Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.08.2007. Die taz warnt vor der Umwandlung der Türkei in eine schlechte Kopie des Osmanischen Reiches. Die NZZ schildert, wie die Kaczynskis den Nationaldarwinismus in die polnische Politik zurückbrachten. Die SZ bewundert das neue Medienarchiv in Hilversum, dessen Fassade 374 TV-Standbilder aus der niederländischen Fernsehgeschichte zieren. Die FR begutachtet einen plattenbaugrauen Verein nörgelnder Verlierer. Und die Welt war zugegen, als Katharina Wagner eine intellektuelle Salbung erhielt.

TAZ, 20.08.2007

Auf der Meinungsseite stellt die Autorin Dilek Zaptcioglu klar, dass die Türkei von Tayyip Erdogans AKP nicht demokratisiert, sondern "eifrig und zielbewusst in eine schlechte Kopie des Osmanischen Reiches umgewandelt wird: 'Mit Abdullah Gül als Staatspräsident wird das letzte Widerstandsgefühl gebrochen, mit dieser Personalie schwindet die letzte Hoffnung auf eine reformierte moderne Republik. Eine Republik, die ihre Geschichte selbstkritisch aufarbeitet, ihr Bildungssystem modernisiert, ihr Sozialsystem trotz der neoliberalen Hyänen um sie herum aufbaut und keine Zugeständnisse in Sachen Frauenrechte macht... Eine Republik, in der die Frauen sagen können, dass ihr Gründer sie gern gehabt hat und für ihre Rechte eingetreten ist. Eine Republik, deren kleinster Nenner das freie Individuum ist und nicht die patriarchale Religionsgemeinschaft.'"

Die 1943 in Auschwitz ermordete Künstlerin Charlotte Salomon schuf im Zyklus "Leben? Oder Theater?" eine Biografie aus Hunderten von Zeichnungen. 300 davon hat sich Katrin Bettina Müller im Jüdischen Museum in Berlin angesehen. "'Leben? Oder Theater?' ist auch ein einmaliges historisches Zeugnis vom jüdischen Bildungsbürgertum im Berlin der Dreißigerjahre, von der Illusion einer allen politischen Fährnissen trotzenden Tradition des deutsch-jüdischen Humanismus, von der Stigmatisierung deutscher Ärzte und Künstler als Juden und ihrer Verdrängung, vom schweren Weg in die Emigration."

Weiteres: In der zweiten taz konfrontiert Susanne Lang Volker Panzer mit der Unterstellung, sein ZDF-Nachtstudio sei Edel-Trash-Talk, erntet aber nur sanfte Toleranz. Besprechungen widmen sich dem Album "Dick in Frisco" der Band Pechsaftha und Robert Menasses Roman "Don Juan de la Mancha" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

Welt, 20.08.2007

Alexander Cammann berichtet von einer Bayreuther Begleittagung zu den Festspielen, auf der er die "intellektuelle Salbung der abwesenden Katharina Wagner durch die Wissenschaft" erlebt hat. Manuel Brug beklagt sehr ungebührliches Benehmen des Leipziger Gewandhauschefdirigenten Riccardo Chailly. Christoph Markschies, Rektor der Humboldt-Universität, erinnert an das Erscheinen von Friedrich Nietzsches "Fröhlicher Wissenschaft" vor 125 Jahren. Gabriela Walde schreibt zur Wiedereröffnung nach Runderneuerung des Berliner "Hauses der Kulturen der Welt".

Auf der Forum-Seite informiert Iris Marx über den neuen Filmförderungsfond, der auch internationale Produktionen nach Deutschland locken soll. Der türkische Kolumnist Ali Bayramoglu kritisiert die Intoleranz des heutigen türkischen Laizismus. Und das Magazin führt ein Interview mit Emily Wu, die ein Buch über die Repressionen während der chinesischen Kulturrevolution geschrieben hat.

Besprochen werden Christian Weises Salzburger Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" (ein "szenisches Debakel", schimpft Ulrich Weinzierl), Martin Wuttkes Rolf-Dieter-Brinkmann-Spektakel in Neuhardenberg (das Tom Mustroph mehr physisch als ästhetisch überzeugend fand), eine Ausstellung mit niederländischer Porträtkunst des 17. Jahrhunderts in der Londoner National Gallery, eine venezianische Ausstellung mit Kunst der Roma und Sinti und Mavis Staples' mit Ry Cooder aufgenommenes neues Album "We'll Never Turn".

FR, 20.08.2007

Christian Schlüter nutzt die Parlamentsferien, um zu überprüfen, wie die Parteien aufgestellt sind. "Bei aller Juvenilität avanciert Die Linke doch eher zu einem plattenbaugrauen Verein nörgelnder Verlierer. Tiefer Groll lautet die Devise. Anders gesagt: Ein gut gelaunter Gregor Gysi macht noch keinen Sommer. Doch kann auch eine Verlierer-Partei attraktiv sein. Denn wo von Verlusten immerhin noch die Rede ist, klingt wenn nicht ein ewig-gestriges, so doch in jedem Fall ein wertkonservatives Ansinnen durch. Also genau das, was etwa der irgendwie charakterlosen SPD vollkommen zu fehlen scheint und sie wieder einmal als Verräterin der Arbeiterklasse dastehen lässt. Einer Verlierer-Partei wie der Linken fällt es zudem leicht, mit ihrem prononcierten Antikapitalismus das SED-Unrecht vergessen zu machen. Dieses Vergessen, eine große Charakterschwäche, in eine bundespolitische Aufgabe, nämlich die Überwindung der deutsch-deutschen Teilung, umzuwidmen, ist schon eine strategische Leistung!"

Desweiteren annonciert Daniel Bouhs, dass ARD und ZDF ab September ernst machen wollen mit Fernsehen und Radio im Netz. Sylvia Staude freut sich in einer Times mager über die Michael-Jackson-Massenchoreografien philippinischer Häftlinge.

Besprochen werden ein Konzert des West-Eastern Divan Orchesters unter Daniel Barenboim in Salzburg, Martin Mosebachs Roman "Der Mond und das Mädchen" und Ben Hechts Erinnerungen "Revolution im Wasserglas".
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SZ, 20.08.2007

Die Erinnerung an den vor zweihundert Jahren von England abgeschafften Slavenhandel soll jetzt Touristen nach Afrika bringen. Um historische Genauigkeit geht es dabei oft nicht, notiert der Geschichtswissenschaftler Historiker Andreas Eckert. "Die intensivste Auseinandersetzung entspann sich um die vor der Küste Senegals gelegene Insel Goree, den ersten offiziellen Gedenkort des Sklavenhandels in Afrika. Von der Unesco bereits 1978 zum Weltkulturerbe erklärt, wurde die Insel von zahllosen Prominenten wie Bill Clinton oder Papst Johannes Paul II. besucht, die damit an die Zwangsverschleppung von Afrikanern in die 'Neue Welt' erinnerten. Doch vor rund zehn Jahren stellten einige amerikanische und französische Historiker die durchaus gut fundierte These auf, dass Goree zumindest quantitativ niemals eine bedeutende Rolle für den transatlantischen Sklavenhandel gespielt habe. Daraufhin wurden diese Historiker von der senegalesischen Presse mit Holocaust-Leugnern verglichen."

Dirk Meyrhöfer feiert das Medienarchiv von Neutelings und Riedijk in Hilversum als architektonischen Meilenstein der Post-Koolhaas-Ära. "Stadtseitig am Eingangskreisel des Campus steht jetzt ein ikonografischer Medienschrein als vierseitiger Bildschirm, dessen 'Icons' mit dem Hintergrund zu verwischen scheinen. Sekündlich erwartet man die Verwandlung in ein buntes TV- Programm oder eine Internetseite. Aber genau das passiert nicht. Die Hülle ist selbst eine gigantische Archivalie, deren Motive als Artwork 'eingefroren' sind. Mag alles aus der Entfernung trivial und willkürlich wirken, kann man aus der Nähe erkennen, wie der Grafikdesigner Jaap Drupsteen aus 374 TV-Standbildern - sie zeigen die Höhepunkte der niederländischen Fernseh-Geschichte - die Glasfassade entwickelt hat."

Weiteres: Siggi Weidemann berichtet von dem Vorschlag eines niederländischen Bischofs, Gott mit Rücksicht auf die Muslime doch in Zukunft "Allah" zu nennen. Dirk Peitz unterhält sich mit dem selbstbewussten Will.i.am von den Black Eyed Peas, der an den Comebackplatten von Michael Jackson und Whitney Houston werkelt und gerade sein erstes Soloalbum sowie seine Modekollektion vorstellt. Andrian Kreye wundert sich über die barbarisch-eklektische Zusammenstellung der CD zur aktuellen Ausgabe von Vanity Fair. "ghe" beobachtet von einer angrenzenden Schafweide Ingmar Bergmans für die Medien gesperrte Beerdigung.

Besprochen werden Christian Weises "bezaubernd harmlose" Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" bei den Salzburger Festspielen, die "Liederwerkstatt" beim Festival "AlpenKlassik" in Bad Reichenhall mit Neu-Vertonungen von Goethe-Gedichten, die Ausstellung zu Balthus mit Gemälden und Zeichnungen aus den Jahren 1932 bis 1960 im Museum Ludwig in Köln, Robert Altmans "Kansas City", "Fearless" mit Jet Li und der Film "Marvel's Man Thing" auf DVD und Bücher, darunter Gerhard Barkleits Biografie des Kernpyhsikers Manfred von Ardenne, zwei Betrachtungen von Nils Büttner über den Maler Peter Paul Rubens sowie zwei Gedichtbände von Paul Wühr (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 20.08.2007

Polen wird den Brüdern Kaczynski vor allem eine "Kultur des Misstrauens" verdanken, bilanziert der Historiker Wlodzimierz Borodzej die sich dem Ende zuneigende Amtszeit, in der "Konfrontation und Polarisierung, auf der Basis von Feindbildern und Verschwörungstheorien" herrschten: "Konservative Modernisierer also? Nicht wirklich, denn die Brüder Kaczynski reihen sich in eine Kontinuität polnischer Politiker ein, die weder mit dem einen noch mit dem anderen Label angemessen gekennzeichnet ist. Von der alten polnischen Rechten - der im Zweiten Weltkrieg von Deutschen und Sowjets ausgelöschten Nationaldemokratie - haben sie den Nationaldarwinismus geerbt: Polen könne nur als Großmacht existieren, da die europäische Staatenwelt ein Dschungel darstellt. Allianzen gibt es hin und wieder, stets mit den Feinden unserer Feinde; Interessengemeinschaften hingegen sind bestenfalls Hirngespinste kosmopolitischer, liberaler oder gar linker Intellektueller."

Weiteres: Matthias Messmer schreibt über Braindrain in China. Peter Hagmann freut sich auf dem Lucerne Festival einfach über "Musik, nicht mehr und nicht weniger", und denkt dabei vor allem an Mahlers Dritte. Sieglinde Geisel fragt sich, ob eine ehemalige Bierbrauerei der richtige Ort für Kunst ist. Und wie es den Seminolen in Florida gelingt, das HardRockCafe zu betreiben und trotzdem seine kulturelle Identität zu bewahren, zeigt Rudolf Sturmberger.

FAZ, 20.08.2007

Oliver Jungen berichtet vom Kölner Festival für elektronische Musik, Indie- und Popkultur "c/o Pop". Heinrich Wefing informiert über die Neueröffnung der umgebauten Berliner "Kongresshalle", die heute das "Haus der Kulturen der Welt" (Website) beherbergt. In der Glosse klagt Lorenz Jäger, dass der Traditionalismus der Muslime nicht vor Missachtung von Anstand und Sitte bewahrt. Dieter Bartetzko weiß, warum ein nun aufgefundener Fußabdruck eines römischen Legionärs uns so fasziniert. Jordan Mejias war bei der Trauerfeier für die große New Yorker Wohltäterin Brooke Astor. Eleonore Büning schreibt einen kurzen Nachruf auf den britischen Musikkritiker Alan Blyth.

Auf der Sachbuchseite finden sich Rezensionen unter anderem zu Ernst Tugendhats Band "Anthropologie statt Metaphysik" und Anton Tantners historischer Studie über "Die Hausnummer". Im vorderen Teil feiert Helmut Mayer einen großen wissenschaftspublizistischen "Wurf" des Meiner-Verlags: drei Bände zu den großen Streitfällen des 19. Jahrhunderts, nämlich zum "Darwinismus"-Streit, zum "Materialismus"-Streit und zum "Ignorabimus"-Streit. Unter den außerdem rezensierten Büchern ist Kolja Mensings Erzählungsband "Minibar" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Besprochen werden ein Salzburger Konzert, bei dem Mariss Jansons Beethovens Neunte dirigierte, Christian Weises Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" ebenfalls in Salzburg, Martin Wuttkes Rolf-Dieter-Brinkmann-Inszenierung in Neuhardenberg ("Humbug" meint Irene Bazinger) und eine Boris-Mikhailov-Ausstellung in Hannover.