Heute in den Feuilletons

Der durchs Bein getriebene Schleifstein

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.09.2009. In Cargo schreibt  Elfriede Jelinek über das  Unheimliche schlechthin in Lars von Triers neuem Film. Und Daniel Kehlmann fragt in der Zeit aus Anlass des gleichen Films: Was ist, wenn böse Frauen existieren? Nicht ohne Mufti: Die Welt greift den Eklat um die Berliner Ausstellung über die "Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" auf.  Cicero fordert eine deutsche Fortschrittspartei. Die NZZ besucht Michael Jackson auf dem Friedhof.

Welt, 03.09.2009

Zu einem interessanten Streit kam es in Berlin über die Ausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg". Sie soll den Beitrag der Kolonialvölker zur Befreiung von den Nazis würdigen. Geplant war sie ursprünglich von der Berliner Werkstatt der Kulturen, deren Leiterin Philippa Ebene sie dann ablehnte, weil die Ausstellungsmacher auch auf die Kumpelei des Muftis von Jerusalem mit den Nazis hinwiesen. Alan Posener berichtet von einer Diskussion zur Ausstellung, bei der es zum Eklat kam, als der Historiker Götz Aly den Saal verließ. Zum Platzen brachte ihn auch ein Beitrag der Anglistin Susan Arndt, die Ebene mit dem Argument verteidigte, dass "der Hinweis auf die Zusammenarbeit des Muftis mit Hitler nur dem Ziel der Selbstentlastung der Deutschen (diene). Es gehe also bei der Ablehnung der Ausstellung durch Ebene 'nicht um Zensur, sondern um Widerstand durch eine woman of colour'. Großer Jubel im kleinen Saal der Stiftung in der Linienstraße."

Weitere Artikel: Peter Zander berichtet von der Eröffnung des Filmfestivals von Venedig und über den Eröffnungsfilm, Giuseppe Tornatores Geschichtsepos "Baaria". Uwe Wittstock resümiert neue Streitigkeiten zwischen den Suhrkamp-Gesellschaftern über den geplanten Umzug nach Berlin. Matthias Heine verfolgt zu Saisonbeginn das Intendantenkarussell an verschiedenen deutschen Bühnen. Hanns-Georg Rodek befasst sich mit neuen und komplizierten Abstimmungsverfahren bei der Oscar-Vergabe. Sven Felix Kellerhoff gratuliert dem DDR-Forscher Wilhelm Fricke zum Achtzigsten. Und Thomas Hahn schreibt über die in Frankreich seit Jahren währende Annäherung zwischen HipHoppern und klassischem Ballett.

Besprochen werden Filme, unter anderem die Komödie "Julie & Julia" (mehr hier) mit Meryl Streep als Fernsehköchin und Harun Farockis neues Werk "Zum Vergleich" (mehr hier).

TAZ, 03.09.2009

Zum Kinostart seines Films "Taking Woodstock" spricht Regisseur Ang Lee im Interview mit Dominik Kamalzadeh über den großen Aufbruch: "Amerika ist immer eine utopische Idee, nicht nur für Amerikaner, sondern für die ganze Welt. Woodstock ist dafür ein Beispiel, da erwacht ein Verlangen - man kann es im Hintergrund förmlich hören. Natürlich habe ich diese Naivität im Blick, die Woodstock ausmacht; ich glaube aber auch, dass hier ein Zeitalter beginnt, in dem wir noch immer leben. Nachhaltige Themen wurden aufgebracht, die wir ernst nehmen müssen: Weltfrieden, Umweltproblematik, Gleichberechtigung, Menschenrechte. So hat's begonnen."

Weiteres: In Venedig erlebte Cristina Nord mit "modernisierter Infrastruktur und Giuseppe Tornatores Eröffnungsfilm "Baaria" einen eher rumpeligen Start der Filmfestspiele. Christine Niggemann feiert das 30-jährige Bestehen der Dortmunder Multikulti-Buchhandlung Taranta Babu. Besprochen werden Harun Farockis Dokumentation über die Produktion von Ziegelsteinen "Zum Vergleich", Nora Ephrons Kochfilm "Julie & Julia" und "Electra Glide in Blue" von James William Guercio auf DVD.

Auf der Medienseite berichtet Timofey Neshitov vom Fall der Petersburger Journalistikprofessorin Marina Schischkina, die verklagt wurde, weil sie ihrem Rektor vorwarf, einen Putin-mäßigen Leitungsstil zu pflegen.

Und der Tom.

Aus den Blogs, 03.09.2009

Genial! Der Burda-Verlag hat eine Nachrichtensite gegründet, die sich ausschließlich aus Schlagzeilen anderer bedient, meldet Thomas Knüwer in Indiskretion Ehrensache: "Finanzen100 sammelt Schlagzeilen und Artikelauszüge quer durch das Internet, auch Handelsblatt.com ist dabei - gefragt wurde die Online-Redaktion aber nicht. Und daneben: Anzeigen. Finanzen100 platziert Anzeigen neben das Werk anderer Autoren - im Gegensatz zu Google News." Aber war da nicht mal was? Hatte Hubert Burda nicht mal über Enteignung im Internet fabuliert? Knüwer stutzt.
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NZZ, 03.09.2009

Andrea Köhler fühlte sich bei ihrem Gang durch den Forest Lawn Memorial, wo heute Michael Jackson beigesetzt wird, nicht wie auf einem Friedhof, sondern wie zu Besuch in einem "Totenreich mit Tortenguss": "Hier wird nicht erschauert, sich gegrämt und getrauert, für Feierlichkeiten mit Trauerrand ist auf den Totenackern des Forest Lawn kein Platz."

Weiteres: Bettina Spoerri hat sich das Archiv der neu eröffneten Kinemathek Le Bon Film in Basel angesehen. Besprochen werden auf der Kinoseite zwei Filme, Ang Lees Erinnerung "Taking Woodstock" und Florian Gallenbergers Filmerzählung "John Rabe" sowie Bücher, darunter Edward Kennedys Memoiren "True Compass" und eine Monografie zu Giovanni Bellini (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 03.09.2009

Andrea Nüsse findet es richtig, dass der Berliner Innensenator Ehrhart Körting gerichtlich scheiterte, weil er einem Elternpaar untersagen wollte, ihren Sohn Djehad zu nennen, denn "der in der arabischen Welt weit verbreitete, traditionelle Vorname bedeutet eben nicht automatisch 'Heiliger Krieg'. Vielmehr ist das Wort abgeleitet von den Wurzeln 'J-H-D' und damit bedeutet Djehad auch: Derjenige, der 'sich bemüht und anstrengt', die eigenen menschlichen Schwächen und sündhaften Versuchungen zu überwinden, um ein guter Muslim zu sein und um sich in seiner Gesellschaft gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit einzusetzen."
Stichwörter: Sohn

FR, 03.09.2009

Sylvia Staude spricht mit der Choreografin Helena Waldmann über ihre lebensgefährliche Theaterarbeit in Afghanistan und ihr Stück "BurkaBondage", das sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen in Afghanistan und Japan beschäftigt und demnächst in Berlin gezeigt wird: "Viele Frauen versichern: Unter der Burka empfinden sie Freiheit. Nun kann man fragen: Was muss am Außen alles nicht stimmen, damit man eine Burka als Freiheit empfindet? In Japan ist es dasselbe, es gibt unglaublich viele Leute, die sich zurückziehen. Sei es endgültig durch Selbstmord, Japan hat eine immens hohe Selbstmordrate. Oder sei es als 'Hikokomori', das sind Menschen, die sich 15, 20, 30 Jahre lang komplett abschließen von der Welt. Wie in einer Wände-Burka."

Seine Mutter ist gestorben, erzählt Arno Widmann in Times Mager. "Ich fotografierte den Leichnam meiner Mutter. Ich fotografierte, um sie, um ihn nicht ansehen zu müssen. Um ihn ganz genau ansehen zu können."

Weiteres: Der Sozialwissenschaftler Andreas Herberg-Rothe warnt davor, die Demokratisierung Afghanistans und anderer Staaten auf das "Abhalten von Wahlen" zu reduzieren: Zu einer demokratischen Gesellschaft gehörten auch "Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, persönliche Freiheit, institutionalisierte sowie eine Kultur gewaltfreier Konfliktregulierung und dass das Gewaltmonopol beim (Rechts-) Staat liegt und nicht bei paramilitärischen Gruppen". Claus Jürgen Göpfert sieht im Rechtsstreit um Suhrkamps Umzug den "Konflikt-Knoten eher noch fester" gezogen.

Besprochen werden die Aufführung von Georg Friedrich Haas' Werk "Traum in des Sommers Nacht" in Leipzig, Nora Ephrons Komödie über die beiden Köchinnen "Julie und Julia" ("Nicht nur, dass diese Männer das alles essen müssen. Welche Launen müssen sie dabei ertragen!", staunt Daniel Kothenschulte), Andreas Dresens Komödie "Whiskey und Wodka" und Esther Kinskys Roman "Sommerfrische" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 03.09.2009

Deutschland fehlt eine Fortschrittspartei konstatiert Michael Miersch in Cicero nach Lektüre eines Newsweek-Artikels, der die Technikfeindlichkeit der Deutschen beklagt: "Fortschritt war gestern. Eine mächtige Koalition aus Öko-Aktivisten, Pfarrern, Politikern und Journalisten hat es geschafft, dass die Deutschen neue Technologien nicht mehr als Chance, sondern nur noch als Risiko betrachten. Diesen Geist, der mittlerweile alle Parteien beherrscht, beschreibt der holländische Historiker Wybren Verstegen als 'grünes Denken'. Es ist gekennzeichnet durch niedrige Erwartungen, stetige Betonung der Grenzen, Verklärung der Vergangenheit, Idealisierung der Natur und ein abgrundtiefes Misstrauen gegen die Wirkungsweisen des Marktes."


Zeit, 03.09.2009

Am Anfang von Lars von Triers Film "Antichrist" steht Daniel Kehlmann ganz auf der Seite der um ihr totes Kind trauernden Ehefrau gegen den arroganten Ehemann. Am Ende hat er die Seiten gewechselt, bis er der "finalen Verbrennung" der Frau "förmlich entgegenfiebert". Wie das? "Immer wieder hat Lars von Trier die traditionellen Motive der Aufklärung auf den Kopf gestellt (...) Einen solchen Umschlag gibt es auch in von Triers neuem Film 'Antichrist'. Was, wenn die Hexenverbrennungen berechtigt waren? Wenn es den Teufel gibt und wenn böse Frauen existieren, die mit ihm im Bunde stehen? Denn in der Waldeinsamkeit stellt sich heraus, dass genau dies der Fall ist."

((Warum sie am Ende besiegt wird, erklärt Elfriede Jelinek auf vier Seiten im neuen Cargo-Heft: "Die Frau, als der Natur näheres Wesen, das deshalb auch blutig bekämpft wurde als das Unheimliche schlechthin und immer noch bekämpft wird, ist der Willkür nicht mächtig, die zur Macht gehört (ihre Gewalt gegen den Mann, der durchs Bein getriebene Schleifstein, der die Werkzeuge alle schleifen soll, den Mühlstein, den Menschen füreinander sind, und zwar am Hals, sie haben einander gegenseitig am Hals, ist paradoxerweise eine 'zivilisierte' Gewalt, weil sie Abstraktion und Interpretation im freudianischen Sinn zulässt, während das Erwürgen der Frau durch den Mann kreatürliche Gewalt ist, eben Notwehr (macht kaputt, was euch kaputtmacht, bzw. wird man nur so einen Mühlstein am Hals wieder los) also, könnte man sagen: der Natur näher, einfacher, direkter, denn der Mann hat es nicht einmal nötig, in seiner Gewaltausübung zu sublimieren. Die Gewalt ist er, er ist die Gewalt."))

Weitere Artikel: Peter Kümmel trifft sich mit einigen der acht diese Saison die Theater wechselnden Intendanten und seufzt: "Der Betrieb rast, aber es gibt Arten der Raserei, die dem Stillstand ähneln." Stephan Lebert hat Klaus Staeck getroffen, begreift aber trotzdem nicht, wie einer sich "engagieren" kann. Otto Kallscheuer lässt Hinz und Kunz übers Linkssein streiten. Es gibt einen Auszug aus Martin Seels Buch "Theorien", das nächsten Mittwoch erscheint. Und Katja Nicodemus besucht die Filmemacherin Agnes Varda in ihrer Pariser Wohnung in der Rue Daguerre.

Besprochen werden die Ausstellung "Kunst ist super!" im Hamburger Bahnhof in Berlin (Hanno Rauterberg singt dem Museumsdirektor Udo Kittelmann ein Loblied), Andreas Dresens Film "Whisky mit Wodka", der Fernsehfilm "24h Berlin" (den Ursula März "sagenhaft unterhaltsam" fand), Ang Lees Film "Taking Woodstock" und Bücher, darunter Tim Parks Roman "Träume von Flüssen und Meeren" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 03.09.2009

Kaum mehr als "gestenreiches Bauerntheater" ist für Michael Althen der Venedig-Eröffnungsfilm "Baaria" von Giuseppe Tornatore. Joseph Hanimann liest Romane von vier französischen Schriftstellerinnen, die auf die eine oder andere Weise Deutschland zum Thema haben - und er resümiert erfreut, dass zwar immer Hitler auftauche, "doch ohne jedes klischeehaft hingepfuschte Schuld- oder Zerknirschungspathos". Andreas Rossmann beschreibt das erste deutsche Denkmal für Deserteure, das nun in Köln errichtet wurde. Patrick Bahners liefert die juristischen Einzelheiten - inklusive Bedenken - zum Thema "Kriegsverräter". Auf den aktuellen Stand in der Frage nach dem Weiterleben traditionsreicher Berliner Boulevardtheater bringt uns Dietrich Worbs. Martin Otto hat, mit Seitenblick auf Thüringen, einen Präzedenzfall gefunden, in dem einmal eine Partei als der kleinere Partner den Ministerpräsidenten stellte (Baden-Württemberg, 1952). In der Glosse schildert Jürg Altwegg die neue Aufmerksamkeit für das Wirken des etwas in Vergessenheit geratenen Schriftstellers Paul Claudel als Diplomat. Elisabeth Dietz informiert über die Entdeckung einer unbekannten Detektivgeschichte von B. Traven. Verena Lueken schreibt zum Mord am Filmkritikerpaar Alex Tioseco und Nika Bohinc.

Besprochen werden ein Auftritt des Cellisten Yo-Yo Ma zu einer Choreografie von Mark Morris in New York, Andreas Dresens neuer Film "Whisky mit Wodka" und Bücher, darunter eine neue Sammlung von Harry Rowohlts "weggeschmissenen" Briefen "Gottes Segen und Rot Front" und diverse Pamphlete gegen die Verdummung in Fernsehen und Internet (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

SZ, 03.09.2009

Wenig beglückt zeigt sich Tobias Kniebe von Giuseppe Tornatores Venedig-Eröffnungsfilm "Baaria". Den Schrift-Wechsel bei Ikea von Futura zu Verdana kommentiert Gerhard Matzig. "holi" ist am Werbe-"Triumphbogen" der CDU am Charlottenburger Tor vorbeigekommen. Stephan Speicher erklärt, warum es "Volksparteien" in der heutigen Gesellschaft eigentlich nicht mehr geben kann. Reinhard J. Brembeck porträtiert den Orgelbauer Philipp Klais. Christine Dössel gibt einen Überblick über die Intendantenwechsel der kommenden Theatersaison. David Steinitz sichtet Parodien des "Untergang"-Films im Netz. Auf der Medienseite sieht der Kommunikationswissenschaftler Horst Röper durch Pläne wie die des Dumont-Verlags, der Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau teilweise zusammenlegen will, die Vielfalt der Medien bedroht.

Besprochen werden die Ausstellung "The Discovery of Spain" in der National Gallery of Scotland in Edinburgh, die neu anlaufenden Filme "Taking Woodstock" von Ang Lee, "Julie & Julia" von Nora Ephron und "Final Destination 4" von David R. Ellis und Bücher, darunter John Grays philosophische Streitschrift "Politik der Apokalypse" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).