Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.07.2006. Phantastische Feuilletons heute! In der FR erklärt der ägyptische Schriftsteller Alaa Al-Aswani, was eine "Als-ob-Gesellschaft" ist: wenn hunderte verschleierte Mädchen ihre Freunde küssen. In der Welt fordert Thomas von Osten-Sacken die Europäer auf, nicht von Frieden im Libanon zu sprechen, wenn sie eigentlich Appeasement meinen. In der taz diskutiert Bahman Nirumand mit sich über die Beziehung zwischen Hisbollah und Iran. Im Tagesspiegel sieht der Schriftsteller Abbas Beydoun den Angriff der Hisbollah auf Israel als Militärputsch. In der SZ beschreibt Andrzej Stasiuk die Kaczynskis als gealterte, müde Säuglinge. Und Najem Wali erzählt, wie die Islamisten den Kopfstoß Zidanes für ihre Zwecke ausbeuten. In der FAZ erklärt Sonja Margolina den Andrang von Studenten in die Geisteswissenschaften als Folge der schulischen Diskriminierung von Mädchen in den Naturwissenschaften.

FR, 25.07.2006

Der Schriftsteller Alaa Al-Aswani hat mit seinem Roman "Das Haus Yacoubian" in Ägypten viel Aufmerksamkeit erregt (mehr hier). Es erzählt die Geschichte der Bewohner eines alten Art-Deco-Hauses in Kairo: Korruption, Islamismus, Folter, Homosexualität - all dies kommt darin vor. Warum das Buch auch in Italien und Frankreich ein Publikumserfolg ist, erklärt sich Al-Aswani im Interview so: "Für den Westen ist die Diskrepanz zwischen dem Ägypten an der Oberfläche und dem wahren Ägypten interessant. Das liegt in der Natur der Diktatur. Nur in einer Demokratie sagen die Menschen, was sie wirklich denken. Eine der Folgen von Diktaturen ist, dass sie Gesellschaften zu 'Als-ob-Gesellschaften' deformieren. Der Präsident agiert, als ob er gewählt wäre. Das Parlament tut so, als sei es aus freien Wahlen hervorgegangen. Das gleiche Muster finden Sie in den Familien wieder. Das verschleierte Mädchen tritt in ihrem Viertel als konservativ und sittsam auf - als ob es kein Sexualleben hat. Jeden Abend können sie aber hunderte verschleierter Mädchen im Stadtzentrum sehen, die ihre Freunde küssen. Das ist, was ich die 'Als-ob-Gesellschaft' nenne." In Deutschland soll das Buch 2007 erscheinen.

Weitere Artikel: Ina Hartwigs Bedauern mit Maxim Biller, dem nach Verbot seines Romans "Esra" noch auch eine Schadenersatzforderung in Höhe von 100.000 Euro droht, hält sich stark in Grenzen: "Maxim Biller ist alles andere als naiv. Wer seinen Roman kennt, weiß, dass er von einem kalkulierten psychologischen Voyeurismus lebt, dass er das Fenster recht brutal aufstößt, um den Blick freizugeben auf eine in Scherben gegangene Liebesgeschichte." Sandra Danicke schreibt über den Kunst-Parcours "EAST international 2006" im englischen Norwich.

Besprochen werden Martin Kusejs Inszenierung von Nestroys "Höllenangst" für die Salzburger Festspiele ("Angst, Verfolgung, Verwahrlosung. In einem visionären Intro mischt und ballt diese Aufführung ein wuchtiges Bild unserer Zeit zusammen", schreibt Peter Michalzik) und Bücher, darunter ein Gesprächsband mit dem Theologen Ivan Illich (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 25.07.2006

Auf den Forumsseiten erklärt Thomas von Osten-Sacken, Geschäftsführer der Hilfsorganisation Wadi e.V., warum er für den Krieg gegen die Hisbollah ist. "Kürzlich hörte ich in Syrien per Zufall den Radiosender der Hisbollah. Ein vierstimmiger Männerchor donnerte, dass es das Ziel aller Muslime seit Mohammed sei, die Juden zu töten. Man solle nicht denken, es ginge nur um Israel, nein, die Juden seien die Feinde und das erstrebenswerte Ziel des Muslims ihre Vernichtung. Dann erklärte ein Kleriker, es ginge nicht allein um die Befreiung Palästinas, sondern darum, die Juden von der Erdoberfläche zu tilgen." Frieden, so Osten-Sacken, "ist etwas anderes als Waffenstillstand. Die militärische Infrastruktur der Hisbollah muss nachhaltig zerschlagen werden, bevor von einem Frieden die Rede sein kann. Deshalb sollen die Europäer endlich aufhören, von Frieden zu reden, wenn sie Appeasement mit totalitären, antisemitischen Regierungen und Bewegungen meinen."

Jeden Sommer im Feuilleton: Klatsch über die Wagners. "Da wird kolportiert, Wolfgang Wagner irre immer öfter orientierungslos durch die Gewölbe, streite sich immer hartnäckiger, besserwisserisch und starrsinnig mit seinen fachfremden Regisseuren. Die hohe Frau Gudrun mache meist ein Gesicht, als sei eben ihr Mops verstorben. Immer dilettantischer und in einer Atmosphäre des Misstrauens würden da Proben beäugt." Über dieses Gerede sollte man sich nicht wundern - die Inszenierungen geben ja nichts zum Reden her, meint Manuel Brug bissig. "Bayreuth reagiert nurmehr, es agiert kaum noch souverän. Und die Berufung eines 80jährigen Opernregiedebütanten durch einen 86jährigen Festspielleiter auf Lebenszeit für einen 16-Stunden-Koloss - das mutet dann wirklich wie ein schlechter Witz an."

Weitere Artikel: Bix. stellt junge deutsche Filme in der ZDF-Reihe gefühlsecht vor, die heute mit Robert Thalheims Film "netto" startet. Hendrik Werner beklagt die Italien-Klischees, die von Autoren wie Magdalen Nabb, Donna Leon und Veit Heinichen verbreitet werden und empfiehlt statt dessen lieber italienische Krimiautoren wie Andrea Camilleri, Carlo Lucarelli und Roberto Mistretta zu lesen. Berthold Seewald erinnert an den vor vor 1700 Jahren zum römischen Kaiser ausgerufenen Konstantin, der das Christentum zur privilegierten Religion des Reiches erhob. Elmar Krekeler warnt mit dramatischen Worten vor der drohenden "Vernichtung" des Autors Maxim Biller, der 100.000 Euro Schadenersatz zahlen soll, weil er mit seinem inzwischen verbotenen Roman "Esra" die Persönlichkeitsrechte zweier Frauen verletzt hat. Manuel Brug hat sich bei den Eröffnungsreden und -konzerten in Salzburg gelangweilt. Anneke Bokern schreibt über die Dreharbeiten zu Peter Greenaways Film über Rembrandts "Nachtwache".

Besprochen werden Martin Kusejs Inszenierung von Nestroys "Höllenangst" für die Salzburger Festspiele ("ein traurig klapperndes Skelett", meint Ulrich Weinzierl), David Frankels Film "Der Teufel trägt Prada" und ein Dokumentarfilm über den tschechischen Präsidenten Vaclav Havel.

TAZ, 25.07.2006

In einer messerscharfen Analyse über die Autonomie der Hisbollah vom Iran ist sich Bahman Nirumand nicht ganz mit sich selbst einig: "Somit brauchte die Geiselnahme israelischer Soldaten nicht unbedingt grünes Licht aus Teheran. Möglich ist es aber schon. Dann könnte man über die Motive Teherans spekulieren." Und auch wenn Ahmadinedschad den Holocaust leugnet - schuld ist auf jeden Fall der Westen: "Die harten Reaktionen des Westens auf die Attacken Ahmadinedschads haben zudem zur Stabilisierung seines Regimes geführt."

Auf der Kulturseite beschreiben Anna Trechsel und Thomas Burkhalter Beirut als eine Stadt, in der die verschiedenen Bevölkerungsgruppen gerade begannen, miteinander auszukommen - dank der regen künstlerischen Szene: "Bis heute wird über die 'Ereignisse' kaum diskutiert; bis heute lernen Christen und Muslime aus verschiedenen Büchern die Geschichte ihres Landes kennen. KünstlerInnen der Bürgerkriegsgeneration haben dieses und andere Tabuthemen immer öfter angesprochen. Sie haben es geschafft, damit erste Brücken zur breiten Bevölkerung zu schlagen. Diese symbolischen Brücken sind nun - wie jene aus Stein - wieder zerstört worden."

Weitere Artikel: Im Aufmacher setzt Robert Misik die taz-Serie über den Stand der Kritik fort und weiht uns in das heikle Berufsbild des Gesellschaftskritikers ein. Thomas Winkler stellt den Rapper Michael Franti vor, der sich kritisch mit der amerikanischen Regierung auseinandersetzt. Und Christian Broecking stellt neue Jazzplatten vor. Auf der Medienseite analysiert Kerstin Speckner die Kriegsberichterstattung des arabischen Senders Al Dschasira, der sich ziemlich einseitig auf die Seite der Hisbollah zu stellen scheint.

Schließlich Tom.

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Tagesspiegel, 25.07.2006

Der Schriftsteller Abbas Beydoun sieht den Angriff der Hisbollah auf Israel als eine Art Militärputsch mit starken innenpolitischen Motiven, der auch die innerlibanesische Debatte beendete: "Die Debatte über die Waffen der Hisbollah war eine Debatte über die Zukunft des Libanon: Soll das Land im revolutionären Zustand verharren und sich einer bewaffneten Avantgarde unterwerfen, oder soll es sich in ein demokratisches Land verwandeln, dessen Volksgruppen gemeinsam seine Zukunft bestimmen? Sieht der Libanon sich als Kriegsgesellschaft, die sich in der Schlacht um einen Führer schart? Oder verhält die Gesellschaft sich pluralistisch und sucht nach Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Gemeinschaften? Stellt es sich gegen das Völkerrecht, oder kehrt es in die internationale Gemeinschaft zurück? Die Mehrheit wollte Letzteres: Frieden, Pluralismus und Demokratie. Aber die Hisbollah, die ihre jetzige Stellung nicht mehr hätte halten können, beendete diese Debatte mit einem Militärschlag. Die Entführung der Soldaten war nur das erste Kapitel."

NZZ, 25.07.2006

Claudia Schwarz besucht das neu eröffnete private DDR-Museum an der Berliner Liebknechtstraße. Besprochen werden der von Richard Gere und Jeremy Thomas produzierte Tibet-Film "Dreaming Lhasa", Konzerte des 50. Menuhin-Festivals in Gstaad, ein "Don Giovanni" im Thater an der Wien und einige Bücher, darunter ein Band über Beckett und der neue Roman von Eva Demski, "Das siamesische Dorf".

SZ, 25.07.2006

Andrzej Stasiuk sieht die Zwillinge Kaczynski als Repräsentanten eines stagnierenden Polen: "Es gibt Momente, da sehen sie aus wie gealterte, müde Säuglinge. Darin steckt bestimmt eine tiefere Wahrheit, der verborgene Sinn der Demokratie. Mein Land hat nämlich die besten Repräsentanten gewählt, denn mein Volk ist müde, todmüde, es erinnert an ein todmüdes Kind. Die Müdigkeit, eigentlich dem Greisenalter zugeschrieben, befällt uns jetzt in der Jugend, in der Wiege. Noch bevor wir laufen lernen, empfinden wir Erschöpfung wie nach einem langen Marsch. Im Kinderzimmer eingesperrt, atmen wir die Luft des Altersheims. Und es gibt wohl keine besseren Schauspieler für dieses Nationaldrama als die müden, besorgten Zwillinge mit der rundlichen Physiognomie."

Die Islamisten um al-Qaida beuten den bereits mythischen Kopfstoß Zidanes für ihre Zwecke aus, berichtet der irakische Schriftsteller Najem Wali: "Dabei beschränkt man sich nicht auf die Behauptung, Materazzi habe Zidane aus rassistischen Motiven beleidigt, weshalb dessen Reaktion als Protest gegen jegliche Form von Rassismus zu werten sei, sondern bewirbt auch ein schwarzes Black-Zizou-Shirt, auf dem der Kopfstoß detailgetreu abgebildet ist. Schwarz ist hier als Farbe der Kleidung der Selbstmordattentäter von al-Qaida zu verstehen."

In der Kolumne Zwischenzeit sucht Hermann Unterstöger den tieferen Sinne der dpa-Meldung mit folgender Aussage: "Das größte Vertrauen schenken die Deutschen Aussagen ihrer Mitmenschen." Alexander Kissler verfolgte eine Berliner Tagung über Rudolf Steiner und den Rassismus. Egbert Tholl porträtiert den Regisseur Claus Guth, der in Salzburg den "Figaro" und "Zaide" inszeniert ("Guth, ein eher gemäßigter Vertreter des Regietheaters, ist kein Bilderstürmer, aber ein streng musikalischer Bilderentwickler") Gottfried Knapp erklärt, "warum das Verwaltungsgebäude des Süddeutschen Verlags als Architekturmonument Schutz verdient hat", obwohl die Stadtpolitiker den Abrissplänen der Nachfolgemieter nachgeben wollen. Thomas Thiringer meldet, dass Veronica Ferres die Aufführung des von Wilhelm Genazino für sie geschriebenen Stücks "Courasche" bei der Ruhrtriennale abgesagt hat.

Besprochen werden eine Ausstellung über die Kleider Yohji Yamamotos in Antwerpen und eine Ausstellung über "Württemberg und Baden als Vasallen Napoleons und den Rheinbund von 1806" in Rastatt.

FAZ, 25.07.2006

Vor gut einem Monat hatte Mirjam Schaub zu einem Streik gegen die Kürzungen in den Geisteswissenschaften aufgerufen, in die sich so viele Studenten einschreiben. Sonja Margolina bezweifelt, dass die Mehrzahl dieser Studenten aus Begeisterung "Disziplinen mit ungewissen Karriereaussichten" wählt. "Bekanntlich steigt der Anteil der Frauen im akademischen Studium seit Jahrzehnten, so dass sie schon heute mehr als die Hälfte der Studierenden ausmachen. In Kultur- und Erziehungswissenschaften sind die Mädchen in der Überzahl. Da dies ein Massenphänomen und nicht nur in Deutschland anzutreffen ist, wäre die Erklärung dafür eher in der durch die Evolution geprägten Verfassung der weiblichen Intelligenz zu suchen. Wem dies als zu reaktionär erscheint, dem kann statt dessen mit dem durchaus plausiblen Gender-Aspekt geholfen werden: Die Schule scheint die Mädchen bei den naturwissenschaftlichen Fächern zu diskriminieren. Das Ergebnis ist schließlich dasselbe: Die Mädchen schneiden bei den Naturwissenschaften im Durchschnitt schlechter ab. Folglich bleibt vielen von ihnen nichts anderes übrig, als sich bei den Geisteswissenschaften einzuschreiben. Das klingt nicht nach Begeisterung für die sinngebenden Fächer, sondern nach Mangel an Optionen."

Weitere Artikel: Zwei Seiten erzählen in Fotos und Textschnipseln eine kurze Geschichte der Bayreuther Inszenierungen von 1951 bis heute. Martin Kämpchen kritisiert den indischen "Schlendrian", der die Sicherheitsvorkehrungen auch nach dem Attentat in Bombay auszeichne. Nma. berichtet von Plänen, auf dem Berliner Schlossplatz ein temporäres Kunstmuseum zu errichten. Auf der DVD-Seite geht's um einen dänischen Dokumentarfilm über den Comiczeichner Herge, "Tintin og mig", das gesammelte Filmwerk von Christoph Schlingensief (dem Enno Patalas eine Hommage widmet) und Gerard Ourys Filmkomödie über den Mai '68 in Frankreich, "Der Sanfte mit den schnellen Beinen".

Auf der Medienseite erzählt Jörg Becker in seiner Reihe über das Internet in China, wie man dort auf virtuellen Friedhöfen wie netor, inter-cemetery, www.shfsy oder dem Ausländerfriedhof wanfoyuan seine Ahnen verehrt. Olaf Sundermeyer berichtet über die "Leser-Reporter" der Saarbrücker Zeitung.

Auf der letzten Seite schüttelt Andreas Rossmann den Kopf über Veronica Ferres, die gerade ihre Mitwirkung an Wilhelm Genazinos "Courasche oder Gott laß nach" abgesagt hat, obwohl Genazino ihre Rolle doch "'auf die Schauspielerin hin geschrieben' und sich sogar ältere Videos besorgt, um ein möglichst umfassendes Bild von ihr zu bekommen". Heraus kam: eine Soldatenhure. Christian Geyer mokiert sich über Gerhard Schröder, der angeblich nägelkauend auf Borkum sitzt und seine Autobiografie termingerecht abzuliefern sucht. Mark Siemons beschreibt das literarische Leben in Peking. Es findet unter anderem in Taxis statt: "Entsprechend hat die jüngste Generation der Pingshu-Meister mittlerweile ein neues Feld für sich entdeckt: Sie erzählen den Polizeifunk des Tages nach, machen noch aus dem kleinsten Unfall, wenn ein Auto auf der Xidan-Straße einen Kiosk rammt, ein Drama, das sie nach allen Regeln ihrer Kunst in Szene setzen."

Besprochen werden eine Ausstellung venezianischer Renaissancemalerei in der National Gallery in Washington und Martin Kusejs Inszenierung von Nestroys "Höllenangst" in Salzburg.