Heute in den Feuilletons

Konsequente Fortführung der Groteske

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.05.2009. Bei Durban 2 haben die Feuilletons geschlafen, bei Faruk Hosni werden sie wach. Ein Unesco-Generaldirektor, der entschlossen ist, die Bibliothek von Alexandria Israel-rein zu halten, ist nicht haltbar, meint die FR. Das Blog Lizas Welt sieht den antisemitischen Unesco-Politiker nicht als Ausnahme, sondern als Regel in der UNO. In vielen Feuilletons klingt Cannes nach: Tolles Festival, meint die FAZ, geht so, meint die taz. In der Welt spricht Michael Haneke über seinen palmenprämierten Film. In der SZ fordert Navid Kermani eine Akademie der Kulturen der Welt für Köln. Und Walter Kappacher bekommt den Büchner-Preis, meldet Spiegel Online.

FR, 26.05.2009

Arno Widmann hat sich im Netz nach Informationen über und Äußerungen von Faruk Hosni umgesehen, dem ägyptschen Kulturminister, dem Antisemitismus vorgeworfen wird, und stellt fest: "Faruk Hosni hat viele Gesichter. Für den Posten des Generaldirektors der Unesco hat er eines zu viel. Ein Unesco-Generaldirektor, der entschlossen ist, die wiederentstehende Weltbibliothek von Alexandria israel-rein zu halten, ist nicht zu tolerieren."

Zwei Filme hebt Daniel Kothenschulte seinem Resümee über das Filmfestival von Cannes besonders hervor: Den "aufregendsten Film des Festivals", das Psychodrama "Kynodontas" des 36-jährigen Griechen Giorgos Lanthimos", sah er "nicht im Hauptwettbewerb, sondern in der Nebenreihe 'Un certain regard', wo er den Hauptpreis erhielt. Von der Landschaft des Landes bekommt man nicht viel mehr zu sehen als den Garten einer Nobelvilla. Für die drei jugendlichen Kinder einer Industriellenfamilie ist er das ganze Universum. Sie sind Gefangene ihrer Eltern, die selbst die Sprache umdeuten, um ihre Kinder in einer pervertierten Schutzzone der Überbehütung zu halten. 'Zombies' sind im Wörterbuch dieser Unmenschen zum Beispiel harmlose Butterblümchen. Dafür gelten Hauskatzen als Menschenfresser. (...) Was politisches Kino wert ist, wenn es nicht nur politisiert, zeigte der zweitplatzierte Beitrag dieser Festivalsektion, der rumänische Beitrag 'Politist, adjejktiv' des 34-jährigen Autorenfilmers Corneliu Porumboiu."

Weitere Artikel: Claus Leggewie plädiert dafür, den interreligiösen Dialog auch nach dem Skandal um den Hessischen Kulturpreis fortzusetzen - diesmal ohne Funktionäre. Natalie Soondrums macht sich in Times Mager angesichts eines kleinen Vorfalls auf dem Flughafen Frankfurt Gedanken um die Demokratie in Indien. Nur online: ein dpa-Bericht über die Theaterwebseite nachtkritik.de, das gerade für den Grimme-Online-Award nominiert wurde.

Besprochen werden Dietrich Hilsdorfs Inszenierung der "Brünhilde" in Essen, Phyllida Lloyds Inszenierung von Schillers "Maria Stuart" am Broadway, die von der New York Times als "beunruhigende Studie der Gefangenschaft, in der Politiker leben", gefeiert wurde, die Aufführung von Ekkehard Josts Jazz-Zyklus "Lieder gegen den Gleichschritt" in Gießen und Jena, Iggy Pops von Michel Houellebecq inspirierte CD "Preliminaries", einige lokale Ereignisse und die Erinnnerungen der Schriftstellerin Maria Beig (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 26.05.2009

Die Debatte um Durban 2 wurde von den Feuilletons ja kaum aufgegriffen, anders als jetzt die Debatte um den möglichen künftigen Unesco-Chef Faruk Hosni. Das Blog Lizas Welt kommentiert: "Wäre die Wahl Hosnis vor diesem Hintergrund nicht gewissermaßen die konsequente Fortführung der Groteske namens 'Durban 2'? Genau hier ist der Knackpunkt zu finden. Gewiss haben Levy, Lanzmann und Wiesel Recht, wenn sie schreiben: 'Faruk Hosni ist ein gefährlicher Mann, ein Brandstifter der Herzen.' Gewiss liegen sie richtig, wenn sie fordern: 'Jeder ist aufgerufen zu verhindern, dass die Unesco in die Hände eines Mannes gerät, der, wenn er das Wort Kultur hört, mit Bücherverbrennung antwortet.' Doch das Problem ist ein weitergehendes; das Problem sind die Vereinten Nationen höchstselbst. Denn es ist gerade kein unglücklicher Zufall, dass ein Holocaustleugner und Rassist wie Mahmud Ahmadinedjad auf ihrer Antirassismuskonferenz den Stargast geben darf."
Stichwörter: Vereinte Nationen

NZZ, 26.05.2009

Barbara Villiger Heilig hat sich Peter Steins Nacherzählung von Dostojewskis "Dämonen" angesehen, die nach einer sehr sehr komplizierten Entstehungsgeschichte nun viermal auf Steins umbrischem Landsitz aufgeführt wird: "Weitab von der Theaterwelt, in der schönen Landschaft des krisengeschüttelten, von Korruption und Skandalen zerrütteten Italien, macht und zeigt Peter Stein Welttheater - for the Happy Few."

Weiteres: Sibylle Birrer berichtet von den Solothurner Literaturtagen, auf denen sie als Schweizer Newcomer den Rätoromanen Arno Camenisch mit seinem alpinen Anti-Idyll "Sez Ner" erlebt hat. Die Jubiläumstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung lässt bei Joachim Güntner den Verdacht aufkommen, dass die Akademie von einer verknöcherten Vergangenheit in eine kreuzbrave Zukunft treten wird.

Besprochen werden Friederike Mayröckers Gedichte "Scardanelli" und John Updikes letzter Roman "Die Witwen von Eastwick".
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TAZ, 26.05.2009

Erich Rathfelder besucht die Ausstellung "Daheim an der Donau" in Novi Sad: "Das Interesse für die deutschen Minderheiten in Osteuropa wurde lange Jahrzehnte in die rechte Ecke geschoben. Und damit wurde auch das Schicksal der Russland-, Rumänien- und auch der Jugoslawiendeutschen nach 1945 in der Öffentlichkeit und der Wissenschaft kaum aufgearbeitet. Die Berührungsängste sind immer noch da." Die Ausstellung stellt die unglaubliche Völkervielfalt der Region unter den Habsburgern dar - und ihre Zerstörung durch die Nazis.

Etwas erschöpft resümiert Cristina Nord das Festival von Cannes. Am besten kommt bei ihr noch Quentin Tarantino weg: "Wie viel sich gewinnen lässt, wenn man sich von der Wirklichkeit abhebt, zeigt Quentin Tarantinos antifaschistische Wunscherfüllungsfantasie 'Inglourious Basterds', ein Film, der in einem Pariser Kino ein geglücktes Attentat auf Hitler inszeniert. Indem der Film einen alternativen Verlauf der Geschichte entwirft, gibt er den Aggressionen, die sich am realen Geschehen entzünden, ein Ventil."

Weitere Artikel: Rene Hamann hat die Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Berlin verfolgt. Besprochen werden außerdem Ereignisse der Wiener Festwochen und Imi Knoebel-Ausstellungen in Berlin.

Tom.

Spiegel Online, 26.05.2009

Konrad Lischka greift eine verdienstvolle Initiative des Kulturstaatsministers Neumann auf: "Im deutschen Internet gibt es zu viele Katzenvideos, Rechtschreibfehler und Attacken gegen Intellektuelle. Helfen kann die Nationale Initiative Digitalmedien."

Spiegel Online bringt auch die dpa-Meldung vom diesjährigen Büchner-Preis an Walter Kappacher, desssen Hofmannsthal-Roman "Der Fliegenpalast" jüngst hymnische Kritiken erhielt.

Welt, 26.05.2009

Im Interview mit Peter Beddies spricht Regisseur Michael Haneke über seinen palmenprämierten Film "Das Weiße Band": "Ein aktueller politischer Kommentar war nicht die Absicht. Natürlich erhält er durch den religiösen Fanatismus und Terrorismus, der heute herrscht, eine zusätzliche Dimension von Aktualität. Ich meine damit den islamistischen Terror, denn in 'Das weiße Band' geht es natürlich auch um die Wurzeln des Faschismus, aber nicht ausschließlich. Es geht um die Wurzel jeder Art von Terrorismus. Indem ich eine Idee verabsolutiere und sie zur Ideologie mache, wird sie unmenschlich und wendet sich gegen alle, die nicht dieser Ideologie folgen. Deren Anhänger fühlen sich dann autorisiert, die anderen dahin zu zwingen, wo sie sie haben wollen. Das gilt sowohl für den Rechts- wie für den Linksfaschismus sowie für christliche oder andere Religionen."

Weiteres: Michael Pilz preist die Band Phoenix, die mit ihrem Album "Wolfgang Amadeus Phoenix" Frankreich zu einer normalen Popnation mache, von dem, wie Pilz zitiert, John Lennon sagte: "Französischer Rock ist wie englischer Wein." Uta Baier kommt die Aufgabe zu, im Aufmacher Stephan Balkenhols gestern vor dem Axel-Springer-Haus enthüllter Skulptur "Balanceakt" zu huldigen. In der Randspalte singt Hanns-Georg Rodek dem Europudding ein Abschiedsständchen. Hannes Stein berichtet von dem Buch "A Safe Haven" des Historikerpaars Allis und Ronald Radosh, das beschreibt, wie Harry Truman sich umstimmen ließ, die Gründung Israel zu befürworten. Stefan Pannor meldet das Ende der klassischen Disney-Comics. Besprochen wird eine Aufführung von Glucks "Iphigenie auf Tauris" an der Hamburger Staatsoper.

Auf der Seite drei geht es weiter um die Stasi-Tätigkeit des Ohnesorg-Schützen Karl-Heinz Kurras. Sven Kellerhoff beschreibt, wie er sich zu einer Top-Quelle des MfS mauserte. Michael Miersch sieht weiterhin Anlass für die Linke, ihr Geschichtsbild zu revidieren (Wie es in dieser Hinsicht um den Springer-Verlag aussieht, sagt er nicht).

FAZ, 26.05.2009

Ausgesprochen positiv fällt Verena Luekens Bilanz des diesjährigen Festivals in Cannes aus: "Es gab selten einen derart starken Jahrgang in Cannes. Fast keiner der Filme im offiziellen Programm ließ einen kalt, und dass am Ende ein großartiger wie Jane Campions 'Bright Star' oder ein perfekter wie Johnnie Tos 'Vengeance' leer ausgingen, ohne dass man sagen könnte, welcher der Preisfilme denn für sie hätte Platz machen sollen, das ist schon ein Zeichen für einen außerordentlich gut besetzten Wettbewerb." Palmen-Gewinnerin Charlotte Gainsbourg ist der Bewunderung voll für ihren Regisseur Lars von Trier, der allerdings nicht daran dachte, es ihr leicht zu machen: "Er sagte immer wieder, er wisse es auch nicht - er war so vage! Und man konnte sehen, dass er damit sehr viel Spaß hatte. Er hatte Vergnügen daran, sich dumm zu stellen."

Weitere Artikel: Gian Domenico Borasio, Professor für Palliativmedizin, hielte es für ein Desaster, wenn das lange diskutierte Gesetz zur Patientenverfügung nun nicht zustande käme - leider sieht es aber ganz danach aus. Niklas Maak kommentiert die interessante Auswahl Barack Obamas von fürs Weiße Haus angefragten Gemälden, die von Nicolas de Stael zu Alma Thomas reicht. Ilona Lehnart war dabei, als in Kassel der Nachlass des Privatgelehrten und Allerlei-Könners Jürgen von der Wense unter wissenschaftlicher und Wensescher Begleitmusik eintraf. In der Glosse geht es Tobias Rüther in der ersten Person um Robert M. Smith, den Mann, der den Watergate-Skandal nicht aufgedeckt hat. "hcr" meldet, dass Israel seinen Widerstand gegen den oft sehr offen gegen die Politik des Landes aufgetretenen Ägypter Faruk Hosni als neuen Unesco-Generalsekretär aufgibt. Nicht wirklich aufschlussreich findet Holger Noltze die Recherchen der britischen Musikzeitschrift "Gramophone", die herausgefunden hat, dass zwei frühe Förderer von Karlheinz Stockhausen (möglicherweise) dem Nationalsozialismus nahe standen. Ingeborg Harms liest in deutschen Zeitschriften, unter anderem ein verblüffendes Gespräch zwischen zwei Theatertreffen-Juroren in Theater heute. Marcus Jauer begutachtet Stephan Balkenhols "Balanceakt", von der Bild-Zeitung in Auftrag gegeben und nun als Kunst am Bau vor dem Springer-Hochhaus zu bewundern. Gemeldet wird, dass Israel nach einem nicht näher erklärten politischen Deal mit Ägypten seinen Widerstand gegen die Ernennung Faruk Hosnis als Unesco-Chef aufgegeben habe, hier die Ha'aretz zum Thema.

Besprochen werden Philipp Tiedemanns Osnabrücker Inszenierung von Christian Dietrich Grabbes "Hermannsschlacht", das neue Phoenix-Album "Wolfgang Amadeus Phoenix" und Bücher, darunter Neal Stephensons Abschlussband seiner Barock-Trilogie "Principia" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 26.05.2009

Mit Rückenwind aus der Affäre um den Hessischen Kulturpreis regt Navid Kermani nun einen "kulturpolitischen Paukenschlag" an. Er möchte zusammen mit Intellektuellen wie Mark Terkessides eine Akademie der Künste der Welt gründen, die in Köln, der für ihn multikulturellsten Stadt Deutschlands, am besten aufgehoben wäre. Dort würden neben einem kosmopolitischen Kunstverständnis Diskurse gepflegt, wie er sie im Vorfeld des Kölner Moscheebaus vermisste: "Weder wurden führende muslimische Intellektuelle eingeladen, die sowohl den Islamverbänden als auch den Islamkritikern hätten Paroli bieten können, noch wurde mit Blick auf die internationalen Debatten über eine zeitgemäße Architektur islamischer Sakralbauten nachgedacht. Es wurde nicht einmal die Frage gestellt, wie andere Länder und Städten auf die Herausforderungen und Gefahren der multikulturellen Gesellschaft reagieren."

All jenen, die glauben, die Enthüllung über Karl-Heinz Kurras stöbere sie nicht aus ihren verbürgten Geschichtsbildern auf, schlägt Kurt Kister folgendes Gedankenspiel vor: "Ein hochrangiger Mitarbeiter des kubanischen Staatsarchivs setzt sich nach Miami ab. In seinem Gepäck hat er Dokumente, die belegen, dass Lee Harvey Oswald, Jahre bevor er John F. Kennedy erschoss, eine Verpflichtungserklärung als Mitarbeiter von Fidel Castros Geheimdienst unterschrieben hatte..."

Weitere Artikel: Johannes Willms fragt, warum die Intellektuellen, die den Antisemiten Faruk Hosni als Chef der Unesco ablehnen, sich nicht früher gemeldet haben, da seine Wahl längst bekannt gewesen sei (leider fragt er nicht, warum nicht die Qualitätspresse dieses Thema schon mal früher aufgegriffen hat). Thomas Urban resümiert polnische Debatten um ihre Rolle und (in Deutschland nicht wahrgenommenen) Verdienste bei der Wende 1989.

Besprochen werden ein Auftritt Anna Netrebkos in Puccinis "Boheme" in München, Ereignisse des "Kunsten Festival des Arts" (mehr hier) in Brüssel, neue Country-Platten, zwei Ausstellungen des Beuys-Schülers Imi Knoebel in Berlin, eine Dramatisierung von Helmut Kraussers Roman "Eros" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, Glucks "Iphigenie" in Hamburg, und Bücher, darunter Friedrich Wilhelm Grafs Studie "Missbrauchte Götter - Zum Menschenbilderstreit in der Moderne".

Auf Seite 2 des politischen Teils kommt die SZ nochmal auf Cannes zurück. Susan Vahabzadeh erklärt, warum Michael Haneke und Christoph Waltz (der den Judenjäger bei Tarantino als "charmantes, blitzgescheites Biest" gibt) bei den Franzosen so beliebt sind. Und Fritz Göttler erzählt, wie es Kulturstaatsminister Naumann geschafft hat, internationale Produktionen nach Babelsberg zu holen.