Heute in den Feuilletons

Gebot der Nullintelligenz

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.10.2008. Die NZZ berichtet von einer Fatwa saudi-arabischer Kleriker gegen die populäre Seifenoper "Noor", in der sich Muslime bei Wein und vor der Ehe lieben. Außerdem erklärt Steinunn Sigurdardottir, wie Gordon Brown Islands Finanzwelt den Todesstoß versetzte. Die Welt greift das Drama um Milan Kundera auf und berichtet von einem Entlastungszeugen. Die taz schildert, wie die Finanzkrise das türkische Kulturleben trifft. Und die FR bestaunt die hohe Kunst, Rauchverbote zu umgehen.

NZZ, 17.10.2008

In Saudiarabien begann der Ramadan mit einer bizarren Note, berichtet Usahma Felix Darrah auf der Medienseite: "Zu Beginn dieses Ramadans waren viele Araber schockiert, als ein prominenter Kleriker in Saudiarabien erklärte, angesichts der 'frevelhaften' Sendungen mancher Satellitenkanäle sei es zulässig, die Eigentümer der TV-Netzwerke zu töten. Der Kommentar des Vorsitzenden der höchsten Justizbehörde Saudiarabiens, Scheich Saleh al-Luhaidan, war der vorläufige Gipfel einer anhaltenden Kontroverse über das arabische Ramadan-Fernsehen. Al-Luhaidan verurteilte besonders die populäre Seifenoper 'Noor' als 'voller moralischer Abgründe und als Krieg gegen die Tugend' und untersagte Muslimen, die Serie anzuschauen. Indem deren muslimische Figuren verliebt Wein trinken, sich vorehelich lieben und eine Hauptfigur eine Abtreibung vornehmen lässt, verletzt die Sendung religiöse Tabus." (Mehr zu "Noor" in der Le Monde diplomatique)

Weitere Artikel: Urs Gasser, St. Galler Professor für Informationsrecht, erklärt im Interview den vor 1980 Geborenen, was es mit den "digital natives" auf sich hat. Ras. beschreibt das Gleichgewicht des Schreckens in der Mediengesellschaft.

Im Feuilleton erklärt die Schriftstellerin Steinunn Sigurdardottir, wie Island ein Opfer der Finanzkrise wurde: "Es ist durchaus zweifelhaft, ob die Reaktion der isländischen Regierung und der Notenbank bei Ausbruch der Krise geeignet war, die Lage zu beruhigen. Der Gnadenstoß für Islands Wirtschaft kam indessen von Großbritannien. Gordon Brown erklärte, Island stehe vor dem Staatsbankrott, und fror, gestützt auf Anti-Terror-Gesetze, isländische Bankguthaben in England ein. Freundliche britische Diplomaten versuchten die kriegsähnliche Situation zwischen den beiden Ländern zu entspannen, doch führten angeblich erst weniger diplomatische Worte des Präsidenten der isländischen Notenbank, der die britischen Sparguthaben garantierte, die Wende herbei. Derweil gefiel sich der britische Premierminister in kolonialer Kriegsherrenrhetorik gegenüber dem in Not geratenen Island, in dem er die Falklandinseln des Nordens gefunden zu haben glaubte."

Weiteres: Daniel Ender berichtet über das Musikprogramm des Steirischen Herbstes. Christoph Wagner stellt neue Trends im englischen Jazz vor. Besprochen werden die Ausstellung "Balkanology" im Schweizerischen Architekturmuseum Basel, Tobias Putrihs Gestaltung des Genfer Kunstraums Attitudes, Bob Dylans CD "Tell Tale Signs" und Bücher, darunter Bob Woodwards Buch "The War Within".

Welt, 17.10.2008

Hans-Jörg Schmidt berichtet in der Affäre um Milan Kundera von einem Zeugen, dem Literaturhistoriker Zdenek Pesat, der Kundera entlastet. Nicht dieser habe den West-Agenten an die Polizei verraten, sondern tatsächlich der bisher verdächtigte Miroslav Dlask: "Dlask, so Pesat, habe ihm den Verrat bei der Polizei selbst anvertraut. ... Die Aussage Pesats ist Wasser auf die Mühlen derer, die sich in Prag seit Bekanntwerden der Affäre um die Verteidigung Kunderas bemühen und die Untersuchungsbehörde Ustr unsauberer Methoden anklagen. Die Ustr bleibt jedoch bei ihrer Darstellung, wonach Kundera Verrat begangen habe. Dies würden sowohl Zeugenaussagen als auch die vorliegende Akte der Polizei belegen, die Kunderas Aussage gegen den Agenten Dvoracek enthält. Das Dokument der Polizei sei über jeden Zweifel erhaben, auch wenn es nicht von Kundera selbst unterschrieben worden sei." (mehr zu diesem Drama hier und hier)

Der libanesische Autor Jacques Naoum wirft einen Blick auf die miserable Lage der orientalischen Christen: "Dramatisch ist die Lage der 90.000 iranischen Christen, die verpflichtet sind, ihre Läden mit 'Summi' zu beschriften, während ihre Kinder aufgrund der islamischen Reinheitsgebote nur aus für sie gekennzeichneten Wasserhähnen trinken dürfen. Im israelisch-palästinensischen Konflikt geraten die Christen immer mehr in Bedrängnis. Von den 180.000 Christen, die noch vor zehn Jahren hier lebten, ist fast die Hälfte ausgewandert. In Jerusalem, das einst fast 40.000 Christen zählte, gibt es heute kaum 2000."

Weiteres: Uwe Wittstock berichtet, dass sich China, Buchmessen-Gastland 2009, derzeit in Frankfurt sehr weltoffen präsentiert. Rainer Haubrich sieht der heutigen Einweihung des Schinkelplatzes im Herzen Berlins freudig entgegen. Wolf Lepenies hält fest, dass sich von Adam Smith auch Bescheidenheit lernen lässt. Dankwart Guratzsch berichtet von neuerlichen Funden in Kalkriese und bei Lützen, die die Archäologie in Aufruhr versetzten. Hendrik Werner berichtet, wie Museen die Rückgabe der Beutekunst vor fünfzig Jahren feiern. Uta Baier porträtiert Anselm Kiefer, der am Sonntag als erster Maler den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten wird. Berthold Seewald schreibt den nachruf auf den Historiker Peter Bender.

Besprochen werden eine Schau von Renaissance-Porträts in Londons National Gallery und Dagmar Menzels Auftritt im Berliner Ensemble.

TAZ, 17.10.2008

Auch wenn Ministerpräsident Tayyip Erdogan das Gegenteil behauptet: Die Finanzkrise trifft auch die Türkei, schreibt Jürgen Gottschlich auf der Meinungsseite. Besonders betroffen sei das Kulturleben, das weitgehend von privaten Sponsoren abhängig sei: "der Staat hat schon in der Vergangenheit wenig für die Kultur getan. Nun wird er dies erst recht nicht tun. Das liegt nicht nur an einem Mangel an Geld, sondern auch an der Borniertheit der meisten Mandatsträger. Im Kulturbereich zeigt sich die regierende AKP durch die Bank reaktionär, provinziell oder im besten Fall desinteressiert."

Im Kulturteil berichtet Henrike Thomsen über die Londoner Frieze Art Fair. Tania Martini schickt Notizen von der Buchmesse. Dirk Baecker erklärt die Gründe für die Finanzkrise: "Die Finanzkrise lag an zwei Dingen: Die Märkte haben gegen das Gebot der Nullintelligenz ihrer Akteure und gegen die Nullsummenkonstanzprämisse verstoßen", lesen wir in der Unterzeile. Besprochen wird die neue CD von Tomte.

Und Tom.
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Weitere Medien, 17.10.2008

Im Rheinischen Merkur widmet sich Christiane Florin der inkriminierten China-Berichterstattung der Deutschen Welle. Von dem Autorenkreis, der in einem Offenen Brief mit einer eindrucksvollen Unterzeichnerliste protestierte, weiß sie etwa zu berichten: "Der Verein wirbt mit bekannten Namen von Imre Kertesz bis Henryk M. Broder, aber nicht allen ist ihre angebliche Position bekannt. Der Schriftsteller Lutz Rathenow etwa geisterte zwar als Unterzeichner durch die Medien. Darauf angesprochen, reagiert der Dichter erstaunt: 'Ich wüsste nicht, was ich dem China-Programm der Deutschen Welle vorzuwerfen hätte', sagt Rathenow. Zu Ungereimtheiten wie dieser erklärt der Erste Vorsitzende des Autorenkreises, Jörg Sader: 'Es gibt einen Beschluss, wonach der Vorstand solche Aktionen im Namen aller Mitglieder unternehmen darf.'" Hier eine Dokumentation des Streits.
(Korrektur vom 28.10.: Lutz Rathenows Name steht allerdings auch nicht auf der Lister der Unterzeichner. Anm. PT-Redak.)

FR, 17.10.2008

Ziemlich belanglos findet Sandra Danicke die diesjährige Londoner Frieze Art Fair, bei der trotz Finanzkrise einiges für fünfstellige Summen den Besitzer wechselte. "Großes Tamtam hatte im Vorfeld übrigens die Installation einer gewissen Normae Jeane ausgelöst, die Raucherboxen auf der rauchfreien Messe positionieren ließ. Kunstmessenkunst ist offenbar auch nicht mehr das, was sie mal war. Nun sitzen also Nikotinfreunde einzeln in drei Glasboxen und lassen sich dabei bestaunen, wie sie gleichzeitig rauchen und SMS schreiben."

Weiteres: Ninette Krüger berichtet, wie vehement der türkische Staatspräsident Abdullah Gül auf der Frankfurter Buchmesse die angezweifelte Meinungsfreiheit in seinem Land verteidigte: "Es gebe kein Buch, das nicht gedruckt werden, keine Meinung, die nicht zum Ausdruck gebracht werden könne." In einer Times Mager findet Peter Michalzik das Gerede um "Joe" sympathisch. Sebastian Moll nennt Oliver Stones Film "W" ein "ödipales Drama" über den scheidenden US-Präsidenten. Besprochen werden außerdem AC/DCs neues Album "Black Ice", der neue Roman von Ian Rankin, "Ein Rest von Schuld", und der Roman "Am Rand" von Sebnem Isigüzel. (Leider waren die meisten Artikel heute morgen noch nicht online).

FAZ, 17.10.2008

Nach zehn Jahren zieht Andreas Kilb eine freundliche Bilanz der Institution "Kulturstaatsminister". Alexander Cammann hat sich mit dem Kritiker Joachim Kaiser über das Handwerk der Kritik unterhalten. In den Buchmesse-Skizzen geht es um das Vatikanverlagswesen, um "Münte-Deutsch", einen Ausblick auf den nächsten Buchmessengast China und um Alexander Kluge, der immer vornedran ist. Andreas Platthaus berichtet in der Glosse, dass ein von der Zeitschrift Titanic geplanter Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb wegen befürchteter Überfüllung der Räumlichkeiten - durch Polizisten - abgesagt wurde. Gerd Roellecke erklärt so launig wie grundsätzlich, was es mit dem Geld, das viel mehr ist als nur ein Zahlungsmittel, auf sich hat. Im Rahmen der von Marcel Reich-Ranicki so unsanft angestoßenen Fernsehqualitätsdebatte porträtiert Tobias Rüther den Entertainer Thomas Gottschalk. Einer Diskussionsveranstaltung mit Hans-Ulrich Wehler an der Frankfurter Universität hat Alexander Cammann gelauscht. Thomas Poiss gratuliert dem australischen Dichter Les Murray zum Siebzigsten. Andreas Kilb schreibt zum Tod des Historikers und Publizisten Peter Bender. Auf der Medienseite kommentiert Michael Hanfeld den Ausstieg von ARD und ZDF aus der Tour-de-France-Liveberichterstattung.

Für die Extra-Beilage zur Buchmesse (hier als pdf komplett) hat Hans Magnus Enzensberger das Amazon-Literatur-Lese- und Kaufgerät Kindle getestet und einen Text darüber geschrieben, der ohne übermäßige Denkanstrengung auf Vorurteilen - als wären sie Schaumkronen - surft.

Besprochen werden eine Inszenierung von Leos Janaceks Oper "Füchslein" in Paris, Oliver Stones in den USA angelaufenes Bush-Biopic "W.", zwei Türkei-Ausstellungen im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt, und Bücher, darunter Marica Bodrozics Gedichtband "Lichtorgeln" und Kerstin Ekmans "Der Wald" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 17.10.2008

K. Brill berichtet über den Entlastungszeugen Zdenek Pesat, der jetzt in der Affäre Kundera aufgetaucht ist. "Sollte die neueste Version der Wahrheit entsprechen, so fragt sich ferner, wie der Name Milan Kunderas ins Polizeiprotokoll kam. Entweder müsste Miroslav Dlask auf der Dienststelle gelogen und statt seines eigenen Namens den des Freundes angegeben oder dieser ihm den unangenehmen Gang abgenommen haben."

Andreas Zielcke nimmt die Finanzkrise als Brennglas, um darunter allgemeinere Tendenzen in Richtung "Postdemokratie" zu erkennen. Johan Schloemann hat einen Vortrag des Historikers Simon Schama an der Berliner American Academy gehört. Für eine gute Idee hält es Reinhard J. Brembeck, dass Winrich Hopp die Leitung des zuletzt nicht sehr aufregenden Münchner musica-viva-Festivals für Neue Musik übernimmt. Aus einer Umfrage des Allensbach-Instituts liest Mirjam Hauck heraus, dass Fernsehen und Zeitung als Nachrichten- und Informationsquelle nach wie vor weit vor dem Internet liegen. Tobias Lehmkuhl gratuliert dem Dichter Les Murray zum Siebzigsten, Franziska Bender schreibt einen kurzen Nachruf auf den Historiker und Publizisten Peter Bender. Auf der Medienseite deutet ZDF-Programmchef Thomas Bellut im Gespräch an, dass der Sender sehr wohl auf Elke Heidenreichs Angebot, sie rauszuschmeißen, eingehen könnte.

Besprochen werden B.B. Kings neues Album "One Kind Favor", Emily Atefs Film "Das Fremde in mir" und Bücher, darunter Richard Dawkins' "Geschichten vom Ursprung des Lebens" und Jürgen Neffes Nachreisebuch "Darwin" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).