Heute in den Feuilletons

Die Vorstellung, dass Sie mein Flaschenhals sind

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.04.2009. In der taz schildert Ilija Trojanow den düsteren Einfluss der Mafia in Bulgarien. Die FR meditiert über die Muskelwerdung des Fleisches bei Caravaggio. Alle Zeitungen gratulieren Milan Kundera zum Achtzigsten, nur die Welt geht dabei nochmal näher auf die Kundera-Affäre ein. Die FAZ schreibt dem Perlentaucher einen Brief. Wir zitieren.

Perlentaucher, 01.04.2009

Vor einer Woche haben wir einen Artikel Thomas Hürlimanns aus der FAZ zitiert, so wie wir ja im Grunde seit bald zehn Jahren Artikel zitieren und Links auf sie setzen, auch aus der FAZ. Aber nun haben wir einen Brief der FAZ bekommen, wonach wir Urheberrechte verletzt hätten. Für das "Bereitstellen" des Hürlimann-Artikels im Perlentaucher und bei Spiegel Online stellt uns die FAZ insgesamt 590 Euro in Rechnung. Wobei wir wie gesagt nur zitiert und verlinkt haben. Hier der Brief ...

TAZ, 01.04.2009

Auf der Meinungsseite schreibt Ilija Trojanow über die bulgarische Mafia, die einem Geschäftsmann das Leben schwer macht: "Hassan Tahiroff fiel unter die Wölfe. Sein Fall ist ein eindringlicher Beweis, dass in der bulgarischen Provinz - genauer gesagt in den Rhodopen, nichts gedeihen darf, was sich nicht der oligarchischen Mafia vor Ort fügt, was nicht völlig unter ihrer Kontrolle ist."

Auf der Kulturseite berichtet Stefan Reinecke von einer Diskussion im Berliner Brecht-Haus mit Jan Philipp Reemtsma und Florian Havemann über das von der Kritik schwer verrissene Buch, in dem Florian Havemann mit seinem Vater Robert abrechnete: "Am Ende ist man sich einig, dass nicht das Buch der Skandal ist, sondern die herdenhafte Literaturkritik, die Schönheit und Reichtum des Werkes übersah."

Außerdem: Ulf Erdmann Ziegler schreibt zum Tod der New Yorker Fotografin Helen Levitt. Besprochen werden Jonathan Demmes Film "Rachels Hochzeit" und Emmanuel Fayes Abrechnung mit Heidegger (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

NZZ, 01.04.2009

Caroline Kesser hat sich die Ausstellung "Auf der Suche nach dem Orient" im Zentrum Paul Klee in Bern angesehen und fragt sich, wieviel Einfluss Paul Klees Reisen nach Tunesien und Ägypten auf seine Kunst wirklich hatten. Gaben diese Reisen dem Maler wichtige Impulse für seine Arbeit, waren sie tatsächlich von Neugier und Interesse geprägt? "Klees Wunsch, in den Orient zu reisen, verdankt sich eher dem Enthusiasmus dort inspirierter Künstlerfreunde wie Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Louis Moilliet als dem Bedürfnis, in die morgenländische Kultur einzudringen", konstatiert Kesser ernüchtert.

Weitere Artikel: Richard Wagner bricht ein Lanze für den rumänischen Schriftsteller Paul Goma, der ein Talent dazu hat, es sich mit allen zu verscherzen. Erst mit dem Ceausescu-Regime, das den Dissidenten 1977 ins Pariser Exil zwang, dann mit der schriftstellerischen Elite Rumäniens, der er im Internet willige Kooperation mit Ceausescu vorwarf. Und heute wird er wegen antisemitischer Äußerungen ignoriert. Joseph Croitoru bedauert den israelischen Boykott einiger Veranstaltungen anlässlich der Ernennung der palästinensischen Stadt Al-Quds zur "Arabischen Kulturhauptstadt 2009".

Besprochen werden die französische Erstaufführung der "Feen", Wagners erster vollendeter Oper, im Pariser Theatre du Chatelet (dass sich das Opernhaus diesem Erstlingswerk annimmt, würdigt Marianne Zelger-Vogt zwar, gelohnt hätte es sich aber nicht: Wagners Text wie immer "ungelenk", die Komposition "unausgegoren" und die Inszenierung als "opulente Revue" ließen die dramatische Kraft ins Leere laufen), Heidi Bosshard-Borners Buch "Im Spannungsfeld von Politik und Religion" über die Luzerner Kantonsgeschichte der Jahre 1831 bis 1875 sowie einige Kinder- und Jugendbücher.

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FR, 01.04.2009

"Das Wort ward Fleisch, heißt es im Johannesevangelium. Bei Caravaggio ward es Muskel", stellt Arno Widmann fest, den in der Frankfurter Ausstellung "Caravaggio in Holland" die blanke "Lust am Sehen und Fassen" packte: "Caravaggio war vorgeworfen worden, die Modelle für seine Apostel und Heiligen sich vom römischen Straßenstrich besorgt zu haben. Bei der Mehrzahl der hier ausgestellten Bilder gibt es keine heilsgeschichtliche Absicherung des gierigen Blicks mehr. Die Hure ist keine Heilige Magdalena mehr. Sie ist eine Hure. Der Sex wird nicht mehr durch die Religion verbrämt und erhöht. Die Kunst selbst hat deren Rolle übernommen."

Weiteres: Der deutsch-ungarische Autor György Dalos schreibt zum achtzigsten Geburtstag seines tschechischen Großkollegen Milan Kundera (mit recht verhaltenen Andeutungen von Kunderas Jugendsünden). Auf der Medienseite widmet sich Eva Schweitzer anlässlich der neuen International Edition der New York Times online der nächsten Sparrunde.

Besprochen werden Florian Gallenbergers Epos über den guten Nazi "John Rabe", Karoline Grubers Inszenierung der "Salome" in Lissabon, Sophie van der Staps in Frankfurt aufgeführtes Stück "Heute bin ich blond" sowie Poulencs Oper "Dialog der Karmeliterinnen".

Aus den Blogs, 01.04.2009

Auf einer Diskussionsveranstaltung über den Wahlkampf im Internet beklagte sich der ZDF-Mann Peter Frey, dass durch das Internet der "orientierende Flaschenhals der Massenmedien verloren gehe", berichtet Robin Meyer-Lucht in Carta: "Steffi Lemke von den Grünen entgegnete Frey nach auch mit einiger Süffisanz: 'Herr Frey, die Vorstellung, dass Sie mein Flaschenhals sind, behagt mir nicht.'"

Welt, 01.04.2009

Ulrich Weinzierl spricht zum achtzigsten Geburtstag Milan Kunderas das an, worüber die anderen lieber schweigen: Kunderas möglichen Verrat eines Agenten an die Behörden in der stalinistischen Tschechoslowakei: "Wenn die Geschichte von Kunderas Denunziation stimmt, fällt ein fahles Licht auf seine Prosa, das ihr schärfere, unheimliche Konturen eines radikalen Zweifels an unser aller Humanität verleiht. Leitmotivisch scheint Milan Kunderas erzähltes Universum vom Thema des Verrats durchzogen: zwischen Mann und Frau, zwischen Freunden, zwischen Mensch und Nebenmensch."

Weiteres: Sven Felix Kellerhoff greift die Kritik des Historikers und Bürgerrechtlers Ehrhart Neubert an der Linkspartei auf, die sich zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls irgendwie auf die richtige Seite der Geschichte zu stellen versucht und ihrer Parteikonferenz den Titel "Wir sind das Volk" gibt. In der Randspalte gönnt Hendrik Werner der Microsoft-Enzyklopädie Encarta ein Ehrenbegräbnis. Dankwart Guratzsch schöpft nach Mehdorns Abgang neue Hoffnung für den Stuttgarter Bahnhof, den der Bahnchef teilweise hatte abreißen wollen.

Besprochen werden die Ausstellung über den "Calvinismus" im Berliner DHM, die atheistische Filmpolemik "Religulous" des Fernsehkomikers Bill Maher (über die sich Matthias Heine sehr geärgert hat, wie er Maher im Interview auch klar macht) und die neue arte-Kochsendung mit Sarah Wiener.

FAZ, 01.04.2009

Mark Siemons deutet den Vorstoß der chinesischen Regierung, eine neue künstliche Leitwährung einzuführen, nicht als Affront gegen die USA, sondern als Versuch, "sich zum Sprecher eines ökonomischen Universalismus" zu machen. Siebzig Jahre nach Ende des spanischen Bürgerkriegs konstatiert Paul Ingendaay, dass es im Land noch reichlich "Gemüts-Franquismus" gibt, dass der aber politisch eher folgenlos bleibt. Ingeborg Harms porträtiert den in der Werbe- wie der Porträtfotografie erfolgreichen Mario Testino. In der Glosse geißelt Andreas Rossmann die "kulturpolitische Fahrerflucht" des Essener Kulturdezernenten Oliver Scheytt.

Auf der DVD-Seite geht es um unbekanntes Godard-Material, gleich drei Film Noirs, einen Dokumentarfilm über Künstler mit Berlin-Stipendien und eine Spezialedition von Matteo Garrones viel gelobtem "Gomorrha". Auf der Medienseite berichtet Hajo Friedrichs über Versuche von Medienkonzernen, Gelder in Brüssel locker zu machen. Auf der Geisteswissenschaften-Seite teilt Jürgen Kaube nach Lektüre einschlägiger Aufsätze zur Lage mit, dass es den Humanities in den USA keineswegs besser, wenn auch teils anders schlecht geht als hierzulande.

Besprochen werden ein Pink-Konzert in Köln, Florian Gallenbergers Historienfilm "John Rabe" (eher Fernsehen als Kino, klagt ein wenig begeisterter Rüdiger Suchsland) und Bücher, darunter einige Neuübersetzungen von Nikolaj Gogol (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 01.04.2009

Gustav Seibt greift den Fall eines Göttinger Hartz-IV-Empfängers auf, der in der Fußgängerzone von Göttingen bettelte und daraufhin eine Kostennote vom Arbeitsamt erhielt. "Wann werden Kinder Mehrwert- oder Schenkungssteuer auf ihr Taschengeld bezahlen müssen?"

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld gratuliert Milan Kundera zum Achtzigsten. Johannes Willms stellt aus dem selben Anlass Kunderas in Frankreich erschienen Essayband "Une rencontre" vor (und geht dabei erstmals in diesem Feuilleton in einigen Zeilen auf die "Kundera-Affäre" ein). Jens-Christian Rabe meldet, dass Youtube möglicherweise demnächst Musikvideos, die von Plattenlabels selbst eingestellt werden, sperren lässt, weil die GEMA hierfür laut Youtube zu hohe Gebühren verlangt. Johannes Willms berichtet über Unruhe an französischen Universitäten. Kia Vahland verfolgte den 30. Kunsthistorikertag in Marburg. Auf der Literaturseite erzählt György Dalos, wie der von religiösen und literarischen Skrupeln geplagte Nikolaj Gogol einen zweiten Band seiner "Toten Seelen" schrieb, dann verbrannte und kurz darauf starb. Und Heinz Schlaffer liest die Neuübersetzung der "Toten Seelen" bei Artemis & Winkler.

Auf der Medienseite wird gemeldet, dass die Chicagoer Sun Times Media Group mit ihren 59 Zeitungen Gläubigerschutz angemeldet hat.

Besprochen werden Richard Wagners erste Oper "Die Feen" in Paris und eine Ausstellung mit Warhol-Porträts ebendort.