Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.02.2006. In der Welt fragt Viktor Jerofejew: Wann hört der russische Winter endlich auf? In der taz lässt sich Gabriele Goettle die Kunst der Patientenabformung erklären. Die NZZ spottet über die deutsche Angst vor Überfremdung. Lars-Ole Walburgs Münchner Inszenierung des "Kirschgartens" laboriert nach übereinstimmender Meinung der Korrespondenten an ihrer Überdeutlichkeit

NZZ, 27.02.2006

Mit einiger Verwunderung beobachtet Joachim Güntner, welche Blüten die Angst vor der Überfremdung derzeit in Deutschland und seinen Feuilletons treibt: "Wohin er sich dieser Tage auch wendet, nach den Schwänen auf Rügen oder den Bewohnern von Berlin-Neukölln, bang fällt des Apokalyptikers Blick auf die Migranten. Entweder die Deutschen sterben demnächst alle an der Vogelgrippe. Oder aber es kommt so böse, wie die Warner vor islamischer Fremdherrschaft meinen." Und gar nicht glauben kann er, was derzeit für Schauergeschichten verbreitet werden: "Nachrichten von Katholiken aus einer Gemeinde in Duisburg, denen türkische Gläubige die andere Straßenseite gewiesen haben sollen, da der Bürgersteig vor der örtlichen Moschee islamisches Territorium sei, wechseln sich ab mit zitierten Drohungen des Schlages 'Wir gebären euch kaputt', angeblich geäußert von Damen mit Kopftuch. - Zur Minderheit im eigenen Land zu werden, verheißt einen Schrecken ohne Trost."

Alexandra Stäheli hat sich in Basel den türkischen Reißer "Tal der Wölfe" angesehen und damit auch das durchgemacht, was, wie sie spöttelt, andere Kollegen schon zur "Überlebensübung" hochgeschraubt hätten. Und? "Animiert er zu Rassenhass und antiwestlichen Aktivitäten? Nicht mehr und nicht weniger als jeder andere Action- oder Kriegsfilm auch."

Weitere Artikel: Der Brecht-Forscher Werner Wüthrich berichtet von einem aufregenden Fund: Entdeckt wurden acht Schallplatten, auf denen der Schauspieler Charles Laughton seine Arbeit für die Uraufführung von Brechts "Leben des Galilei" dokumentiert. Marc Zitzmann flaniert mit einem "zugleich prickelnden und bedrückenden Gefühl" durch das 13. Arrondissement von Paris, in dem als "Zone d'amenagement concerte" (ZAC) eines der größten Stadterneuerungsprojekte seit Haussmann durchgeführt wird. Hans-Joachim Müller stellt Jean-Marc Bustamantes Installationen im Kunsthaus Bregenz vor.

Welt, 27.02.2006

Der Schriftsteller Viktor Jerofejew verbindet die Erfahrung des strengen Winters 05/06 mit politischen Assoziationen: "Wie lange wird, um mit Steinbeck zu sprechen, der 'Winter unseres Missvergnügens' dauern? Das Land kehrt in die Bahnen seiner traditionellen nationalen Politik mit einer strikten Vertikale unkontrollierter Machtausübung zurück. 'Russland gehört eingefroren, damit es nicht zu stinken anfängt', behauptete Konstantin Leontjew, ein russischer slawophiler Philosoph des 19. Jahrhunderts. Das erste Mal endete die autoritäre Geschichte mit dem Bankrott des zaristischen Russland, das zweite Mal führte 1991 die totalitäre Ordnung zum Zerfall der Sowjetunion. Was blüht Russland durch den dritten historischen Versuch, ohne Demokratie westlichen Typs auszukommen?"

Weitere Artikel: Uwe Wittstock gratuliert der Lyrikerin Elisabeth Borchers zum Achtzigsten. Wittstock verfolgte ein Kasseler Satiriker-Kolloquium, das sich auch mit dem Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen befasste. Max Reval berichtet, dass Estlands nationales Kunstmuseum nach 90 Jahren ein eigenes Haus bezogen hat.

Besprochen werden der "Wallenstein" in der Regie von Thomas Bischoff in Bremen, Webers "Euryanthe" in Dresden und einige DVDs, darunter eine Peckinpah-Box mit sechs Filmen.

TAZ, 27.02.2006

Gabriele Goettle lässt Elfriede Walther, die ehemalige Leiterin der Moulagenwerkstatt am Deutschen Hygiene-Museum Dresden und damit eine absolute Kapazität, von ihrem Metier erzählen: "'Sie haben bemerkt, ich unterscheide jetzt zwischen Wachsmodell und Moulage. Der Unterschied ist der: Ein Wachsmodell ist ein überarbeitetes Lehrmodell, eine Vergrößerung oder Verkleinerung usw., während eine Moulage auf einer Patientenabformung beruht und die Krankheitserscheinung absolut wirklichkeitsgetreu wiedergibt. Der Moulagen-Verkaufskatalog des DHM enthielt immer nur ein begrenztes Angebot. An erster Stelle stand natürlich die Konfektionierung der Wachsmodelle. Mir lag aber sehr daran, eine Moulagensammlung aufzubauen und unseren Bestand an Originalabformungen zu vergrößern.'"

Auf der Meinungsseite fordert Mark Terkessidis, nicht jeden Migranten zum "Repräsentanten seiner Kultur" zu erheben. "So forderte etwa Wolfgang Bosbach in einer Talkshow einen in Deutschland geborenen Vertreter eines islamischen Vereinigung mit deutscher Mutter und ägyptischem Vater allen Ernstes dazu auf, sich für die Rechte der Christen in Saudi-Arabien einzusetzen!"

Und in der tazzwei erklärt Jan Feddersen "das unverhüllte Rezept aller karnevalistischen Mühen: Der Mann als solcher verzweifelt an der Welt, an Ehe und der Mutter der Gattin. Und die Frau? Eine rare Spezies in den Bütten, Hella von Sinnen hat selbst im alternativen Segment kaum Erbinnen gefunden. Die Frau des gewöhnlichen Karnevals ist ein Funkenmariechen, ein Mädel, das die Beine unterm acryligen Festrock stampft & schwingt - als ob das Zeigen des Beins wie dereinst erotische Begierden weckt. Die schon gar nicht!"

Schließlich Tom.
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FR, 27.02.2006

Michael Skasa ist nicht ganz überzeugt von Lars-Ole Walburgs Inszenierung des "Kirschgartens" an den Münchner Kammerspielen: "Walburg ist gelernter Dramaturg, weiß also, dass niemand die Texte von Programmheften liest, weshalb er sie nun gleich in die Stücke einarbeitet. Das ist ebenso passend wie platt: Toll, diese Gesellschaft in Russland um 1900 war genauso lethargisch wie wir's heute sind, wollte sich's immerzu nur gut gehen lassen, bis sie bankrottierte. Wäre man drauf gekommen ohne Walburgs Collagen? Aber hallo!"

Weitere Artikel: Christoph Schröder gratuliert Elisabeth Borchers zum Achtzigsten. Und in Times mager weist Martina Meister nach, dass es in Frankreich sogar rechtsradikale Suppenrezepte gibt: die "Soupe au cochon" (Rezept), die auf Straßen an Passanten gereicht wird: "'Jeder', so heißt auf der Webseite einer Initiative, 'kann mit uns speisen. Einzige Bedingung: Er muss Schweinefleisch essen'." Besprochen wird, neben Ereignissen von regionaler Relevanz, Benjamin Brittens "Death in Venice" an der Oper Frankfurt.

FAZ, 27.02.2006

Heinrich Wefing besucht die ehemalige Ausländerbeauftragte Berlins, Barbara John, und erfährt, dass die staatliche Unterstützung für junge Neuzuwanderer ein Problem ist. "Es sei ihr erst langsam klargeworden, dass ein perfekt ausgebauter, üppig verteilender Sozialstaat wie der deutsche 'per se ein Integrationshindernis ist'. Nicht, weil die Migranten so faul seien und sich vorzugsweise in die weichen Kissen der Transferleistungen betteten. Nein, einfach weil dank der großzügigen Hilfen jeder Ansporn fehle, sich ums eigene Auskommen zu kümmern. Der Druck, der in klassischen Einwandererländern auf den Neuankömmlingen laste, jeden Cent selbst zu verdienen, um die Familie durchzubringen, der fehle hier. Am Ende zahlt eben das Sozialamt. 'Und wer arbeitslos ist und nur zu Hause sitzt, der integriert sich auch nicht.'"

Weitere Artikel: In einem ganzseitigen Interview fordert der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, angesichts der wachsenden Präsenz des Islam weniger Laizismus, als vielmehr "einen Schritt nach vorn", etwa in Form eines gleichberechtigten christlichen wie islamischen Religionsunterrichts. "ff." amüsiert sich über Edmund Stoibers Rückzieher beim Rückbau des Historischen Kollegs in München. Richard Kämmerlings gratuliert der Schriftstellerin und Lektorin Elisabeth Borchers zum achtzigsten Geburtstag. Der Historiker Christian Meier fordert die Kultusminister auf, die "erfolglose" Rechtschreibreform aufzugeben. Julia Encke erlebt mit "tout Berlin" eine Lesung von Moritz von Uslars erstem Roman "Waldstein oder Der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005". Oliver Jungen referiert eine "innovative" Konferenz über "Herrscher- und Fürstentestamente im westeuropäischen Mittelalter" in Saarbrücken. Jordan Mejias blättert in amerikanischen Zeitschriften zum Karikaturenstreit (siehe auch unsere Magazinrundschau).

Ohne funktionierende Infrastruktur kann auch die Kultur nichts zum Wiederaufbau von New Orleans beitragen, seufzt Jordan Mejias auf der letzten Seite. Venedig versucht seinen in Touristen ertränkten Karneval auch für die eigenen Bewohner wieder attraktiver zu machen, weiß Dirk Schümer. Paul Ingendaay hat die "bis in die Haarspitzen motivierte" Mezzosopranistin Cecilia Bartoli in Madrid erlebt.

Im Medienteil berichtet Karol Sauerland, dass der politisch aktive und katholische Sender "Radio Maryia" die polnische Kirche entzweit.

Besprochen werden Keith Warners "kitschlose" Inszenierung von Benjamin Brittens Oper "Death in Venice" in Frankfurt, die musikalisch gelungene, aber unter einer "böswilligen" Regie leidende Aufführung von Carl Maria von Webers romantischer Oper "Euryanthe" an der Dresdner Semperoper, Stephan Kimmigs "extrem erträgliche" Version von Goethes "sperriger Kopfgeburt" "Tasso" am Wiener Burgtheater, Armin Holz' "weitschweifige" Inszenierung von Oscar Wildes "Ein idealer Gatte" am Schauspielhaus Bochum, eine "genealogische" Schiele-Ausstellung in der Wiener Albertina, und Bücher, darunter Alois Hotschnigs Erzählungen "Die Kinder beruhigte das nicht", Annelies Verbekes Roman "Schlaf!", ein Wörterbuch der Jugendsprache und noch einige Sach- und Politbücher (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 27.02.2006

Der Ornithologe Cord Riechelmann wendet sich gegen den Alarmismus der Berichterstattung über die Vogelgrippe: "Um Fakten scheint es gegenwärtig nicht mehr zu gehen. Oft wird derzeit im Rekurs auf die 'spanische Grippe' von 1918 eine Bedrohung beschworen, die sich allen rationalen Kalkülen entzieht."

Weitere Artikel: Oliver Fuchs macht uns mit dem sehr münchnerischen Ritual der Apres-Ski-Party vertraut: "Die Stimmung hat was von After-Work. Man hat was geleistet, ist stolz: Hast du's gesehen, wie's mich da granatenmäßig geschmissen hat? Ja, sah evil aus, war ja auch endvereist." Volker Breidecker verfolgte eine internationale Konferenz über über divergierende Erinnerungsbilder in Europa am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Marcus Jauer bedauert den kommenden Abriss des Hotels "Unter den Linden" in Berlin-Mitte. Gemeldet wird, dass der Rat für Rechtschreibung am heutigen Montag seine Empfehlungen zur Überarbeitung der Rechtschreibreform den Kultusministern überreichen wird. Anke Sterneborg interviewt den Schauspieler Philip Seymour Hoffman über seine Darstellung des Truman Capote im gleichnamigen Biopic. Und Peter Hamm gratuliert der Lyrikerin und Lektorin Elisabeth Borchers zum Achtzigsten.

Besprochen werden die Ausstellung "Rembrandt-Caravaggio" im Amsterdamer Van-Gogh-Museum, Benjamin Brittens Oper "Death in Venice" an der Oper Frankfurt, eine DVD über die Geschichte der elektronischen Popmusik in Köln (in Dirk Peitz' Artikel erfährt man nebenbei, dass die Popzeitschrift Spex von Köln nach Berlin zieht), Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten" an den Münchner Kammerspielen ("In Walburgs satirischem Veranschaulichungstheater ist alles und jeder ein Kommentar: Strichmännchen und Sprechblasen zur Lage der Nation. Alle Bilder und Figuren, selbst die hinzugefügten Polit-Texte, sind von schreiender Deutlichkeit", klagt Christine Dössel) und Bücher, darunter eine Monografie über den Urbanisten Werner Hegemann, besprochen von Dieter Hoffmann-Axthelm (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).