Heute in den Feuilletons

Pyramidenhafte Holzröcke

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.02.2009. Die Jungle World untersucht 20 Jahre nach der Morddrohung gegen Rushdie die Mentalität des Kulturrelativismus im Westen. In der Welt fordert Claus Leggewie aus demselben Anlass ein Blasphemiegebot. Laut NZZ haben Blogger in Norwegen ein neugefasstes Blasphemieverbot unterdes verhindert. Die FAZ wagt den Blick in die Einheitsfratze der Fußgängerzone.

Welt, 13.02.2009

Claus Leggewie schreibt zum 20. Jahrestag der Mordaufrufe gegen Salman Rushdie und nennt den Kulturrelativismus, der daraufhin im Westen blühte und gedeihte, eine "Kapitulation": "Die wahren Gotteslästerer sitzen in den Hochburgen religiösen Dogmatismus' und Fanatismus'; ihnen müssen freie Gesellschaften geradezu ein Blasphemiegebot entgegensetzen, auf dass die Frommen lernen, selbst obszöne und geschmacklose Religionskritik souverän auszuhalten. Die Wehleidigkeit und Gewaltanfälligkeit der islamistischen Internationale demonstrieren, wie schwach sie im Glauben ist."

Weitere Artikel: Gernot Facius erinnert im Aufmacher an Calvin, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 500. Mal jährt. Stefan Keim fürchtet, dass manche Theater in NRW zum Opfer von Sparvorgaben der Landesbehörden werden könnten, darunter das Grillo-Theater in Essen. Berthold Seewald kommentiert das Gerangel um die Berliner Nofretete-Büste, die nach der Publikation eines bisher unbekannten Dokuments wieder von ägyptischen Behörden zurückgefordert wird. Peter Dittmar schreibt über die anstehende Versteigerung der faraminösen Kunstsammlung von Yves Saint-Laurent, wo unter anderem zwei chinesische Bronzen ausgerufen werden, die die chinesische Regierung zurückfordert. Auf der Berlinale-Seite geht's unter anderem um Theo Angelopoulos' neuen Film "The Dust of Time". Und Cosima Lutz porträtiert den "schlechtesten Regisseur der Welt", Uwe Boll.

Jungle World, 13.02.2009

In einem lesenswerten Essay zu 20 Jahren Morddrohung gegen Salman Rushdie beschreibt Udo Wolter, wie Kulturrelativismus funktioniert: "Aus einer scheinbaren Äquidistanz, die 'Essentialisierungen auf beiden Seiten' zu kritisieren vorgab, wurde der von Islamisten angestachelte, bücherverbrennende Mob, der keineswegs die Mehrheit der Migranten repräsentierte, zum 'authentischen' Repräsentanten migrantischer Kämpfe erklärt. Der religionskritische Kosmopolitismus Rushdies hingegen wurde als Kollaboration mit westlicher 'Islamophobie' und Kultur­imperialismus denunziert."

FR, 13.02.2009

Tom Mustroph berichtet aus Italien, dass Silvio Berlusconi die Telefonüberwachung rigoros einschränken will, aber keiner jubelt: "Unabhängigen Beobachtern des Justizsystems kommt die Gesetzesnovelle wie ein Versuch vor, dem korruptionsgeneigten Teil der politischen und administrativen Oberschicht das kriminelle Tun zu erleichtern. Viele der Skandale, die in den letzten zwei Jahrzehnten Italien erschüttert hatten, hätte es unter den jetzt vorgeschlagenen Bedingungen nicht gegeben. Der Betrug beim Lebensmittelriesen Parmalat wäre niemals aufgedeckt worden, Giulio Andreottis Mafia-Mauscheleien nur Gerücht geblieben und auch die Spielmanipulationen im Fußball nie herausgekommen."

Im Interview mit Julia Kospach spricht die Autorin Ruth Klüger über Antisemistismus, Frauenfeindlichkeit, ihre Vorliebe für Black Jack und die Fortsetzung ihrer Autobiografie "unterwegs verloren": "Ich habe in manchen Rezensionen gelesen, dass es voller Bitterkeit und Ressentiment sei. Das ist einerseits richtig. Ich halte Ressentiment allerdings für eine vertretbare Haltung."

Weiteres: Jürgen Otten hält das Skandalpotenzial von Hans Werner Henzes jetzt herausgekommener NSDAP-Mitgliedschaft für recht gering. Wahrscheinlich wurde Henze im April 1944 im Zuge einer Sammelaufnahme zum Geburtstag des Führers eingezogen. In der Times mager widmet sich Harry Nutt dem neuen Streit um Nofretete. Besprochen werden die Konzerte des Plushmusic-Festival in Köln und Sofja Tolstajas Erzählung "Eine Frage der Schuld".
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NZZ, 13.02.2009

Aldo Keel berichtet vom Kampf norwegischer Blogger gegen die Pläne der rot-grünen Regierung, das überholte Blasphemie-Gesetz abzuschaffen und stattdessen den Anti-Rassismus-Paragrafen auf Äußerungen auszudehnen, die sich gegen religiöse Gefühle und Lebensanschauungen richten. Hierin sahen Kritiker eine verdeckte Wiederbelebung des Blasphemie-Gesetzes, das zuletzt in den 1930er-Jahren Anwendung fand. Keel resümiert: "Als das Ministerium den Plan in einer Pressemitteilung bekanntgab, blieben die traditionellen Medien stumm." Doch die Blogger setzten das Thema auf die Tagesordnung: "Die Kritik der Blogger mündete in einen Aufruf an das Ministerium und die Parteien, der von 8267 Personen unterzeichnet wurde, unter ihnen Schriftsteller wie Roy Jacobsen, Ingvar Ambjornsen und Anne B. Ragde sowie zahlreiche Professoren. Vom Internet gelangte das Thema schließlich in die traditionellen Medien, und vor einigen Tagen hat die Regierung das Vorhaben nach einer kurzen und heftigen Debatte aufgegeben."

Weiteres: Anne-Katrin Weber berichtet über das Unterfangen der New Yorker Metropolitan Opera, ihre Aufführungen in Kinosäle übertragen zu lassen. Besprochen werden die Ausstellung "Hot Spots" im Kunsthaus Zürich, die Schau "Die Welt der Madelon Vriesendorps" im Schweizerischen Architekturmuseum Basel, Robyn Hitchcocks Album "Goodnight Oslo" und "Truce Diaries - Nits", ein multimediales Tagebuch der niederländischen Pop-Band Nits.

Die Medienseite sieht den Papst in der Presse ungerecht behandelt. Außerdem geht's um das Verhältnis von Journalisten zur Schweizer Bundesverwaltung in Bern und eine Untersuchung über Georg von Holtzbrinck im Dritten Reich.

Aus den Blogs, 13.02.2009

Oliver Marc Hartwich kommentiert in der Achse des Guten die Verweigerung der Einreiseerlaubnis für den holländischen Rechtspopulisten Geert Wilders, der eigentlich im britischen Oberhaus seinen Film "Fitna" zeigen sollte: "Noch übertroffen wurde die Entscheidung allerdings von der Begründung, die der Vorsitzende des Innenausschusses im britischen Parlament, der Labour-Abgeordnete Keith Vaz, gestern Abend in der BBC-Sendung Newsnight nachlieferte. Von einem gemäßigten Muslim gefragt, warum dieser nicht mit Wilders über dessen Film "Fitna" debattieren dürfe, antwortete ihm Vaz, dass er das doch selbstverständlich könne. Er müsse sich nur in ein Flugzeug setzen und nach Amsterdam fliegen."

Google scheint aus der Werbevermarktung außerhalb des Internets auszusteigen und entlässt vierzig Mitarbeiter des Radiovermarkters dMarc. Gawker kommentiert: ""The strategy had more to do with Wall Street than with Madison Avenue, though: Google desperately needed to create the illusion for shareholders that it could tap more than just the market for Internet search ads. Google has already pulled out of print advertising. Now radio is gone. Will TV advertising be next?"

Medienlese präsentiert eine Liste mit den 50 besten Zitaten über das Internet. Unser Liebling: "Google hat Angst vor uns" (Hanspeter Lebrument, Präsident des Verbandes Schweizer Presse, VSP, am 21.09.2007)

TAZ, 13.02.2009

Julia Grosse führt durch eine Ausstellung des "Konzeptkünstlers der Mode" Hussein Chalayan im Londoner Designmuseum. Dessen Vorstellung von Weiblichkeit zeige sich "selten in zarten Stoffen, die sich hauteng um die Sanduhrformen der Trägerin winden. Wenn er weibliche Form betont, meißelt, gießt und haut er sie aus Holz oder Kunststoff in eine derart starre Skulptur, dass die Models in hölzernen Korsetts oder pyramidenhaften Holzröcken eher aussehen wie Puppen, Figuren und Maschinen aus den Avantgarde-Fantasien von Schlemmer bis De Chirico."

Auf der Berlinale sah Ulrich Gutmair im Forum den Dokumentarfilm "Letters to the President" des in Athen lebenden Tschechen Petr Lom, der zeige, wie Irans Präsident Ahmadinedschad die Massen manipuliert. Ebenfalls im Forum sah Andreas Busche "Double Take" von Johan Grimonprez, ein wild wucherndes Essay über Fernsehklischees und Schizophrenie. Besprochen wird außerdem das neue Album von Morrissey "Years of Refusal".

"Will man optimistisch sein, kann man behaupten, dass sich Israel in eine Sackgasse gewählt hat", kommentiert der Soziologe Moshe Zuckermann das Wahlergebnis und rauft sich vor allem über das Fiasko der Arbeiterpartei die Haare: "Amos Oz' jüngst proklamierte Feststellung, die Arbeitspartei habe ihre historische Rolle ausgespielt, mag mit diesem Wahlergebnis in der Tat eine symbolische Bestätigung erfahren haben. Aber man vergesse nicht das noch wesentlich desaströsere Wahlergebnis der linkszionistischen Meretz-Partei, der sich Oz im Wahlkampf großtönend angeschlossen hatte. Es verweist darauf, dass sein Diktum nicht nur für die Arbeitspartei, sondern vermutlich für die gesamte zionistische Linke gilt."

Und hier Tom.

SZ, 13.02.2009

Auf der Literaturseite wird gemeldet, dass die Stadt Frankfurt auf den Suhrkamp Verlag nicht gut zu sprechen ist: "Das Tischtuch zwischen Stadt und Verlag sei zerschnitten, äußerten Vertreter der schwarz-grünen Rathauskoalition gegenüber Frankfurter Medien. Für die künftige Nutzung des Areals des Verlagssitzes an der Lindenstraße solle die bestehende Bebauungsordnung restriktiv ausgelegt werden, um die Profitabilität der Verwertung zu beschränken, hieß es."

Weitere Artikel: Gerhard Matzig und Susanne Weinhart freuen sich auf bescheidenere Zeiten für die Architektur dank Finanzkrise. Angela Ullmann stellt die israelische Videocomic-Serie "Ahmed und Salim" (auf Youtube mit englischen Untertiteln) vor, in der ein palästinensischer Terrorist keinen großen Erfolg dabei hat, seine Kids zu Nachwuchsterroristen zu erziehen. Franziska Seng hat die kubanische Bloggerin Yoani Sanchez besucht. Alexander Menden übermittelt aus England die skurrile Anekdote von einem Tory-Mitarbeiter, der kurzerhand Tizians Lebensdaten in der Wikipedia änderte, um Gordon Brown schlecht aussehen zu lassen. Franziska Augstein warnt davor, den nun aufgetauchten Hinweisen auf eine NSDAP-Mitgliedschaft des Komponisten Hans Werner Henze - der diese bestreitet -, allzu schnell Glauben zu schenken. Alexander Kissler hat eine Tutzinger Tagung zu den "Grenzen des Menschlichen" besucht.

Über den verblüffenden Erfolg der Neuauflage eines 1929 erstmals erschienenen marxistisch inspirierten Romans in Japan informiert Christoph Neidhart. Michael Huber porträtiert den Künstler Hasan Elahi, der sein Leben komplett ins Internet stellt - Kreditkarten- und andere Informationen inklusive.

In Sachen Berlinale schreibt Susan Vahabzahdeh über die Wettbewerbsbeiträge "Happy Tears" und "Der Staub der Zeit" und Fritz Göttler informiert über "Subversives aus Frankreich" in den Nebenreihen. Auf der Literaturseite schildert Tobias Lehmkuhl den erstaunlichen postumen Erfolg, den Roberto Bolano in den USA mit seinem Roman "2666" feiert.

Besprochen werden eine Jürgen-Kruse-Inszenierung, die Hölderlins "Empedokles" und Tschechows "Auf der großen Straße" miteinander in Beziehung setzt, eine Erlanger Aufführung von Michael E. Bauers Adelsoper "Wilhelmine-Code", die Ausstellung "Frans Hals und Haarlems Meister" in der Münchner Kunsthalle, die Ausstellung "Nach der Flut die Flucht. New Orleans - die ausgewanderte Stadt" im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven und Bücher, darunter George-Arthur Goldschmidts Erinnerungen "Die Faust im Mund" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 13.02.2009

Der Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler polemisiert gegen die Fußgängerzone als eine Idee, die sich überlebt hat: "Dort, wo man sich getroffen hatte, hatte Handel stattgefunden, politische Reflexion, das Gelage, die Bekanntschaft von Mann und Frau. Das Reenactment der mittelalterlichen Szene vor den Kulissen von C & A und Kaufhof wurde bezahlt mit einer Entfremdung der Stadt von ihrer Lage in der Landschaft, der Windrose, der Kartografie. Die vielbeklagte Ortlosigkeit, die Einheitsfratze der Fußgängerzone mag die Verwirrung der Gemüter hervorgebracht haben, wahrscheinlich aber war es andersherum: Wo der Funktionszusammenhang vage wird, werden alle Formen austauschbar, bauliche, psychische, merkantile."

Weitere Artikel: Alexander Armbruster fragt sich, ob sich nach dem Crash etwas an der "Liar's Poker"-Kultur völlig wahnsinniger Wett-Einsätze im Bankengeschäft ändern wird. Dirk Schümer unterhält sich mit dem venezianischen Oberrabbiner Elia Enrico Richetti über dessen Kritik an den jüngeren Entwicklungen der katholischen Kirche. Kerstin Holm referiert jüngste Recherchen zur Erfolgsgeschichte von Boris Pasternaks Roman "Doktor Schiwago", die zum Ergebnis kommen, dass der Geheimdienst CIA dabei gewaltig die Finger im Spiel hatte. Nicht zufrieden ist Dieter Bartetzko mit dem Ausgang des Architekturwettbewerbs für ein neues Konzerhaus in Bonn. Max Nyffeler war auf der Musik-Messe Midem in Cannes. In der Glosse staunt Jürg Altwegg über hohe französische Staatsbedienste, die die Kunstschätze ihres Dienstherrn mitgehen lassen. Julia Bähr berichtet vom Auftakt des nunmehr experimentbefreiten Augsburger Brecht-Festivals. Joachim Müller-Jung berichtet über jüngere Forschungsergebnisse dazu, wieviel Neandertal-Gen wohl in uns steckt.

Im Berlinale-Zusammenhang glossiert Andreas Platthaus die Signets und Logos der produzierenden Firmen. Leo Y. Wild begutachtet Transgender-Filme beim Festival. Rezensionen gibt es zu Theo Angelopoulos' "Der Staub der Zeit", zu Dante Lams Hongkong-Thriller "The Beast Stalker", dem Doors-Film "When You're Gone" von Tom DiCillo und Ulrike Ottingers Dokumentation "Die koreanische Hochzeitstruhe".

Besprochen werden Hasko Webers Stuttgarter Theater-Version von Tarkowskis Film "Stalker", die Ausstellung "Endless Forms: Charles Darwin, Natural Science and the Visual Arts" im Yale Center for British Art, und Bücher, darunter Arnaud Cathrines Roman "Richard Taylor wird vermisst" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).