Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.03.2006. Die FAZ klagt: Die jungen Lyriker sterben aus. Zumindest in den großen Verlagen. In der SZ schreibt Georg Klein: "Wir jedoch sind die Götter unserer Hühner" - und schlachten sie ab. Die Berliner Zeitung beobachtete Claudia Roth bei einer Diskusion über "Das Tal der Wölfe" und fand sie missionarischer als den Film. In der NZZ lässt Wolfgang Sofsky seine soziologischen Fantasien spielen - mit Millionen von Toten.

FAZ, 01.03.2006

Richard Kämmerlings blättert durch die Kataloge der großen deutschen Literaturverlage und findet so gut wie keine Lyriker unter vierzig: Ein Versagen, meint er, denn er kann durchaus eine Reihe begabter jüngerer Lyriker nennen, "herangewachsen vorwiegend in kleinen Szenen und Zirkeln. Und sosehr man sich in den letzten Jahren auch um junge Erzähler bemühte und noch dem unbegabtesten Literaturinstitut-Absolventen sein Manuskript entriss: Von diesen Lyrikern hat fast keiner zu einem etablierten Verlag gefunden. Selten zuvor war die Diskrepanz zwischen literarischer Bedeutung und Repräsentanz im Buchgeschäft so groß wie bei der Generation deutschsprachiger Dichter unter, sagen wir, fünfunddreißig." Zum Glück kann Kämmerlings wenigstens auf einen kleinen Verlag verweisen, die kookbooks von Daniela Seel, die selbst Lyrikerin ist.

Weitere Artikel: Regina Mönch interviewt Rüdiger Safranski zu seiner Entscheidung, dem Beirat des umstrittenen Zentrums gegen Vertreibungen beizutreten. In der Leitglosse mokiert sich Felicitas von Lovenberg über Sir Ben Kingsley, der seinen frisch vedienten Adelstitel im Abspann eines Films unbedingt genannt haben wollte. Der Sprachwissenschaftler Horst Haider Munske erklärt, warum er die Vorschläge zur Güte des Rats für Rechtschreibung nicht für ausreichend hält. Hans-Joachim Müller freut sich über den Umzug der Alten Galerie Graz ins Schloss Eggenberg am Rande der Stadt.

Auf der Medienseite geht der Historiker Ingo Niebel Vorwürfen des Spiegels nach, der behauptet hatte, dass der Verlag Neven Dumont in Köln von Arisierungen profitiert habe. Jordan Mejias schreibt zum Tod Otis Chandlers, der die Los Angeles Times als Verleger zur Konkurrenz von New York Times und Washington Post machte. Und Michael Hanfeld annonciert, dass die privaten Fernsehsender für die Ausstrahlung ihrer digitalisierten Programme per Satellit demnächst Gebühren verlangen werden.

Auf der letzten Seite wird die Dankrede Ludwig Harigs für den Preis der Frankfurter Anthologie dokumentiert. Katja Gelinsky berichtet über gerichtliche Auseinandersetzungen zur Hinrichtung per Giftspritze in den USA. Und Niklas Bender porträtiert den Kunstdieb Stephane Breitwieser, der durch den Diebstahl hunderter Kunstwerke aus schlecht bewachten Museen bekannt wurde und jetzt nach drei Jahren vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wurde.

Besprochen werden der Film "Capote" mit Philip Seymour Hoffman (nach Verena Lueken "eine fast faustische Tragödie"), eine Ausstellung mit Repliken von antiken Vasen im Saarlandmuseum, die Uraufführung von Mark Ravenhills neuem Stück "The Cut" in London und Choreografien bei der Tanzplattform Deutschland in Stuttgart.

NZZ, 01.03.2006

Der Soziologe Wolfgang Sofsky imaginiert in einem Essay von epischen Ausmaßen und mit gehöriger Angstlust eine mögliche Influenza-Pandemie, mit schätzungsweise 180 bis 360 Millionen Toten: "Die Atemluft - das Medium der Ansteckung - kennt keine Grenzen. Quarantäne und Hygiene, diese bewährten Methoden gegen Tuberkulose oder Cholera, taugen gegen die Influenza kaum. Die Schließung der Flughäfen und die Abriegelung einzelner Landstriche werden den Invasionszug bestenfalls verzögern. Verkehrssperren sind langfristig kaum aufrechtzuerhalten... Schmuggel und das Schleusen von Menschen dürften rapide zunehmen, da viele zu den vermeintlich virusfreien Wohlstandsinseln flüchten. Die Ordnungsmacht muss sich lokaler Bürgerwehren bedienen, um den Zustrom abzuwehren. Obwohl sie den Ausnahmezustand selbst verhängt hat, ist die Souveränität der Exekutive in Gefahr. Das Gewaltmonopol erodiert. Polizisten und Hilfskräfte desertieren, weil auch der öffentliche Dienst von der Seuche dezimiert wird."

Besprochen werden Dimiter Gotscheff "Volpone"-Inszenierung in Berlin (die Dirk Pilz "sinnliches Vergnügen und intellektuellen Gewinn" bescherte), eine Ausstellung zu den beiden Erzbischöfen Carlo und Federico Borromeo im Mailänder Diözesanmuseum, eine Geschichte der Psychiatrie und jede Menge Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 01.03.2006

Martina Meister kommentiert die französischen Reakationen auf die grausame Ermordung des jüdischen Telefonverkäufers Ilan Halimi durch eine Gang in Frankreich. Aber handelt es sich um ein antisemitisches Verbrechen? "Das Unbehagen bei der gesellschaftlichen Einordnung dieses Verbrechens rührt von dem Gefühl her, eine antisemitische Verortung adle in gewisser Weise die barbarische Tat durch einen politisch-ideologischen Sinn. Als verberge sich hinter dieser neuen Stufe jugendlichen Banditentums und gesteigerter Grausamkeit, gegen welche die Autozündelei vergangenen Novembers geradezu harmlos wirkt, eine Wahrheit, der ins Gesicht zu sehen die französische Gesellschaft noch zögert. Indem Frankreich nicht einen Bürger, sondern einen Juden betrauert, hat es seine republikanische Ideale der Egalität bereits mit beerdigt und unmerklich dem angloamerikanischen koexistierender 'communities' angenähert."

Weiteres: Zu lesen sind ein Interview mit Bennett Miller, dem Regisseur von "Capote" und ein Gespräch mit der Frankfurter Schriftstellerin Nadja Einzmann über ihre Porträtsammlung "Dies und das und das". Und in Times mager denkt Christian Thomas über die BND-Affäre und ihren Beitrag zur öffentlichen Wahrnehmung der Existenz von Geheimdiensten und Agenten nach.

Besprochen werden Andreas Dresens Operndebüt "Don Giovanni" in Basel, eine Inszenierung von Arthur Millers am Broadway abgelehntem Stück "Resurrection Blues", das Robert Altman unter anderem mit Maximilian Schell am Londoner Old Vic Theatre inszeniert hat, und Bücher, darunter der Band "Allein gegen die Birke" von Jürgen Roth, Herman Bangs Roman "Stuck" und in der Abteilung Politisches Buch eine Studie über den Umgang der DDR mit NS-Verbrechern von Christian Dirks, der Band "Jung, weiblich, in der Army" der früheren US-Soldatin Kayla Williams und Norbert Mappes-Niedieks Balkan-Studie "Die Ethno-Falle" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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TAZ, 01.03.2006

In tazzwei diskutieren Friedrich Küppersbusch und WamS-Chefredakteur Christoph Keese in einem Streitgespräch über 100 Tage Schwarz-Rot. Während Keese Angela Merkel Substanz bescheinigt, erklärt Küppersbusch: "Merkel passt politästhetisch in die Zeit. Sie führt mit einer Aura beherzter Freudlosigkeit die Agenda 2010 fort. Schröder hat diese Politik, die für viele Regierte freudlos ist, mit der Ansage gemacht: Schnall dir mal den Gürtel enger, während du mir die Cohiba holst. Das ging nicht mehr. Merkel ist politästhetisch ein geschlossenes Bild. Sie ist die Trümmerfrau. Das war ihre Rolle in der Union. Und die Schäubles, Rühes, Kochs und Wulffs haben sich immer geirrt und gedacht: Jetzt kann sie wieder gehen, jetzt macht es wieder Spaß. Und haben unterschätzt, wie stark sie war."

Auf den Kulturseiten spricht die australische Schriftstellerin Shirley Hazzard in einem Interview über das einzig Ermutigende am Schreiben und ihren jetzt auf Deutsch vorliegenden Roman "Das große Feuer". Isolde Charim kommentiert einen Ausfall des britischen Publizisten David Irving, der nach den Eingeständnissen vor dem Richter nun im Gefängnis wieder mit neuer Kraft den Holocaust leugnet. Tilman Baumgärtel berichtet aus Manila, wo Präsidentin Arroyo ausgerechnet zum 20. Jahrestag der "People Power"-Revolution von 1986 alle Kundgebungen verbietet.

In der zweiten taz berichtet Michael Braun von einer Zusammenarbeit des italienischen Präsidentschaftskandidaten und Berlusconi-Herausforderers Romano Prodi und Helmut Kohl. Besprochen wird schließlich der Film "Capote" von Bennett Miller.

Und hier Tom.

Welt, 01.03.2006

Handlungsballett auf der Höhe der Zeit hat Thomas Hahn in Monte Carlo erlebt, als Jean-Christophe Maillot vor den versammelten Grimaldis seine Interpretation des "Sommernachtstraums" ablieferte. "Für seine Jubiläumskreation engagierte Maillot gar einen Schauspieler der Comedie Francaise als Coach für seine Tänzer. Deren dramatisches Talent fördert er schon lange, doch hier verleihen sie zum ersten Mal dem Begriff Interpret eine im Ballett bisher ungeahnte Dimension. Als probende Handwerker im Walde spielt, nein, tanzt ein Teil der Truppe tatsächlich Theater und entwickelt eine Stimmgewalt, die selbst das Grimaldi-Forum mit seinen mehr als tausend Plätzen ausfüllt."

Berthold Seewald erkennt in einer historisierenden Analyse, was den Iran im Innersten trennt: gelebte Schia einerseits und altpersisches Großmachtstreben andererseits. "Bis auf den letzten Schah Reza Pahlavi haben Modernisierer stets auf das Beispiel der Großkönige des Altertums verwiesen, um Iran ein Vorbild für die Zukunft zu zeigen. Auf der anderen Seite etablierte sich die Geistlichkeit zur Hüterin der letzten schiitischen Wahrheit, dem Willen des verborgenen Imams zu folgen, bis dieser wieder die Herrschaft übernehmen werde." Das zeige sich bis heute. "Wenn der iranische Staatspräsident von der Atommacht spricht und dem Westen mit dem Heiligen Krieg droht, dann ist auch das ein weiterer Versuch, den Balanceakt zwischen Größe und Glauben durchzustehen."

Weiteres: Gernot Facius markiert die Lehre vom dreieinigen Gott als theologische Hauptdifferenz von Christentum und Islam und sieht wenig Chancen für eine geistliche Annäherung. Michael Pilz betont, dass Suzi Quatro trotz neuen Albums kein Comeback feiern darf. Gemeldet wird, dass Marina Mahler, die Enkelin von Alma Mahler-Werfel, das Gemälde "Sommernacht am Strand" von Edvard Munch von Österreich zurückfordert.

Besprochen wird Bennett Millers Biopic "Capote" mit einem "überwältigenden" Philip Seymour Hoffman, sowie Aufführungen von Shakespeares Tragödie "Othello" und Kleists Lustspiel "Der zerbrochene Krug" im Züricher Schauspielhaus.

Tagesspiegel, 01.03.2006

Die Schriftstellerin Dagmar Leupold hat die 1903 von Gotthold Pannwitz als Volksheilstätten des Deutschen Roten Kreuzes gegründeten Heilstätten Hohenlychen in der Uckermark besucht. "Dreierlei Ruinen sehe ich: die eines beseelten Sendungsbewusstseins - Pannwitz hatte sich neben der allgemeinen Verbesserung der Volksgesundheit zur Aufgabe gemacht, die Lungentuberkulose zu besiegen, die eines bestialischen Vernichtungswillens, der hier während des Krieges auch das Heilen einschloss (zum Lazarett umgewandelt waren die nationalsozialistischen Heilstätten gewissermaßen eine Heldenreparaturstation) und schließlich die Ruinen eines zwar realen, aber seiner utopischen Kraft beraubten Sozialismus. Bei der Übernahme Hohenlychens 1945 durch die sowjetischen Alliierten wurde ein Großteil der Infrastruktur und der teuren Geräte mutwillig zerstört."
Stichwörter: Dagmar Leupold, Uckermark

Berliner Zeitung, 01.03.2006

Arno Widmann ist mal wieder in Berlin unterwegs. In einem Kino in Neukölln beobachtete er die Politikern Claudia Roth bei einer Podiumsdiskussion über den Film "Tal der Wölfe": "Sie ist nur damit beschäftigt ihren Text loszuwerden. Sie ist eine weitaus fanatischere Missionarin als der von ihr beschimpfte Film."

SZ, 01.03.2006

Der Schriftsteller Georg Klein macht sich "am Vorabend des Abschlachtens" Gedanken über die Hühner und ihre Halter. "Ein Huhn ist kein Mensch. Seine Fruchtbarkeit und seine sprichwörtliche Dummheit haben dieses Tier vor 4000 Jahren zu unserem Vieh gemacht. Wir jedoch sind die Götter unserer Hühner. Unsere Vernunft, unser überzüchtetes Netzwerk aus Zwecken, durchrationalisierten Abläufen und unsere hybrid geile Profitlogik haben eine Tierhaltung ersonnen, die uns regelmäßig zu panisch überforderten, zu hysterisch austickenden Fleischmassenvernichtern macht. Daran kann der große Hühnergott bis zum kommenden Geflügelmassaker nicht viel ändern."

Weiteres: Sonja Zekri informiert über die Freilegung des Sonnentempels des antiken Heliopolis, die gleichzeitig eine Rettung vor dem modernen Kairo darstelle. Eva-Elisabeth Fischer resümiert die "Einfalt in der Vielfalt" bei der Tanzplattform 2006 in Stuttgart. Der Literaturwissenschaftler Joachim Dyck, dessen Buch "Der Zeitzeuge Gottfried Benn 1929-1949" im April erscheint, schreibt über Benn im Frühjahr 1933. Andrian Kreye berichtet von einer Pressekonferenz mit Anna Netrebko, Placido Domingo und Rolando Villazon, die am Vorabend des WM-Endspiels in der Berliner Waldbühne ein gemeinsames Konzert geben werden. Zu lesen sind Hinweise auf die jüngste Ausgabe der Zeitschrift Die Horen, in der es um die Tücken des literarischen Übersetzens geht, und eine Doppelausgabe von Archplus, die sich mit dem Architekten Rem Koolhaas beschäftigt.

Besprochen werden "Capote" von Bennett Miller, eine "überwältigende" Bonnard-Ausstellung im Pariser Musee d'Art Moderne, Matthias Hartmanns Inszenierung von "Othello" am Schauspielhaus Zürich, Händels "Orest" an der Komischen Oper Berlin und Remi Bragues Geschichte der Weltbilder "Die Weisheit der Welt" (siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).