Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.07.2006. Die Welt staunt über die vollendete Künstlichkeit der Christine Schäfer. In der NZZ erzählt der Islamwissenschaftler Maurus Reinkowski die Geschichte des Libanon. Der Tagesspiegel erklärt, warum ein Unternehmen, das täglich fünf Millionen Menschen transportiert, keine Ausstellung über vergangene Höchstleistungen möchte. FAZ und SZ liegen Johnny Depp zu Füßen. In der taz fordert Zafer Senocak keinen Dialog der Kulturen - sondern kritisches Selbstgespräch.

Welt, 26.07.2006

Reinhard Wengierek sucht in den Stücken des Dramatikers Tankred Dorst Hinweise auf die kommende Bayreuther "Ring"-Inszenierung: "Schon immer trat Dorsts zweiflerischer Geist der Lehre von der Katharsis entgegen: Dass die Figuren am Ende eines Stücks anders sein müssten als am Anfang, dafür sehe er, wie wohl auch Wagner, 'keine Entsprechung im Leben'."

Manuel Brug porträtiert die recht eigenwillige Sopranistin Christine Schäfer, deren gerade erschienene "Winterreise"-CD er als "fragil, klirrend kalt" charakterisiert: "Cherubino singt sie auch ab heute, neuerlich nach 2001, an der Salzach: als sopranhelles Kind, als ungeküsster Eros, dem der Geschlechtstrieb sich sogar noch als stumme Figur hinzugesellt. Ihr fast vibratoloser Ansatz, ihr taghelles Entflammtsein ohne jeden Jungmännerschweiß, ihre blickdichte Porzellanfigur - das mag Geschmackssache sein."

Weitere Artikel: Manuel Brug bespricht auch die Salzburger Aufführung von Mozarts früher Oper "Il re pastore" als drögen Abend mit genialen Momenten. Uta Baier berichtet über Ermittlungen gegen die Staatsgalerie Stattgart wegen möglicher Veruntreuung. Hendrik Werner erklärt in einem längeren Hintergrundtext aus Anlass einer Filmpremiere, "warum sich der Beruf des Piraten so gut als Gegenbild zum Bürger und Spießer eignet". Auf der Forumsseite porträtiert Kai Luehrs-Kaiser den Bayreuth-Prinzipal Wolfgang Wagner.

NZZ, 26.07.2006

Der Islamwissenschaftler Maurus Reinkowski erzählt kenntnisreich die Geschichte des Libanon und schließt: "Libanon ist jedenfalls bei seinem Versuch, einen neuen Weg jenseits von Syrien und jenseits der alten Konflikte zu finden, weit zurückgeworfen worden. Dass dies eigentlich nicht im Sinne Israels ist, das in Libanon noch am ehesten einen wohlgesinnten Nachbarn haben könnte, zeigt das Dilemma der israelischen Politik und die Vergeblichkeit aller Bemühungen, solange das grundsätzliche Problem, nämlich der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, nicht gelöst ist."

Weitere Artikel: Manfred Koch erinnert an die Dichterin Karoline von Günderrode, die vor 200 Jahren Selbstmord beging. Christoph Egger beobachtete ein Kunstfestival in dem von führenden Schweizer Künstlern ausgestatteten Hotel Castell in Zuoz. Besprochen werden einige Bücher, darunter zwei Studien über Ignatius von Loyola und Chris Cleaves Roman "Lieber Osama" (Auszug auf englisch)..

Tagesspiegel, 26.07.2006

Beate Klarsfeld hat eine Ausstellung über 150 mit der Reichsbahn deportierte jüdische Kinder vorbereitet, die sie in deutschen Bahnhöfen zeigen möchte. Eine ähnliche Aktion hatte großen Erfolg in Frankreich. Aber die Deutsche Bahn will nicht, berichtet Thomas Lackmann: "Private Bilder ermordeter Kinder am 'authentischen Ort' ihrer Verschleppung - im Kontrast zum Räderwerk des anonymen Apparates von heute. Dass man um den Kundenspaß fürchtet, ist von der Bahn nicht zu hören. Vielmehr verlautet durch ihre Sprecher und in Verhandlungen mit den Ausstellungsmachern: Man sei de jure keineswegs Rechtsnachfolger der Reichsbahn, das sei die Bundesrepublik. Es gebe Sicherheitsprobleme. Bahnhöfe seien eines solchen Themas unwürdig! Der Bahn fehlten Geld und Personal. Man befördere fünf Millionen Menschen täglich, die wolle man nicht stören, würde die Fotos aber gern bahnhofsnah zeigen, oder im Verkehrsministerium, oder im Nürnberger Bahnmuseum."
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Stichwörter: Geld, Beate Klarsfeld

TAZ, 26.07.2006

In einem interessanten Artikel zu den festgefahrenen Debatten über den Nahostkonflikt kritisiert Robert Misik auch den Perlentaucher, der wiederum eine Bildmontage in der SZ kritisiert hatte: Sie zeigt wie ein kleines israelisches Mädchen, das eine für die Hisbollah bestimmte Bombe signiert, und im Gegenbild ein verletztes Kind im Libanon: "Insinuiert wird, dass die Botschaft der Bilder laute: Im Libanon leiden die Kleinen, während sie in Israel für Kriegspropaganda missbraucht werden. Dies wäre eine tatsächlich asymmetrische Bildsprache der Süddeutschen. Was nicht dazu gesagt wird: Das Bild aus dem Libanon zeigt, dass der Junge im Krankenhaus zum Trost für seine Schmerzen eine Plastik-MP geschenkt bekommt, dass also die Lebenswelten beider Kinder durch Kriegstreiberei vergiftet sind - die Montage ist also keineswegs so asymmetrisch wie getan wird. Es sind das die Details, um die es geht, wenn Großmeinungen ihre Sache mit Manipulation im Kleinen betreiben."

Auf der Meinungsseite meditiert Zafer Senocak über den Clinch der Kulturen, und er meint, dass weder Bomben noch Dialog den Islamismus eindämmen werden: "Wie aber wäre es, ein selbstkritisches Gespräch mit sich selbst zu führen - einen inneren Dialog, eine Debatte innerhalb des eigenen Lagers? Wenn man etwa die US-Regierung zur Rechenschaft ziehen würde für die von ihr begangenen Verbrechen im Irak? Würde eine solche Vorgehensweise die westlichen Werte, die es zu verteidigen gilt, stärken oder schwächen? Wie wäre es, wenn der iranische Präsident für seine unerträgliche Leugnung des Holocausts von muslimischer Geistlichkeit denselben Widerspruch erfahren würde wie vom Westen? Erst dann könnte es wirklich einen Dialog geben, einen Austausch der Ideen und der Werte." Aber ist die Idee des selbstkritischen Gesprächs nicht wieder eine westliche?

Auf den Kulturseiten berichtet Georg Patzer über die Abschiedsausstellung des Leiters der Kunsthalle Baden-Baden Matthias Winzen: eine erste große Balkenhol-Retrospektive. Tobias Rapp verreißt "Fluch der Karibik 2", der trotz eines "bezaubernd-tuntigen" Johnny Depp "einfach Schrott" und "ein Schiffsunglück von einem Film" sei. Claudia Gass fühlte sich nach Kai Hensels Monolog "Welche Droge passt zu mir?" im Stuttgarter Theater Rampe zwar "innerlich etwas aufgerüttelt, aber nicht wirklich erschüttert". Dirk Knipphals schließlich kommentiert den wundersamen Zielwandel der NASA: die will fürderhin nicht mehr länger "unseren Heimatplaneten verstehen", sondern nur noch "wissenschaftlichen Entdeckungen den Weg bahnen".

Und hier Tom.

FR, 26.07.2006

Harry Nutt hat sich die zwei Ausstellungen zum Thema Vertreibung - eine im Deutschen Historischen Museum, die andere, organisiert von der Stiftung Zentrum gegen Vertreibung, im Kronprinzenpalais - angesehen und findet, dass "das Medium Ausstellung selbst zur Entkrampfung der Debatten" beiträgt. Renate Wiggershaus erinnert an den 200. Todestag der "unglücklichen Dichterin" Karoline von Günderrode, die "zu wissbegierig für ihre Zeit" gewesen sei. Florian Kessler stellt eine neue Kulturzeitschrift namens Kultur & Gespenster vor. Und in Times mager erklärt Sylvia Staude, warum die Stücke von George Bernard Shaw ("ach, Shawy"), der heute seinen 150. Geburtstag hat, im Gegensatz zu denen von Oscar Wilde kaum noch gespielt werden: "Die ernsthaft erklärenden Vorworte zu seinen Stücken sind manchmal länger als die Stücke selbst, und seine Figuren legt er fest bis hin zur Farbe ihrer Hose. Das ermüdet Leser und nervt Regisseure."

Besprochen werden Mozarts selten gespieltes Frühwerk "Il re pastore" bei den Salzburger Festspielen, eine Inszenierung von Christian Dietrich Grabbes "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" im Rahmen des young directors project am Salzburger republic und Bücher, darunter der Roman "Lustigs Flucht" von Steffen Mensching (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

FAZ, 26.07.2006

Michael Althen hat zwar dies und das gegen Johnny Depps zweiten Piratenfilm einzuwenden, amüsiert hat er sich trotzdem. "Immerhin ist der Film aber so pfiffig, dass er in einem Dialog den alten Surrealisten-Scherz aufgreift, wonach das Bild eines Schlüssels eben kein Schlüssel ist. So ist dies eben auch kein Piratenfilm, sondern nur dessen augenzwinkerndes Abbild. Und wenn Depp sein Messer ins Segel sticht, um so seinen Sturz zu verlangsamen, dann wiederholt er damit zwar einen ähnlichen Stunt von Douglas Fairbanks in 'Der schwarze Pirat', aber Anthony Lane hat im New Yorker nicht zu Unrecht gewitzelt, Depp sei weniger Fairbanks und mehr Mary Pickford."

Was interessantes hat Gerhard Rohde bei den Mozart gewidmeten Salzburger Festspielen gehört: Johannes Maria Stauds "'Musik für Violoncello und Orchester', die sogar auf die Mozarthuldigungen dieses Festspieljahres Bezug nahm: Mozarts Skizze KV Anhang 46 (374g) erklingt sehr schön vervollständigt und orchestriert am Anfang, um dann mit einem jähen Ausbruch in die neue Klangwelt überzuwechseln. Solo-Cello (der gut aufgelegte Heinrich Schiff) und Orchester drängen vehement, oft mit kleinsten Reibungen, vorwärts. 'Wild und überakzentuiert' heißt es dazu mehrfach in der Partitur, auch 'entfesselt' oder 'beweglich und akzentuiert'... Stauds Komposition erinnert in ihrem heftigen Vorwärtsdrang an manche Stücke von Wolfgang Rihm, sie überzeugt durch ihre Dichte, auch ihre fein ausgehörte Klanglichkeit."

Weitere Artikel: Die Österreicher haben uns die Netrebko weggeschnappt, meldet R.O. Was wir jetzt wissen möchten: Hat Herr Schäuble ihr auch die deutsche Staatsbürgerschaft ohne Sprachtest angeboten? Patrick Bahners überlegt, welche Folgen der Brüsseler Beschluss, wonach "für die Vernichtung menschlicher Embryonen kein Geld zur Verfügung zu stellen" sei, auf das deutsche Stammzellgesetz haben könnte. Rüdiger Klein stellt den Neubau eines Bibliotheks- und Hörbaugebäudes für die Bauhaus-Universität Weimar vor, den Andreas Meck entwarf. Pba. meldet, dass Jutta Limbach eine Aufstockung des Etats für die Goethe-Institute von 30 Millionen Euro fordert. Alexander Kemmerer informiert uns über ein Gutachten der American Bar Association, die George W. Bushs Praxis des "signing statements" als verfassungsgefährdend brandmarkt: "Bekanntestes Beispiel ist das Gesetz zum Verbot der Folter, bei dessen Unterzeichnung der Präsident erklärte, dass er sich als Oberster Befehlshaber die Nichtanwendung dieser Vorschriften vorbehalte."

Auf der Medienseite berichtet Siegfried Thielbeer, dass die angelsächsische Medien-Investmentgruppe Mecom unter David Montgomery die Medienbeteiligungen des norwegischen Orkla-Konzerns kaufen will. Montgomery ist auf dem besten Weg, einen "paneuropäischen Medienkonzern" zu formen, so Thielbeer. Ihm gehören inzwischen Zeitungen in Deutschland (Berliner Zeitung), Skandinavien, dem Baltikum und Osteuropa.

Auf der letzten Seite porträtiert Andreas Kilb den Schauspieler Nicolas Cage als neuen Herrn von Schloss Neidstein in der Oberpfalz. Paul Ingendaay meldet "lahme Gedenkroutine" zum siebzigsten Jahrestag des Spanischen Bürgerkriegs. Und Thomas David stellt Benjamin Kunkel, den heißesten Debütanten Amerikas vor. Nur einen ließ sein Roman "Indecision" (Leseprobe) offenbar kalt: Don deLillo, gebeten ein lobendes Sätzchen für den Umschlag zu schreiben, schickte eine Postkarte, auf der stand: "Gab es bei den Yankees nicht mal einen Werfer, der Kunkel hieß?" (Bei The Nation findet man einige Artikel von Kunkel, und hier ein Interview mit Kunkel beim National Public Radio.)

Besprochen werden die Videoinstallation "Crash Test Dummy" (mehr) von Du Zhenjun auf dem Münchner Bordeauxplatz und Prokofjews "Verlobung im Kloster" in Glyndebourne (die Inszenierung fand Wolfgang Sandner "von einer so deprimierend aufgesetzten Lustigkeit, wie man sie von einem englischen Team in einem englischen Opernhaus nicht für möglich gehalten hätte".)

SZ, 26.07.2006

Wolfgang Luef erklärt, warum die angebliche Pop-Revolution in China noch etwas dauern könnte. "Pop boomt in China zwar, die Revolutionen bleiben aber aus. Das Finale der nach dem Hauptsponsor benannten Casting-Show 'Mongolische-Kuh-Saurer-Joghurt-Super-Girl-Wettbewerb' sahen 400 Millionen Menschen im Fernsehen. Die Regierung sah mit. Und als die Rolling Stones im Frühjahr ihr erstes China-Konzert gaben, strichen ihnen die Zensoren fünf Songs aus dem Programm."

Wirklich überzeugend findet Susan Vahabzadeh "Fluch der Karibik 2" zwar auch nicht, ist dafür aber hin und weg vom "zauberhaften" Johnny Depp. "Man kann das, was Johnny Depp seit ein paar Jahren macht, eigentlich nicht mehr als Schauspielerei bezeichnen - eher als eine Mischung aus Performance-Kunst und Zirkusnummer. (...) Er lügt, verrät und trickst, er tänzelt und torkelt, vollführt ein Kunststück aus komisch verführerischen Blicken und irgendwie schwuchteligen Handbewegungen und ist dabei auf vollkommene und verkommene Art bildschön."

Weitere Artikel: Miriam Stein porträtiert die Sängerin Lily Allen und nennt sie die "Pop-Sensation, auf die England lange gewartet hat". Adrienne Braun berichtet über Ermittlungen gegen die Staatsgalerie Stuttgart wegen des Verdachts der Untreue; Anlass sind verschwundene Werke, unrechtmäßig beschäftigtes Personal und falsch abgerechnete Dienstreisen. Der Nachrichtendienst informiert unter anderem über das neue Zweigestirn am Kölnischen Kunstverein: Nachfolgerinnen der bisherigen Direktorin Kathrin Romberg, die zum Jahresende das Haus verlässt, werden die Kuratorinnen Anja Nathan-Dorn und Kathrin Jentjens. Zu lesen sind schließlich Nachrufe auf den Dirigenten Heinrich Hollreiser und den Münchner Galeristen Heinz Herzer.

Salzburg: Als "feinen und unprätentiösen Auftakt" lobt Egbert Tholl die Inszenierung von "Il re pastore", mit der Thomas Hengelbrock die umfassende Werkschau der Opern Mozarts bei den Salzburger Festspielen eröffnete. Christine Dössel sieht Roger Vontobel mit seiner Inszenierung des Grabbe-Stücks "Scherz, Satire, Ironie" scheitern.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Vermessen" zur Kartierung der Tropen im Ethnologischen Museum Berlin, Inszenierungen von Frederic Fisbach und Joel Pommerat sowie Neues von Edward Bond beim Festival in Avignon und Bücher, darunter "Das Glück der Musik" von Hanns-Josef Ortheil (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Im politischen Teil schreibt Joschka Fischer zum neuen Nahostkonflikt: "Es geht ab sofort nicht mehr überwiegend um Territorium, um Rückgabe oder Besetzung, um ein oder zwei Staaten im Nahostkonflikt, sondern nun wird die strategische Bedrohung Israels (und das heißt: seine Existenz als solche) im Vordergrund stehen." Mehr dazu im Spiegel Online.