Heute in den Feuilletons

"als öffentliche Ächtung inszeniert"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.10.2007. Die NZZ stellt die Seriosität der Behauptungen David R.L. Litchfields über das Massaker von Rechnitz in Frage. Im Titel-Magazin erregt sich Wolfram Schütte über die Inszenierung öffentlicher Ächtung durch die FAZ. Der Tagesspiegel bringt ein Porträt des niederländischen Autors A. F. Th. van der Heijden. In der FAZ wird Robert Redford geschirrmachert. Die Welt feiert Schönheit und Tragik der Mathematik. Spiegel Online war dabei, als Bild-Chef Kai Diekmann sein neues Buch präsentierte - ausgerechnet im taz-Gebäude. Alle staunen über die neue alte Anna-Amalia-Bibliothek.

NZZ, 24.10.2007

Von einem Coup der FAZ wollen Österreichs Historiker nichts wissen, berichtet Paul Jandl aus Wien. Einhellig seien die Zweifel an der Seriösität der Geschichte des Briten David Litchfield über das Massaker von Rechnitz, bei dem zweihundert jüdische Zwangsarbeiter während einer Party auf einem Schloss der Familie Thyssen ermordet wurden. "Wenn jemand seine Quellen so wenig offenlege wie Litchfield, sei höchste Vorsicht geboten, sagt der Salzburger Zeitgeschichtler Ernst Hanisch. Das Tendenziöse eines Textes, der eher private Abrechnung als historische Aufklärung ist, sei unübersehbar." Zur Aktenlage schreibt Jandl allerdings auch: "In den Gerichtsakten kann man sehen, wie das anfänglich große Interesse an der Aufklärung der Morde immer mehr einem österreichischen Pragmatismus weicht. Die wenigen Beteiligten, deren man habhaft werden konnte, schwiegen oder machten widersprüchliche Angaben. Als 1946 mit der Ermordung von zwei prominenten Zeugen auch noch das Verfahren selbst zum Kriminalfall wird, steht die Mauer des Schweigens endgültig." (mehr zum Thema hier)

Weiteres: Peter Hagmann berichtet sehr beeindruckt von den Donaueschinger Musiktagen, auch wenn ihn die vielen optischen Reize ein wenig irritiert haben. Joachim Güntner freut sich über die Wiedereröffnung der restaurierten Anna Amalia-Bibliothek.

Besprochen werden das Konzert von Cecilia Bartoli in der Tonhalle Zürich und Bücher, darunter Christoph Markschies Studie über das antike Christentum, und mehrere neue Essaybände über Lyrik (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 24.10.2007

Jochen Becker stellt die zwischen "Puppenspiel und Agitation pendelnde" Inszenierung von "Fordlandia - Eine Fließbandproduktion" am Kölner Schauspiel vor, in der Jürgen Kuttner und Tom Kühnel Henri Ford, einen Aufstand im Amazonas, einen Streik türkischer Ford-Arbeiter in Köln und die Fussbroichs zusammenbringen. Knut Henkel porträtiert den kubanischen Schriftsteller und Journalisten Amir Valle, der, nachdem er in seinem Roman "Die Wörter und die Toten. Nachruf auf eine Revolution" die Ära nach Fidel Castro beschrieben hat, nicht mehr nach Kuba zurückkehren darf. Björn Gottstein resümiert die Donaueschinger Musiktage.

In tazzwei erklärt Bettina Gaus, warum das US-Fernsehen besser ist als sein Ruf.

Und Tom.

FR, 24.10.2007

Christian Thomas freut sich über die Wiedereröffnung der Anna Amalia Bibliothek. "Sicher, es gibt hundert Mal größere Bibliotheken, voluminösere Hüllen für die Bücher, weit ältere Baukörper, tausendfach gewaltigere Sammlungen. Doch gibt es einen größeren Illusionsraum? Auf seine Weise nur im Rokokosaal von Weimar ist das Buch in einen besonderen Zauber eingestellt."

Weitere Artikel: Arno Widmann schreibt den Nachruf auf Ruth Henry, Lebensgefährtin des surrealistischen Künstlers Maurice Henry, die lange für die FR aus Frankreich berichtet hatte und von der nun in der Edition Nautilus ein letztes Buch, "Die Einzige. Begegnung mit Unica Zürn", erscheint. Und in Times mager denkt Hans-Jürgen Linke über Elche und Wölfe respektive Deutschland und Polen nach. Gemeldet wird die Eröffnung der Ausstellung "Novos Mundos" über Portugals Entdeckungsreisen am Deutschen Historischen Museum in Berlin, die unter anderem das Tagebuch eines Besatzungsmitglieds jenes Schiffes zeigt, mit dem der Seefahrer Vasco da Gama Ende des 15. Jahrhunderts nach Indien aufbrach.

Besprochen werden zwei Uraufführungen am Schauspielhaus Bochum: "Genannt Gospodin" von Philipp Löhle und "Trotzdem" von Sabine Harbeke, ein Konzert der Gruppe Maximo Park in Wiesbaden und Bücher, darunter eine famos illustrierte Ausgabe von Georg Forsters "Reise um die Welt" und Neuerscheinungen zur Geschichte der Anna Amalia Bibliothek. (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)
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Titel-Magazin, 24.10.2007

Wolfram Schütte kommt auf das Gebaren der FAZ zum 80. Geburtstag Günter Grass' zurück - den sie bis auf eine kleine Glosse und den Hinweis auf eine Schmähschrift ignorierte, als wäre er nicht irgendwie doch von Bedeutung: "Natürlich war diese Respektlosigkeit angesichts einer längst literaturhistorisch fixierten Leistung des Jubilars als deren demonstratives Ignorieren bewusst geplant und als öffentliche Ächtung inszeniert worden. Ignoranz kann man es deshalb nicht nennen, weil sie dort sehr wohl wissen, was sie tun, resp. angehalten wurden, zu unterlassen - nach Frank Schirrmachers nachtragender Verfolgungsjagd auf den weidlich journalistisch gehäuteten und weidmännisch ausgeschlachteten Grass, an dessen kooperativen autobiografischen Ausschweifungen man sich zuvor spekulativ & spektakulär gemästet hatte."

Tagesspiegel, 24.10.2007

Gerrit Bartels porträtiert den niederländischen Romancier A. F. Th. van der Heijden, Autor monumentaler Romane über die Gesellschaft seines Landes: "In seinem literarischen Zugriff auf die Zeit, seinem Spiel mit der totalen Erinnerung, seinem Versuch, sich der ganzen Welt schreibend zu bemächtigen, ist van der Heijden oft mit Marcel Proust verglichen worden. Und wirklich hat er einmal eingestanden, Proust und Joyce nicht nur gelesen, sondern sie richtiggehend studiert und analysiert zu haben. Spricht man ihn darauf an, sagt er: 'Ich fürchte Proust. Ich fürchte Joyce. Sie haben den Roman so weit geführt, dass es von dort kein Zurück mehr gibt. Doch man muss von dort wieder zurückkehren können. Meine Literatur liegt da vielleicht in einem ständigen Widerstreit zwischen Moderne und Konvention.'"
Stichwörter: Marcel Proust

Welt, 24.10.2007

Auch in der Welt steht heute morgen so gut wie nichts online.

Auf der Magazinseite unterhalten sich Felix Müller und Britta Stuff mit dem Mathematikprofessor Albrecht Beutelspacher über die schönen, aber auch die tragischen Seiten seines Fachs: "Der Mathematiker Shanks hat sein Leben damit verbracht, etwa 700 Stellen von Pi zu berechnen. Er hat eine Stelle in 14 Tagen geschafft. Blöderweise machte er an einer Stelle einen Fehler. Und ab da war alles falsch. Das kam zum Glück erst nach seinem Tod raus."

Im Feuilleton glossiert Wieland Freund den Streit um zwei neue amerikanische Ausgaben von "Krieg und Frieden", von der die eine 1.300, die andere nur 900 Seiten und außerdem ein Happy End hat. Zur Wiedereröffnung der Anna-Amalia-Bibliothek druckt die Welt die von Goethe verfasste erste Benutzungsordnung der Bibliothek. Manuel Brug gratuliert dem Barockmusikzentrum in Versailles zum Zwanzigsten. Michael Pilz stellt neue Platten des in der Folk- und Countrymusik tätigen Thompson-Clans vor. Martina Helmig berichtet, dass gleich mehrere Berliner Orchester Reihen mit türkischer Musik ins Programm genommen haben, auch um ein neues Publikum zu werben. Außerdem wird auf zwei Fernsehereignisse verwiesen, das vierteilige italienisch-polnische TV-Biopic über Past Johannes Paul II. in Arte und die erste "Hart aber Fair"-Sendung im Ersten, heute Abend.

Besprochen werden der Film "Die Ermordung des Jesse James" mit Brad Pitt die Ausstellung "Turner, Hugo, Moreau" über die Abstraktion in der Malerei avant la lettre in Frankfurt und eine "Faust"-Inszenierung in Hannover.

Im Forums-Essay singt der Hydrobiologe Edgar Gärtner, der gleichzeitig das Umweltforum des liberalen Thinktanks Centre for the New Europe leitet, ein Loblied auf den Liberalismus.

SZ, 24.10.2007

In einem erstaunlichen Interview erklärt der in Teheran lehrende Theologe und Professor für islamische Philosophie Mohammed Schabestari, weshalb ein Gläubiger niemals Terrorist sein darf und plädiert für einen säkularen Staat. "Die Herrschenden haben kein Bedürfnis danach. Ich verstehe nicht, warum in westlichen Ländern die Muslime immer mit ihren Herrschern gleichgesetzt werden. Die muslimischen Völker sind nicht gegen Reformen, es gibt in diesen Ländern viele Stimmen dafür. Die Herrscher wollen es nicht, denn Reformen bedeuten eine neue Interpretation von Islam, vom Leben in der heutigen Zeit, von den Rechten der Menschen, und das würde sich gegen sie wenden." (Ein Porträt Mohammed Schabestaris hat Roman Seidel bei Quantara veröffentlicht. Und Katajun Amirpur berichtete 2001 in der Zeit über die religiösen Aufklärer im Iran.)

Hermann Unterstöger amüsiert sich königlich über den Zweikampf zwischen Claudia Roth und Bischof Mixa. "Für die Gefühle der Gläubigen gäbe es nichts Schöneres, als wenn Bischof Mixa nun noch zu Kerner ginge, das Gespräch auf die Autobahn brächte und trotz allgemeiner Empörung einfach sitzen bliebe."

Weitere Artikel: Thomas Urban beschreibt die innerpolnischen Vorbehalte gegen den neuen, als deutsch-freundlich geltenden polnischen Regierungschef Donald Tusk und dessen Gratwanderung, sich künftig als "guter Patriot" beweisen zu müssen. Zur Wiedereröffnung der Anna Amalia Bibliothek hält deren Direktor Michael Knoche Rückblick und Ausblick; der Beitrag ist ein auszugsweiser Vorabdruck aus dem Buch "Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek nach dem Brand in neuem Glanz". Siggi Weidemannn berichtet über den verheerenden Brand im niederländischen Armando-Museum, bei dem 55 Arbeiten, darunter Werke von Albrecht Dürer, Anselm Kiefer und Luc Tuymans zerstört wurden. Wolfgang Schreiber resümiert die diesjährigen Donaueschinger Musiktage. Manfred Schwarz resümiert eine Tagung am Karlsruher ZKM über die "globale Herausforderung der Kunstmuseen". Bernd Dörries informiert über Überlegungen des Lands Baden-Württemberg, Schloss Salem zu kaufen.

Besprochen werden der Film "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" von Andrew Dominik mit Brad Pitt in der Hauptrolle, eine Inszenierung von Büchners "Woyzeck" am Schauspiel Essen und Bücher, darunter ein Bildband von Candida Höfer über Weimar und der Roman "Pandora im Kongo" von Albert Sanchez Pinol (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Spiegel Online, 24.10.2007

Kai Diekmann, Chefredakteur der Bild-Zeitung, präsentierte gestern sein neues Buch, ein 68-er-Bashing, ausgerechnet im Gebäude der taz. Reinhard Mohr gehörte zu den wenigen geladenen Gästen: "Der Autor Diekmann selbst begnügte sich mit wenigen Begrüßungsworten, bezeichnete die taz als 'einzige ernstzunehmende Boulevardzeitung neben Bild, und las dann sein Abschlusskapitel 'Lob der Achtundsechziger' vor, selbstverständlich ein vergiftetes Geschoss." Der taz hat's bestimmt trotzdem geschmeichelt.
Stichwörter: Bild-Zeitung, Kai Diekmann, Taz

FAZ, 24.10.2007

Wenn Frank Schirrmacher als Filmkritiker zur Feder greift, dann werden Redfords zu Tolstois, Löwen zu Lämmern und Mücken zu Elefanten. Heute erfährt Robert Redford mit seinem neuem Film "Von Löwen und Lämmern", was es heißt, geschirrmachert zu werden: "Das klingt nach einem Kommuniquefilm und wäre nicht der Rede wert, wären Redfords brillante Dialoge nicht so konstruiert, dass der Film die mediale Erwartung vollständig unterläuft. Sieht man genau hin, wird man feststellen, dass dieser Film, der fast vollständig auf Effekte verzichten kann, womöglich der Antikriegsfilm unserer Zeit ist. Das ist nicht mehr 'Apocalypse now' oder 'Platoon'; das sind immer wieder hart an der Tautologie und damit am Wahnsinn operierende Rechtfertigungen und Selbstrechtfertigungen. Die Welt dieser hier Handelnden ist frei von Zynismus, denn sie glauben an das, was sie tun." Und Amen. (Robert Redfords "brillante Dialoge" stammen übrigens doch eher vom Drehbuchautor Matthew Michael Carnahan.)

Der Film startet erst am 8. November, aber heute gibt es eine vom Spiegel ausgerichtete "exklusive Sondervorführung" im Berliner Filmtheater International. Anschließend sollen Redford, Joschka Fischer und Heinrich August Winkler über "Politik, Medien, Engagement" diskutieren. Stefan Aust ist Moderator.

Weitere Artikel: Mark Siemons bietet eine kleine Semiotik der Sprache des Kommunistischen Parteikongresses in Peking. Der Schriftsteller Reinhard Kaiser kommentiert die im Washingtoner Holocaustmuseum (und zum Teil auch auf seiner Website) gezeigten Alltagsbilder am Rande von Auschwitz. Dirk Schümer glossiert den Brand im Armando-Museum in Amersfoort - alle dort gezeigten Werke des Künstlers sind zerstört worden. Julia Spinola informiert über die Gegenwart der Neuen Musik, wie sie ihr in Donaueschingen erschien. Michael Knoche, Direktor der nach dem Brand in neuem Glanz eröffnetem Anna-Amalia-Bibliothek, erzählt aus deren Geschichte. Andreas Rossmann porträtiert Joachim M. Plotzeck, den Leiter des künftig in einem vom Architekten Peter Zumthor entworfenen Gebäude residierenden Kölner Diözesanmuseums. Hannes Hintermeier nimmt das Erscheinen des letzten Harry-Potter-Bandes zum Anlass, über den Aufschwung der Internet-Antiquariate wie Abebooks nachzudenken.Freddy Langer gratuliert der Fotografin Isolde Ohlbaum zum Sechzigsten. Zum Tod des amerikanischen Künstlers R.B. Kitaj (Bilder) schreibt Gina Thomas.

Auf der Medienseite gibt es ein langes Interview mit Bild-Chefredakteur Kai Diekmann über seine Abrechnung mit den 68ern (deren Haupteigenschaften: "Egozentrik, Mittelmaß und Faulheit", man kann das online auch in der Weltwoche nachlesen). Außerdem wird von einer Vorstellung des Buches berichtet, bei der sich Hamburgs OB-Kandidat Michael Naumann nicht gerade als Laudator erwies.

Besprochen werden ein Auftritt des Bolschoi-Balletts mit "Schwanensee" und "Der helle Bach" in Berlin und Bücher, darunter Joe Boyds Erinnerungen "White Bicycles" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).