Heute in den Feuilletons

Kinder, einkaufen!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.05.2009. Die FAZ druckt den Aufruf Bernard-Henri Levys und Claude Lanzmanns gegen die Installierung eines antisemitischen Unesco-Direktors nach. Die NZZ sucht nach dem Gen für Sprache. Überall wird das Festival von Cannes resümiert, erschöpft, aber nicht unglücklich. Die taz schreibt die Geschichte zu Karl-Heinz Kurras nicht um. In der SZ antwortet Beqe Cufaj auf Franziska Augstein zum Kosovo-Krieg. Und man feiert den Schauspieler Christoph Waltz als hocheleganten Nazi bei Quentin Tarantino.

NZZ, 25.05.2009

Der Biochemiker Gottfried Schatz erzählt in einer seiner lehhreichen Kolumnen, wie Wissenschaftler dem Gen nachspüren, das uns sprechen lässt. Lokalisiert haben sie FoxP2: "Das Gen ist besonders in den Hirnregionen aktiv, die Sprache, Grammatik, Kontrolle der Gesichts- und Mundmuskeln und die Fähigkeit zu Nachahmung betreuen. Es ist für die Entwicklung des Sprechens zwar unerlässlich, aber dennoch kein spezifisches 'Sprachgen', da es auch für die Entwicklung von Lunge, Darm oder Herz wichtig ist. Wahrscheinlich ist es nur eines von vielen Genen, die uns die anatomischen und neurologischen Voraussetzungen für Sprechfähigkeit und Sprache schenken. Leider wissen wir noch nicht, ob es auch für die spontane Entwicklung oder Beherrschung einer Gebärdensprache notwendig ist."

Weiteres: Christoph Egger resümiert schon etwas erschöpft die letzten Filmen von Cannes. Georges Waser unterhält sich mit Neil MacGregor, dem Direktor des British Museums, über falsche Antiquitäten, die Verlierer der Geschichte und die neueste Londoner Ausstellung über Montezumas Aztekenreich. Besprochen wird eine Ausstellung Architekten Frank Lloyd Wright im New Yorker Guggenheim.

TAZ, 25.05.2009

Die taz widmet sich ausführlich den neuen Erkenntnissen um die Stasi-Mitarbeit des Karl-Heinz Kurras, doch Stefan Reinecke findet nicht, dass die Geschichte der 68er und des Todes von Benno Ohnesorg umgeschrieben werden muss. "Die DDR wäre blamiert gewesen. Die Anziehungskraft der 1968 gegründeten DKP auf die auseinanderfallende Studentenbewegung wäre geringer ausgefallen. Gewiss ist, dass die geschlossene Unterstützung von Polizei, Justiz, Senat und Springer-Presse für Kurras gesprengt worden wäre. Vielleicht hätte es einen fairen Prozess gegeben, in dem keine Beweismittel rätselhaft abhandengekommen wären. Doch dass die bundesrepublikanische Geschichte anders verlaufen wäre, ist nur ein dummer Traum der Konservativen. Der scharfe Generationenkonflikt war keine Erfindung des MfS, der abgrundtiefe Hass der Westberliner auf Rudi Dutschke keine Inszenierung der DDR."

"Wie schnell aus aufrechten Verteidigern der Freiheit gedungene Mörder werden", staunt Christian Semler: "Man muss die Westberliner Vorgeschichte von Kurras' Tat ebenso in Anschlag bringen wie die anschließenden Vertuschungsmanöver der Polizei und die skandalösen Freisprüche, wenn man die Geschichte des 2. Juni begreifen will. Oder war auch das alles das Werk der Stasi?"

Der letzte Montag gehört im Feuilleton Gabriele Goettle. Sie hat in einem Altersheim die 94-jährige Isi besucht, um mit ihr über das Geld und seine bedeutung zu sprechen. Zum Beispiel während der großen Inflation: "Wir saßen auf der Treppe und plötzlich rief meine Mutter: Kinder, einkaufen! Kaum hatte sie Geld bekommen, musste man es sofort in Waren beziehungsweise Lebensmittel investieren, es verlor stündlich oder noch schneller an Wert. Wir bekamen einen Zettel und das Portemonnaie und gingen mit dem Dienstmädchen zum Kaufmann, Milchladen, Fleischer, Bäcker. Manchmal wurde es, während man in der Schlange anstand, schon teurer, dann musste einer nach Hause rennen und mehr Milliarden holen."

Und noch Tom.

FR, 25.05.2009

Der Kommunikationswissenschaftler Michael Giesecke sah beim Kasseler Fotofrühling eine Sonderschau fotografierender Amateure und stellt fest, dass die Digitalisierung im Fotobereich einen Umbruch eingeleitet hat, der "weit tiefere Auswirkungen auf unsere Kultur erwarten [lässt] als jene Bildschirmtexte, die ihren mangelnden Eigenwert hinter dem Mantel eines Buches, 'e-Book', verdecken müssen".

Weiteres: Robert Schröpfer berichtet von der Tagung der Darmstädter Akademie in Berlin. Angesichts des Skandals um den Hessischen Kulturpreis und die Enthüllung von Karl-Heinz Kurras als Stasi-Spitzel sieht Ina Hartwig in Times Mager "Masken" fallen. Besprochen werden die neue Arbeit von Rimini-Protokoll, "Der Zauberlehrling", in Düsseldorf, Mareike Mikats Inszenierung neuer Texte von Peter Licht in der Leipziger Skala, Händels Oper "Ezio" in Schwetzingen und Alexander Hemons Roman "Lazarus" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Welt, 25.05.2009

Für Hanns-Georg Rodek war es ein großer Jahrgang in Cannes: "Kein Film war absolut perfekt, aber das wichtigste Kulturereignis der Welt zeigte eines deutlich: Hollywood mag momentan auf neue Spektakel aus dem Computer und durch die 3D-Brille setzen - aber der Autorenfilm ist lebendig - und unentbehrlich."

Weitere Artikel: Peter Beddies interviewt die Sensations-Entdeckung Christoph Waltz (der als Nazi bei Tarantino brilliert). Eckhard Fuhr bekennt seinen Überdruss angesichts einer Sonntagsrede über "Geist und Macht", die der Bundestagspräsident Lammert bei der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung hielt. Dankwart Guratzsch annonciert den nächsten Brückenstreit: Auch das Rheintal bei der Loreley steht auf der Welterbeliste der Unesco, und auch hier soll eine Brücke gebaut werden. Hannes Stein besucht die Synagoge in Riverdale in der Bronx, die einige Islamisten letzte Woche in die Luft sprengen wollten. Und Tilman Krause schreibt zum Tod der Schauspielerin Barbara Rudnik im Alter von gerade mal 50 Jahren.

Besprochen werden "Schukschins Erzählungen", in Szene gesetzt von Alvis Hermanis, in Wien.

Aus den Blogs, 25.05.2009

Mit dem Schuss auf Benno Ohnesorg, hat sich die DDR selbst ins Knie geschossen, meint Marek Dutschke, Sohn von Rudi, in Carta: "Der Tod von Benno Ohnesorg wird als Geburtsstunde der Radikalisierung der Studentenbewegung verkürzt dargestellt. Doch er war viel mehr: Er war eine Initialzündung der Modernisierung Westdeutschlands... Diese modernisierenden Kräfte haben Westdeutschland über Jahrzehnte verändert, geformt und große Energien freigesetzt. Es hat letztendlich auch dazu geführt, dass das westdeutsche Gesellschaftsmodell sich als viel attraktiver als das ostdeutsche Modell erwies."

Nein, die Geschichte muss man nach der Kurras-Enthüllung nicht umschreiben, meint Henry Broder in der Achse des Guten: "Dennoch sollten wir uns daran erinnern, wo die Stasi überall ihre Finger drin hatte. Zum Beispiel in der Christlichen Friedenskonferenz und in der westdeutschen Friedensbewegung, deren nützliche Idioten sich gerne vor den Peace-Karren spannen ließen; die antisemitischen Schmierereien ('Deutsche fordern: Juden raus') zu Weihnachten 1959 an der Kölner Synagoge, die damals für weltweites Aufsehen sorgten, waren von der Stasi initiiert; ebenso die sensationelle Enthüllung, an der wir alle viel Freude hatten, dass Heinrich Lübke am Bau von Konzentrationslagern beteiligt war. Erinnern Sie sich noch?"

SZ, 25.05.2009

Susan Vahabzadeh nennt die Preise von Cannes (Michael Haneke, Christoph Waltz, Charlotte Gainsbourg) und zieht am Ende eine etwas ermüdete Bilanz: "Dieser All-Star-Wettbewerb sah vorher auf dem Papier spannender aus, als er dann wirklich war." Und Tobias Kniebe staunt noch, einen wie perfekten, sich durch Höflichkeit auszeichnenden Judenjäger Quentin Tarantino in dem bisher unbekannten Schauspieler Christoph Waltz gefunden hat: "Und doch muss da Schicksal am Werk gewesen sein. Man erkennt das an einem Halbsatz im Drehbuch, in dem Landa von seinen 'Austrian Alps' erzählt. Für seinen Schöpfer war er also von Anfang an Österreicher. Landa hat auch, wie Waltz, Manieren. Er küsst gern die Hand. Er isst gern Strudel, und zwar bitte mit Sahne."

Der Autor Beqe Cufaj schreibt zu zehn Jahren Kosovo-Krieg und antwortet indirekt wohl auch auf den Artikel von Franziska Augstein vor einigen Tagen: "Es ist genauso beleidigend wie naiv, zu behaupten, dass der gesamte Kosovo-Krieg ein unehrenhaftes politisches Spiel war. Es ist beleidigend für die Opfer und für die Überlebenden aller Volksgruppen im Kosovo. Und es ist auch beleidigend für die Soldaten der Militärmissionen, die heute noch in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo im Einsatz sind, um einen brüchigen Frieden zu sichern."

Weitere Artikel: Alexander Kissler schildert Auseinandersetzungen im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und fordert einen Neuanfang. Sonja Zekri berichtet, dass der kritisch-satirische Künstler Artjom Loskutow in Sibirien verhaftet wurde, angeblich wegen Besitzes von fünf Gramm Haschisch. In den "Nachrichten aus den Netz" erzählt Niklas Hofmann wie der ominöse Verein Deutsche Kinderhilfe, der sich durch lautstarkes Bejubeln der Internetzensurprojekte der CDU hervortat, von Blogs wie Netzpolitik bloßgestellt wurde: "Die Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Kinderhilfe liegt in tausend Scherben." (Und Qualitätsjournalisten wundern sich.) Kai Strittmatter besucht Orhan Pamuk in Istanbul, wo der Autor mit deutschen Architekten sein "Museum der Unschuld" baut. Stephan Speicher verfolgte die Frühjahrstagung der Akademie für Sprache und Dichtung. Auf der Literaturseite würdigt Burkhard Müller Charles Darwin als einen wissenschaftler, der seine Beweise noch in Büchern und als Schriftsteller vorbrachte.

Besprochen werden Thomas Jonigks Stück "Diesseits" mit Juliane Köhler in der Regie von Tina Lanik im Münchner Cuvilliestheater und neue DVDs.

FAZ, 25.05.2009

Diese Woche soll der neue Generaldirektor der Unesco gewählt werden. Aussichtsreichste Kandidat von vieren ist der ägyptische Kulturminister und Antisemit Faruk Hosni. Am Freitag riefen Elie Wiesel, Claude Lanzmann und Bernard-Henri Levy in Le Monde dazu auf, Hosni nicht zu wählen (die FAS hat den Aufruf übersetzt): "Die Unesco hat in der Vergangenheit manchen Fehler begangen, aber dieser wäre so enorm, ekelhaft und unverständlich, wäre eine so manifeste Provokation und den Idealen der Organisation so zuwider, dass sie sich davon nicht erholen dürfte. Wir haben keine Minute zu verlieren. Jeder ist aufgerufen zu verhindern, dass die Unesco in die Hände eines Mannes gerät, der, wenn er das Wort Kultur hört, mit Bücherverbrennung antwortet."

Heute fürchtet Jürg Altwegg im FAZ-Feuilleton, dass dieser Aufruf ungehört verhallen könnte. Brita Sachs erklärt sehr respektvoll, warum es trotz der schönen Erstausstellung aus der Münchner Sammlung Brandhorst auch Grund zur Skepsis gegenüber dem Gedeihen des Modells privat-öffentlicher Finanzierung gibt. Niklas Bender feiert die kollektiv erarbeitete Online-Faksimile-Edition von Gustave Flauberts "Madame Bovary" als "Sensation". Von der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, in die Islamwissenschaftler und Publizist Navid Kermani neu aufgenommen wurde, berichtet Wolfgang Schneider. Gina Thomas meldet, dass die frisch gewählte Oxforder Poetik-Professorin Ruth Padel jetzt wegen möglicher Verwicklung in die Kampagne gegen Derek Walcott unter Druck geraten ist.

In der Glosse schreibt Kerstin Holm über russische Verkehrsrowdys, vor allem weiblichen Geschlechts. Andreas Kilb und Marcus Jauer liefern Impressionen vom Berliner Bürgerfest zum sechzigsten Geburtstag der Republik. Michael Hanfeld hat einen Nachruf auf die Schauspielerin Barbara Rudnik verfasst. Einen Geburtstag, den die FAZ für gratulationsartikelwürdig hält, feiern in dieser Woche: die Autorin Jamaica Kincaid (60), der Indologe Axel Michaels (60), der Kunsthistoriker und Museumsleiter Herwig Guratzsch (65), der Schauspieler Ian McKellen (70) und der Historiker Erich Meuthen (80).

Auf der Medienseite verurteilt Oliver Jungen das RTL-Reality-TV-Format "Erwachsen auf Probe", das seinen Unterhaltungswert daraus bezieht, dass überforderten Teenagern Babys zur Pflege in die Hand gedrückt werden: "Mit diesem Programm erreicht RTL ein Niveau, das für die Gesellschaft bedenklich wird. Hinzu kommt die obszöne Überheblichkeit des Senders, sein affektorientiertes Auslachfernsehen mit gecasteten Billigschauspielern auch noch als pädagogisch wertvoll verkaufen zu wollen".

Besprochen werden Wolfgang Engels Dresdener "Wilhelm Tell"-Inszenierung, ein von Martin Schläpfer choreografierter Ballettabend in Mainz, die Ausstellung "Trunkene Götter" in Dresden, und Bücher, darunter Steven Blooms Roman "Stellt mir eine Frage" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).