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Heute in den Feuilletons

Deine Hölle bleibt Allegorie

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.08.2009. In der FR sagt Günter Grass seinem Interviewer Andre Müller ein schlimmes Ende voraus. Die Welt liest ein Buch, das sowjetische, litauische und deutsche Antisemiten lieber endgültig zugeklappt hätten. Wer kann sich im Westen mit Peter Hacks, Heiner Müller oder Alfred Matusche messen? Niemand, ruft der Autor und Verleger Andre Thiele in der taz. Die FAZ besucht ehemalige Mitglieder der "SS Galizien" in Lemberg.

FR, 01.08.2009

Andre Müller, der große Virtuose des Interviews, scheitert an einem Mann, dem auch bei tückischsten Nachfragen kein origineller Gedanke entfleucht: Günter Grass. Aus Müllers Vorspann: "Ein Interview mit Deutschlands berühmtestem Schriftsteller ist ein Kampf gegen die Redeflut, mit der dieser erstaunlich vitale Mann, der am 16. Oktober zweiundachtzig wird, den Interviewer schier überschwemmt. Denn was er sagt, kennt man schon alles." Einen aber gibt es, der den resignierenden Interviewer wieder aufrichtet. Günter Grass: "Sie machen mir einen verzweifelten Eindruck. Aber es ist doch schön, dass Sie geboren sind. Ich finde unser Gespräch sehr amüsant. Ich rede gerne mit Ihnen. Halten Sie noch ein bisschen durch!" Und mahnender: "Ich weise Sie nur in aller Freundschaft darauf hin, dass es mit Ihnen, wenn Sie so weitermachen, nicht gut enden wird." (Das selbe Gespräch findet sich auch in der Berliner Zeitung.)

Weitere Artikel: Peter Iden erinnert sich nicht ohne Eitelkeit an eine großmütige Geste Peter Zadeks ihm gegenüber. Stefan Schickhaus berichtet vom Rheingau Musik Festival. In einer "Times Mager" schreibt Christian Thomas übers Derby zwischen den Kickes aus Offenbach und der Eintracht aus Frankfurt. In ihrer US-Kolumne erläutert Marcia Pally, warum Barack Obama nach Ansicht seiner Gegner kein Amerikaner ist, dafür aber Sozialist.

Besprochen wird eine von Claus Guth inszenierte und von Adam Fischer dirigierte Inszenierung von Mozarts "Cosi Fan Tutte" in Salzburg.

Welt, 01.08.2009

Sehr eindringlich empfiehlt Herbert Wiesner Abraham Sutzkevers "Wilner Diptychon", ein von Hubert Witt übersetztes Monument jiddischer Literatur, das vom Holocaust in Wilna, beziehungsweise Vilnius, in Litauen berichtet: "Wer in Abraham Sutzkevers 'Gesängen vom Meer des Todes' und in seinem Bericht über das 'Wilner Getto 1941-1944' zu lesen beginnt, dem öffnet sich ein zweiflügliges Höllengemälde aus Gedichten und Prosa, das sowjetische wie auch litauische und selbstverständlich deutsche Antisemiten lieber endgültig zugeklappt hätten. Selbst Sutzkever schreibt in der Sorge, die Trauer zu entehren, weil Worte auch verraten können. Dennoch will sich Abraham Sutzkever mit Dante messen, fragt ihn, ob er 'ein Weilchen die Höllen vertauschen' mag. 'Ich spaziere in deiner, und du in den wirklichen Feuern ... du bleibst Alighieri, und deine Hölle bleibt Allegorie.'"

Weitere Artikel in der Literarsichen Welt: Hans-Christoph Buch berichtet von einer Reise in die Seit Marco Polo sagenumwobene Stadt Hangzhou. Aus Uwe Wittstocks Überblick zur deutschen Gegenwartsliteratur "Nach der Moderne" wird ein Kapitel abgedruckt. Im verbliebenen Feuilleton erinnert sich Ilja Richter an seine turbulente Zusammenarbeit mit Peter Zadek. Besprochen wird Claus Guths "Cosi fan tutte"-Inszenierung in Salzburg.

Auf der Magazinseite erinnert sich der 96-jährige Journalist Ernst Cramer an seine Emigration nach Amerika im Jahr 1939. Auf der Forumsseite erinnert Paul Badde an das einstige Jugendbewegungsparadies Monte Verita im Tessin. Und Eckhard Fuhr kam bei einem fränkischen Bier der Gedanke, dass "Bauern und Künstler überhaupt die letzten Heiligen" seien.

TAZ, 01.08.2009

Der Autor und Verleger Andre Thiele weiß, dass die DDR nur aus einem Grund nicht völlig der Vergessenheit anheimfallen wird. Sie hatte die größeren Dichter als der Westen: "Wir sprechen hier von Kunst im engeren Sinne, im Sinne von Dauer. So viel Ewigkeitsahnung trägt doch jeder in sich, dass er weiß, dass mit solcher Kunst nicht Christa Wolf und ganz sicher nicht Günter Grass gemeint ist. Wir sprechen aber zum Beispiel von Peter Hacks, von Heiner Müller, von dem erst noch zu entdeckenden Alfred Matusche, vom eben gestorbenen Jochen Berg. Die BRD hatte auch wen - oje, ich überlege gerade, wen ich nun nennen soll. Na ja, irgendwen wird sie gehabt haben, aber keinen jener Art und Güte."

Weitere Artikel: Zu einem Pro und Contra Regietheater werden die Ansichten von Joachim Lottmann und Katrin Bettina Müller zusammengespannt. Anke Leweke porträtiert die Schauspielerin Marie Bäumer, die gerade in Sebastian Schippers Film "Mitte Ende August" zu sehen ist. In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne erklärt Tania Martini, warum Bernard-Henry Levy noch in den Fünfziger Jahren steckt. Außerdem gibt's in der sonntaz ein Gespräch mit einem ziemlich postpolitisch bis buddhistisch rüberkommenden Björn Engholm.

Besprochen werden die Pierre-et-Gilles-Ausstellung in Berlin, die Nachhaltigkeits-Ausstellung "Level Green" in der Autostadt Wolfsburg und Bücher, darunter Patrick Findeis' Debütroman "Kein schöner Land" und Perry Andersons Essay "Nach Atatürk" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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NZZ, 01.08.2009

Keine Zeitung heute. Die Schweiz feiert den 718. Jahrestag des Rütli-Schwurs. Die Beilage Literatur und Kunst gab es deshalb schon gestern. Da wir sie übersehen haben, sei sie heute nachgetragen:

Beatrice von Matt beschreibt die Entdeckung der Alpen als literarischer Topos im 18. und 19. Jahrhunderts: "Arthur Rimbaud erlebt im November 1878 den verschneiten Gotthard im Nebel. In einem Brief, einem unvergleichlichen Stück Alpenprosa, schildert er, wie da kein Schatten mehr sei, obwohl man sich mitten unter ungeheuren Dingen befinde: '... keine Straße mehr, kein Abgrund, keine Schlucht, auch kein Himmel; nichts als Weiß kann man wähnen, fühlen, sehen oder nicht sehen, denn unmöglich kann man die Augen von der weißen Eintönigkeit heben.' Hundert Jahre früher notiert Goethe in Realp, nach der Bezwingung der Furka im hüfthohen Schnee, einen entgeisterten Bericht über 'die ödeste Gegend der Welt', eine 'ungeheure einförmige schneebedeckte Gebirgswüste'. Er sei überzeugt, dass einer, über den seine Einbildungskraft nur einigermaßen Herr würde, hier vor Angst und Furcht vergehen müsste."

Besprochen werden Bücher, darunter Eugene Sues neu auf Deutsch aufgelegter Roman "Die Geheimnisse von Paris" und die bisher nur auf Englisch erschienenen Briefe Samuel Becketts aus den Jahren 1929 bis 1940.

FAZ, 01.08.2009

In München wartet der Ukrainer Iwan Demjanjuk, der laut Anklage als Wachmann in Sobibor an der Ermordung von mindestens 27.900 Juden teilgenommen haben soll, auf seinen Prozess. Um die Vorgeschichte zu erkunden, besuchte Konrad Schuller in Lemberg ehemalige ukrainische Mitglieder der SS, die ihm erzählen, dass es der Terror des sowjetischen NKWD war, der sie zur SS getrieben hatte. Und die Hoffnung, auf diese Weise den Weg für eine unabhängige Ukraine zu ebnen. "Widerstand und SS werden in dieser Erzählung zu zwei Seiten derselben Medaille. Dass man damals 'zu den Deutschen' ging, entsprang nach dieser Darstellung der Hoffnung, man würde die Division im erhofften allgemeinen Zusammenbruch - vielleicht würde ja nicht nur Deutschland kollabieren, sondern auch die Sowjetunion - samt Waffen und Ausrüstung für die Ukraine 'übernehmen' können. Diese Interpretation, nach der 'SS Galizien' im Kern keine 'deutsche' Einheit war, sondern 'die erste Division der Ukrainischen Nationalarmee', ist mittlerweile in der Westukraine beinahe kanonisch."

Weitere Artikel: Jordan Mejias begutachtet herrschaftliche Anwesen in Connecticut, die gerade für einen Spottpreis (75 Millionen Dollar statt 125 Millionen Dollar) angeboten werden. Niklas Maak ist unzufrieden mit der temporären Kunsthalle auf dem Berliner Schlossplatz: Statt daraus ein Ereignis zu machen, "wurde nach dem kulturpolitischen Motto 'Hauptsache es ist Kunst drin, es kostet nichts, und man kann mitsingen' verfahren". Alard von Kittlitz berichtet über einen Aufstand der Winzer gegen den Gault-Millau, dessen Rezensenten oft selbst Winzer und damit nicht unabhängig sind. Jürgen Dollase kaut an einer "viel zu herben Teighülle" im Pariser Restaurant von Guy Martin. Oliver Tolmain berichtet über die an multipler Sklerose erkrankte Britin Debbie Purdy, die im Oberhaus einen Sieg erstritten hat: Der Chefankläger muss jetzt die Kriterien offen legen, nach denen er entscheidet, wann er Beihilfe zum Suizid verfolgt. Jürg Altwegg berichtet über den französischen Streit um die Burka. Aro. schreibt zum Tod des Objektkünstlers Hans Salentin. Abgedruckt sind zwei Gedichte von Jan Wagner: "vom lake michigan" und "ohio".

Auf der Medienseite berichtet Josef Oehrlein über ein neues Gesetz, mit dem Hugo Chavez die freie Presse in Venezuela knebeln will.

Besprochen werden die Ausstellung "Graffiti" in der Pariser Fondation Cartier, Claus Guths Inszenierung von Mozarts "Cosi fan tutte" in Salzburg und Bücher, darunter Sybille Bedfords Roman "Rückkehr nach Sanary" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phono-Seite geht's um Vivaldi-Arien mit Magdalena Kozena (deren "Traumstimme" Eleonore Büning rühmt), Klezmer-Musik von Daniel Kahn und Deolinda, Countryrock von Jay Farrar sowie neue CDs von den Simple Minds und A-ha.

In Bilder und Zeiten erzählen Andreas Platthaus und Tobias Rüther, die beide ihren Freundinnen nach Leipzig beziehungsweise Dresden hinterhergezogen sind, dass sie dort nicht mehr weg wollen. Wer etwas über die Schlacht von Minden wissen will, lese Voltaires "Candide", empfiehlt Andre Thiele. Konstanze Crüwell besucht eine Ausstellung der Automobile des Rennfahrers und Konstrukteurs Reinhard von Koenig auf Schloss Fachsenfeld. Mara Delius kurvt durch Kalifornien auf der Suche nach Spuren der Krise. Und Melanie Mühl spricht mit dem Psychologen Helmut Jungermann über die schwierige Kunst, eine Entscheidung zu treffen.

In der Frankfurter Anthologie stellt Silke Scheuermann ein Gedicht von Gertrud Kolmar vor:

"Verwandlungen

Ich will die Nacht um mich ziehn als ein warmes Tuch
Mit ihrem weißen Stern, mit ihrem grauen Fluch,
Mit ihrem wehenden Zipfel, der die Tagkrähen scheucht,
Mit ihren Nebelfransen, von einsamen Teichen feucht.
..." (Bitte ganz lesen.)

SZ, 01.08.2009

Tobias Kniebe denkt über die nun auch nach Deutschland schwappende Tendenz nach, von Komikern entworfene Figuren aufs richtige Leben loszulassen. Jüngste Fälle: der Horst Schlämmer von Hape Kerkeling und Christian Ulmens Uwe Wöllner. Ein fataler Nebeneffekt: Eher peinliche Versuche einschlägiger Nasen, sich durch Mittun Hipness zu kaufen: "Auch Claudia Roth und Cem Özdemir waren, wie man hört, sofort zur Mitwirkung bereit. Sollte man das eine angestrengte Suche nach Hipness nennen, einen Horror vacui angesichts schmerzhaft empfundener Langeweile? Und wenn sich dann noch der Herausgeber der FAZ darauf einlässt, eine ganze Seite lang mit Uwe Wöllner über Gott, die Welt und die Mediengesellschaft zu reden, was genau ist das dann?"

Weitere Artikel: Ivan Nagel verabschiedet sich von Peter Zadek: "Der größte Regisseur des deutschen Theaters der letzten vierzig Jahre ist tot." BMW verlässt die Formel 1 - Gerhard Matzig verabschiedet gleich das "Tempo". Holger Liebs berichtet von der Aktion des Künstlers Ansuman Biswas, der sich seit vierzig Tagen als "Klausner" in die Universitätsbibliothek von Manchester eingeschlossen hat, dort nun allerdings nicht schweigt, sondern "wie blöde" bloggt. Thomas Urban berichtet über heftige polnische Debatten zum Sinn des Warschauer Aufstands (Der innerpolnische Disput dreht sich um die grundlegende Frage: Hatte der Aufstand überhaupt eine Chance, war er ein sinnloses Opfer und letztlich kontraproduktiv, nämlich schädlich für die polnische Gesellschaft.) Jürgen Berger porträtiert den libanesisch-kanadischen Theaterautor und -Regisseur Waijidi Mouawad, der zum Star des diesjährigen Festivals von Avignon avancierte.Egbert Tholl hat erlebt, wie in Salzburg des verstorbenen Jürgen Gosch nicht nur mit einer Aufführung seiner Inszenierung der "Möwe", sondern auch mit einer Lesung der Darsteller der nicht mehr fertiggestellten "Bakchen" und der Vorführung einer Aufzeichnung von Goschs 1984er Inszenierung des Sophoklesschen "Ödipus" gedacht wurde.

In "Nachrichten aus Moskau" meldet Sonja Zekri unter anderem, dass die Restaurierungsarbeiten am Bolschoi-Theater zum finanziellen wie ästhetischen Fiasko zu werden drohen. Christine Dössel gratuliert der Schauspielerin Ursula Karusseit zum Siebzigsten. Glückwünsche gibt es auch an den Film-Horror-Meister Wes Craven, der genauso alt wird. Nicht zu vergessen den Soziologen Oskar Negt: der feiert seinen 75. (Der Text zu Negt von Carl Wilhelm Macke ist die entpersönlichte Kurzfassung eines interessanteren Artikels beim Titel-Magazin.) Lothar Müller schreibt zum Tod des Lyrikers und Literaturwissenschaftlers Peter Horst Neumann.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende schreibt Elke Heidenreich über Urlaubslektüren und darüber, warum sie verdammt noch mal keine Urlaubslektüretipps für niemanden hat: "Die Wahrheit ist, dass Frau Heidenreich durchaus Zeit hat, aber gar keine Lust, irgendwelchen Menschen Tipps für Weihnachtsgeschenke oder Urlaubslektüre zu geben." Komisch, hat sie das nicht jahrelang im Fernsehen gemacht?

Sebastian Beck hat nachgesehen, wie man am Brennerpass, im "Durchfahrland", so lebt. Außerdem geht es um das deutsche "Weltkulturerbe" Pizza, die Beschwerdekultur des Internets (exemplifiziert am viralen Erfolg des Youtube-Videos "United Breaks Guitars") und - auf der Historienseite - um die "betrübliche Geschichte des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel". Im Interview sagt der Tarantino-Schauspieler Christoph Waltz viele kluge Dinge, vor allem über Bastarde: "Der Bastard ist genetisch im Vorteil. Weil er flexibel ist."

Besprochen werden eine von Claus Guth inszenierte und von Adam Fischer dirigierte Inszenierung von Mozarts "Cosi Fan Tutte" in Salzburg, Kim Ji-woons Kimchi-Western "The Good, the Bad, the Ugly" und Bücher, darunter die von Uwe Tellkamp wenig erfreut zur Kenntnis genommene Wiederauflage seines Debütromans "Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Cafe" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).