Heute in den Feuilletons

Von einer Riesin umklammert und zwangsernährt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.03.2008. Die NZZ beobachtet: Der Niedergang Italiens manifestiert sich auch in einem konfusen Defätismus der Intellektuellen. Der Tagesspiegel kommt auf den Fall der türkischen Anwältin Eren Keskin zurück, die wegen eines Tagesspiegel-Interviews in der Türkei verurteilt wurde. Die SZ fragt: Warum sind so viele österreichische Filmregisseure so berühmt? Die Berliner Zeitung war dabei, als Andrzej Wajda seinen Film über "Katyn" in Moskau vorstellte. In Le Point ruft Bernard-Henri Levy zum Boykott der Olympiade auf.

Berliner Zeitung, 22.03.2008

Christian Esch war bei einem bewegenden Abend im Zentralen Haus des Literaten in Moskau zugegen, als Andrzej Wajda seinen Film über "Katyn" zeigte. Offiziell wird das Verbrechen an den 20.000 polnischen Offizieren nicht mehr geleugnet, schreibt Esch, es passt bloß schlecht in Russlands historisches Selbstverständnis: " Die im Zentralen Haus des Literaten Versammelten sind anderer Meinung. Es fließen Tränen. Hier will man historische Schuld zu Tage fördern und fühlen, und man tut das noch nicht so routiniert wie in Deutschland. Erst tritt der Filmregisseur Alexej Simonow auf und rezitiert Alexander Twardowskis Gedicht über die Schuld der Überlebenden, dann erhebt sich der Saal zum nunmehr dritten Mal für den hohen Gast, und schließlich bricht der alten Dissidentin Ljudmila Alexejewa ganz die Stimme. Die Hand auf Wajdas Hand gelegt, dankt sie ihm für die Scham über die Sowjetverbrechen, die er geschenkt habe - erst mit seinem Film 'Der Kanal' über den Warschauer Aufstand von 1944, dann mit diesem Film. Eine spontane Schweigeminute für die Opfer - zu denen auch Wajdas Vater zählt - folgt."

Welt, 22.03.2008

Rolf Schneider geht in einem kurzen Artikel den Vorwürfen der Historikerin Ursula Hudson-Wiedemann gegen die Keramikkünstlerin Hedwig Bollhagen nach: Hat Bollhagen von der Arisierung des Hael-Werks der jüdischen Designerin Margarete Loebenstein profitiert? Nein, meint Schneider: "Die gewiss anstehende Rehabilitation von Margarete Loebenstein zu betreiben, indem man Hedwig Bollhagen ästhetisch denunziert, ist kein guter Stil." Eine sehr ausführliche Sendung im Deutschlandradio kam zu einem anderen Ergebnis. Hier das Manuskript als pdf-Dokument.

Weitere Artikel: Hendrik Werner geht zum 100. Geburtstag des italienischen Satirikers Giovannino Guareschis Spuren seiner Schöpfungen Don Camillo und Peppone in der Emilia Romagna nach. Thomas Lindemann unterhält sich mit dem Gitarristen von Aerosmith, Joe Perry, über Rockmusik in Videospielen. Hans-Günther Pflaum erinnert an den Filmregisseur Helmut Käutner, der in diesen Tagen hundert Jahre alt würde. Der Theologe Jens Schröter stellt österliche Glaubensfragen. Besprochen wird unter anderem die große Ausstellung mit Zeichnungen Matthias Grünewalds in Berlin.

Die literarische Welt bringt eine Ostererzählung von Uwe Johnson: "Das Schweigen von Jerichow."

TAZ, 22.03.2008

Heute gibt es - das dritte Mal in der Geschichte der Zeitung, erfahren wir - eine Interview-taz. Zum ausführlichen Gespräch wurden unter anderem gebeten die einstige Volksbühnen-Dramaturgin Stefanie Carp, der Soziologe Jean-Claude Kaufmann, die von RTL zum ZDF wechselnde Reporterin Antonia Rados, der Leiter des Bundeskanzleramts Thomas de Maiziere und der Schauspieler Martin Wuttke, der über seine neue Rolle als "Tatort"-Kommisar meint: "Mich hat das Serielle gereizt. Anders als in einem Spielfilm geht es bei der Serie nicht darum, eine Figur über eine geschlossene Geschichte zu erzählen. Dieser Kommissar wird immer wieder in ganz verschiedenen Situationen auftauchen, in denen man ihn vielleicht erst kennenlernt."

Besprochen werden Frank Castorfs Überblendung von Brechts "Maßnahme" mit Heiner Müllers "Mauser" an der Berliner Volksbühne und diverse CDs mit avantgardistischer Musik. Auf den Berlin-Seiten gibt es eine kleine Winterszene von Detlef Kuhlbrodt.

In der zweiten taz denkt Ulrich Fuchs grundsätzlich über Kapitalismus und Fußball nach - und zwar anlässlich des Retortenvereins TSG Hoffenheim, der jetzt, mit viel Geld von SAP-Milliardär Dietmar Hopp im Rücken, zum Sprung in die Erste Liga ansetzt.

Und schließlich gibt es noch ein Interview mit dem China-Korrespondenten Georg Blume über seine Arbeit und Ausweisung aus Tibet.

Und Tom.
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FR, 22.03.2008

Stefan Keim feiert die wortarme, choreografische Weimarer "Faust II"-Inszenierung Laurent Chetouanes als skulpturales Ereignis: "Faust und Mephisto kommen kaum noch vor in Chetouanes Inszenierung. Die Texte sind weitgehend frei verteilt, das Stück erscheint als das riesige Gedicht, das es ist. Das Publikum nimmt die Rolle von Faust und Mephisto ein und wandert durch eine absurde, faszinierende Welt voller Kriege, Mythen und wissenschaftlicher Hybris. Diese Aufführung ist mehr ein Essay als eine klassische Regiearbeit. Laurent Chetouane hat eine ganz eigene Theaterform entwickelt, die von den Zuschauern Offenheit, Konzentration und ein bisschen Leidensfähigkeit erfordert. Wer dazu bereit ist, erlebt einen großartigen Abend."

Weitere Artikel: In ihrer USA-Kolumne berichtet Marcia Pally, wie das Thema Rassismus jetzt doch noch in den Vorwahlkampf der Demokraten geriet. Christian Thomas widmet dem Athener Akropolismuseum, das jetzt in Berlin für sich Werbung machte, eine Times Mager.

Besprochen weren die neue "B 52"-CD "Funplex", das Musical "Miami Nights" in der Frankfurter Alten Oper, die Kasseler Ausstellung "König Lustik, Jerome Bonaparte und der Modellstaat Königreich Westphalen", und Claudia Maurer Zencks Buch "Cosi Fan Tutte" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 22.03.2008

Zu einem halben Jahr Gefängnis ist die türkische Anwältin Eren Keskin verurteilt worden, die in einem Interview mit dem Tagesspiegel den zu großen Einfluss des Militärs auf den zivilen Staat kritisiert hatte. Lorenz Maroldt stellt klar: "Das Urteil gegen die Menschenrechtlerin Keskin ist, bei aller gerechten Empörung, kein Vergehen der türkischen Regierung oder gar der Türkei, sondern ein Skandal der dortigen Justiz. Das zu trennen, gehört zur Grundlage unseres rechtsstaatlichen Verständnisses und entspricht auch der Lage in der Türkei... Der Strafrechtsparagraf 301, auf den sich das Gericht bei der Verurteilung Eren Keskins bezog, soll das Türkentum schützen, aber auch die Kritik am Staat. Es ist also nicht die Türkei als solche das Problem, sondern deren Justiz, und auch nicht ein bestimmtes Gesetz, sondern dessen sinnwidrige Anwendung."
Stichwörter: Türkei

NZZ, 22.03.2008

Der viel beklagte Niedergang Italiens zeigt sich nicht nur in der Politik, sondern auch in den konfusen und defätistischen Haltung der Intellektuellen, die kaum noch etwas zum baldigen dritten Wahlsieg Berlusconis zu sagen wissen, berichtet Franz Haas. Ein Beispiel: "Giorgio Agamben kennt keine Parteien mehr und erklärt unter krausen philosophischen Verrenkungen, was 'meine und übrigens auch Foucaults Untersuchungen beweisen', dass heutzutage sowieso 'nicht mehr die Herrschaft, sondern die Regierung, nicht mehr Gott, sondern der Engel' das wahre Geheimnis seien. Auf die Frage, ob sich der Klerus nicht zu viel in die Politik einmische, antwortet er seinen verblüfften Interviewpartnern, dass das Gegenteil der Fall sei, dass sich die Kirche noch mehr gegen die 'tägliche Schmach, die Ungerechtigkeit und die Armut' einsetzen sollte."

Weitere Artikel: Marc Zitzmann geht neuen Informationen über die Todesumstände Antoine de Saint-Exuperys nach. Der irische Autor John Banville liefert eine feuilletonistische Antwort auf die offensichtlich in Serie gestellte Frage: "Was ist schweizerisch". Thomas David schreibt zum Tod des Schauspielers Paul Scofield. Und Thomas Leuchtenmüller schreibt zum Tod des Schriftstellers Arthur C. Clarke.

Besprochen werden Produktionen aus Wagners "Ring" in Salzburg und Hamburg und eine DVD-Box mit dem Oeuvre Jacques Rivettes.

Die Beilage Literatur und Kunst bringt eine Reihe von Erinnerungen mehr oder weniger bekannter Autoren an ihre Lehrer oder ihre eigene Lehrertätigkeit (hier Martin Meyers Editorial). Es schreiben zum Beispiel Bora Cosic (hier), David Albahari (hier), Peter Zumthor (hier), Peter von Matt (hier), Said (hier), Hermann Lübbe (hier), Andrea Köhler (hier), Angela Schader (hier), Andras Schiff (hier) und Georg Klein (hier).

Presse, 22.03.2008

Martin Leidenfrost liefert einen sehr schönen Reisebericht aus dem Donbass in der östlichen Ukraine, der mit seinen Kohlegruben ein Herzland der Sowjetunion war. Unter anderem besucht er die Stadt Stachanow, bennant nach einen Rekordkumpel der Planerfüllung: "Ich frage im Umfeld des Roten Platzes weiter nach dem 'Museum der orangen Revolution'. Gelegentlich ernte ich einen misstrauischen Blick, manche schicken mich in andere Museen. Eine müde, alte Straßenkehrerin sieht mich nicht einmal an."
Stichwörter: Donbass

FAZ, 22.03.2008

Mark Siemons macht manipulative Berichterstattung westlicher Medien zum Thema Tibet aus, aber er beobachtet zugleich, dass "die chinesische Regierung danach nichts Eiligeres zu tun hatte, als das desaströse Urteil, das sich der Westen in diesem Fall vorauseilend von ihr gemacht hatte, nachträglich zu bestätigen. Mit einer martialischen Sprache ('Volkskrieg'), mit waffenklirrenden massiven Militäraufmärschen, mit kurzen Schauprozessen im Fernsehen, vor allem aber mit der rigorosen Medienabschottung liefert das Regime eine fast schon absurde Karikatur seiner selbst."

Weitere Artikel: Hubert Spiegel beteuert in der Leitglosse zum 200. Erscheinungsdatum des "Faust", dass Goethe uns noch viel zu sagen hat. Jürg Altwegg meldet, dass eine Gruppe französischer Intellektueller um Bernard-Henri Levy und Andre Glucksmann wegen Tibet zum Boykott der Olympiade aufruft. Jürgen Dollase besucht für seine Gastro-Kolumne das Restaurant Perbellini bei Verona. Gina Thomas schreibt zum 70. Geburtstag des Holocaustleugners David Irving. Eduard Beaucamp gratuliert dem Maler Klaus Fußmann zum ebensovielten.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um die Wiederentdeckung der Matthäus-Passion des wegen seines Erfolgs unter den Nazis weithin geschnittenen Komponisten Ernst Pepping, um die Band Los Companeros und um den Elektrokünstler Sascha Funke. Auf der letzten Seite schreibt der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt anlassbedingt über "Das Selbstopfer".

Besprochen werden eine Ausstellung mit den Zeichnungen Matthias Grünewalds in Berlin, eine von Frank Castorf besorgte Brecht- und Müller-Montage an der Berliner Volksbühne, erste Ereignisse der Salzburger Osterfestspiele, eine Ausstellung des Architekturvisionärs Yona Friedman in Frankfurt und ein Auftritt des Popsängers James Blunt in Köln.

Für Bilder und Zeiten hat die Tiermalerin Anita Albus einen sehr hübschen Text über die Findelvögel geschrieben, die sie in ihrem Landhaus bei Dijon mit mütterlicher Liebe aufzieht: "Man kann es fühlen, wenn man so einen Winzling in der Hand hält, wie wild sein kleines Herz pocht, und kann sich vorstellen, wie schrecklich es sein muss, von einer Riesin umklammert und zwangsernährt zu werden."

Außerdem porträtiert Wolfgang Schneider den Autor, Kabarettisten und Schauspieler Steffen Möller, der in einer polnischen Serie als deutscher Bauer berühmt wurde und nun auf dem deutschen Buchmarkt mit seinem Polenporträt "Viva Piolonia" Erfolge feiert. Verena Lueken erinnert an den Filmregisseur David Lean, der in diesen Tagen hundert würde. Auf der Literaturseite geht's um eine von Rudolf Borchart zusammengestellte und nun wieder herausgebrachte Anthologie mit Renaissance-Lyrik und um den neuen Roman von T.C. Boyle. Auf der letzten Seite unterhält sich Marco Schmidt mit dem Fimregisseur Milos Forman.

In der Frankfurter Anthologie stellt Sandra Kerschbaumer ein Gedicht Robert Gernhardts vor - "Kant:

Eines Tages geschah es Kant,
dass er keine Worte fand..."

Weitere Medien, 22.03.2008

In Le Point ruft Bernard-Henri Levy zum Boykott der olympischen Spiele in Peking auf: "Die Olympiade, so hat man uns gesagt, hätte als quasi automatische Wirkung, das sich China zur Welt und also zur Demokratie öffnet. Den Chinesen, die wüssten, dass sie wie niemals unter Beobachtung stehen, würde es am Herz liegen, ein anständiges Bild von sich und ihrem Regime abzugeben. Nun, im Moment spielt sich genau das Gegenteil ab." (Mit etwas Glück wird die Kolumne morgen in der Sonntags-FAZ übersetzt sein.)

SZ, 22.03.2008

Wie es sein kann, dass die "Zwergenwirtschaft" der österreichischen Filmproduktion so viele international anerkannte Regisseurinnen und Regisseure - von Barbara Albert bis Michael Haneke und Ulrich Seidl - hervorbringt, fragt sich Susan Vahabzadeh: "Seidl verweist aufs literarische Erbe, 'ich habe vielleicht etwas mit Thomas Bernhard zu tun und Michael Haneke mit Elfriede Jelinek. Wir kehren in Österreich eben auch gern unter den Teppich.' Das Verhältnis zum Anschluss beispielsweise, Österreich als Opfer der Nazis. 'Vielleicht ist das so, dass in einer Gesellschaft, die zu verdecken versucht, in der Kunst ein besonderer Widerstand entsteht, der das in Frage stellen will. Druck erzeugt Gegendruck.'"

Weitere Artikel: Sonja Zekri informiert über erste "juristische Attacken" gegen die bislang noch unzensierte russische Internet- und Bloggerszene. Gar nicht recht sind der Staatsmacht solche Videos wie über einen betrunkenen Soldaten im Panzer. Gustav Seibt denkt darüber nach, was ein Klassiker ist und erinnert an den Ostertag des Jahres 1808, in dem Goethes "Faust I" erschien: "Seit Ostern 1808 ist Goethe der größte Schriftsteller der deutschen Literatur." Thomas Urban vermeldet die Empörung der polnischen recht über die nun unter dem Stichwort "Sichtbares Zeichen" beschlossene Dauerausstellung zur Vertreibung. Alexander Menden schreibt zum Tod des britischen Schauspielers Paul Scofield. Auf der Literaturseite finden sich Besprechungen unter anderem zu Deborah Eisenbergs Erzählungen "Rache der Dinosaurier" und Michael Wolffsohns Religionsvergleich "Juden und Christen - ungleiche Geschwister" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Besprochen werden Frank Castorfs Volksbühnen-Inszenierungen der linksradikalen Stücke "Mauser" von Heiner Müller und "Die Maßnahme" von Bertolt Brecht (Peter Laudenbach notiert: "Der Zynismus, mit dem Castorf vorführt, dass ihm inzwischen alles egal ist, hat etwas Abstoßendes"), Philipp Stölzls Baseler Inszenierung von Charles Gounods "Faust" und Jette Steckels Wiener Uraufführung von Philipp Löhles Stück ""Die Kaperer oder reiß nieder das Haus und erbaue ein Schiff".

Im Aufmacher der SZ am Wochenende rechnet Andreas Zielcke angesichts der aktuellen Weltmarktturbulenzen mit dem Kapitalismus ab. Christiane Wirtz stellt die Fotografin Vardi Kahana vor, die in einer gerade in einer Ausstellung das Leben ihrer Familie seit Auschwitz dokumentiert. Auf dem Obersalzberg hat Christian Mayer Heidi Klums Ehemann Seal getroffen. Auf der Historienseite geht es um deutsche Mystikerinnen, vorabgedruckt wird Wolfgang Hildesheimers 1960 für den Rundfunk geschriebene Erzählung "Hier stehe ich und kann nicht anders" und im Interview spricht der Musiker Holger Czukay ("Can") über "Lärm".