Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.04.2007. In der FAZ meint der Paläoklimatologe Augusto Mangini, dass die Klimaerwärmung weder einzigartig noch menschengemacht sei. Die "kleine Eiszeit" war viel schlimmer, meint auch der Evolutionsbiologe Josef Reichholf in der Welt. Die SZ lauscht der Synthese von Gedachtem und Gedichtetem bei Hannah Arendt. Die taz warnt vor der Angstlust vor dem gefährlichen Muslim. Die FR meldet zu Karfreitag: "Ob es jemals einen historischen Jesus gab, wissen wir definitiv nicht."

FR, 05.04.2007

"Ob es jemals einen historischen Jesus gab, wissen wir definitiv nicht", desillusioniert der Kopenhagener Archäologe Thomas L. Thompson im Gespräch mit Arno Widmann pünktlich zum Osterfest die Christenheit. "Wir wissen aber: Die Evangelien sind an einem solchen Jesus nicht interessiert. Alles, was wir über Jesus wissen, stammt aus Allegorien, aus fiktiven Geschichten, die fest verwurzelt sind in uralten vorderasiatischen literarischen Traditionen... Wir haben keine Ahnung, wer Jesus war, wenn er im ersten Jahrhundert außerhalb der Geschichten, die über ihn geschrieben wurden, wirklich gelebt haben sollte. Wir haben nur diese Geschichten, und keine von ihnen startet im ersten Jahrhundert."

Weiteres: Arno Widmann hat sich außerdem in den Lesesaal der Ernest Hemingway Collection der John F. Kennedy Bibliothek in Boston gesetzt, und die Briefe gelesen, die Hemingway zwischen 1949 und 1959 Marlene Dietrich geschrieben hat. In der Kolumne Times Mager macht sich Judith von Sternburg Gedanken über das männliche Schamgefühl, Felicia Herrschaft protokolliert den Aufbruch junger Kunst in Kabul, Marli Feldvoß hat mit der koreanischen Dokumentarfilmerin Sun-Hyung Cho gesprochen, deren Film "Full Metal Village" über ein Heavy-Metal-Festival im norddeutschen Dorf Wacken dieses Jahr den Max-Ophüls-Preis gewann.

Besprochen werden Bruce Beresfords Film "The Contract", Agnieszka Hollands Beethoven-Film "Klang der Stille" (den Daniel Kothenschulte so haarsträubend fand, dass er das Kino "mit einer veritablen Beethovenmähne" verliess), Karin Beiers Inszenierung von Arthur Schnitzlers "Komödie der Verführung" am Hamburger Schauspielhaus, die Ausstellung der Sammlung von Ingvild Goetz im Karlsruher ZKM und Gustave Charpentiers Oper "Louise" an der Pariser Bastille Oper.

NZZ, 05.04.2007

Auf die Frage "Was ist eine gute Religion?" antwortet der jüdische Religionsphilosoph Paul Mendes-Flohr nach einigen anderen Theologen mit einem Bibelwort: "Wenn ein Fremdling bei dir wohnt in eurem Lande, so sollt ihr ihn nicht bedrücken. Wie ein Einheimischer aus eurer eigenen Mitte soll euch der Fremdling gelten, der bei euch wohnt, und du sollst ihn lieben wie dich selbst - seid ihr doch auch Fremdlinge gewesen im Lande Ägypten" (Leviticus 19, 33-34).

Weitere Artikel: Paul Jandl analysiert Österreichs neues Kulturbudget, das sich auf "398,86 Millionen Euro oder 0,78 Prozent der Staatsfinanzen" beläuft. Besprochen werden die Ausstellung "Hexenlust und Sündenfall - Die seltsamen Phantasien des Hans Baldung Grien" in Frankfurt, eine Beckett-Ausstellung im Pariser Centre Pompidou, eine Verfilmung der "Zauberflöte" durch Kenneth Brannagh, das Thermopylenschlachtengemälde "300" sowie, auf der Phono-Seite CDs mit dem kürzlich verstorbenen Tenor Ernst Haefliger, Aufnahmen von Werken des französischen Komponisten Charles Koechlin und eine Jubiläumsedition mit Aufnahmen der Berliner Philharmoniker.

TAZ, 05.04.2007

"Die Angstlust vor dem gefährlichen Moslem grassiert", stellt Robert Misik auf der Meinungsseite und mit Blick auf jüngste Spiegel-Titel ("Mekka Deutschland") fest. "Ulkig bei alldem: Die neuen Xenophoben haben die 'Ausländer' durch den 'Islam' ersetzt, was zu Modernisierungstendenzen in der Argumentationslinie führte. Anders als die alten Deutschnationalen sind die Islamophoben keine Antiamerikaner, sondern glauben sich mit den USA in einer Front des 'Liberalismus' gegen den islamischen 'Totalitarismus'. Den in rechten Kreisen traditionell virulenten Antisemitismus haben sie durch bedingungslose Israelsolidarität ersetzt - klar, schließlich ist Israel von Muslimen regelrecht umzingelt."

"Es scheint", kommentiert Bahman Nirumand die überraschende Freilassung der 15 britischen Marinesoldaten, "dass Mahmud Ahmadinedschad, den man im Westen oft als den 'Verrückten aus Teheran' bezeichnet, die Psychologie der Massen und die Instrumentalisierung der Medien besser beherrscht als seine Kollegen in London und Washington." Zur Milde bewegt haben dürfte ihn Nirumand zufolge "der innere Machtkampf, der seit geraumer Zeit im Iran immer heftiger tobt. Machtkämpfe hat es im islamischen Gottesstaat Iran immer gegeben. Aber die Front, die sich gegenwärtig zwischen den Radikalen und den Moderaten bildet, scheint an die Substanz zu gehen."

Weiteres: "Wir sind das Nadelöhr, durch das die Kamele halt durch müssen", sagt der einflussreiche Hanser-Lektor Wolfgang Matz im Gespräch mit Monika Goetsch." In seiner Kolumne "Mail aus Manila" beschreibt Tilman Baumgärtel, warum Filmpiraterie für die philippinische Cinephilie unerlässlich ist.

Besprochen werden Agnieszka Hollands Beethoven-Film "Klang der Stille" ("Für wen nur hat Holland dieses Stück Kitsch gemacht?" fragt Kirsten Risselmann ratlos), neue Alben von Francoise Hardy ("Parentheses"), Vincent Delerm ("Les piqures d'araignee") und Peter von Poehl ("Going To Where The Trees Are"). Eine ausführliche Buchbesprechung gilt Thomas Elsaessers Studie "Terror und Trauma. Zur Gewalt des Vergangenen in der BRD" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Und Tom.
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Welt, 05.04.2007

Viel schlimmer als die aktuelle Klimaerwärmung war die "kleine Eiszeit", die nach dem Hochmittelalter einsetzte, schreibt der Evolutionsbiologe Josef Reichholf im Forum der Welt: "Im 16. und 17. Jahrhundert wurde die Kälte besonders schlimm: Wölfe wanderten aus dem Nordosten ein. Bären breiteten sich aus. Die Hochwasser übertrafen an Stärke bei Weitem alle Fluten, die wir aus dem 20. Jahrhundert kennen. Viele historische Hochwassermarken an unseren Flüssen zeugen davon. Die großen Stürme des Spätmittelalters zerrissen das Land an der Nordseeküste zwischen Holland und Dänemark und schufen die heutigen Inseln und Halligen."

Fürs Feuilleton besuchte Hendrik Werner den Schriftsteller Walter Kempowski in Niedersachsen, der trotz seiner jüngst bekannt gegebenen Krebserkrankung weiterhin Scharen von Verehrern zu Lesungen seiner Werke empfängt. Uta Baier kommentiert, dass die sächsische Ex-Königsfamilie der Wettiner Hunderte von Kunstwerken vom Land Sachsen zurückhaben möchte, obwohl sie jüngst mit Abermillionen von Euro abgefunden wurde. Gemeldet wird, dass Claus Peymann und Peter Handke ins Kosovo aufgebrochen sind, um die 50.000 Euro des alternativen Heinrich-Heine-Preises an die Bewohner einer serbischen Exklave zu verteilen.

Besprochen werden die Ausstellung "Schmerz" in Berlin, James Camerons Dokumentarfilm "Das Jesus-Grab" mit Spekulationen über die Grabstätte Jesu, der morgen das Umfeld für die Werbeunterbrechungen bei Pro 7 bildet, die neue CD der Fantastischen Vier und der Film "Freedom Writers".

SZ, 05.04.2007

"Man muss die runde und rauchige Stimme der in Kants Königsberg aufgewachsenen Hannoveranerin hören", gibt Volker Breidecker niederkniedend vor Hannah Arendt zu Protokoll, der er im Korridor des Frankfurter Literaturhaus wiederbegegnet ist, wo im Rahmen der Ausstellung zu ihrem hundertsten Geburtstag Günter Gaus' legendäres Gespräch "Zur Person" mit der Hannah Arendt von 1964 gezeigt wird (hier eine Mitschrift). "Im Gespräch schwang sie sich zu Gedankenflügen auf, die zuweilen von einem beinahe kindlichen Kullern untermalt wurden. Noch Arendts sprachlicher Gestus erinnert an die ursprüngliche Zusammengehörigkeit von Gedachtem und Gedichtetem unter dem Dach der Mnemosyne, der Göttin des Gedächtnisses und Mutter aller Musen."

Weiteres: Aus aktuellem Anlass stellt Wolfgang Kemp Betrachtungen zu der Zeichnung "Golgatha" des Passauer Renaissancemalers Wolf Huber an. Zum heutigen 99. Geburtstag des Dirigenten Herbert von Karajan beobachtet Joachim Kaiser wie sich dessen verblasster Ruhm allmählich wiederzubeleben scheint und sich eine seriöse Neubewertung anbahnt.

Besprochen werden Simon McBurneys Komödie "Mr. Bean's Holiday", Zack Snyders Comic-Verfilmung "300" (für Fritz Göttler "ein rumpelndes Ungetüm"), David Mackenzies Film "Asylum" mit Natasha Richardson, Richard LaGraveneses Film "Freedom Writers" mit Hilary Swank (mit der es auf der Filmseite auch ein Interview gibt), die Ausstellung "Schmerz" im Berliner Hamburger Bahnhof, die in Zusammenarbeit zwischen dem dort ansässigen Museum der Gegenwart und dem Medizinhistorischen Museum der Charite entstand, ein Gastspiel des Nouveau Cirque beim Festival "France en scene" in Berlin, die Ausstellung "Gärten: Ordnung, Inspiration, Glück" im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses, Patti Smiths neues Album "12" ("Gemessen an dieser Aufnahme müsste Keith Richards den alten Jammerlappen Jagger rausschmeißen und die Rolling Stones mit Patti Smith neu gründen", schreibt Johannes Waechter), und Bücher, darunter Ariane Breidensteins Monolog "Und nichts an mir ist freundlich" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 05.04.2007

Der Paläoklimatologe Augusto Mangini erklärt, warum er seine Zweifel am Weltklimabericht hat. Die Katastrophe mag kommen, aber die Geschichte der Klimaveränderungen, meint er, deutet eher darauf hin, dass sie weder einzigartig noch menschengemacht ist: "Wir verfügen über Daten, die zeigen, dass es während der letzten zehntausend Jahre Perioden gab, die ähnlich warm oder sogar noch wärmer waren als heute. Ebenso ist es falsch zu behaupten, dass die jetzige Erwärmung sehr viel schneller abläuft als frühere Erwärmungen."

Weitere Artikel: In der Glosse meditiert Christian Geyer über Theorie und Praxis des Falles Jan Ullrich. Eduard Beaucamp stellt den "grandiosen Dschungel" des Ägyptischen Museums in Kairo vor. Matthias Grünzig war bei einer Städteplanerkonferenz über die schrumpfenden Städte des Ostens. Auf der letzten Seite porträtiert Linda Benkner die armlose Dressurreiterin Bettina Eistel. Thomas Thiel informiert im "Update" darüber, dass es im "Second Life" jetzt auch ein Holocaust-Museum gibt.

Auf der heute sehr schmalen Kino-Seite berichtet Hans-Jörg Rother vom Wiesbadener GoEast-Festival. Michael Althen schreibt einen verspäteten Nachruf auf den in Großbritannien erfolgreichen deutschen Kino-Impresario Andi Engel.

Besprochen werden aktuelle Pariser Inszenierungen von Koltes bis Hofmannsthal, eine Ausstellung mit Carl Rottmanns Griechenland-Zyklus in der Neuen Pinakothek, die Andreas-Gursky-Ausstellung in München, ein Berliner Konzert, bei dem Marek Janowski die "Gurre-Lieder" dirigierte, die Dokumentarfilme "Ballets Russes" und "The Cemetery Club", ein Konzert der "Shins" in Köln, das Autorennspiel "Test Drive Limited" und ein Buch, Maria Elisabeth Straubs Roman "Das Geschenk" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages).