Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.05.2006. In der Welt spricht der Regisseur Ousmane Sembene über Beschneidung von Frauen in Afrika, die für ihn nichts mit Religion zu tun hat. Die FR dokumentiert den umstrittenen Expertenbericht zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Der Historiker Ulrich Herbert lobt diesen Bericht im Tagesspiegel und plädiert auch für eine Dokumentation des Alltags der DDR. Die NZZ macht sich Gedanken über eine neue Nationalhymne für Südkorea.

FR, 16.05.2006

Die FR dokumentiert in einer Kurzversion und einer Langfassung die Empfehlungen der Expertenkommission für einen Geschichtsverbund "Aufarbeitung der SED-Diktatur", deren Vorschlag einer stärkeren Berücksichtigung des Alltags in der DDR in den vergangenen Tagen das Feuilleton beschäftigt haben. Einzusehen ist auch das Sondervotum der Schriftstellerin und Regisseurin Freya Klier.

Axel Brüggemann resümiert im Feuilleton die mozartdominierten Wiener Festwochen und merkt kritisch den Hang zum "Geschmäcklerischen" an. Harry Nutt kommentiert das Phänomen des "Happy Slappings" bei Jugendlichen. In times mager sieht Hans-Jürgen Linke die Zukunft Europas in einer vernünftigen Weinpolitik.

Besprochen werden Luc Bondys Version von Jon Fosses Stück "Schlaf" auf den Wiener Festwochen, die von einem "spannenden Ensemble" getragen wird und Neil Youngs Album "Living With War" (Für Michael Tetzlaff ist Young damit endgültig der "Hunter S. Thompson der Rockmusik").

Welt, 16.05.2006

Mexikanische Immigranten demonstrierten kürzlich in mehreren Großstädten der USA für die Anerkennung Illegaler und eine doppelte Staatsbürgerschaft. Im Forum erklärt Wolf Lepenies sie zum Vorbild für Einwanderer weltweit: "Die 'Latinos' wollen Amerikaner werden - und Mexikaner bleiben. Die mexikanische Regierung ermuntert sie dazu. Wenn ein 'Illegaler' endlich Amerikaner wird und damit eigentlich seine mexikanische Staatsbürgerschaft aufgeben müsste, wollen die mexikanischen Behörden davon nichts wissen: 'No lo digas!' - 'Don't tell me!' heißt die heimliche Devise. Faktisch gibt es längst eine weder in den USA noch in Mexiko anerkannte doppelte Staatsbürgerschaft."

Im Kulturteil spricht der senegalesische Filmregisseur Ousmane Sembene im Interview über die Rolle der Frauen im Islam und Beschneidungen: "Die Riten sind von Ort zu Ort sehr unterschiedlich. Es sind kulturelle Praktiken, nicht religiöse. In Ägypten werden die Frauen ganz aseptisch in den großen Krankenhäusern beschnitten. Das ist die arabisch-moslemische Tradition. In Saudi-Arabien oder in Kuwait praktiziert man überhaupt keine Beschneidung. In Indonesien gibt es mehr Moslems als in irgendeinem anderen Land, aber es gibt keine Beschneidung. In Äthiopien werden die Frauen fast komplett zugenäht. Aber ich kenne Eritreerinnen, die für die Unabhängigkeit von Äthiopien gekämpft haben und sich noch während des Kampfes beschneiden ließen. Im Senegal ist die Beschneidung von Mädchen und Frauen gesetzlich verboten. Die Praxis ist voller Widersprüche. Sie hat nichts mit Religion zu tun. Wer dagegen ankämpft, den kann man nur unterstützen."

Weitere Artikel: Wolfgang Sofsky erklärt in einem längeren Text, warum Steuern unmoralisch sind: "Jedes Jahr monatelang unfreiwillig und unentgeltlich für den Staat arbeiten zu müssen, erfüllt den Tatbestand der Zwangsarbeit." Eckhard Fuhr kommentiert erste Gerüchte über "Mauscheleien" im Haushalt der Berliner Akademie der Künste, die ein Bericht über die Ausgaben aufgedeckt habe: "Für Klaus Staeck, den neuen Präsidenten, kommt die erste Bewährungsprobe schnell. Er muss verhindern, dass dem Akademie-Etikett der Schläfrigkeit das der Schlampigkeit oder eines Schlimmeren hinzugefügt wird." Peter Dittmar stellt Meister Suns etwa 2500 Jahre alte Schrift "Die Kunst des Krieges" vor, die von der jetzigen chinesischen Regierung als Lehrmaterial an Offiziersanwärter verteilt wurde. Wieland Freund berichtet kurz von einem Gespräch über Europa zwischen Peter Sloterdijk und Rem Koolhaas.

Besprochen werden zwei Ausstellungen in Amsterdam - im Rijksmuseum und im Rembrandthaus - mit echten und falschen Rembrandts, Andreas Magdanz' Fotoband "BND - Standort Pullach" und die Inszenierung von Jon Fosses "Schlaf" durch Luc Bondy bei den Wiener Festwochen ("Sogar als Leiche ist die Clever virtuos bis zum Unheimlichen", staunt Ulrich Weinzierl.)

NZZ, 16.05.2006

Braucht Südkorea eine neue Nationalhymne? Die jetzige wurde peinlicherweise von einem Anhänger der Kolonialmacht Japan komponiert, berichtet Hoo Nam Seelmann. "Richard Strauss hat 1940 eine 'Festmusik' komponiert und sie 'Seiner Majestät dem Kaiser von Japan' gewidmet. Anlass war die 'Feier des 2600-jährigen Bestehens des Kaiserreiches Japan'. Noch im selben Jahr wurde das Werk in Tokio uraufgeführt, und zwar unter dem Dirigenten Ekitai Ahn, der niemand anders ist als der Komponist der koreanischen Nationalhymne. Vor kurzem ist zudem noch ein kurzer Filmausschnitt in Berlin aufgetaucht, in dem Ahn als Dirigent zu sehen ist. Er leitet die Uraufführung seiner eigenen Komposition zum Jubiläum des zehnten Jahrestages der Gründung von Mandschukuo, dem japanischen Marionettenstaat in der chinesischen Mandschurei. Das war 1942, und er dirigierte die Berliner Philharmoniker vor Nazigrößen und japanischen Diplomaten. Der Komponist und Dirigent - sein koreanischer Name lautet Ahn Ik Tae - hat in Korea die heute noch heiß umstrittene Frage der Kollaboration mit den japanischen Kolonialherren neu entfacht."

Barbara Villiger Heilig kommt beglückt aus Luc Bondys Inszenierung von Jon Fosses "Schlaf" in Wien: "Nein, Anleitungen zum Glücklichsein im Familienkreis gibt weder Jon Fosse noch Luc Bondy! Dafür aber illustriert diese Aufführung, indem sie traumwandlerisch den menschlichen Seelengründen entlanggleitet und Kompliziertes in Einfachem aufhebt, ein heutzutage äußerst rar gewordenes Theaterglück."

Besprochen werden ein groß angelegtes Ausstellungsprojekt über vierzig Jahre Videokunst in Deutschland (Birgit Sonna hat sich den Ausstellungsteil im Münchner Lenbachhaus angesehen) und Bücher, darunter der Band "Familie Marx privat", Katharina Hackers "ergreifender" Roman "Die Habenichtse" und Zeruya Shalevs Roman "Späte Familie" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 16.05.2006

Der Soziologe Dirk Baecker bedauert noch mal, was die Wende mit den Ostdeutschen gemacht hat: "Die Wende bewies ja nichts anderes als den Umstand, dass die DDR- Gesellschaft gescheitert war, also musste man im Westen auch nur mit denjenigen Ostdeutschen reden und rechnen, die genau dieser Meinung waren. Alle anderen wurden einem 'Schweigebefehl' unterworfen, wie ihn sich der Verfassungsrechtler Carl Schmitt, der dieses Wort erfunden hat, nicht besser hätte ausdenken können. Es wurden ihnen die Ämter, die Betriebe, die Schulen und die Universitäten, die politischen Pläne, die wirtschaftlichen Märkte und die wissenschaftlichen Ideen genommen." Und wir müssen ihnen jetzt das ALG 2 bezahlen!

Weitere Artikel: Ira Mazzoni berichtet in ekstatischer Prosa ("Keine Signatur, sondern sinnlich erlebbare, orts- und raumspezifische Intellektualität - das ist das Werkstattgeheimnis des Baseler Büros") über die Ausstellung zum Oeuvre der Architekten Herzog & de Meuron in München. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Ägyptens versunkene Schätze" im Berliner Gropiusbau, David Lindemanns in Stuttgart uraufgeführtes Stück " Billy the Kid wird am Schluss erschossen" und ein Konzert des Archie Bronson Outfit in Berlin.

Auf der Medienseite porträtiert Carla Palm Markus Spillmann, den 38-jährigen neuen Chefredakteur der NZZ.

Schließlich Tom.

Tagesspiegel, 16.05.2006

Der Historiker Ulrich Herbert plädiert im Gespräch mit Christiane Peitz dafür, den Alltag der DDR in die Aufarbeitung ihrer Geschichte einzubeziehen: "Die NS-Zeit dauerte zwölf Jahre, mit einem Dauerfeuer von Großereignissen. Alltag im Sinne von Routine gab es kaum. In den 40 Jahren DDR haben, um es ironisch zu sagen, die Leute eher unter einem Mangel an Großereignissen gelitten. Die Langeweile scheint ein prägendes Element der DDR gewesen zu sein."
Stichwörter: DDR, Ulrich Herbert, Langeweile

SZ, 16.05.2006

Für türkische Nachwuchswissenschaftler ist Deutschland nicht gerade attraktiv, erfährt Jeanne Rubner von Stipendiaten der Humboldt-Stiftung in Istanbul. "Die besten Studenten durften mit Staatsstipendien zur Promotion ins Ausland - jeder zweite geht nun in die USA, vier von zehn nach Großbritannien, und gerade einmal drei von hundert zieht es in die Bundesrepublik. Deutschland dagegen, wegen der Wiedervereinigung auch mit sich selbst beschäftigt, verlor das Interesse an der Türkei - eine für Istanbul geplante deutsche Hochschule scheiterte am Geld. Derweil stießen die USA in die Lücke."

Luc Bondy und Jon Fosse passen nicht zusammen, hat Christopher Schmidt auf den Wiener Festwochen festgestellt. Bondys inszenatorische Hyperaktivität lähmt Fosses Melancholie in "Schlaf". "Auch die heterogene Spielweise bekommt dem Stück nicht gut. Philipp Hauß etwa wuchtet seinen jungen Mann als einsilbigen Schrat mit dem hölzernen Charme einer Nordmanntanne auf die Bühne, während Edith Clever eine Art Schlurfballett in Fellschuhen vollführt und wie eine alte Eskimo-Squaw um den Totem tanzt. Mit tausend welken Großgesten der gelernten Tragödin beschwört sie die Plagen des Alters. Ihren späteren Sturz hatte Bondy ironisch vorweggenommen, als er ihr junges Double, Mareike Sedl, auf einem Spielzeugauto ausrutschen ließ."

Weiteres: Im Aufmacher macht Alex Rühle das Fernsehen, das eine Prime-Time-Geburtenrate von 0,48 Kindern pro Frau aufweist, sowie die Werbung und deren "steriles" Familienbild mitverantwortlich für den Zeugungsnotstand. Sonja Asal referiert ein Münchner Gespräch zu Europa, das Rem Koolhaas und Peter Sloterdijk mit Verweisen auf die europäischen Narrative von Vergil über Rom bis Byzanz bestritten. Mit einem resignierten Unterton meldet Thomas Steinfeld die Wiedervereinigungspläne von Genesis. In einer "Zwischenzeit" verknüpft Harald Eggebrecht das Phänomen des Hutzelkloßes mit dem des Alterns. Jürgen Berger moniert die "angestrengte Jugendlichkeit" des Theaterfestivals Heidelberger Stückemarkt.

Eine Beilage beschäftigt sich eigens mit den Münchner Opernfestspielen. Im Aufmacher schwärmt Wolfgang Schreiber von der Ära des Intendanten Sir Peter Jonas und des musikalischen Direktors Zubin Mehta, die im Juli zu Ende geht.

Besprochen werden Kasper Bech Holtens konzeptionell ambitionierte Inszenierung des "Rings" in Kopenhagen, die "umfangreiche" Retrospektive zum Architekten und Ingenieur Jean Prouve im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt am Main, die Uraufführung von Gerard Pessons "mitunter etwas zerfahrener" Auftragsoper "Pastorale" an der Stuttgarter Oper, Paul Abascals Film "Paparazzi" und Bücher, nämlich Neuerscheinungen zum aktuellen Stand der Bildwissenschaft, Haruki Murakamis Roman "Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt" und Jean Echenoz' Roman "Ein Jahr" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 16.05.2006

Jürgen Kaube kommentiert die katastrophalen neuen PISA-Zahlen für Migrantenkinder in Deutschland. Hannes Hintermeier beschreibt, wie virtuos der Lübbe-Verlag seine Erfolge mit Dan Brown mehrt. Richard Kämmerlings kommentiert die jüngsten Personalentscheidungen Jürgen Klinsmanns für die Fußball-Nationalmannschaft. Roman Luckscheiter resümiert eine Erlanger Tagung über das Fortleben der DDR in der Literatur nach der Wende. Jordan Mejias resümiert eine Tagung über das Leben der Schwarzen in Deutschland in Geschichte und Gegenwart, die im amerikanischen Amherst abgehalten wurde. Alexandra Kemmerer resümiert eine Wiener Tagung über "Höchstgerichte im Europa der Frühen Neuzeit".

Auf der DVD-Seite stellen sich die Filmredakteure Rezensionsexemplare von DVDs mit Nastassja Kinski, von Antonionis "Beruf Reporter" und von Filmen Fukasaku Kinjis und Luchino Viscontis ins Regal. Und Verena Lueken kommentiert den Umstand, dass jetzt auch immer mehr Bücher mit zugehöriger DVD ausgeliefert werden. Auf der Medienseite unterhält sich Michael Hanfeld mit Jakob Augstein, Familiengesellschafter beim Spiegel, der vor allem für neue Produkte im Printbereich eintritt. Und Karl-Peter Schwarz schildert, wie Tschechiens Premierminister einen missliebigen Fernsehmoderator absägte.

Auf der letzten Seite berichtet Vincenzo Velella über eine Studie, die untersuchte, ob Fürbitten bei ernstlich Herzkranken hilft - die Zahlen sagen: leider nein. Rainer Schulze schildert den Erfolg des Design- und Möbelmuseums (Marta) in Herford. Und Pia Reinacher porträtiert den Zürcher Verleger Egon Ammann, dessen Verlag sein 25. Jubiläum feiert.

Besprochen werden Luc Bondys Inszenierung von Jon Fosses neuem Stück "Schlaf" in Wien ("Bondy spendiert Fosses Spukgestalten einen Seelenabgrund", schreibt Gerhard Stadelmaier freudig erregt), eine neue CD der französischen Band Phoenix, eine Ausstellung mit illustrierten und auf Palmblattstreifen festgehaltenen Liebesgedichten aus dem Indien des 18. Jahrhunderts in Zürich, Konzert der Tage für neue Kammermusik in Witten, Uraufführungen der Münchner Musiktheaterbiennale und eine Konrad-Klapheck-Ausstellung in Recklinghausen.