Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.02.2006. Die Welt fragt: Und was ist, wenn der Karikaturenstreit die Antwort verbitterter Extremisten auf die gelungene Integration vieler Muslime in Europa ist? Die NZZ stellt das christliche britische Online-Magazin Ship of Fools vor, das sich auf religiöse Witze spezialisiert hat. In der FAZ begutachtet Hannelore Schlaffer neue Frauenmagazine für die Frau um 40. In der FR verteidigt Migrationsforscher Mark Terkessides seinen Aufruf gegen Necla Kelek.

Welt, 17.02.2006

Es sind nicht die Karikaturen, die Europa zum "Hassobjekt der islamischen Welt" machen, meint Mariam Lau im Leitartikel auf den Forumsseiten. Es ist auch das gewachsene Selbstbewusstsein Europas: "Die größte Gefahr aber geht für die Despoten-Regimes der Region von dem aus, was unter der Zauberformel 'Euro-Islam' immer hartnäckiger durch ihre Grenzen einsickert: das Bestehen darauf, dass Islam und Demokratie eben doch keine unversöhnlichen Gegensätze sind, dass Scharia und Koran doch immer noch getrennte Reiche bilden, dass Frauen im Besitz eines Führerscheins und eines Wahlzettels nicht der Untergang des Morgenlandes sind und dass Bildungsdefizite oder ökonomischer Rückstand vieler moslemischer Länder ebenso eine Schande für die Umma sind wie Folter, Korruption und Aberglaube. Auch wenn unsere hiesigen Freunde der Dritten Welt es nicht wahrhaben wollen: Für immer mehr Moslems ist längst Standard, was westlicher Selbsthass gern als Kulturimperialismus verkaufen möchte, individuelle Freiheit, persönliche Integrität, politische Legitimation."

Außerdem ist die Rede zu lesen, die Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy gestern in der Berliner Konrad-Adenauer-Stfitung gehalten hat und in der er dafür wirbt, den westeuropäischen EU-Motor wieder anzuwerfen.

Zur Berlinale: Das französische Kino hat Claude Chabrol zwar wieder nicht neu erfunden, trotzdem hat Matthias Heine viel Gutes über "L'ivresse du pouvoir" mit Isabelle Huppert zu sagen: "Neben vielem anderen ist dieser Film ein Plädoyer für das Rauchen. Er zeigt, auf welchen Schatz sozialer und psychologischer Zeichen das Kino verzichtet, wenn es keine Raucher mehr zeigt. Die Zigarette, die Jeanne in ihrem Büro einem Verhörten verweigert ist genauso dramatisch wie diejenige, die sie sich demonstrativ anzündet, um einen anderen zu demütigen."

Hanns-Georg Rodek blickt kurz vor Schluss auf den bisherigen Verlauf der Berlinale und attestiert ihr eine gute Stimmung: "Man ist entspannt, angetan und fühlt sich nicht unterfordert." Eberhard von Elterlein hat sich die neuen deutschen Filme angesehen, und er mochte sie: "Das große Lachen ist vorbei, das Leiden an sich selbst aber auch. Es herrscht Realismus, Naturalismus, mit der Erhöhung durch das Kino ins Dramatische, Bizarre, Melodramatische, Drastische." Andrea Huber bilanziert die Jugendreihe 14plus.

Weiteres: Achim Zeilmann preist den kanadischen Schriftsteller Joseph Boyden, der mit seinem Debütroman "Der lange Weg" den vergessenen Helden seines Landes ein Denkmal setzt: den indianischen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Johann Michael Möller kommentiert die Querelen um die Stiftung Weimarer Klassik. Josef Engels trifft den amerikanischen Pianisten Brad Mehldau, der gerade durch Deutschland tourt. Gabriele Walde feiert die Ausstellung "Melancholie", die aus Paris nun in die Neue Nationalgalerie Berlin gekommen ist.

TAZ, 17.02.2006

Jürgen Gottschlich und Daniel Bax können die ganze Aufregung über den türkisch-chauvinistischen Film "Tal der Wölfe" nicht verstehen. Der Film sei keine "Hasspredigt mit filmischen Mitteln", wie die FAZ gestern schrieb, sondern eine "hemmungslos antiamerikanische Antwort auf Abu Ghraib": "Dass ausgerechnet ein solch dummer Film zum Kassenschlager wird, ist traurig und mag etliche Leute verstören. Schwer zu erklären ist es aber nicht. Wer gestern die neuen Schreckensbilder aus Abu Ghraib gesehen hat, die via Australien verbreitet wurden, der muss sich nicht wundern, wenn diejenigen, die sich mit den Opfern dieser realen Gewalt identifizieren, auch mal gewinnen wollen - und sei's auch nur im Kino."

Tilman Baumgärtel feiert in der Kultur die Ausstellung "pong.mythos" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart, die an das erste Computerspiel erinnert, "das die breiten Massen erreichte und dazu beigetragen hat, den Computer als Haushaltsgegenstand durchzusetzen." Tobis Rapp ringt sich ein euphorisches Urteil zu Neil Diamonds neuem Album "12 Songs" ab: Es sei genau "die wunderbare Platte geworden, die sie gerne sein möchte". In Philipp Bloms "kleiner Heinekunde" geht es heute um den lieben Gott.

Auf den Berlinaleseiten: Harald Fricke spricht mit dem französischen Regisseur Nicolas Rey über seinen Film "Schuss" (Forum), der Industrialisierung und Freizeit, Arbeit und Luxus verschränkt: "Aber eigentlich geht es mir darum, dass im 20. Jahrhundert der Gott namens Fortschritt gestorben ist." Cristina Nord unterhält sich mit Regisseur Hans-Christian Schmid über seinen Wettbewerbsfilm "Requiem", in dem eine junge Frau Opfer der Frömmigkeit wird. Erfrischend unambitioniert findet David Denk Sidney Lumets Gerichtsdrama "Find Me Guilty". Besprochen werden auch Chema Rodriquez' Dokumentarfilm Estrellas de la Linea", Amir Muhammads Verbindung von Thai-Pop- und Agit-Prop "The Last Communist" und Chantal Akermans neues Werk "La-bas".

Schließlich Tom.

NZZ, 17.02.2006

Auf der Filmseite unterhält sich Marli Feldvoss mit dem Regisseur Ang Lee über seinen Film "Brokeback Mountain", in dem er nach "The Wedding Banquet" das Thema der Homosexualität zum zweiten Mal aufgriff: "Man kann heute jedes Thema verfilmen. Es ist nur eine Frage des Budgets. Obwohl es in den USA noch immer mehr Vorbehalte als anderswo gibt. 'The Wedding Banquet' wurde dort erst ab 18 freigegeben. In Asien war es wohl der erste Männerkuss der Filmgeschichte. In Taiwan geht man heute mit solchen Themen jedoch viel offener um als in den Vereinigten Staaten."

Außerdem schickt Marli Feldvoss Eindrücke vom Forum der Berlinale. Und Clemens Füsers betrachtete Filme des 29. Kinderfilmfestivals Berlin.

Für das Feuilleton besucht Beatrix Langner den Schriftsteller Ingo Schulze in Friedrichshain. Barbara von Reibnitz blickt in die Zeitschriften Westend und Widerspruch, die mit neuen Kapitalismustheorien aufwarten. Für seine Reihe "Paris, gestern und heute" besucht Marc Zitzmann den letzten Weinberg der Stadt in Montmartre. Besprochen werden eine Meraner Ausstellung über neue Architektur in Südtirol (mehr hier) und Ereignisse der Transmediale in Berlin.

Auf der Medienseite stellt H. Sf." eine sehr britische Institution vor, ein christliches Online-Magazin namens Ship of Fools, das seine vornehmste Mission in der Produktion religiöser Witze erblickt. "Ship of Fools nennt sich 'Magazin christlicher Unruhe' und versteht sich als publizistischer Stachel gegen religiöse Selbstzufriedenheit, Bigotterie und kirchliche Autoritäten." In der Ankündigung eines religiösen Witzwettbewerbs heißt es: "Religiöse Überzeugungen lächerlich zu machen, religiöse Praktiken zu kritisieren und religiöse Menschen zu beleidigen, ist gewiss ein göttlicher Auftrag. Nicht in jedem Fall, aber sicher in manchem. Es ist nicht so sehr eine Freiheit als vielmehr eine Verantwortung."
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FR, 17.02.2006

Der Streit um Necla Kelek und ihr Buch "Die fremde Braut" geht weiter. Mark Terkessides, einer der Initiatoren des Aufrufs von 60 Migrationsforschern gegen Kelek, verteidigt sich heute in der FR: "Ich möchte nicht abstreiten, dass auch Betty Mahmoody vor Jahren genau die Geschichte erlebt hat, die sie in ihrem Buch 'Nicht ohne meine Tochter' beschrieben hat. Aber dennoch gehorchen solche Werke auch den Gesetzen des Literaturmarktes, und daher lautet die Frage: Können diese Berichte tatsächlich gute Ratgeber für die Politik sein?" Terkessides verbirgt aber auch nicht, dass seine Profession kein statistisches Material zur Frage der Zwangsheiraten erarbeitet hat.

Weitere Artikel: Michael Rutschky schildert einen Krankenhausaufenthalt und atmosphärische Veränderungen in den Kliniken seit den fünfziger Jahren. In Times mager greift Christian Schlüter einen Artikel des Kollegen Eberhard Rathgeb in der gestrigen FAZ auf, der einen türkischen Film besuchte und sich als einziger Deutscher unter lauter Türken ein klein wenig allein fühlte. Und Daniel Kothenschulte bespricht einige Filme des Berlinale-Wettbewerbs.

Tagesspiegel, 17.02.2006

Der iranische Regisseur Mani Haghighi, der im Berlinale-Forum seinen Film "Men at Work" zeigt, hält die Kritik von Exiliranern, er und seine Kollegen würden das Regime unterstützen, für "Unsinn. Alle Filme, die hier laufen, versuchen die soziale und politische Realität im Iran auf irgendeine Weise abzubilden: der Horror des Patriarchats, Armut, öffentliche Exekutionen. Was wir Filmemacher allerdings aus guten Gründen nicht tun: Slogans ausspucken. Das hätten die Oppositionellen hier gerne. Aber wir arbeiten subtiler. Wir sind diejenigen, die im Iran leben und wissen, was dort passiert. Ich habe 17 Jahre in Kanada gelebt und ging dann in den Iran zurück, weil ich nur dort meine Filme machen wollte." (Ekkehard Knörers Kritik zum Film finden Sie hier.)
Stichwörter: Horror, Iran, Kanada, Patriarchat

FAZ, 17.02.2006

Die Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer begutachtet auf der Medienseite neue Frauenzeitschriften für die "reifen Jahrgänge": "Mit einem Alter um die Vierzig, dem Auftritt der alternden Frau auf dem neuen Zeitschriftenmarkt, wird sie zum medizinischen Fall. Auf eine intellektuelle oder charakterliche Bildung verschwenden die neuen Zeitschriften kaum einen Gedanken. 'Warum arbeiten Sie eigentlich noch?' fragt man eine Verkäuferin von achtundfünfzig Jahren; das verständnisvolle 'noch' macht das Alter unübersehbar, das tiefblickende 'eigentlich' bewusst, dass eine Berufung zur Arbeit ohnehin nie bestanden hatte. Die Altersgrenze für Arbeitsfähigkeit bei achtundfünfzig ist früh angesetzt in einer Zeit, in der Akademikerinnen ihre Promotion mit fünfunddreißig Jahren abschließen, in der Frauen - so empfehlen es selbst Tageszeitungen - noch mit vierzig und darüber Kinder bekommen sollen. Die niedrige Grenze signalisiert, dass das weibliche Leben von der gebärfähigen Jugend unmittelbar in die Randfigur der Seniorin übergeht."

Der Schriftsteller Christoph Peters arbeitet "seit fast zehn Jahren" an einem Roman über islamischen Fundamentalismus. Im Interview erklärt er, was ihn daran fasziniere, sei "der Gedanke, dass etwas Geistiges eine derartige Kraft haben kann, dass es einen dahin bringt, sein Leben dafür zu opfern - und gegebenenfalls auch dafür zu töten ... Ich glaube, dass wir Menschen das dringende Verlangen nach etwas haben, das mehr ist als eine philosophische oder gesellschaftspolitische Meinung. Etwas, das uns von Grund auf eine Haltung gibt." Eine eigene Position möchte er dazu aber lieber nicht beziehen, denn "da sind wir schon wieder bei der Bewertung, und die Bewertung der Haltung würde ich persönlich erst einmal ganz weit weg schieben".

Weitere Artikel: Peter Richter beschreibt das Olympische Dorf (mehr) in Turin. Karen Krüger liefert noch einen Bericht über das "Tal der Wölfe" aus einem Neuköllner Kino. Jordan Mejias stellt die "Rosskur" vor, die der im August als Intendant antretende Peter Gelb der Metropolitan Oper verpassen möchte: jeden Monat eine Premiere, jüngere Sänger, berühmte Dirigenten, avantgardistische Regisseure und technische Neuerungen wie die Übertragung von Aufführungen in die Kinos und die Vermarktung auf CD und DVD. Alexandra Kemmerer berichtet über eine Berliner Tagung zum nichtigen Luftsicherheitsgesetz. Gerhard R. Koch schreibt zum achtzigsten Geburtstag des Komponisten Friedrich Cerha. Dietmar Dath schreibt zum Tod des Philosophen Sir Peter Strawson.

Auf den Berlinaleseiten geht's um Zhang Yuans Film "Little Red Flowers" (Panorama), den Andreas Platthaus viel besser fand als die chinesischen Wettbewerbsfilme von Chen Kaige und Pang Ho-cheung, Claude Chabrols wunderbaren Wettbewerbsfilm "L'ivresse du pouvoir", Henner Wincklers Film "Lucy", osteuropäische Filme im Forum und Cheikh Ndiayes Film "L'Appel des arenes", der den Nationalsport im Senegal feiert: Ringen! Apl. schließlich schreibt über Restaurierungsprobleme beim Film.

Auf der letzten Seite porträtiert Hannes Hintermeier Sven Nordqvists Kinderbuchfiguren Petterson und Findus, deren Abenteuer jetzt vom Kinderkanal gezeigt werden. Und Katja Gelinsky berichtet von einer Erklärung amerikanischer Evangelikaler, die den Klimaschutz als biblischen Auftrag definieren.

Besprochen werden die Ausstellung "Zero" aus der Sammlung Lenz Schönberg im Salzburger Museum der Moderne, ein Konzert von "Death Cab For Cutie" in Heidelberg und Bücher, darunter Werner Dahlheims Caesar-Biografie (mehr in unserer Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).

SZ, 17.02.2006

Im Fall des in Österreich wegen Holocaust-Leugnung verhafteten britischen Publizisten David Irving wird am Dienstag das Urteil erwartet. Schriftstellerin Eva Menasse hofft auf eine angemessene Strafe und keine Diskussion über das österreichische Verbotsgesetz. Es sei falsch, "schwierige Fragen wie Verbotsgesetz versus Meinungsfreiheit ausgerechnet an diesem Berufsprovokateur abzuhandeln."

In Saudi-Arabien sind die neuen Folterbilder aus Abu Ghraib von den Medien nüchtern und überlegt gezeigt worden, berichtet der Islamwissenschaftler Bernard Haykel im Gespräch mit Andrian Kreye. "Die panarabischen Nachrichtensender al-Dschasira und al-Arabija zeigten bisher lediglich das Foto von dem Mann, dessen Kopf an das Metallgitter schlägt; Fotos nackter Gefangener zeigen sie nicht, was deutlich macht, wie berichtet wird. Die Internet-Blogs allerdings explodieren vor lauter Beiträgen."

Weiteres: Olga Grimm-Weissert befragt Jean Clair zu der von ihm kuratierten Ausstellung "Melancholie", die nach Paris ab heute in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen ist. Die Streiks im öffentlichen Dienst haben auch die Theater erreicht, meldet Christine Dössel. Jürgen Berger besucht den Dramatiker und Schauspieler Händl Klaus, dessen Stück "Dunkel lockende Welt" zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Oliver Fuchs meldet, dass die relativ unbekannten Kaiser Chiefs aus Leeds mit drei Brit Awards bedacht wurden. Reinhard Schulz gratuliert dem österreichischen Komponisten Friedrich Cerha zum Achtzigsten. Anke Sterneborg handelt die australischen Berlinale-Beiträge "Candy" und "The Proposition" sehr kurz ab, während Fritz Göttler James Bennings "One Way Boogie Woogie/27 Years Later" immerhin einen "fröhlichen Surrealismus" attestiert.

Auf zwei Literaturseiten wird der 150. Todestag von Heinrich Heine (mehr) begangen. Der Autor Georg Klein schwärmt von den "Darstellungstorturen", die Heine seinen Opfern zukommen ließ. Ijoma Mangold beschreibt den Dichter von der kulinarischen Dimension seines Werks her. Lothar Müller erzählt Anekdoten über Heine-Rezitator Ludwig Hardt und Heine-Hasser Elias Canetti. Jens Malte Fischer stellt fest, dass Franz Schubert, der erste von geschätzten 3000 Heine-Vertonern, zugleich auch der radikalste war. Thomas Steinfeld untersucht die Rezeption von Heine, Reinhard Pabst präsentiert ein Porträt des Kranken von Ernst Benedikt Kietz. Und Burkhard Müller diskutiert die handwerkliche Qualität von Heines Reimen.

Besprochen werden Andre Wilms' Inszenierung von Shakespeares "Macbeth" am Schauspiel Frankfurt und ein Auftritt des schwedischen Posaunist und Sängers Nils Landgren mit "fulminantem New-Orleans-Sound" in München.