches gefeiert und bekamen exotische Kulturen ihre Bühne, erscheint es heute so, dass das Konzept eher Fremdheit aufheben will anstatt sie zu feiern: "In der Entwicklung des Hauses der Kulturen der Welt wiederholt sich der Prozess jeder gelingenden Kommunikation: Sie vernichtet am laufenden Band Exotik, verwandelt Fremdes in Bekanntes, ersetzt Staunen durch Kennen. Was dabei nicht verstanden werden kann oder will, verbleibt in geistigen Weilern unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der globalen Kulturagenturen. Gelingende Kommunikation hinterlässt deshalb nicht nur glückliche Stimmung. Mit der ursprünglichen Fremdheit wird auch deren Faszinationskraft aufgehoben."

NZZ, 02.09.2009

Susanne Ostwald gibt einen Ausblick auf die heute beginnenden Filmfestspiele von Venedig und nimmt Festivaldirektor Marco Müller gegen Kritik in Schutz: "Die Mostra, die sich in den letzten Jahren in besonderem Maße um das Kino aus Fernost verdient gemacht hat, scheint in diesem Jahr eher einen Wettstreit zwischen Alter und Neuer Welt anzustreben: Je 4 der insgesamt 24 Wettbewerbsfilme kommen aus Italien und Frankreich, 6 stammen von amerikanischen Regisseuren, nur 3 aus Fernost. So kommt es, dass der künstlerische Direktor Marco Müller, ein studierter Sinologe, dem in den letzten Jahren häufig Asiaphilie vorgeworfen wurde, nun dafür getadelt wird, dass Italien mit insgesamt 16 Filmen in allen Festivalsektionen überrepräsentiert sei. Aber das Heruntermachen des Programms vor Festivalbeginn gehört schließlich zur Mostra wie nach dem Film der Venedig-Cocktail 'Spritz' an der Bar."

Weitere Artikel: Marta Kijowska meldet akutes Anschwellen der alljährlichen polnischen Pilgerströme. Thomas Schacher resümiert drei Konzerte des Lucerne Festival.

Besprochen werden Bücher, darunter Philipp Bloms ideenreiche Chronik "Der taumelnde Kontinent", Karl-Heinz Paques Bilanz der deutschen Einheit sowie ein "Sex-Buch" von Franziska und Nikola Richter (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 02.09.2009

Manuel Brug versichert den bayerischen Rechnungsprüfern (mehr hier), dass die Rundfunkorchester etwas für ihr Geld tun: "Tradition verpflichtet einerseits bei diesen Orchestern, anderseits ist die Schlamperei nicht weit. Seit man regelmäßig unter Beschuss steht, hat sich vieles zum Besseren gewandelt. Auch wenn heute die Existenzvoraussetzungen der Rundfunkorchester andere sind, entbehrlich sind sie deswegen noch lange nicht. Sie pflegen das Sperrige wie das Schöne, sie repräsentieren und laden ein zur Identifikation mit den von allen bezahlten Sendern."

Weitere Artikel: Peter Zander stimmt auf die heute eröffnenden Filmfestspiele von Venedig ein. Im Interview mit Peter Beddies spricht Nick Hornby über seinen neuen Roman "Juliet, Naked" und seine ganz normale Büro-Existenz. Peter Dittmar meldet, dass Banksys Heimatstadt Bristol künftig darüber abstimmen lassen will, welche Graffitis bleiben dürfen und welche beseitigt werden. Auf der Medienseite informiert Kai-Hinrich Renner über den neusten Informationsstand in der Sache der Doris Heinze, die offenbar auch unter etlichen eigenen Pseudonymen ihre Krimis und Schmonzetten beim NDR untergebracht hat.
Stichwörter: Geld, Nick Hornby, Krimis, NDR, Venedig

SZ, 02.09.2009

Dreißig Jahre nach Titos Tod besucht Slavenka Drakulic die Brijuni-Inseln, auf denen der Diktator seinen Sommersitz hatte. In seiner Villa wird im ersten Stock eine hagiografische Fotoausstellung gezeigt. Und "im Erdgeschoss des Museums gibt es eine weitere Ausstellung über Tito - noch skurriler. Sie widmet sich seinen Tieren. Eine Zeitlang war es üblich, dass Staatsgäste ihm als Geschenk wilde, exotische Tiere mitbrachten. Meist konnten sie sich nicht dem Klima anpassen und starben. Dann wurden sie ausgestopft und ausgestellt. Während man Tito im oberen Stockwerk noch mit einem Baby-Orang-Utan spielen sah, kann man unten den ausgestopften Körper des beklagenswerten Tieres betrachten."

Weitere Artikel: Lothar Müller verfolgte den Weltkongress für Industriekultur im sächsischen Freiberg, wo auch die Erhaltung ostdeutscher Industriedenkmäler gefordert wurde. Jens Bisky wirft einen Blick auf das Programm der temporären Kunsthalle in Berlin, die in ihr zweites Jahr geht. Simon Strauss kommentiert die vom Verlag nun bestätigten Kürzungen und Entlassungen bei der Zeitschrift Literaturen. Eine kleine Meldung ist der Einweihung eines Denkmals für Deserteure des Zweiten Weltkriegs in Köln gewidmet. Gemeldet wird auch, dass sich die Bundesregierung über ein New Yorker Anwaltsbüro im Streit zum Google Book Settlement positioniert. Nach Time (hier) berichtet auch David Steinitz über zwei amerikanische Fotoblogs, die sich mit Fettleibigkeit (peopleofwalmart.com, hier) und ihren Ursachen (thisiswhyyourefat.com, hier) befassen. Susan Vahabzadeh wirft einen Blick auf das Programm der heute beginnenden Mostra von Venedig. Dort stellt Oliver Stone auch seinen Dokumentarfilm über Hugo Chavez vor, der die positiven Seiten des Caudillo zeigen soll, wie Stone im Interview mit Rüdiger Sturm erläutert: "Er ist ein Demokrat, er behelligt die Medien nicht und lässt es zu, dass sie ihn Tag und Nacht kritisieren." Er scheint dies aber nicht laut gesagt zu haben, denn "im Gegensatz zu Venezuela haben die Menschen in Amerika keine Stimme".

Besprochen werden eine Ausstellung der Expressionistensammlung von Rosa Schapiro in Hamburg und Bücher, darunter Haruki Murakamis Erzählung "Schlaf" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 02.09.2009

Hoch erfreut über deren Lebendigkeit berichtet Julia Spinola von den Leipziger Mendelssohn-Festtagen. Stephan Sahm referiert, was bei einem Tübinger bioethischen Kongress diskutiert wurde und ist erstaunt zu erfahren, dass im Islam weitestgehende Einigkeit in bioethischen Fragen herrscht. "balk" kommentiert den schwer nachvollziehbaren Sachverhalt, dass Suhrkamp vor Gericht behauptet, keinen Umzugsbeschluss gefasst zu haben. In der Glosse geht es um das Experiment an einer Frankfurter Schule, die von nun an eine Stunde sechzig Minuten dauern lassen will. Andreas Rossmann besichtigt ein umgebautes Kinderkulturhaus in Köln. Mark Siemons meldet, dass Architekt Rem Kohlhaas in englischer sowie chinesischer Sprache versichert, sein Pekinger Fernsehturm stelle keine weiblichen Genitalien dar. Auf der DVD-Seite werden Akira Kurosawas erster Farbfilm "Dodes'kaden", Enzo Castellaris Ur-"Inglorious Bastards", das "Paradies der Damen" von Julien Duvivier und Satoshi Kons Anime "Perfect Blue" zur Ansicht empfohlen.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Goethes Landschaftszeichnungen im Weimarer Goethe-Nationalmuseum, Ang Lees Film "Taking Woodstock", und Bücher, darunter Ferdinand von Schirachs Geschichtenband "Verbrechen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).