Heute in den Feuilletons

Ein Kontakt mit Kermani

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2009. In der Financial Times fürchtet der Hachette-Verleger, dass Google und Amazon den Buchmarkt ruinieren. Der SZ graut vor dem Regionalpopulismus der Lega Nord. Der Tagesspiegel macht sich Sorgen um Literaturen, wo die Hälfte der Stellen gestrichen wird. Welt und Berliner Zeitung greifen Putins neue Position zum Hitler-Stalin-Pakt auf: Verwerflich, aber verständlich.

Tagesspiegel, 01.09.2009

Gerrit Bartels meldet Ungutes aus der Redaktion der Literaturen: Zwei von vier Redakteuren werden entlassen, das Erscheinen des Hefts auf einen Zweimonatsrhythmus umgestellt. "Besorgniserregend" findet Bartels diese Entwicklung: "Sie wirkt wie ein Abschied auf Raten. Es dürfte ein äußerst schwieriges Unterfangen sein, mit nur zwei Redakteuren ein anspruchsvolles und aktuelles Literaturmagazin zu produzieren. Und dabei, wie auch angekündigt, einen schönen neuen und großen Onlineauftritt hinzubekommen."

Aus den Blogs, 01.09.2009

Michael Arrington hat Google-Chef Eric Schmidt für Techcrunch interviewt und wird das Gespräch in mehreren Teilen veröffentlichen. Aber schon im ersten Teil verrät Schmidt die Strategie des Unternehmens: "Larry and Sergey and I had a strategy meeting five years ago... I said, OK, well, let's write down our strategy. We never really had a strategy. And so Sergey basically got up and said, our job is to do things that matter to the world at scale and it should just boom, boom, boom like that. And that became our strategy." Raffiniert!
Stichwörter: Eric Schmidt

Weitere Medien, 01.09.2009

Google Book Search und Amazons Preispolitik für E-Books werden den Markt kaputtmachen, fürchtet Hachette-Verleger Arnaud Nourry im Gespräch mit Ben Hall in der Financial Times: "'On the one hand, you have millions of books for free where there is no longer an author to pay and, on the other hand, there are very recent books, bestsellers at $9.99, which means that all the rest will have to be sold at between zero and $9.99,' Mr Nourry said."
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TAZ, 01.09.2009

Der HipHop-Produzent Hank Shocklee verteidigt im Interview das Sampling: "Wenn sich Gitarristen Riffs von den anderen Musikern borgen, dann verstehen alle ihren Kontext. Das genau ist Inspiration. Meine Generation wuchs vor den Fernsehapparaten auf. Wir sind mit dem Radio groß geworden und konnten uns alle möglichen Sender anhören, was dazu führte, dass wir uns bereits vielseitiger als noch unsere Eltern mit Musik auseinandersetzen konnten. Also ist unsere ganze Kontextualisierung grundverschieden. Somit sind die Elemente, auf die wir uns beziehen, Referenzen aus den Inhalten, die wir uns angehört haben. Das hat das Sampling damals losgetreten. Und dann kamen die Justiziare und sagten: Ihr könnt euch nicht an diesen Inhalten bedienen, die zuvor frei ausgestrahlt wurden! Ich denke, dass das zum Schaden der kreativen Klasse passiert ist. Die ganze Idee der Legalität müsste aber doch gerade die kreative Gemeinde schützen und ihr dienen."

Weitere Artikel: Mona Naggar erklärt, wie die Hisbollah den Wiederaufbau der im Krieg mit Israel zerstörten Stadtteile im Süden Beiruts lenkt. In seiner Kolumne "Gott und die Welt" schließt Micha Brumlik Dieter Bohlen und Friedrich Daniel Schleiermacher kurz. Kleine Verlage loben zur Frankfurter Buchmesse den alternativen "Preis der Hotlist" aus, berichtet Ariane Breyer. Andreas Fanizadeh kommentiert Anne Wills Wahlsendung am Sonntag.

Besprochen wird ein Band über den "Eisernen Sammler" Hermann Göring (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 01.09.2009

Jürg Huber stellt den "composer in residence" des Lucerne Festivals, Jörg Widmann, vor: "Die Lebensjahre lagern Hörerfahrungen an. Dieses tönt wie Mozart, jenes könnte Schubert sein, hier klingt Schumann mit: Musikalische Wendungen setzten sich im Bewusstsein fest, und jede Musik muss sich diesem Erfahrungsschatz stellen. Das weiss auch Jörg Widmann, wenn er von seinem Oktett sagt, es gehe ihm um den Tonfall dieser Musik; Schubert selbst, auf den er mit Gestus und Besetzung – Klarinette, Horn, Fagott, Streichquartett und Kontrabass – rekurriert, kommt nicht wörtlich zum Zug. Und gerade deshalb irrt das Bewusstsein durch diese Musik, kramt es im Zitatenschatz und wird doch nicht fündig, weil es eben nur Mimikry ist, ein Tun-als-ob. Und darob geht ihm auch das Ganze verloren. Eine seltsame Erfahrung zu Beginn des Porträtkonzerts beim Lucerne Festival mit dem Collegium Novum Zürich." Ist dies, fragt sich Huber fast etwas bang, "die Musik unserer Epoche?".

Weitere Artikel: Ueli Bernays war beim 35. Jazzfestival in Willisau dabei, als Leiter Nikolaus Troxler mit einem letzten lauten Konzert verabschiedet wurde. Nachfolger wird sein Neffe Arno Troxler. Marianne Zelger-Vogt erlebte reines Glück bei ihrem Besuch der jährlichen Schubertiade in Schwarzenberg.

Besprochen werden Bücher, darunter Kazuo Ishiguros Erzählband "Bei Anbruch der Nacht", Muammar al-Ghadhafis Prosasammlung "Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten" sowie Jan Arnalds Biografie "Maria und Artur" und Nicholas Boyles 250-Seiten-Werk "Kleine deutsche Literaturgeschichte" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 01.09.2009

Siebzig Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs rekapituliert Gerhard Gnauck, wie sich Russland in der jüngsten Zeit zum Hitler-Stalin-Pakt verhalten hat. Nachdem der Auslandsgeheimdienst SWR angekündigt hatte, Dokumente zu veröffentlichen, die eine Art geheimen Angriffspakt zwischen Nazi-Deutschland und Polen beweisen sollte, gab sich Wladimir Putin in einem "Brief an die Polen" in der Gazeta Wyborcza staatsmännisch: "Auch zum Hitler-Stalin-Pakt äußert sich der Gast, auch hier wiederum wattiert mit der Kritik an anderen Mächten: 'Ohne jeden Zweifel kann man den Molotow-Ribbentrop-Pakt (so die in Russland gängige Bezeichnung, d. Red.) vom August 1939 mit voller Berechtigung verurteilen. Doch hatten Frankreich und England schon ein Jahr zuvor in München das berühmte Abkommen mit Hitler unterschrieben, das alle Hoffnungen auf eine gemeinsame Front des Kampfes gegen den Faschismus zunichte machte.' Am Ende präsentiert Putin die heutige deutsch-russische Verständigung und Zusammenarbeit den Polen als leuchtendes 'Beispiel für wechselseitiges Entgegenkommen'."

Außerdem weist Sven Kellerhoff auf den Verkaufserfolg revisionistischer Bücher zum Thema hin. Hanns-Georg Rodek erinnert an Gustav Ucickys üblen Propagandafilm "Heimkehr", der den deutschen Überfall rechtfertigen sollte.

Weitere Artikel: In der Randspalte beschäftigt sich Michael Pilz mit dem Krach zwischen den Oasis-Brüdern, Noel und Liam Gallagher. Michael Loest unterhält sich mit den Toningenieuren Allan Rouse und Steve Rooke über die hundertste Wiederaufbereitung der Beatles-Alben, diesmal im Auftrag von Apple. Matthias Heine widmet eine halbe Seite der Eröffnung von Didi Hallervordens Theater im guten alten West-Berlin. Alexander Kluy besucht die Sommer-Ausstellung über den Schnee in der Kunst im Vorarlberger Landesmuseum in Bregenz.

FR, 01.09.2009

Der britische Dramatiker David Hare besuchte Mauer und Zaun im Westjordanland und schrieb darüber einen Monolog, der - kurz, aber immerhin - auch auf den Grund für ihren Bau eingeht. "Am 1. Juni 2001, neun Monate nach Beginn der zweiten Intifada, überschritt ein palästinensischer Selbstmordattentäter die Grenze vom Westjordanland nach Israel und zündete in einer Diskothek am Strand von Tel Aviv seinen Bombengürtel. 21 Zivilisten, die meisten davon Schüler, kamen ums Leben. Weitere 132 Menschen wurden verletzt. Das Massaker rief eine Bewegung ins Leben, die sich für den Bau einer Absperranlage einsetzte."

Weiteres: Der Historiker Jost Dülffer rekapituliert die Geschichte, die zum Kriegsausbruch heute vor 70 Jahren führte. Eine Meldung informiert uns: "Nach der Einigung der potenziellen Preisträger des Hessischen Kulturpreises hat Ministerpräsident Roland Koch (CDU) einen 'Kontakt' mit dem muslimischen Schriftsteller Navid Kermani gehabt." Pitt Berenburg erklärt in Times Mager, dass nur noch ein Kabarettist für die Laudatio in Frage kommt.

Auf der Medienseite berichtet Willi Germund über den 48-jährigen Journalisten Jayeprakash Tissainayagam, der in Sri Lanka wegen eines angeblichen Verstoßes gegen ein Anti-Terrorgesetz zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.

Besprochen werden eine CD von Miss Platnum, Aufführungen von Kaija Saariahos Klanginstallation "Lonh" - Aus der Ferne" für Sopran und Live-Elektronik und Jörg Widmanns "Fieberphantasie" für Klavier, Streichquartett und Klarinette beim Lucerne Festival und der Band "Soll und Haben" mit Fernsehgesprächen von Alexander Kluge und Joseph Vogl (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 01.09.2009

Henning Klüver zeichnet ein düsteres Bild vom immer weiter um sich greifenden Regionalpopulismus der Lega Nord in Italien: "Vieles scheint politisches Kabarett zu sein, etwa die Forderung nach Stärkung der Dialekte im öffentlichen Sprachgebrauch. Lehrern aus anderen italienischen Regionen, die im Norden Anstellung finden wollen, soll eine Sprachprüfung im jeweiligen lokalen Idiom abverlangt werden. Auch stellt man die Geschichte auf den Kopf, wenn ausgerechnet das 'Va pensiero' von Giuseppe Verdi zur 'Nationalhymne Padaniens' erklärt wird. Schließlich war Verdi ein glühender Verfechter des Einheitsstaates."

Weitere Artikel: Gustav Seibt empfiehlt, mit Einschränkungen, die große Gotik-Aussstellung in Magdeburg ("Eigentlich stecken in der Schau mehrere Ausstellungen, eine ärchaologisch-baugeschichtliche, eine politisch-sozialgeschichtliche und in der Mitte, fast entrückt, der Überbau von Skulpturen und illuminierten Handschriften"). Sonja Zekri schildert den Kampf der Russen gegen Korruption im Bildungssystem ("Selbst die Jüngsten wissen, dass Pralinen für die Lehrerin zum Unterrichtsbedarf gehören"). Helmut Mauro würdigt die drei russischen Pianisten Igor Kamenz, Evgeni Kissin und Nikolai Tokarev, die zur Zeit durch Europa touren. Laura Weißmüller besucht eine Gruppe aus Künstlern und Architekten, die dafür sorgten, dass das Rotaprint-Gelände im Berliner Wedding den Händen gieriger Investoren entrissen und als alternative Idylle erhalten wurde. Der Internist Bernhard Wörmann erklärt, "warum die Diskussion um die Patientenverfügung trotz des Inkrafttretens eines Gesetzes nicht beendet ist". Und Tobias Lehmkuhl besucht den Walliser Ort Leuk, wo gerade noch Deutsch gesprochen wird, die Rhone Rotten heißt und Sibylle Lewitscharoff aufgrund eines Literaturpreises residiert.

Besprochen werden der Teenagerfilm "LOL" mit Sophie Marceau, Ereignisse des 29. Erlanger Poetenfests und Bücher, darunter Brigitte Kronauers neuer Roman "Zwei schwarze Jäger" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Auf der Medienseite recherchiert Hans Leyendecker weiter am Fall der NDR-Fernsehspielredakteurin Doris Heinze, die offensichtlich nicht nur ihren Mann unter Pseudonym mit Aufträgen betraute, sondern möglicherweise selbst unter Pseudonym Drehbücher schrieb, womit aber noch längst nicht das Geheimnis hinter weiteren Pseudonymen gelüftet ist.

FAZ, 01.09.2009

Der Schriftsteller Durs Grünbein denkt in Rom über den einst im Teutoburger Wald geschlagenen Varus nach. Über eine "Stalin-Renaissance" in der Moskauer Metro - eine alte Jubelinschrift wurde (noch dazu falsch) restauriert - informiert Kerstin Holm. Lorenz Jäger findet, dass es zur Beschreibung der Wendung, die sich mit der Verhaftung Verena Beckers im Fall Buback andeutet, eines Dostojewskij bedürfte. Ebenfalls Jäger meldet, dass eine unwahrscheinliche Koalition, zu der neben Jürgen Habermas auch Noam Chomsky und Mario Vargas Llosa gehören, eine "internationale Wahrheitskommission" zur Untersuchung der Wahl im Iran fordern. In der Zeitschrift Osteuropa (mehr hier) liest Joseph Croitoru neue Einschätzungen zum Hitler-Stalin-Pakt. Anja Hirsch berichtet vom Erlanger Poetenfest. Nichts hat bisher beim Festival von Edinburgh Gina Thomas wirklich überzeugen können. In der Glosse schildert Andreas Rossmann die "Sensation" bei der Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen: In Monheim wurde ein Vertreter der als Jugendpartei angetretenen Peto (Website) zum Bürgermeister gewählt.

Besprochen werden die Ausstellung "Mannahatta/Manhattan" im Museum of the City of New York, die Ausstellung "Madeleine Vionnet - Puriste de la mode" im Museum Les arts decoratifs in Paris, das neue Album "'Em Are I" von Jeffrey Lewis & The Junkyards, und Svealena Kutschkes Debütroman "Etwas Kleines gut versiegeln" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).