Heute in den Feuilletons

Die sogenannten Nahesteher

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.03.2009. In der Welt fürchtet der Kulturtheoretiker Hans-Jürgen Heinrichs, dass Suhrkamp seine Aura nicht mit nach Berlin nehmen kann. In der FR wettert Christopher Hitchens gegen den israelischen Rechtspopulisten Avigdor Lieberman. Im Kölner Stadtanzeiger bestreitet der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, dass das Internet oberflächlich macht. Die FAZ erblickt in den zusammengekniffenen Augen Clint Eastwoods die Möglichkeit der Veränderung.

NZZ, 04.03.2009

Matthias Messmer schildert, wie das leichte politische Tauwetter zwischen China und Taiwan auch auf die Kultur übergreift, wenn auch dem Austausch Grenzen gesetzt sind. "Kulturpolitik ist in China - trotz Bestrebungen, auch diesen Markt zu liberalisieren - noch immer Sache der Herrschenden, vor allem wenn es um das historische Erbe aus der Kaiserzeit geht. Das dient nicht nur der eigenen Profilierung, sondern auch dem Ansehen der Regierung in der breiten Masse. Anders sehen das weite Teile der taiwanischen Bevölkerung: Bereits die Schenkung zweier Pandas von Peking an die 'Landsleute in Taiwan' mit den propagandistischen Namen Tuantuan und Yuanyuan ('tuanyuan' bedeutet Wiedervereinigung) kurz vor Weihnachten löste nicht überall die erwünschte Begeisterung aus."

Weiteres: Georges Waser rätselt über das Verschwinden von insgesamt 50 Werken aus der Kunstsammlung der britischen Regierung und fragt sich, ob man wohl in den Kellern der Botschaftergattinnen suchen sollte. Besprochen werden ein historisches Buch von Jörn Leonhard über das Verhältnis von Krieg und Nation, eine Ausstellung im Leipziger Haus des Buches, die den DDR-Verleger Elmar Faber ehrt und diverse Kinder- und Jugendbücher (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 04.03.2009

Ein wenig grob gestrickt findet Hanns-Georg Rodek Clint Eastwoods neuen Film "Gran Torino", bei dem Eastwood zum letzten Mal vor der Kamera stehen will, aber wie der Mann knurren und fluchen kann, war ihm wieder die reinste Freude. In einem Interview lässt sich Peter Beddies von Eastwood zudem folgenden Rat geben: "Mach einfach immer weiter. Wenn Sie Dir die Tür in die Fresse schlagen, lass Dich nicht von Deinem Weg abbringen."

Weiteres: Der Kulturtheoretiker und Ethnologe Hans-Jürgen Heinrichs ahnt, dass der Suhrkamp Verlag seine Aura nicht von Frankfurt nach Berlin wird mitnehmen können: "Es würde mit den Mythen und Riten eines Stammes nicht gelingen, und es gelingt nicht mit einem Theater, einem Konzertsaal, einem Museum oder einem Verlag." Hendrik Werner informiert in der Randglosse über Bremens Pläne, seine bronzenen Stadtmusikanten zu verpflanzen. Felix Müller erinnert an den Umzug der Päpste nach Avignon vor siebenhundert Jahren.

Besprochen werden die Ausstellung "Das Triptychon in der Moderne" im Kunstmuseum Stuttgart, das seine Zuschauer in einen Betroffenheitsschock versetzende ARD-Drama "Marcel Reich-Ranicki" (das Gerhard Gnauck fragen lässt, wieso hier MRRs kurze Karriere als polnischer Agent zum dissidenten Akt umgedeutet wird) sowie Auftritte von Anna Netrebko, Elina Garanca und Bryn Terfel im Covent Garden in London.

TAZ, 04.03.2009

In tazzwei berichtet Reinhard Wolff über das Ende der Verhandlungen im Prozess gegen Pirate Bay. Wie das Gericht entscheiden wird, ist ungewiss, aber "'die Schlacht um die öffentliche Meinung haben wir verloren', konstatierte unumwunden ein PR-Berater der Musikbranche".

Besprochen werden Anja Hillings Zukunftsstück "Nostalgie 2175" am Bochumer Theater, Clint Eastwoods Film "Gran Torino" sowie CDs von Ben Klock und Len Faki.

Und Tom.
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Stichwörter: Clint Eastwood, Nostalgie

FR, 04.03.2009

In einem aus dem Slate Magazine übernommenen Artikel empört sich der amerikanische Publizist Christopher Hitchens über den rechtspopulistischen israelischen Politiker Avigdor Lieberman, der die Ausweisung der arabischen Bevölkerung aus dem jüdischen Staat fordert. "Avigdor Liebermans totalitärer Führungsstil zeigt sich aber noch deutlicher, wenn er darauf beharrt, dass nicht-zionistische ultraorthodoxe Juden entweder den Treueeid auf den Staat Israel schwören oder ihre Staatsbürgerschaft aufgeben sollen. Das läuft diametral der Vorstellung entgegen, dass die Juden seit Anbeginn der Zeiten in Jerusalem ansässig gewesen seien und ihr Anrecht auf das Land daher nicht abhängig sei von einem Staat oder einer Ideologie. Benjamin Netanjahu sollte sich schämen, wenn er sich auch nur vorübergehend mit Lieberman einlässt. So fragwürdig das 'Rückkehrrecht' schon sein mag, es beinhaltet auf keinen Fall ein 'Vertreibungsrecht'."

Weiteres: Hans-Jürgen Linke unterhält sich mit Peter Androsch, dem Leiter des Linzer Musikprogramms, über Lärm, "verantwortungsvolle Raumgestaltung" und das akustische Manifest. Daniel Kothenschulte bejubelt Clint Eastwoods Außenseiterfilm "Gran Torino" (öffnet Herzen, ohne herzig zu werden). Ninette Krüger macht sich in Times Mager Gedanken zur "Mehdornisierung" des Servicebereichs, in dem Geld mit der Erhebung sinnarmer Gebühren gescheffelt wird.

Besprochen werden die Ausstellung "Autopsie Schiller" im Marbacher Literaturmuseum und ein Konzert des Minnesota Orchestras in der Alten Oper Frankfurt.

Kölner Stadtanzeiger, 04.03.2009

(Via turi2) Patrick Beuth und Jörg Hunke unterhalten sich mit dem Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, der bestreitet, dass das Internet oberflächlich macht: "Wenn früher die Zeitungen über Tadschikistan berichtet haben - ich nenne das Land, weil ich darüber so gut wie gar nichts weiß -, dann musste man in die Bücherei gehen, um sich weitergehend mit diesem Staat beschäftigen zu können. Und wer hatte schon vor 40 Jahren die Zeit, zur Bücherei zu gehen, um sich dort ein Buch auszuleihen, in dem man dann stundenlang lesen musste?"

Weitere Medien, 04.03.2009

Der Guardian meldet, dass Orlando Figes' Buch "Die Flüsterer - Leben in Stalins Russland" nicht in Russland erscheinen wird. "The publisher said it was dropping the book for economic reasons, but the historian believes that the decision was the product of political pressure and reflects a desire by the Kremlin to rehabilitate Stalin." Auch die Büros der Menschenrechtsorganisation Memorial, mit der Figes für das Buch zusammenarbeitete, wurden mehrfach von der russischen Polizei durchsucht.

Google hat eine riesige Printanzeigenkampagne gestartet, um versprengte Autoren darauf aurmerksam zu machen, dass es ihre Bücher digitalisiert und ihnen dafür 60 Dollar pro Buch bezahlt, berichtet die New York Times: "So far, more than 200 advertisements have run in more than 70 languages: in highbrow periodicals like The New York Review of Books and The Poetry Review in Britain; in general-interest publications like Parade and USA Today; in obscure foreign trade journals like China Copyright and Svensk Bokhandel; and in newspapers in places like Fiji, Greenland, the Falkland Islands, and the Micronesian island of Niue (the name is roughly translated as Behold the Coconut!), which has one newspaper."

Berliner Zeitung, 04.03.2009

Björn Wirth unterhält sich mit der RBB-Intendantin Dagmar Reim über den Streit um den ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Das Problem liegt in der Zusammensetzung der Gremien, meint sie. Während im RBB nur sieben von dreißig Mitgliedern des Rundfunkrats Politiker sind, sind es beim ZDF 72 von 77: "Erschwerend kommt beim ZDF hinzu, dass hier nicht nur die Parteigesandten Einfluss ausüben. Manchmal sind die Intentionen der sogenannten Nahesteher sogar sehr viel intensiver. Zum Beispiel gibt es im ZDF straff durchorganisierte Freundeskreise."
Stichwörter: ZDF

SZ, 04.03.2009

Jens Bisky denkt über die Frage nach, ob man die DDR einen "Unrechtsstaat" nennen kann, was vom Linkspartei-Politiker Bodo Ramelow geleugnet wird. Dokumentiert wird ein Vortrag Carlo Ginzburgs über Davids Gemälde von der Ermordung Marats, den der Historiker bei einem Symposion zum 85. Geburtstag Willibald Sauerländers hielt. Gunnar Herrmann berichtet über die Plädoyers im schwedischen Prozess um die Internettauschbörse "The Pirate Bay". Jörg Königsdorf unterhält sich mit dem Tenor Ian Bostridge, der auf seiner jüngsten Recital-CD Händel für sich entdeckte und nun in München gastiert. Gratuliert wird dem Architekten Werner Wirsing zum Neunzigsten und dem Dirigenten Bernhard Haitink zum Achtzigsten.

Besprochen werden Clint Eastwoods neuer Film "Gran Torino" und Bücher, darunter Pascale Hugues' Erinnerungen an ihre deutsch-französischen Großmütter im Elsass.

FAZ, 04.03.2009

Clint Eastwood ist inzwischen 78, und in "Gran Torino" spielt er einen alten Rassisten. Aber man kann eben nicht anders als ihn zu lieben, und Verena Lueken macht das in ihre Kritik sehr überzeugend deutlich: "Ein Zusammenkneifen der Augen hier, ein Herunterhängenlassen der Mundwinkel dort, ein leichtes Heben der Nase, ein kurzes Öffnen der Lippen, ein Zucken in der Stirn, ein Blähen der Nasenflügel und immer wieder das kurze scharfe Einsaugen des Zigarettenrauchs mit zusammengekniffenem Mund. Kowalski, wie Eastwood ihn spielt, mag verbohrt sein, unbeweglich, verbittert. Aber in der Komplexität, die Eastwood seiner Mimik und Körpersprache gibt, liegt bereits die Möglichkeit der Veränderung."

Weitere Artikel: Hubert Spiegel besucht die Ausstellung zum 250. Geburtstag Friedrich Schillers in Marbach. Gina Thomas hält in der Leitglosse einen Trost bereit für den kommunistischen Historiker Eric Hobsbawm, dem der Einblick in seine britischen Geheimdienstakten verwehrt wird - immerhin könne er sich doch bis heute an dem Prestige erfreuen, das er als Einflussagent in Moskau genoss. Patrick Bahners macht darauf aufmerksam, dass es auch auf der Linken in der katholischen Kirchen Schismatiker und vor allem Schismatikerinnen in Gestalt von Bischöfinnen gibt, in diesem Falle aber ohne Chance auf Wiedereingliederung. Nach Peter Raue im Tagesspiegel (hier) und Gunnar Schnabel in der FAZ nimmt nun der Verwaltungsrichter Friedrich Kiechle Stellung zum umstrittenen Sachs-Urteil des Berliner Landgerichts, das die Restitution einer Plakatsammlung Sachs an den Erben des Sammlers verfügte, obwohl sein Vater keine Ansprüche mehr auf die Sammlung erhob.

Auf der Medienseite polemisiert Oliver Jungen mit großem rhetorischem Aufwand gegen ein von dem Leipziger Medienwissenschaftler Rüdiger Steinmetz verfochtenes Projekt eines Hochschulfernsehens. Jürg Altwegg empfiehlt eine in der ARD ausgestrahlte Dokumentation über einen Palästinenserjungen, der angeblich von den Israelis erschossen wurde - die Bilder gingen damals um die Welt - aber möglicherweise noch lebt.

Besprochen werden DVDs, darunter eine Box mit Filmen Tom Tykwers. Und Michael Althen resümiert eine Diskussion in amerikanischen Blogs über eine durch William Friedkin in überraschenden Farben herausgegebene DVD-Edition von "French Connection".