Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2006. Das Welt-Feuilleton hat als einziges mitbekommen, dass der gestrige Tag ein geisteshistorisch einschneidendes Datum war: Google Book Search stellte Tausende Klassiker online. In der SZ kritisiert Pawel Huelle polnische Politiker, die aus dem Fall Grass Kapital schlagen wollen. Die FAZ bringt ein Interview über den kommenden Roman von Wolf Haas, ein Interview. Die taz nimmt Luftwurzeln und Orchideen zu Hilfe, um die Schönheit von Apichatpong Weerasethakuls venezianischem Wettbewerbsbeitrag "Sang Sattawat" zu beschreiben.

Welt, 01.09.2006

Gestern war ein historischer Tag. Hendrik Werner hat es mitbekommen. "Ein Anfang dessen, was sich erst noch zu einer Medienrevolution auswachsen soll, ist gemacht. Seit Mittwoch bietet die Büchersuche-Website des kalifornischen Internet-Anbieters Google für Tausende von Büchern ein kostenloses Download-Angebot. Erstmals können damit komplette Bücher, deren Urheberrecht erloschen ist - nach US-Recht Titel, die vor 1923 veröffentlicht wurden - im pdf-Format auf der eigenen Festplatte gespeichert werden." Praktisch alle Bücher kommen aus dem angloamerikanischen Sprachraum, europäische Verlage, die zum Teil mit Prozessen den Scan abgewehrt haben, halten Google ja gern für den Teufel. "Apropos Teufel - kennen Sie den schon? 'Since Thou, O Lord, dost condescend once more / To ask how we are getting on below.'? Das ist die infame Rede erster Teil von Mephistopheles - in einer aus dem Londoner Verlagshaus Ollivier stammenden Ausgabe von 'Faust I' aus dem Jahre 1847. Das Online-Blättern darin ist zwar reichlich ermüdend, weil der philologische Kommentar nahezu ebenso voluminös ist wie der eigentliche Text. Aber immerhin zeigt das online auch in weiteren Sprachen einzusehende und zu konfiszierende Werk auch futuristisch gestimmten deutschen Schulkindern an, auf welche Weise sie in mutmaßlich nicht einmal einem Jahrzehnt Teile ihres Deutschunterricht-Lektürepensums werden bewältigen können."

Weitere Artikel: Peter Zander berichtet von den Filmfestspielen in Venedig. Katharina Dockhorn stellt die neuen Richtlinien der Filmakademie vor, die vorgeben sollen, wann ein Film ein deutscher Film ist und sich um die entsprechenden Preise bewerben darf. Hanns-Georg Rodek berichtet über die neuesten Zahlen der Filmindustrie. Außerdem schreibt er den Nachruf auf Glenn Ford. Morgen besucht Papst Benedikt XVI. die Schleier-Ikone von Manoppello in den italienischen Abruzzen, meldet Paul Badde und überlegt, ob sie "das wirkliche Schweißtuch der Veronika" sein könnte. Gabriela Walde berichtet über einen Streit um Claude Monets Gemälde "Das Parlamentsgebäude in London": Soll es verkauft werden, um die Renovierung des Kaiser Wilhelm Museums zu bezahlen? Uta Baier erlebt "Kunstgenuss in Fürstenqualität" im Grünen Gewölbe von Dresden. Abgedruckt ist ein Auszug aus dem Tagebuch Alexander von Humboldts über die versuchte Gipfelbesteigung des Chimborazo.

Dpa-Meldungen informieren uns, dass Günter Grass den Internationalen Brückepreis von Görlitz/Zgorzelec abgelehnt hat, und dass zwei Forscher in Weimar Handschriften des jungen Johann Sebastian Bach entdeckt haben.

Besprochen werden der Film "Bandidas" - bleibt trotz der Dekolletes von Salma Hayek und Penelope Cruz "ganz schön flach", meint Josef Engels - und die neue CD von The Roots.

FR, 01.09.2006

Der belgische Künstler Francis Alys, der heute abend eine Ausstellung in Frankfurt eröffnet, erzählt im Interview von seinem neuen Film, "ein Versuch, die Fata Morgana zu fangen. Um es kurz zu sagen: Es ist ein Bild dafür, wie lateinamerikanische Länder versuchen, durch Entwicklungsprogramme mit einer bestimmten Art Modernität mitzuhalten. Und es scheint, jedes Mal, kurz bevor sie dort ankommen, entschwindet sie wieder. Ich will damit nicht sagen, dass Endgültigkeit Modernität bedeutet. Ich interessiere mich mehr für diesen Zustand des Fast-da-aber-noch-nicht-angekommen-Seins. Und welche Art von Gesellschaft sich aus dem Phänomen entwickelt, immer kurz davor zu sein."

Weitere Artikel: Theresa Valtin berichtet über das Edinburgh Festival. Tom Buhrow, der heute abend sein Debüt als Anchorman der Tagesthemen gibt, erzählt im Interview, welchen Schlips er dabei tragen wird. Daniel Kothenschulte schreibt den Nachruf auf Glenn Ford. In Times mager stellt sich Stefan Behr einen Auftritt von Bush und Ahmadinedschad in einer Fernsehshow vor.
Stichwörter: Frankfurt

TAZ, 01.09.2006

Cristina Nord nimmt Luftwurzeln und Orchideen zu Hilfe, um die Schönheit von Apichatpong Weerasethakuls venezianischem Wettbewerbsbeitrag "Sang Sattawat" zu beschreiben. Denn "auch sie speist sich nicht aus geläufigen Kinoordnungen und -formen, auch sie hat, wo die Figuren ihre Erzählungen frei fließen lassen, etwas Wucherndes".

Die Verdreifachung der Kinofilmförderung hat bei Bernd Neumanns Pressekonferenz erwartungsgemäß alle erfreut, notiert Dietmar Kammerer. Besprochen werden die Filmreihe "Work in Progress", die am Wochenende im Berliner Kino Arsenal startet und auf 40 Festivals durch die Republik tourt, sowie das Album der Band International Pony "Mit dir sind wir vier".

Und Tom.
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NZZ, 01.09.2006

Joachim Güntner beobachtet ein verunsichertes Deutschland nach den Kofferbomben und bemerkt eine leichte "Mentalitätsverschiebung" in Sachen Sicherheit und Freiheitsrechte, will aber noch nicht von einem Wiederaufflackern der deutschen Staatsgläubitsgkeit reden. Marta Kijowska ist sich noch nicht sicher, ob sie die fahrlässige Berichterstattung über die angebliche Spitzeltätigkeit des polnischen Dichters Zbigniew Herbert für Wahlkampfgetöse der Rechtskonservativen oder für ein Zeichen der "generellen politischen Unreife" Polens halten soll. Kristina Bergmann zitiert arabische Nachrufe auf den ägyptischen Schriftsteller Nagib Mahfus. Jürg Zbinden rekapituliert die Karriere des verstorbenen Schauspielers und "leading man" Glenn Ford.

Eine Besprechung widmet sich den Ausstellungen zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation in Magdeburg und Berlin. Auf der Filmseite geht es um Aki Kaurismäkis neues Werk "Lights in the Dusk" ("Selten noch hat in einem Film ein Sonnenstrahl so stark gewirkt", staunt Martin Girod), Jonathan Daytons und Valerie Faris' Komödie "Little Miss Sunshine" sowie M. Night Shyamalans natürlich "mystische" Geschichte von der "Lady in the Water".

Im Medien- und Informatikteil werden die Anstrengungen beschrieben, durch die Mauritius zur Cyber-Insel werden will. "Die nationale Computer-Behörde hat Ende Juli ein umfangreiches Schulungsprojekt lanciert. Pro Jahr sollen 100.000 Mauritier eine kostenlose Informatik-Grundausbildung erhalten, die mit einem international anerkannten Zertifikat abschließt. 400.000 Personen werden insgesamt geschult, das ist ungefähr ein Drittel der Bevölkerung. Zusätzlich wird ein neuer Studiengang in Informations- und Kommunikationstechnologie eingeführt. Da auf Mauritius neben Englisch und Französisch auch Hindi und Urdu verbreitet sind, kann das Land, etwa im Software-Bereich, eine Vermittlerrolle zwischen Indien und Afrika übernehmen."

Desweiteren werden die Medien aufgefordert, bei der Terrorberichterstattung nicht unzulässig zu vereinfachen, die Angst vor explodierenden Laptop-Akkus für übertrieben erklärt, Wolfgang Fellners neue Tageszeitung Österreich vorgestellt, und festgestellt, dass nun auch konservative Journalisten George Bush härter rannehmen.

SZ, 01.09.2006

Der polnische Schriftsteller Pawel Huelle beklagt, dass die polnische Politik versucht, aus dem Fall Günter Grass Kapital zu schlagen. Die nationakonservative Partei PiS der Brüder Kaczynski hatte bereits im Wahlkampf erfolgreich den Kandidaten der Bürgerplattform Donald Tusk diskreditiert, dessen kaschubischer Großvater in der Wehrmacht dienen musste. Nun geht es gegen den zur Wiederwahl anstehenden Danziger Bürgermeister Pawel Adamowowicz, der Grass verteidigt hatte: "Es ist wie immer: Diejenigen, die für die polnisch-deutsche Versöhnung nie einen Finger gerührt haben, schwingen sich jetzt zu Anklägern eines bedeutenden Deutschen auf - eines hervorragenden Schriftstellers und großen Freundes der Polen. Bis zu den Wahlen im Herbst wird der neben Lech Walesa berühmteste Ehrenbürger der Stadt Danzig ein Spielball der Politiker sein, auf dem man gerne herumtritt."

Maren Preiss berichtet aus Palermo, wie sich die Mafia in den vergangenen Jahren in ein bürgerliches Unternehmen verwandelt hat: "Der Mafiaboss von heute ist wohlhabend, gebildet, gut gekleidet. Politisch fühlt er sich bei den Mitte-rechts-Parteien UDC und Forza Italia zu Hause. Ethisch huldigt er er bürgerlichen Werten wie Erfolg, Reichtum und Macht. Er ist einer, der was darstellt. Ein Machertyp. Ein Vorbild für die junge Generation... Geschätzter Jahresumsatz der Mafia GmbH: 75 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Ein Unternehmen wie Telecom Italia erzielt gerade einmal ein Zehntel dieses Umsatzes."

Weiteres: Hermann Unterstöger wertet die kürzlich entdeckten Handschriften des jungen Johann Sebastian Bach als Beweis, dass "dieser Teenager auch auf der Orgel so etwas wie ein Wunderkind war". Jens Bisky glaubt nicht, dass die jüngsten Aufregungen um "Eisenman, Flierl, Grass, Schäfer" Zeichen dafür sind, dass sich der geschichtspolitische Konsens verschieben könnte. Im Gegenteil: "Es ist die Funktion des Skandals, Normen zu bestätigen, Mehrheitsmeinungen durchzusetzen, Abweichungen zu unterdrücken." Wolfgang Schreiber spricht mit Pamela Rosenberg, die nach dreijähriger Vakanz nun die Intendanz der Berliner Philharmoniker besetzt. Miriam Stein beschreibt, wie sich der Dialekt in der Popmusik zu etablieren beginnt. Fritz Göttler schreibt zum Tod des Schauspielers Glenn Ford. Gemeldet wird, dass die geraubten Munch-Bilder "Der Schrei" und "Madonna" wieder aufgetaucht ist.

Besprochen werden die Ausstellung "Felsen aus Beton" zum Architekten Gottfried Böhm im Frankfurter Architekturmuseum, Emio Grecos Choreografie "Hell beim Tanz im August in Berlin, Paul Baddes Studie zum Jesus-Tuch von Manopello "Das Göttliche Gesicht" und Gilbert Adairs Retro-Krimi "Mord auf ffolkes Manor" und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 01.09.2006

Richard Kämmerlings unterhält sich mit dem österreichischen Autor und Erfinder des Kommissars Brenner Wolf Haas über seinen kommenden Roman "Das Wetter vor 15 Jahren", der von der Literaturkritik stark erwartet wird und der sich vertrackter Weise nicht direkt als Roman, sondern als Interview über einen Roman präsentiert. Haas über Interviews: "Die lese ich auf einer Zeitungsseite immer zuerst. Das ist fast ein körperliches Lustgefühl: Man saugt Kaffee in sich hinein und nebenbei auch ein Interview - das ist der am leichtesten verdauliche Text. Man hat diese heile Welt von Frage und Antwort. Jedem Interview liegt die naive Voraussetzung zugrunde, dass man so der Wahrheit näherkommt. Und speziell bei Büchern ist das ein sonderbares Bedürfnis: Jetzt hast du dein Buch geschrieben, aber jetzt sag doch mal, wie's wirklich ist."

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko feiert das vor der Wiedereröffnung stehende Grüne Gewölbe als "Dresdens hinreißendes Lächeln". Jürg Altwegg berichtet, dass in Lyon ein von der muslimischen Gemeinde geplantes Elite-Gymnasium von den Behörden verhindert wurde, obwohl religiös geprägte Privatschulen in Frankreichs System durchaus zugelassen sind. Christian Geyer kommentiert neue Äußerungen der Psychologen zum Fall der Natascha Kampusch, die acht Jahre in der Gewalt eines Kidnappers zubringen musste. Julia Spinola ist begeistert von der Salzburger Wiederaufführung von Karlheinz Stockhausens "Mixtur" in einer neuen Fassung. Michael Althen schreibt über neue Filme aus Venedig, darunter Apichatpong Weerasethakuls neuen Film "Syndromes and a Century". Verena Lueken schreibt zum Tod von Glenn Ford. Eduard Beaucamp kommt in seiner Kolumne "Kunststücke" auf die SS-Vergangenheit seines Lieblingsmalers Bernhard Heisig zurück. Dieter Bartetzko gratuliert dem Bee Gees-Chef Barry Gibb zum Sechzigsten.

Auf der Medienseite berichtet Kerstin Holm, dass der Moskauer Zeitungskonzern Kommersant an einen dem Gasprom-Konzern und folglich Putin (und natürlich Gerhard Schröder) nahe stehenden Konzern verkauft und somit lupenrein demokratisch wird. Karen Krüger stellt Dmax vor, einen Fernsehsender, der sich an Männer wendet. Michael Hanfeld analysiert neue Entwicklungen in der nordrhein-westfälischen Medienpolitik.

Auf der letzten Seite berichtet Christian Schwägerl, dass die TU Berlin ihre Seminare für hochbegabte Schüler öffnet, die somit ihr Studium schon abschließen können, wenn andere erst anfangen. Und Andreas Kilb porträtiert die seit dem Alter von acht Jahren hart an sich arbeitende Schauspielerin Scarlett Johansson.

Besprochen werden Olga Tokarczuks Roman "Letzte Geschichten" (hier eine Leseprobe) und Sachbücher, darunter ein Stefan Plaggenborgs Studie "Experiment Moderne - Der sowjetische Weg".