Heute in den Feuilletons

Eine Art einvernehmliche Trennung

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.10.2008. Elke Heidenreich hatte sich Marcel Reich-Ranicki an die Brust geworfen, aber der fängt sie mit einigem Aplomb nicht auf - und bietet dem ZDF statt dessen seine Mithilfe bei der Suche nach einer NachfolgerIn an. Denn, ja, sie ist gefeuert. Die Zeitungen sind sehr aufgeregt. Auch die Verleger machen sich Sorgen. Bernard-Henri Levy verteidigt in Le Point Milan Kundera.

Spiegel Online, 24.10.2008

Spiegel Online zitiert aus einem MRR-Interview zu Fernsehpreis-Eklat, Heidenreich und Gottschalk in der Bunten: "Thomas als dumm hinzustellen ist eine Unverschämtheit. Elke hat sich miserabel benommen. Sie hat noch intrigiert. Sie wollte, dass man Thomas meine Laudatio wegnimmt, um sie selbst zu halten"

SZ, 24.10.2008

Auf der Medienseite lesen wir einen Offenen Brief verschiedener Verleger, die die Verantwortlichen des ZDF "nachdrücklich" bitten, die Absetzung von Elke Heidenreichs Sendung "Lesen" zu revidieren. Immerhin habe Heidenreich "die Diskussion über Bücher und Autoren in diesem Land ... befeuert, und ... einem breiten Publikum auf einzigartige Weise die Literatur nahegebracht".
Die SZ leitet diesen Brief mit dem Satz ein: "Die Buch-Empfehlungen von Elke Heidenreich in ihrer Sendung 'Lesen!' waren bisher für Buchhändler und Verlage wichtige Umsatzverstärker."

Christopher Keil berichtet in einem zweiten Artikel, Heidenreich sei wegen ihrer scharfen Kritik an der Sendung zum Deutschen Fernsehpreis und ihrer Verteidigung Marcel Reich-Ranickis gefeuert worden. Doch könnte es noch andere Gründe gegeben haben: "Heidenreich, sagte Reich-Ranicki der SZ, habe die Laudatio selbst vortragen wollen. Sie glaubte, Gottschalk sei dazu nicht in der Lage. Doch der habe seine Sache 'sehr gut gemacht'. Dass sich das ZDF von Heidenreich trennt, 'war naheliegend', sagte Reich-Ranicki." Das ZDF entwickle jetzt eine neue Literatursendung. "Bei der Frage, wer diese leiten solle, werde er dem ZDF behilflich sein, bot Marcel Reich-Ranicki - sofern sich der Sender an ihn wende." Das toppt das Niveau von Atze Schröder in der Tat!

Für das Feuilleton hat sich Jörg Häntzschel in den Landstrichen rund um New York umgesehen, in denen die Reichen ihre Anwesen haben, und ist auf eher gedrückte Stimmung gestoßen. Außerdem meldet er, dass Norman Foster für den Ausbau der New Yorker Public Library veranwortlich sein wird. Nicht als erster berichtet Klaus Englert aus dem Duisburger Stadtteil Marxloh, wo jetzt Deutschlands größte Moschee eröffnet wird. Auf die Aktionswoche "Deutschland liest" bereitet uns Johan Schloemann vor. Jürgen Berger schreibt über Auftritte beim Steirischen Herbst in Graz. Alex Rühle gratuliert dem Verleger und Selberlebenserzähler Jörg Schröder, Verena Mayer dem Schriftsteller Walter Kappacher zum Siebzigsten.

Besprochen werden die Retrospektive der großen Werke von Wassily Kandinsky in München, ein Münchner Konzertabend, bei dem Gustavo Dudamel etwas zu temperamentvoll die "Symphonie Fantastique" dirigierte und der junge Geiger Sergej Khachatryan überzeugte, "Rambling Boy", das Country-Album des Jazz-Avantgardisten Charlie Haden, neue Alben junger US-Singer-Songwriter und Bücher, darunter Hans Stiletts Montaigne-Wanderungen "Von der Lust, auf dieser Erde zu leben" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 24.10.2008

Uwe Wittstock schildert (allerdings ohne die einschlägigen MRR-Zitate) die unschönen Umstände von Elke Heidenreichs Rausschmiss, an dem sie ja nicht ganz unschuldig ist, würdigt aber vor allem ihre Verdienste: "Sicher ist, dass Elke Heidenreich mit 'Lesen!' für die Vermittlung von Literatur durchs Fernsehen Wichtiges geleistet hat. So wie es in den Jahren zuvor Reich-Ranicki mit dem 'Literarischen Quartett' gelungen ist, so gelang es ihr, Menschen für Literatur zu interessieren, die sonst nie ein Buch in die Hand genommen hätten."

Weitere Artikel: Matthias Heine sucht nach Erklärungen für den Mittelalter-Boom in der populären Kultur ("Auf dem Jakobsweg herrscht Pilgerstau"). Hendrik Werner beobachtet in der Leitglosse, dass der nächste Präsident der USA auf jeden Fall Linkshänder sein wird. Manuel Brug besucht die Budapester Oper, die durch den Dirigenten Adam Fischer auf Vordermann gebracht werden soll. Sven Felix Kellerhoff liest aus aktuellem Anlass ein Buch über Bankiers. Brigitte Preissler unterhält sich mit dem Comiczeichner- und -autor Jason Lutes, der eine ganze Reiee von Comics über Berlin zur Zeit der Wirtschaftskrise vorlegt. Dankwart Guratzsch besucht eine der preußischen Königin Luise gewidmete Ausstellung in Königsberg.

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung über den Kunstraub der Nazis in Paris und Edward Albees Stück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" am Burgtheater.

Auf der Forumsseite verteidigt Wolfgang Schäuble die arg gebeutelte Marktwirtschaft.
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Aus den Blogs, 24.10.2008

Burkhard Müller-Ulrich startet seinen Kommentar über den Heidenrich-Rausschmiss auf der Achse des Guten so: "Wir wollen jetzt mal ganz behutsam sein mit schadenfrohen und gehässigen Bemerkungen unter Berufskollegen, unter befreundeten Sendeanstalten des öffentlichen Rechts und unter Kulturbetriebsangehörigen. Behutsamer jedenfalls als Elke Heidenreich, die über Thomas Gottschalk schrieb: 'er ist nicht intelligent, er ist nicht charmant, er hat keinen Witz', die Denis Scheck als 'Rolltreppendickerchen' verhöhnte und die erklärte, sich dafür zu schämen, in so einem Sender wie dem ZDF überhaupt noch zu arbeiten. Und wir wollen deshalb ganz behutsam fragen, warum das ZDF ihren vor knapp zwei Wochen in der Sonntags-FAZ herausgebrüllten Wut-Wunsch: 'Von mir aus schmeißt mich jetzt raus!' auf einmal erfüllen will."

Stefan Niggemeier hat eine originelle Sicht auf die Dinge: "Man muss kein Paartherapeut sein, um zu wissen, dass Elke Heidenreich, als sie nach der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises anfing, mit Geschirr zu werfen und zu rufen: 'Dann werft mich halt raus', damit nicht darum bettelte, rausgeworfen zu werden. Sie bettelte darum, dass der Sender ihr zeigte, dass er sie schätzt."

NZZ, 24.10.2008

Auf den vorderen Seiten begrüßt B.W. nachdrücklich den Sacharow-Preis für den chinesischen Bürgerrechtler Hu Jia: "Hu stellte keine überrissenen Demokratieforderungen an die Pekinger Führung, sondern engagierte sich als Bürger im chinesischen Alltag und wurde dafür ins Gefängnis geworfen. Er setzte sich für den Schutz der Umwelt ein und deckte einen folgenschweren Handel mit Aids-verseuchtem Blut auf. Seine Erfahrungen mit behördlichen Schikanen bei diesem Engagement führten ihn dazu, Fälle von Einschüchterungen und Festnahmen anderer engagierter Bürger zu dokumentieren und bekanntzumachen."

Im Feuilleton macht der Bochumer Literaturwissenschaftler Manfred Schneider einige grundsätzliche Bemerkungen zur Mediendemokratie aus Professorensicht. Paul Jandl eröffnet die Saison am Wiener Schauspielhaus, dessen Intendant Andreas Beck "zum Hoffnungsträger für Innovationen" in der Stadt geworden sei.

Besprochen werden Wagner-Aufführungen in Bremen und Hamburg, Fernando Meirelles' Saramago-Verfilmung "Stadt der Blinden" und auf der Plattenseite neue Tracks des Berliner Dance-Pioniers Moritz von Oswald sowie das Album "Black Ice" von AC/DC.

Auf der Medienseite kritisiert Peter Studer ein Urteil des Schweizer Bundesgerichts gegen den Einsatz versteckter Kameras im Zuge journalistischer Recherchen. Usahma Darrah beschreibt, wie in den USA die Präsidentschaftskandidaten im Internet um junge Wähler werben.

Weitere Medien, 24.10.2008

Milan Kundera ist ja in gewisser Hinsicht der erste französische Autor, der in eine Art Stasi-Debatte verwickelt wird. In Le Point bezweifelt Bernard-Henri Levy , wie auch die anderen französischen Autoren, die sich bisher äußerten, die Echthheit des Dokuments, auf dem die Anschuldigungen beruhen. Und obwohl sich in Frankreich bisher keine einzige Kundera-kritische Stimme erhoben hat, geißelt er die Medienaufmerksamkeit für das Thema und hält ein flammendes Plädoyer der Verteidigung: "Ich denke an Milan Kundera. Ich denke an diesen präzise wie ein Ballett choreografierten literarischen Krieg, wo gleich der erste Schlag sitzt und eine Zeitschrift, die auch noch die Frechheit besitzt, sich Respekt zu nennen, beschlossen hat, dich zu zerstören, und dir bleibt nur noch, die Schläge einzustecken, den Rücken zu krümmen und den Rest deiner Tage mit einem infamen Schatten zu leben, der nicht der eigene ist."

In Eurozine verteidigt Samuel Abraham, Chefredakteur der slowakischen Zeitschrift Kritika & Kontext, Milan Kundera. Er glaubt: "Kundera kann sagen was er will, die Anklagen tausend mal abstreiten, es kann nicht das Stigma der Schuld von ihm nehmen." Abraham hat ihm geschrieben und seine Abscheu über diesen Artikel bekundet. Kundera habe sofort geantwortet: "Ich glaubte nicht, dass es möglich war, so eine internationale Anklage auf der Grundlage einer einzigen Lüge loszutreten."

Perlentaucher, 24.10.2008

Milan Kundera soll reden, meint Anja Seeliger: "Wenn Kundera fälschlich beschuldigt wurde, dann hat er das Recht sich zu wehren. Er hätte es auch vor der Veröffentlichung des Artikels schon tun können, denn Respekt hat ihn in einem Fax rechtzeitig über die Recherchen informiert. Bevor er aber von einem 'Attentat auf einen Autor' spricht und eine Entschuldigung von Respekt verlangt, sollten er und die Öffentlichkeit auch mal einen Gedanken an Iva Militka und Miroslav Dvoracek verschwenden. Sie verdienen die Wahrheit."
Stichwörter: Milan Kundera

FR, 24.10.2008

In der Frankfurter Diskussion um die "Soziale Stadt" stellt Christian Thomas einige Grundsätze auf: "Die 'Soziale Stadt' findet nicht nur im Kiez statt, sie umfasst ein Ensemble aus unterschiedlichen Interessen und Milieus, sie wird aus einem Ensemble aus verschiedenen Räumen gebildet, solchen, die Vertrautes liefern, Gesichter, Farben, Gerüche. Doch solange zur 'Sozialen Stadt' nicht auch Räume gehören, in denen man sich dem Befremden ausgesetzt fühlt (oder gar dem Fremden und Anderen selbst), ist für die Stadt nichts gewonnen."

Weiteres: Christian Schlüter stellt in Times Mager richtig, dass das derzeit viel zitierte Spottgedicht "Wenn die Börsenkurse fallen" nicht von Tucholsky, sondern von einem rechten Ultra aus Österreich ist - was man an solchen Unwörtern wie "Spekulantenbrut" auch merken könne. Besprochen werden die große Retrospektive des Jahrhundertfotografen Richard Avedon im Berliner Martin-Gropius-Bau, Carolin Widmanns und Denes Varjons Einspielung von Schumanns Violinsonaten, die neuen Alben der Kaiser Chiefs und von Little Man Tate, Oliver Pys Inszenierung des "Freischütz" am Grand Theatre in Genf und der Band zur Willensfreiheit "Freiheit, Schuld und Verantwortung" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14).

TAZ, 24.10.2008

Andreas Fanizadeh kommentiert Elke Heidenreichs Rausschmiss: "So kam, was kommen musste: Das große ZDF kann die öffentliche Kritik einer einzigen Sendemoderatorin nicht verwinden." Dem Thema wird dann eine ganze Tagesthemenseite gewidmet. Der einstige Fernsehmoderator Friedrich Küppersbusch meint im Interview: "Ich denke, dass es sich um eine Art 'einvernehmliche Trennung' handelt." Steffen Grimberg trägt die Fakten nach, allerdings ohne die kraftvollen MRR-Äußerungen.

Im Feuilleton gratuliert Rene Hamann dem Popsänger Robert Smith (von The Cure) zum Fünfzigsten. Und Mathias Bröckers schreibt zum Siebzigsten des Verlegers Jörg Schröder. Auf der Medienseite annonciert Boris Rosenkranz drastische Kürzungen bei der WAZ-Gruppe.

Und Tom.

FAZ, 24.10.2008

Gemeldet wird, dass das ZDF Elke Heidenreichs "Rausschmeißen!"-Aufforderung mit sofortiger Wirkung nachkommt - und dass einige Verleger entsetzt Protest dagegen eingelegt haben. (Die MRR-Äußerungen werden ausnahmsweise nur recht selektiv wiedergegeben.)

Eine ziemlich vernichtende Klimabilanz der Regierung Bush zieht Katja Gelinsky. In der Glosse informiert Jürg Altwegg darüber, dass Werke deutscher Autorinnen und Autorin in Frankreich in diesem Herbst nur in sehr überschaubarer Anzahl in Übersetzung erscheinen. Hubert Spiegel stellt "Raga. Besuch auf einem unsichtbaren Kontinent" vor, das jüngste Buch von Literaturnobelpreisträger J.M.G. Le Clezio, das ab heute in der FAZ vorabgedruckt wird. Jürgen Richter schreibt über Geschichte, Gegenwart und mögliche Zukunft von Herrenhaus und Park von Holzdorf bei Weimar. Vom Theaterfestival in Lemberg berichtet Renate Klett. Thomas Jansen gratuliert dem Historiker Helmut Georg Koenigsberger zum Neunzigsten. Hannes Hintermeier hat sich mit dem Satiriker Gerhard Polt über die Veränderungen nach der Wahl in Bayern unterhalten, von denen Polt aber meint, dass sie so groß nicht sind. Martin Thoemmes informiert über eine Ausstellung, in der auch zu erfahren ist, dass Hitler selbst in das Verfahren gegen Bischof von Galen eingegriffen hat. Jan Wiele porträtiert den Folksänger Country Joe McDonald.

Besprochen werden die Christian-Jankowski-Retrospektive in Stuttgart, die Filmversion der "Boheme" mit Anna Netrebko und Rolando Villazon, eine Aufführung von Cherubinis "Medea" in Turin und Bücher, darunter Romain Garys Autobiografie "Frühes Versprechen" und Holm Friebes und Thomas Ramges Mikroökonomie-Streitschrift "Marke Eigenbau" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).