Heute in den Feuilletons

Keine Nebenrollen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.07.2009. Alle würdigen Zadek, den Allwissenden und Naivling. Die taz beschreibt, wie er den Schauspieler Gert Voss auf die Rolle des Shylock vorbereitete. Die FR schreibt: "Zadeks Menschen waren gegenwärtig." Die FAZ weiß sein Shakespeare-Geheimnis. Außerdem beschäftigt sich der Journalismus mit seiner Refinanzierung, etwa durch eine Tonne Nudeln. Die Welt zitiert Bernd Neumann, der schärfere Strafen für Copyrightsünder will. Und die FAZ hat herausgefunden: Google will Geld, viel Geld.

Welt, 31.07.2009

Katharina Dockhorn berichtet über illegale Downloads von Filmen im Internet und übernimmt dabei Zahlen der "Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberechtsverletzungen" (ohne eigens zu erwähnen, dass diese Organisation von der Filmindustrie zur Durchsetzung ihrer Interessen geschaffen wurde). Hilfe naht in Gestalt des Bundeskulturministers: "Frankreich zeige, wie Piraterie effektiv verfolgt werden könnte, sagt Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Der will abwarten, wie sich das Gesetz bewährt, setzt aber eher auf freiwillige Vereinbarungen zwischen Produzenten, Providern und Nutzern. Das Justizministerium sei jetzt am Zug, mahnt der Minister, denn bislang liefen alle Vorstöße zur Vereinfachung der Strafverfolgung ins Leere."

Den Nachruf auf Peter Zadek schreibt auf Seite 3 Reinhard Wengierek: "Zadek war Beobachter, nicht Parteigänger. Ein Fantasie-Berserker, ein Allwissender und Naivling zugleich. Ein Außenseiter, und doch für Jahrzehnte eine zentrale Autorität im deutschsprachigen Theater, gerade durch seine Unkorrektheit, seine Stillosigkeit."

Weitere Artikel: Aufmacher ist Jenni Roths Vorbericht zu den Nibelungenfestspielen in Worms, wo der "Siegfried" diesmal als Komödie gegeben wird, denn so Dramaturg John von Düffel in einem beistehenden Interview, das Komische und das Tragische liegen bei diesem Stoff recht nah beieinander. Peter Zander freut sich über die starke deutsche Präsenz bei den kommenden Filmfestspielen von Venedig, wo auch der neue Film von Fatih Akin läuft. Dankwart Guratzsch nimmt den neuen Duden und den neuen Wahrig unter die Lupe und kommt zu dem Ergebnis, dass die Rechtschreibreform "völlig gescheitert" sei: "Soll man laut Duden zum Beispiel 'bei Weitem' schreiben, so schließt sich Wahrig 'bei weitem' noch nicht an" - es ist einfach schlimm (und zeigt, dass man sich zur gemäßigten Kleinschreibung hätte durchringen sollen).

Die Forumsseite bringt einen project-syndicate-Artikel der Chruschtschow-Enkelin Nina Chruschtschowa zum Tod des ungarischen Freiheitshelden Bela Kiraly und Lezek Kolakowskis. Und Maxeiner & Miersch begrüßen in ihrer Kolumne die Meldung, dass McDonalds kein Fleisch von Schweinen mehr verarbeitet, die ohne Betäubung kastriert wurden.

FR, 31.07.2009

Peter Michalzik schreibt im Nachruf auf Peter Zadek: "Zadeks Menschen waren gegenwärtig. Er hatte kein historisches Interesse, mit keiner Faser war dieser Regisseur ein Philologe. Sie waren da, so selbstverständlich wie reale Menschen, gleichzeitig aber waren sie getrieben von einer Kraft, die wahrzunehmen nur das Theater in der Lage ist. In Shakespeares Komödien, in der Mischung von rauem Scherz und zarter Poesie, fließen die Eigenschaften von Peter Zadek zusammen. Vielleicht stellt man sich am besten vor, dass er eine Mensch gewordene Shakespearekomödie gewesen ist."

Weiteres: In Times Mager sorgt sich Christian Schlüter um Michael Schumacher, der wieder Rennen fahren will. Besprochen werden die Ausstellung "Arbeit" im Dresdner Hygienemuseum, ein Konzert der Pianistin Ewa Kupiec beim Rheingau Musik Festival mit Werken der 1910er-Jahre, "in denen osteuropäische Komponisten sich zu ihren Heimatklängen bekannten", wie ein begeisterter Stefan Schickhaus erklärt, die neue CD von 2Raumwohnung und Julius H. Schoeps' Biografie der Familie Mendelssohn (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 31.07.2009

Dirk Maxeiner porträtiert auf der Achse des Guten den Mathematiker Grigori Jakowlewitsch Perelmann, der die Poincaresche Vermutung bewies, die Field-Medaile dafür aber ausschlug: "Der Ort, an dem man Grigori Jakowlewitsch Perelmann wohl am nächsten kommen kann, ist der fünfte Rang im Marinski-Theater von Sankt Petersburg. Dort, ganz oben im Konzertsaal, soll er öfter gesessen haben und Nabuko oder La Traviata gelauscht haben. Ganz nahe dem Himmel, der auch an die Decke des Saales gemalt war."

"Das heftige umkämpfte 'Gesetz zur Erschwerung des Zugangs zu kinderpornografischen Inhalten in Kommunikationsnetzen' kann nicht planmäßig zum 1. August in Kraft treten. Dazu hätte das Normenwerk am heutigen Mittwoch im Bundesgesetzblatt veröffentlicht werden müssen", meldet Heise online.
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TAZ, 31.07.2009

Katrin Bettina Müller analysiert Peter Zadeks Umgang mit Schauspielern, der nicht immer ganz frei von Sadismus war: "Als Zadek 1988 in Wien die Rolle des Shylock in Shakespeares 'Kaufmann von Venedig' mit Gert Voss besetzte, hatte er nach einem Schauspieler gesucht, dessen Aura so weit wie möglich von jedem jüdischen Klischee entfernt war und eher an die überkorrekte Haltung eines SS-Mannes erinnerte. Das sagte er zwar nicht Voss, aber in einem Interview. Voss' Empörung dann zu kanalisieren in eine produktive Energie, war ein Merkmal seines Regiestils."

Weitere Artikel: Kirsten Riesselmann flaniert in ihrer Bayreuth-Kolumne durch einen wagnerlosen Tag. Tim Caspar Boehme stellt einige neue Platten vor.

Auf den Tagesthemenseiten porträtiert Kai Schlieter den Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, Sergej Lochthofen.

Auf der Medienseite erläutert Spex-Chef Max Dax die ungewöhliche Zusammenarbeit seiner Zeitschrfit mit dem Nudelherstelle De Cecco: "Wir bekommen eine Tonne Pasta für die Spex-Kantine und erwähnen De Cecco dafür ein Jahr lang im eigentlich ja sakrosankten Impressum, erlauben also ein Product-Placement in der Unabhängigkeitserklärung der Zeitschrift. Eine Tonne entspricht übrigens sechs Europaletten, die wir gut sichtbar in der Redaktion platzieren werden. Diese Aktion muss in ihrer Absurdität bis ins Letzte durchdekliniert werden." So müssen die Journalisten wenigstens nicht hungern!

Berliner Zeitung, 31.07.2009

Dirk Engelhardt porträtiert den Journalisten Tyler Brule, Erfinder des schicken Magazins Monocle, das sich unter anderem mit "Pop-Up-Shops", fliegenden Läden für gehobenen Designbedarf refinanziert: "In den Shops kann man den Eindruck gewinnen, als sei das Magazin das schmückende Beiwerk zu den hochpreisigen Monocle-Accessoires, die es dort auch zu kaufen gibt. Diese werden zum Teil von angesagten Designern exklusiv für Monocle gefertigt: zum Beispiel eine Reisetasche als Handgepäck, 'Baby Boston Bag' geheißen, die den stylebewussten Vielreisenden 250 Pfund kostet."
Stichwörter: Boston

Tagesspiegel, 31.07.2009

Peter von Becker über Zadek: "War Zadek gut, dann gab es bei ihm keine Nebenrollen, nur Protagonisten einer grandiosen Comedie humaine."

NZZ, 31.07.2009

Susanne Schanda schildert, wie Syriens Künstler mit der Zensur umgehen. Zum Beispiel der Schriftsteller Khaled Khalifa, dessen jüngster Roman "Madih al-Karahiya" (Zum Lobe des Hasses) sofort nach Erscheinen verboten wurde: "Khaled Khalifa sitzt im Cafe Nofara gleich hinter der Omaijaden-Moschee in Damaskus und grinst übers ganze Gesicht: 'Ihr Europäer macht immer so ein Theater um Zensur und verbotene Bücher, als ob ein verbotenes Buch besser wäre als ein anderes. Für uns ist Zensur Alltag, wir leben und arrangieren uns seit Jahrzehnten damit.' Er kenne zahlreiche Beamte der Zensurbehörde persönlich, rufe sie an und beschwere sich, wenn sie etwas in einem Roman von ihm streichen wollten, erzählt Khalifa. Das nützt zwar nichts, ist aber gut fürs Selbstvertrauen. Dann sieht er sich um, trinkt seinen Kaffee aus und schlägt vor, das Lokal zu wechseln."

Weiteres: Martin Krumbholz schreibt den Nachruf auf Peter Zadek, den Moralismus langweilte: "Dem Entertainer und Menschenkenner Zadek ging es um Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit, und beides ist mit Moral oft schwer zu vereinbaren." Joachim Güntner diskutiert Vor- und Nachteile einer Kultur-Flatrate. Besprochen werden eine Ausstellung zur Arbeit des Landschaftsarchitekten Alexandre Chemetoff im Arc-en-reve in Bordeaux, Amanda Blanks CD "I Love You" und Alben zur Geschichte des Dub.

Auf der Medienseite beschreibt Hugo Bigi, wie das Himalaja-Königreich Bhutan ohne Umweg übers Festnetz gleich übers Mobiltelefon online geht.

SZ, 31.07.2009

Christine Dössel versucht den Verlust zu ermessen, den die deutsche Theaterlandschaft mit dem Tod Peter Zadeks erleidet: "Es ist bestürzend, wenn man sich vergegenwärtigt, welch ein bedeutendes Stück Theatergeschichte mit ihm, diesem ebenso berühmten wie berüchtigten Skandal- und Altmeister der Regie, zu Ende geht. Keiner hat das deutsche Theater derart vom Kopf auf die Füße und damit auf den Boden der dreckigsten Tatsachen und menschlichsten Regungen gestellt wie der sinnenfreudige Zadek, der, aus England heranziehend, wie ein Wirbelsturm über die konventionelle, noch in allen Gliedern erstarrte Nachriegstheaterlandschaft fegte, um diese aufzumischen und zu prägen - ein halbes Jahrhundert lang." Christopher Schmidt hat weitere Stimmen gesammelt.

Weitere Artikel: Jonathan Fischer schreibt über die Gründung einer Lobby-Organisation mit dem Namen "Schwarze Filmschaffende in Deutschland" und berichtet über die Schwierigkeiten, die Schwarze in der Branche haben. Spürbar empört ist Gerhard Matzig über das bayerische FDP-Wirtschaftsministerium, das die fortgesetzte "Förderung von Flächenfraß und Bodenversiegelung" zum Programm macht. Reinhard J. Brembeck porträtiert Kent Nagano, seit drei Jahren Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. Im Interview spricht Kinderbuchautor Helme Heine unter anderem über die Verfilmung seiner "Mullewapps".

Besprochen werden die Pierre-et-Gilles-Ausstellung in Berlin, ein Konzert der Deutschen Kammerphilharmonie unter Paavo Järvi in Salzburg und Bücher, darunter ein Band mit dreißig Gesprächen, die der heutige Spex-Chefredakteur Max Dax geführt hat. (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 31.07.2009

Mit großen Worten verabschiedet sich Gerhard Stadelmaier von Peter Zadek: "Zadek nahm Shakespeare wie Ayckbourn - und Ayckbourn wie Shakespeare." Unter den gesammelten Stimmen zu Zadeks Tod auch die emphatische der Eva Mattes: "Peter Zadek war der wichtigste Mann in meinem Theaterleben. Er war so präzise, klug, scharf, witzig, warm, zärtlich, wie er brutal, verachtend, arrogant, grob sein konnte, er war vernünftig und verrückt zugleich, und er war immer ein Verliebter in Menschen, in ihre Extreme, in ihre Gefühle und ihr Verhalten."

Auf der Google-Books-Pressekonferenz in München ist Oliver Jungen endlich des großen Welteroberungsplans des Konzerns ansichtig geworden: "Google strebt an, über den Schleichweg 'Online-Zugang' zum weltgrößten Buchhändler zu werden, zugespitzt formuliert: in naher E-Book-Zukunft den gesamten Handel und in etwas fernerer Zukunft wohl auch die Verlage zu ersetzen." (Hier der Perlentaucher zur selben Veranstaltung.)

Weitere Artikel: In einem seiner juristischen Gutachten geht Patrick Bahners der Frage nach, ob die Nicht-Zulassung der Titanic-Partei Die Partei zur Bundestagswahl in Ordnung war oder nicht. In der Glosse sieht "hd" dem ab 2012 in Ämter und Würden tretenden neuen Salzburger Allmächtigen Alexander Pereira mit Skepsis entgegen. Worum es im Streit um die zukünftige Nutzung des Japanischen Palais in Dresden geht, erklärt Andreas Platthaus. Jürgen Kaube schreibt einen kurzen Nachruf auf den Lyriker und Literaturwissenschaftler Peter Horst Neumann.

Besprochen werden ein Konzert der Deutschen Kammerphilharmonie unter Paavo Järvi in Salzburg, die Ausstellung der "Sammlung Hoffmann" im Dresdener Lipsiusbau, Sebastian Schippers "Wahlverwandtschaften"-Variation "Mitte Ende August" und Bücher, darunter Penelope Livelys Roman "Wechselspiele" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).