Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.02.2006. Der Tagesspiegel sieht einen "Orest" der tausend Diskurse. In der Welt erklärt der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban, wie China Saudiarabien hilft, vom Westen unabhängig zu werden. Die taz porträtiert drei Hippiemädchen aus den Sechzigern, die wieder en vogue sind. Die NZZ feiert Peter Konwitschnys geniale "Holländer"-Inszenierung. In der FAZ ärgert sich Hubert de Givenchy über Mode und Models von heute. Die SZ überfällt beim Gespräch mit Richard Sennett anfallsartige Zuneigung für den Soziologen.

Tagesspiegel, 28.02.2006

"Ist die Castorfisierung, die Polleschisierung des Musiktheaters unterm Deckmäntelchen der Chereaus, Bondys, Grübers und Steins bereits viel weiter fortgeschritten, als wir denken?" Christine Lemke-Matwey reagiert verstört, aber beeindruckt auf Sebastian Baumgartens Modernisierung von Händels "Orest". "Wo die Lebensgefahr des Orest erzählt werden soll, der Wahnsinn, der in seinem Hirn wütet und dass so etwas wie Schwesternliebe, wie Familie am Ende angeblich immer stärker ist als jede Weltanschauung, da verstrickt sich Baumgarten mutwillig in tausend lose Diskursfäden. Hier etwas Giorgio Agamben, dort Kluge und Bataille, mal in die Musik hineingeraunt, mal -geflüstert - schon ist vor lauter Konzepttheater, vor lauter Überbau auf der Bühne kein Mensch mehr zu sehen. Und das stört, das verstört nachhaltig. Vielleicht pappt Händel hier tatsächlich bloß einen seiner vielen konventionellen Jubelschlüsse auf die 'Pastete'; vielleicht zeigt Baumgarten mit Recht eine Welt, in der die Liebe längst verloren hat. Nur: Will man das glauben, darf man das glauben?"
Stichwörter: Giorgio Agamben, Musik

FR, 28.02.2006

Sylvia Staude berichtet von der "Tanzplattform Deutschland 2006" in Stuttgart. Oliver Herwig stellt die vorläufigen Sieger des Stadtplanungs-Wettbewerbs "Werkbundsiedlung Wiesenfeld" vor. Elke Buhr schreibt zum zwanzigsten Geburtstag der Schirn. In Times Mager schüttelt es Thomas Medicus angesichts der "triumphierenden architektonischen Banalität", die die Firma KPMG direkt gegenüber der CDU-Zentrale in Berlin errichtet hat.

Besprochen werden die Ausstellung "Rembrandt Caravaggio" im Amsterdamer Van-Gogh-Museum und Dimiter Gotscheffs Inszenierung des "Volpone" am Deutschen Theater in Berlin, mit Samuel Finzi und Wolfram Koch als "neuem Traumpaar der Bühne".

Welt, 28.02.2006

Auf eine bemerkenswerte Koinzidenz weist der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban hin: Zwei Tage, nachdem Saudi-Arabien mehrere Wirtschaftsabkommen mit China abgeschlossen hatte, trat es die Protestwelle gegen die dänischen Karikaturen los: "Der Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen ist unübersehbar. Die gestiegene Prosperität Saudi-Arabiens wegen der steigenden Ölpreise und das Auftauchen von zwei Großkunden, China und Indien, verstärken die Selbständigkeit des Landes gegenüber dem Westen, der spürbar an Bedeutung verliert. Die Gelegenheit ist günstig, sich dem Druck des Westens nach dem 11. September zu entziehen. Eine Gelegenheit, die übrigens auf eine brutale Art von Iran und Syrien ausgenutzt wurde."

Ulrich Weinzierl trifft den Autor Daniel Kehlmann im Cafe Griensteidl in Wien: "Auf seine erstaunliche Produktivität angesprochen, wehrt er ab: Gemessen an Maßstäben des 18. und 19. Jahrhunderts sei sein Kreativausstoß keineswegs bemerkenswert. Erst in jüngerer Vergangenheit habe sich in deutschen Landen das charakteristisch schmale Oeuvre eingebürgert."

Weiteres: Johanna Di Blasi berichtet von einem aufschlussreichen Symposion zur steigenden Kunstkriminalität. Ihre Erkenntnis: "Das Problem des Kunstdiebstahls ist auch ein Problem des Kunsthandels: Äußerst liberale Handelsgepflogenheiten, Gummi-Paragrafen und mangelndes Unrechtsbewusstsein erleichtern das schmutzige Geschäft mit geraubter Kunst." Thomas Kielinger berichtet vom Auftakt des Plagiatsprozesses gegen Dan Brown. Paul Badde beklagt, dass die italienische Regierung kaum noch Mittel für die Sanierung antiker Stätten zur Verfügung stellt.

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Ben Jonsons "Volpone" ("Das ist nicht höllisch grotesk, bloß grottenlangweilig") und Lars-Ole Walburgs "Kabarett"-Version von Tschechows "Kirschgarten".
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TAZ, 28.02.2006

Arno Frank hat in der zweiten taz von drei ehemaligen Hippiemädchen gehört, deren in den sechziger Jahren aufgenommene und dann vergessene Folkplatten nun wieder heiß begehrt sind. "Vashti Bunyan, die heute als Hausfrau in Edinburgh lebt, musste erst einmal ihren Kindern erklären, was diese Freaks aus den USA denn plötzlich von ihrer Mutter wollten: 'Ich hatte mir das Album nie wieder angehört', sagt sie heute, 'es war mir ein wenig peinlich.' In einer Dokumentation über die Swinging Sixties, 'Tonite Let's All Make Love In London' (mehr), taucht im Publikum der jungen Pink Floyd ihr bleiches Gesicht auf; die Musiker auf der Insel Berneray, die ihr damals bei 'Just Another Diamond Day' halfen, gehörten zur damaligen Folk-Supergroup Fairport Convention, was Vashti nicht wusste; die Streicher-Arrangements waren von Robert Kirby, der frisch von den Sessions für Nick Drakes Meisterwerk 'Five Leaves Left' zur Landkommune geeilt war."

Im Feuilleton stellt Kristin Becker die Theaterregisseurin Simone Blattner vor, die gerade Martin Heckmanns "Die Liebe zur Leere" im Schauspiel Frankfurt inszeniert. Beim Frühlingsauftakt im Literarischen Colloquium Berlin, auf dem sechs Autoren ihre neuen Bücher vorstellten, haben Jan Faktor, Jakob Hein und Elke Schmitter bei Gerrit Bartels den besten Eindruck hinterlassen. Björn Gottstein erzählt von den New Music Days in Stockholm. Christian Broecking gratuliert dem Jazzlabel Intakt Records zum 20. Geburtstag und freut sich auf das Festival in Zürich. Für den Münchner Soziologen Armin Nassehi scheint die Rückkehr der Figur des Bürgers "Symptom dafür sein, dass das bequeme Arrangement einer postheroischen Versorgungsgesellschaft vorbei ist. Debatten nehmen offensichtlich wieder die Form des Kulturkampfes an - mit Betonung auf Kultur."

Im Medienteil meldet Steffen Grimberg, dass die Redakteure der Berliner Zeitung sich ein Redaktionsstatut gegeben sowie einen Ausschuss gewählt haben. Hans-Ulrich Dillmann schildert die Lage für Journalisten auf Haiti, die auch zwei Jahre nach dem Sturz von Aristide immer noch desolat ist.

Und Tom.

NZZ, 28.02.2006

Beglückt ist Marianne Zelger-Vogt aus Peter Konwitschnys "Holländer"-Inszenierung in München getaumelt. Der "zweite Akt ist ein schlechterdings genialer Wurf. Nie wieder wird man die 'Spinnstube' sehen können, ohne sich des Bildes zu erinnern, das sich einem jetzt im Münchner Nationaltheater bietet: ein topmoderner Fitness-Raum mit Bartheke, die Frauen auf Hometrainern - statt Spinnrädern surren Veloräder. Präziser lässt sich der Rhythmus der Musik nicht übersetzen."

Besprochen werden ein "Othello", den Matthias Hartmann am Schauspielhaus Zürich nicht als große Tragödie, sondern als "mittleren Schurkenstreich" inszeniert hat, so Barbara Villiger Heilig, ein dreiteiliger Ballettabend im Opernhaus Zürich, Schuberts "Winterreise" mit Thomas Quasthoff im Opernhaus Zürich und Bücher, darunter Paula Fox' "Erinnerungen an das befreite Europa" und Horst Bredekamps Buch "Darwins Korallen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 28.02.2006

Ingeborg Harms lässt sich von Hubert de Givenchy durch die Pariser Ausstellung "Perfection Partagee" führen, die all jene Kleider versammelt, mit denen Cristobal de Balenciaga Fürstin Mona von Bismarck zur bestgekleideten Frau der Welt gemacht hatte. Givenchy mag gar nicht daran denken, wie viel besser und schöner früher alles war: "Alles, was ich sehe, ist fürchterlich. Die Mode ist schlimmer denn je. Die Mannequins sehen bedauernswert aus, sie sind nicht gepflegt, die Kleider haben keinerlei Form. Es ist schmerzlich und nicht sehr ermutigend, wir reden besser nicht davon."

Ehrfürchtig berichtet Eduard Beaucamp von einer Ausstellung im Amsterdamer Van-Gogh- Museum, die erstmals die beiden Barock-Matadoren Rembrandt und Caravaggio zusammen zeigt: "Wider Erwarten steigert Caravaggio nicht Rembrandt, wohl aber Rembrandt Caravaggio. Beim Italiener ist die Wucht des Lebens so bezwingend, dass Rembrandts Expressionen vielfach zur malerischen Staffage verflachen, die Figuren sich ins Puppenhafte oder Märchenhafte verflüchtigen. Rembrandt ist Malerei, Caravaggio Leben."

Weiteres: Andreas Kilb meldet, dass der Rat für Rechtschreibung seine Empfehlungen an die Kultusministerkonferenz übergeben hat: "Aber das Ende der Reform kommt erst noch. Es ist nicht dick, eher dünn und kläglich, und es ist ersichtlich eine Übergangslösung." In der Randglosse kommentiert Christian Geyer die jüngsten BND-Enthüllungen mit Generalfeldmarschall Moltke. Jürg Altwegg will sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die derzeitigen Schweizer Lobeshymnen auf den Schriftsteller Charles Lewinsky die "gebeutelte Nation" über eine Identitätskrise hinwegtrösten sollen. Heinrich Wefing war bei einer sehr symbolischen Veranstaltung im Berliner Mauermuseum mit Iraks Botschafter Alaa Abdul Majeed Hussain Al-Haschimy.

Auf der Medienseite berichtet Hendrik Kafsack, dass die Europäische Kommission von ARD und ZDF erneut verlangt hat, ihre Finanzen offen zu legen. Auf der letzten Seite porträtiert Robert von Lucius den schwedischen Dichter Göran Sonnevi, der in diesem Jahr den bedeutenden Literaturpreis des Nordischen Rates erhält. Gina Thomas berichtet aus London vom Plagiatsprozess gegen Dan Brown. Und schließlich ist Hubert Spiegels Laudatio auf den Schriftsteller Ludwig Harig zu lesen, der den Preis der Frankfurter Anthologie erhielt.

Besprochen werden Thomas Hengelbrocks und Sebastian Baumgartens "fast rundum geglücktes" Neuarrangement von Händels Oper "Oreste" in Berlin, Volker Löschs Stuttgarter "Faust" und Matthias Hartmanns Zürcher "Othello", Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten" ein Konzert der Arctic Monkeys in Frankfurt, eine Berio-Aufnahme der Neuen Vocalsolisten Stuttgart und Bücher, darunter Zülfü Livanelis Roman (eine Leseprobe hier) "Katze, Mann und Tod" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 28.02.2006

Der sadistische Mord an dem 23-jährigen Telefonverkäufer Ilan Halimi versetzt Frankreich in Schrecken. Er wurde von einer Bande von Vorstadtjugendlichen afrikanischen und arabischen Ursprungs begangen, bei denen auch antisemitische Motive eine Rolle spielten. Johannes Willms sieht in der Tat einen weiteren Beleg für das Versagen der Integration: "Je genauer das Bild wird, das die Fahnder von dieser Vorstadtbande anfertigen, desto deutlicher zeichnet sich die Gefahr ab, dass das Versagen der französischen Integrationspolitik einen neuen Typus sadistischer Gewalttäter hervorgebracht hat, die sich nicht mehr mit Kleinkriminalität und Drogenhandel bescheiden und deren Aktionsradius über die städtischen 'Problemzonen' hinausgreift. Das alles sind Aspekte, die dazu zwingen, endlich Lösungen für ein Problem zu finden, das von der Politik allzu lange ignoriert wurde. Ilan Halimi ist auch ein Opfer des Judenhasses, vor allem aber eines dieser Ignoranz."

Alex Rühle besucht Richard Sennett (mehr hier und hier) zu einem Werkstattgespräch in der Nähe von Boston (und also des MIT) und beschreibt anschaulich den Gesprächsstil des Soziologen: "Richard Sennett einen angenehmen Gesprächspartner zu nennen, wäre untertrieben. Immer wieder überfällt einen im Gespräch mit dem Soziologen anfallsartige Zuneigung. Dieses behutsam kreisende Reden: wie er mit den vom Kopf abstehenden Zippelsilberhaaren im Rauchgewölk seiner Pfeife sitzt; wie er von seinem russischstämmigen Großvater und Joseph Brodsky erzählt, seinem Freund, 'der netterweise Russisch mit mir sprach'." Sennett, so erfahren wir, schreibt gerade an einer Kulturgeschichte des Handwerks.

Weitere Artikel: Günter Beyer verfolgte eine Tagung mit der Frage "Was ist europäische Identität im Europa der Kulturen?" in Loccum. Jens Bisky meldet, dass am Pergamonmuseum von 2011 angebaut werden kann. In der Zwischenzeit schreibt Claus Heinrich Meyer über eine Ausstellung, die die Rolle Münchens in der Nazizeit beleuchtet.

Besprochen werden ein Konzert der Band Hard-Fi in München, der Film "Entgleist" mit Jennifer Aniston und Vincent Cassel, Stephan Kimmigs Inszenierung von Goethes "Torquato Tasso" am Wiener Burgtheater, eine Ausstellung der kanadischen Künstlergruppe "General Idea" im Kunstverein München und Bücher, darunter Harry G. Frankfurts Buch gegen "Bullshit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).