Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.09.2006. Die Welt stellt erfreut fest, dass der 11. September die Wirklichkeit in die Literatur zurückgebracht hat. In der Berliner Zeitung schlägt Adriano Sofri Israel vor, auf seine Atomwaffen zu verzichten. Die NZZ inspiziert das Gegenwartstheater und fürchtet, dass Interventionen von Theatergruppen im Libanon sinnlos wären. Die SZ fühlt sich in Paul Verhoevens Film über das von Nazis besetzte Holland wie in einem B-Katastrophenrettungsmovie der Siebziger. Die taz spielt Adventures mit George Bush zitierenden Army-Sergeants. Yasmina Rezas Beziehungsstück "Im Schlitten Arthur Schopenhauers" kommt nicht gut weg. Die Reza ist halt nicht Albee und schon gar nicht Strindberg, erklärt die FAZ.

Welt, 02.09.2006

Im Kulturteil erzählt Regisseur Tom Tykwer im Gespräch mit Hanns-Georg Rodek, warum es für ihn ein kathartisches Erlebnis war, "Das Parfüm" zu drehen und was ihn an dem Mörder Grenouille interessiert hat: "Das zentrale Thema ist für mich nun die Geworfenheit des Menschen in den Moloch Welt, der unvorstellbar viel verlangt und unser - meist etwas verkümmertes - Ego ganz schön überfordern kann. Hier versucht ein Mensch dem gewachsen zu sein, der besonders wenig Erfahrung gesammelt hat, sich darin zu behaupten. Grenouille greift zu Verkleidungs- und Verführungsstrategien, die uns allen vertraut sind, nur vergreift er sich in der Wahl seiner Waffen. Aber seine Sehnsucht, wahrgenommen und geliebt zu werden, ist vollkommen nachvollziehbar... Jeden Morgen müssen wir hinaus in diese Welt, gucken in den Spiegel und denken: Ich bin nicht schön genug, nicht interessant genug, nicht intelligent genug. Wie sorge ich dafür, dass dies nicht jeder sofort merkt?"

Weiteres: Im Durchschnitt werden in Deutschland jeden Tag sieben Kunstwerke gestohlen. Wie Peter Dittmar schreibt, handelt es sich dabei um eine äußerst lukrative Spezialdisziplin: "Es ist der Versuch, von den Museen oder den Versicherungen für die unverkäuflichen Bilder ein Lösegeld zu erpressen. Peter Zander hat in Venedig Spike Lees Katrina-Dokumentation "When the Leeves Broke" und Oliver Stones 9/11-Film "World Trade Center" angesehen. Manuel Brug war in der neuen Show "Dralion" des Cirque du Soleil.

In der Literarischen Welt bilanziert Elmar Krekeler die Literatur seit dem 11. September, die sich weltweit ihren "Rang als Weltdeutungsmedium" zurückerobert habe: "Es wird wieder Geschichte gemacht und erlebt in deutschen Romanen. Zum Teil wie auf Nachrichtenbalken im Bloomberg-TV ziehen sich Sprengsel aus der wirklichen Geschichte durch Prosastücke. Menschen erfahren sich in ihnen als geschichtliche Wesen. Und als soziale. Erzähler wie Thomas Hettche und Katharina Hacker gehen kühl und kühn in die Mitte der Gesellschaft und ihrer Generation. Und sie zeigen, ohne westlichen Selbsthass, ohne schicke Kapitalistenbeschimpfung, wie hohl sie geworden ist in den vergangenen Jahrzehnten und dass es hohe Zeit ist, diese Mitte zu füllen, bevor die Gesellschaft implodiert, ohne noch weiter Anschläge von außen zu brauchen."

Außerdem besucht Hendrik Werner Walter Kempowski: "Bisweilen scheint es, als sei der ehedem streitbare Kempowski fast handzahm geworden. 'Die Grundstimmung ist heiter. Man behandelt mich gut', sagt der Mann, der sich bis in die neunziger Jahre von Kritik und Akademien geschnitten und missverstanden fühlte." Abgedruckt wird ein Auszug aus Denis Johnsons Afrika-Reportagen "In der Hölle". Und Tilman Krause berichtet vom Fund einer frühen Erzählung Andre Gides.

SZ, 02.09.2006

Susan Vahabzadeh hat in Venedig Paul Verhoevens mit Spannung erwarteten Film "Schwarzbuch" gesehen - und staunt nicht schlecht: "Paul Verhoeven hat sich für 'Black Book' eine Geschichte aus dem von Nazis besetzten Holland ausgesucht. Und die erzählt er ungefähr so wie 'Showgirls'. Fans werden ihm vergeben. 'Black Book' erinnert verteufelt an die B-Katastrophenrettungsmovies der Siebziger und ist dann vor allem ein Melodram. So vom Dritten Reich zu erzählen, das ist irre. Aber herzlos ist es nicht. Eine Traurigkeit, die sich überträgt, oder ein Moment der Ausgelassenheit in einer ausweglosen Situation, den man wirklich versteht - das ist immer noch das Realste, was das Kino zu bieten hat."

Weitere Artikel: Aus Büchern zum Thema hat Sonja Zekri ein kleines Glossar zur Nutzung des Internets durch Al-Qaida zusammengestellt. Ingo Petz informiert über Alexander Lukaschenkos gegen das Weißrussische gerichtete Rechtschreibreform. Von den Umständen der plötzlichen Rückkehr von Edward Munchs "Der Schrei" und "Madonna" berichtet Stefan Koldehoff. Auf der Medienseite findet sich ein Gespräch mit der Schauspielerin Martina Gedeck über "Nichtrauchen, Frauenbilder und Deutschland".

Besprochen werden Jürgen Goschs Inszenierung der Uraufführung von Yasmina Rezas "Im Schlitten Arthur Schopenhauers" am Deutschen Theater (Joachim Kaiser hätte sich eine "abstraktere, artifiziellere" Interpretation gewünscht) und der Auftakt von B.B. Kings "Farewell"-Tour in Helsinki.

Auf der Literaturseite finden sich Rezensionen zu Hartmut Böhmes Studie "Fetischismus und Kultur", zu Martin Suters neuem Thriller "Der Teufel von Mailand", zu den "Gesammelten Gedichten" von Rolf Bossert und zu Michaela Melians Hörspiel-CD "Föhrenwald" (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende spricht Fritz J. Raddatz mit Willi Winkler über "Kritik" - die übt er zum Beispiel am deutschen Gegenwartsfeuilleton: "Im Feuilleton stört mich die Temperamentlosigkeit. Mir geht es sehr oft so, dass ich nach der Lektüre eines Artikels, egal ob in der Süddeutschen, bei der Zeit oder in der FAZ, am Ende nicht genau weiß, wie denn nun das Urteil ausgefallen ist. Wo hat jemand emphatisch reagiert? Wo schwimmt mal einer gegen den Strom und sagt was gegen Daniel Kehlmann... Im Feuilleton herrscht eine Form der ästhetischen und Meinungsbeliebigkeit - die grassiert wie ein Fußpilz."

Im Aufmacher sinniert Kurt Kister über Bryan Ferry und Roxy Music und den 24. November 1973. Tanja Schwarzenbach ist in Brighton Beach unterwegs gewesen, dem russischen Teil Brooklyns. David Böcking hat sich mit Konrad Adenauer, Romy Schneider und Karl Marx getroffen und sie gefragt, wie es ist, den Namen berühmter Menschen zu tragen. Rebecca Casati denkt darüber nach, wie Modelabels "unerwünschte Kundschaft" vermeiden können. Auf der Historien-Seite erinnert Tobias Timm an den römischen Punk Clodius Pulcher und Joachim Käppner an das von Friedrich dem Großen gehasste Schloss Wusterhausen. Der Autor Hans-Peter Kunisch berichtet von seinem Leben in Neukölln.

Berliner Zeitung, 02.09.2006

Im Magazin fordert Adriano Sofri, vier Jahre nach seinem Artikel über "Die Pflicht, Israel zu lieben", das Land auf, auf seine Atomwaffen zu verzichten - um des lieben Friedens willen: "Es wird von Gelegenheiten erzählt, bei denen die israelischen Regierungen sich gefragt haben, ob es nicht opportun sei, Atomwaffen einzusetzen - zum Beispiel 1973 in der Küche von Golda Meir. Von der Kuba-Krise abgesehen war das der Moment, an dem wir einem Atomkrieg am nächsten waren. Vielleicht hat das Gleichgewicht des Schreckens einen dritten Weltkrieg verhindert. Vielleicht hat Israels Atomwaffenarsenal die geschworenen Feinde des Landes gestoppt, jene Reihe von Tyrannen und Banden, in deren Programm die Zerstörung des Zionistenstaates ganz oben steht, vielleicht. Aber welchen Schutz kann die Atombombe heute bieten, wenn sie, eingesetzt, nichts anderes als den Selbstmord Israels bedeutete und seine Zerschmetterung unter der Verantwortung für eine nukleare Apokalypse? Welchen Schutz kann sie bieten, wenn der benachbarte iranische Apokalyptiker dabei ist, sein eigenes atomares Magazin zu füllen - und so den Weg freimacht zu einer Verbreitung der Atomwaffen, von denen dann keine arabische Nation mehr ausgeschlossen sein möchte?"
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TAZ, 02.09.2006

In der zweiten taz stellt Dieter Grönling das katastrophensüchtige Adventure-Game "Bad Day LA" des Spieledesigners American McGee vor, das ein Gegenwarts-Amerika der etwas anderen Art entwirft: "Im Verlauf der Katastrophe gesellen sich weitere Figuren zu Anthony. Die entwickeln ein skurriles Eigenleben: ein Junge, der ständig grünkotzt und deshalb dringend ins Krankenhaus muss; Juan, ein Mexikaner mit Kettensäge und übermäßigem Aktionsdrang; eine Beverly-Hills-Schnatze a la Paris Hilton und 'The Sarge', ein Army-Sergeant, dem plötzlich der Unterarm fehlt, der aber dennoch permanent mit Originalzitaten des US-Präsidenten George W. Bush um sich wirft."

Außerdem schimpft Martin Reichert über Arbeitszwang für Hartz-IV-Empfänger und Steffen Grimberg freut sich, dass eine Klage des Bild-Chefredakteur Kai Diekmann abgewiesen wurde - er darf weiter als einer bezeichnet werden, "der sich öffentlich vorführt".

Auf den Kulturseiten berichtet Cristina Nord aus Venedig, dass nach Spike Lees Katrina-Dokumentation "When the Levees Broke" Oliver Stones "World Trade Center" erst recht als "Vehikel einer stockkonservativen Weltsicht" erscheinen muss. Der Schriftsteller Guntram Vesper gratuliert Fritz J. Raddatz zum 75. Geburtstag. Rolf Lautenschläger porträtiert den Berliner Kultursenator Thomas Flierl.

Im taz mag denkt Roger Peltzer über die Ambivalenz von Modernisierung in Afrika nach: "Gerade die Weiterentwicklung ressourcenbasierter Wirtschaftszweige bietet für viele afrikanische Staaten die Chance, breit gestreut Arbeitsplätze, Einkommen und Steueraufkommen zu schaffen. Wenn Globalisierungskritik nur auf die negativen Aspekte solcher Prozesse abstellt, läuft sie Gefahr, die Afrikaner vom Zufluss von Kapital und Nachfrage abzuschneiden."

Desweiteren sinniert Dirk Knipphals in einem Nachdruck aus der Zeitschrift "Merkur" über Wolfgang Ullrichs Thesen zur Kunst von heute als Pferd, auf dem der Herrscher reitet.

Besprochen werden die CD mit dem großartigen Titel "Das Dieter Roth oRchester spielt kleine Wolken, typische scheiße und nie gehörte Musik", die Wiederaufführung von Anne Teresa De Keersmaekers Choreografie "Mozart" zum Abschluss des Festivals "Tanz im August" und Anders Thomas Jensens Film "Adams Äpfel", und Bücher darunter das nur in Schweden zu erwerbende Prachtlexikon "Stora Schlagerboken", in dem es um "den ganzen glamourösen Kosmos schwedischer Schlagersängerinnen" geht, John Banvilles Booker-Preis-gekrönter Roman "Die See" und Tobias Hülswitts Roman "Der kleine Herr Mister" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 02.09.2006

Der Mensch ist wieder angesagt im deutschen Theaterbetrieb, stellt Dirk Pilz in Literatur und Kunst fest und unterscheidet drei Arten: den Zerknitterten, den Politischen, und den Unerlösten. Zu Beispiel bei Jürgen Gosch: "Ob beim Düsseldorfer 'Macbeth' oder bei den 'Drei Schwestern' in Hannover, stets scheinen Goschs Arbeiten Andreas Gryphius zu bestätigen, gemäß dem der Mensch 'ein Wohnhaus grimmer Schmerzen' ist. Der Unerlöste ist einer, der wie Ernst Stötzner in 'Unten' immerfort gegen die Sterblichkeit anbellt, heiser wird und am Ende verstummt. Ein Kämpfer wider das Unumstößliche, der wie Goschs Macbeth eine ganze Welt in Bewegung setzt und doch nicht von der Stelle kommt. Eben noch hat Macbeth das Blut spritzen lassen, schon hockt er an seinem Tischchen wie unzählige Einsame in ihrer Hinterhofküche."

Sibylle Berg rechnet mit ihrer großen Hassliebe Theater ab. "Keine Kunst der Welt lässt doch jemand losgehen, vom Mauler zum Akteur werden, auf einmal nicht mehr Quatsch reden über Nahostkonflikte, sondern: Hey, dann ziehn wir los und reden mit dem Hisbollah, bringen testosteronverseuchte junge Männer auf einen anderen Kurs, MIT THEATERGRUPPEN nach Libanon. Macht doch keiner. Das wäre doch kolossale Selbstüberschätzung. Das Größte, was Kunst kann, was Theater vermag, ist, Menschen in Ekstase zu versetzen, aus ihrem öden kleinen Körper fliehen zu lassen für Minuten, ehe das Zeug wieder an seinen Platz gelangt, alles in sich zusammenfällt, man sich überlegt, wo man noch was trinken geht. DANACH."

Weiteres: Hubert Wolf spekuliert, was die bevorstehende Öffnung des Vatikanischen Geheimarchivs zu den Jahren 1922 bis 1939 so alles ans Tageslicht bringen wird. Margrit Wyder legt die Spuren des Bergsturzes von Goldau in den Werken von Goethe und Lord Byron frei. Manfred Koch inspiziert die naturwissenschaftliche Seite des Bergbaubeamten Novalis.

Im Feuilleton will Peter Hagmann die nun abgeschlossene fünfjährige Amtszeit von Peter Ruzicka als Intendant der Salzburger Festspiele nicht als gescheitert bezeichnen und lobt die Auffrischung des Programms mit neuer Musik. Die Autorin Iris Hanika schickt Impressionen von ihrem Flug in den französischen Badeort Trouville (wo sich übrigens auch gerade zwei Perlentaucher zur wohlverdienten Sommerfrische aufhalten).

Besprochen wird eine Ausstellung zu dem durch seine zersägten Häuser bekannt gewordenen Künstler Gordon Matta-Clark im Madrider Centro de Arte Reina Sofia, und Bücher, darunter Hartmut Böhme Studie zu "Fetischismus und Kultur", J. M. G. Le Clezios Roman "Revolutionen" sowie neue Bücher zu Richard Wagner (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 02.09.2006

Die Hannoversche Allgemeine Zeitung druckt einen Brief von Günter Grass' Lektor Helmut Frielinghaus an Freunde und Kollegen. Es geht um die Debatte über Grass' Mitgliedschaft in der Waffen-SS, der Ton ist ein wenig schrill: "Was sind die Hintergründe dieser massiven Angriffe, die es in dieser Form bisher, soweit ich mich erinnern kann, nicht gegeben hat? Ist es Rache, weil Günter mit seiner scharfen politischen Kritik an nach dem Krieg noch amtierenden Nationalsozialisten oder auch an dem westdeutschen Vorgehen bei der Vereinigung 1989, 1990 und danach oft recht gehabt hat?... Der Ton der Debatte, die ja bisher keine wirkliche -­ nämlich in Kenntnis des neuen Buches und des Lebens von Günter geführte -­ Debatte ist, erinnert mich an die dreißiger und vierziger Jahre. Haben wir, die Deutschen, einen ­ gewöhnlich hinter zivilisiertem Verhalten verborgenen, aber von Zeit zu Zeit ausbrechenden ­ Hang, über einzelne, die anders sind, mit Hass herzufallen und zu Gericht zu sitzen? Um meinen Freunden deutlich zu machen, wie angewidert und beunruhigt ich bin, sage ich, dass ich, hätte ich die Möglichkeit, gern in ein anderes Land umziehen würde."
Stichwörter: Günter Grass, Lektor

FR, 02.09.2006

Johannes Wendland feiert die Rückkehr des Grünen Gewölbes in Dresden: "Damit ist die gesamte Wunderkammer Augusts des Starken wieder erfahrbar, mitsamt ihren bekanntesten Stücken, etwa dem vierteiligen 'Hofstaat des Großmoguls Aureng-Zeb' von Johann Melchior Dinglinger, dem Kirschkern mit 185 geschnitzten Köpfen oder dem 'Mohr', der dem Betrachter eine Schale mit einem riesigen ungeschliffenen Smaragden vorzeigt. Doch der eigentliche Star ist hier das Ensemble. Die Sammlung ist in den Sälen so arrangiert, dass sich das einzelne Objekt, so herausragend es auch ist, dem Ensemble unterordnet. Überfluss als ästhetisches Prinzip - man könnte das in Szene gesetzte Gesamtkunstwerk auch Barock pur nennen."

Weitere Artikel: Christian Schlüter kommentiert kurz den Start der Google-Bibliothek. Daniel Kothenschulte berichtet von den ersten Tagen des Filmfestivals von Venedig und fand bisher Apichatpong Weerasethakuls "Syndromes and a Century" am schönsten. Nicole Henneberg gratuliert dem Ammann-Verlag zum 25-jährigen Bestehen. In ihrer "Bonanza"-Kolumne gesteht Karin Ceballos Betancur, dass sie es mit dem Online-Solitär-Spielen übertreibt.

Besprochen werden Jürgen Goschs Inszenierung von Yasmina Rezas "Im Schlitten Arthur Schopenhauers" (die Inszenierung, bedauert Nikolaus Merck, sucht "den einfachen Weg zum garantierten Erfolg") und Dieter Schneiders Film "Die Alte Oper Frankfurt", der bei Wiedereröffnungsfeier der Alten Oper gezeigt wurde.

FAZ, 02.09.2006

"Die Reza ist nicht Albee und schon gar nicht Strindberg", seufzt Gerhard Stadelmaier, nachdem er im Deutschen Theater "Im Schlitten Arthur Schopenhauers", Yasmina Rezas Beschreibung einer scheiternden Beziehung, gesehen hat. "Ihre Paare geraten nicht aneinander. Sie geraten nebeneinander. In der Lücke dazwischen stecken die Dramen. Jürgen Gosch und seine superben Berliner Schauspieler machen bei der Uraufführung nur den einen virtuosen Fehler: Sie schließen die Lücke. Sie zerren das, was an Drama eigentlich gar nicht da ist, hervor."

Unter dem Titel "Mozart 22" wurden bei den Salzburger Festspielen erstmals alle Bühnenwerke des Komponisten in chronologischer Reihenfolge aufgeführt. Gerhard Rohdes Bilanz des Großprojekts fällt wenig schmeichelhaft aus. "Ein Problem bilden dabei die Wiener Philharmoniker: Wenn Harnoncourt dirigiert, agieren sie auf ihrem Niveau. Auch bei Muti wirken sie noch interessiert. Alles andere bleibt Routine... Für die Salzburger Festspiele scheint es vordringlicher, als ständig über Regisseure und neue Inszenierungen nachzudenken, an der musikalischen Basis zu arbeiten. Das gesangliche Niveau, im ganzen betrachtet, ist zu oft nur mittelmäßig. Darüber täuscht auch Anna Netrebko nicht hinweg."

Weiteres: Wolfram von Scheliha berichtet, wie russische Politiker seit Stalin immer wieder vorschlagen, einen orthodoxen Vatikan bei Moskau einzurichten, um die Kirche besser kontrollieren zu können. Gisa Funck besichtigt die deutschen Jugendbands rund um "Tokio Hotel", und deutet die obszönen Liedinhalte als Abgrenzungsversuch von den konsensgetränkten Eltern. Joseph Croitoru blättert in deutsch-polnischen Zeitschriften. In Weimar wurden die zwei ältesten Handschriften von Johann Sebastian Bach gefunden, berichtet Britta Richter. Jürgen Dollase fusioniert alternative Feinschmecker-Ranglisten und kommt zu dem Ergebnis, dass Harald Wohlfahrt aus der Schwarzwaldstube in Baiersbronn für den besten Koch Deutschlands gehalten wird. Gemeldet wird, dass der Autor Clemens Meyer den mit 10000 Euro und 111 Flaschen Rheingauer Riesling dotierten Rheingau-Literatur-Preis erhält.

In der vormaligen Tiefdruckbeilage unterhält sich Martin Mosebach mit Robert von Montesquiou-Fezensac, dem Prototypen des Dandys, über die gute Monarchie. Wolfgang Burgdorf deutet die Verhaftung des Buchhändlers Johann Philipp Palm vor gut 200 Jahren als Menetekel für die Literaten des frühen 19. Jahrhunderts.

Die Schallplatten- und Phono-Seite präsentiert Charlotte Gainsbourgs "herrlich federleichtes" Album "5.55", Nigel Kennedys "zeit und körperlose" "Blue Note Sessions", die nur "scheindämlich" betitelte Platte "Dreams" von The Whitest Boy Alive sowie Orchesterlieder von Ottorino Respighi.

Auf der Medienseite befragt Andreas Platthaus Peter L. Bergen, der eine auf CNN an diesem Wochenende zu sehende Dokumentation über Al Qaida gedreht hat, zu Osama bin Laden. Die neue Tageszeitung Österreich hat Erna Lackner mit ihrer boulevardesken Normalität ein wenig enttäuscht.

Besprochen werden Calixto Bieitos Version von Houellebecqs "Plattform" im Royal Lyceum Theatre in Edinburgh, historisch inspirierte Filme von Paul Verhoeven und Santiago Amigorena auf dem Filmfestival in Venedig, und Bücher, darunter Marjane Satrapis Comicroman "Jugendjahre", Gerhard Staguhns Kriegsgeschichte "Warum die Menschen keinen Frieden halten" sowie Vikram Seths Erinenrungsroman "Zwei Leben" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Die Frankfurter Anthologie stellt Werner Fincks Gedicht "An meinen Sohn Hans Werner" vor.

"Du brauchst dich deines Vaters nicht zu schämen,
Mein Sohn.
Und wenn sie dich einmal beiseite nehmen
Und dann auf mancherlei zu sprechen kämen,
Sei stolz, mein Sohn..."