Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.01.2006. In der Zeit spricht Michael Haneke über das schlechte Gewissen Frankreichs. Die NZZ schildert das arabische Verhältnis zum Holocaust. Die Welt porträtiert die Jungdramatikerin Anja Hilling. Die FAZ verteidigt Suhrkamp und begibt sich auf die Spur des "Stanislauer Phänomens".

Zeit, 19.01.2006

Im Interview mit Katja Nicodemus und Thomas Assheuer spricht ein grimmiger Michael Haneke über seinen einzigen Flop - eine Komödie -, seinen neuen Film "Cache" und das schlechte Gewissen Frankreichs. "Durch eine Dokumentation auf Arte wurde ich auf das Massaker gestoßen, das die Pariser Polizei am 17. Oktober 1961 an Algeriern verübt hat. Darüber hat seit 40 Jahren in Frankreich niemand geschrieben, obwohl es dort eine relativ liberale Presse gibt. Dann habe ich mich darüber informiert und war völlig fassungslos. Ich wollte keinen Film über den Algerien-Krieg und das Algerien-Problem machen, eigentlich mehr über das Vertuschen eines Faktums. Da werden 200 Leute umgebracht und in die Seine geschmissen und schwimmen über Wochen den Fluss hinunter und kein Mensch redet davon - 40 Jahre lang!"

Mely Kiyak sieht den baden-württembergischen Fragebogen für einbürgerungswillige Muslime als Beweis, dass es hierzulande noch ein langer Weg ist zum unverkrampften Umgang mit Ausländern. "Warum traut man sich in Deutschland nicht, die Fragen auszusprechen, um die es tatsächlich geht? 'Weshalb möchten Sie deutscher Staatsbürger werden?', 'Können Sie sich mit dem Grundgesetz identifizieren?' und 'Gehören Sie einer religiösen Gemeinschaft an, wenn ja, welcher?' Punkt, aus. Aber in dem Leitfaden kommen diese Fragen ähnlich lächerlich versteckt daher wie ein als Laubstrauch getarnter Mensch in einer Fußgängerzone. Die meisten Ausländer, die eingebürgert werden wollen, sind doch in dieser unserer Gesellschaft groß geworden. Sie sind durch die deutschen Bildungssysteme gegangen, und wenn man ihnen ein dementsprechendes Gesprächsniveau nicht zutraut, dann sollte man doch wenigstens so ehrlich sein und die Fragen in ein 'Du schlagen Frau?' übersetzen."

Der Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee besteht auch im Kreuzverhör durch Hanno Rauterberg und Nikolaus Bernau darauf, dass der Palast der Republik in Berlin abgerissen wird: "Auch wenn ich sehe, dass es ein großes öffentliches Interesse an dem Bau gibt - die Würfel sind gefallen." "Sie als Komiker kennen sich doch aus" - Petra Reski staunt, wie ehrfürchtig Italiens populärster Kabarettist und Berlusconi-Kritiker Beppe Grillo verehrt wird (hier geht es zu Grillos Blog). Theo Sommer stellt sich in der Diskussion um den Politthriller "München" auf die Seite von Steven Spielberg. Mirko Weber schreibt zum Tod der Sopranistin und "unerreichten" Wagner-Interpretin Birgit Nilsson.

Besprochen werden Erik Gedeons "teilweise witziges" Stück "Hartz IV - das Musical", das am Dresdener Schauspielhaus uraufgeführt wurde, Meg Stuarts choreografierte "Therapiestunde" "Replacement" in der Berliner Volksbühne und die Verfilmung des Romans "Populärmusik aus Vittula" durch den iranisch-schwedischen Regisseur Reza Bagher.

Im Literaturteil trifft Bernadette Conrad den Schriftsteller Jonathan Lethem in Brooklyn. Die Buchrezensionen beschäftigen sich unter anderem mit Jan Eckels Biografie von "Hans Rothfels" sowie einer Hörversion von Dürs Grünbeins Erzählgedicht "Vom Schnee oder Descartes in Deutschland" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Auf den Politikseiten erklärt Thomas Kleine-Brockhof, warum der Essayist und Autor Michael Ignatieff im Wahlkampf um den Posten des kanadischen Premierministers als rechter Falke gilt. In den Zeitläufen erinnert Karl Schlögel an die weißrussische Stadt Witebsk, die zwischen 1917 und 1922 das Epizentrum der Moderne war. Im Dossier plädieren Redakteure in 14 Vignetten für eine Wiederbelebung der Allgemeinbildung. Der diesbezügliche Rat von Michael Naumann leuchtet ein: "Vermeiden Sie Guido Knopps zeithistorische Dokumentationen im Fernsehen."

Im Aufmacher des Leben-Ressorts erfährt Redakteur und Autor Wolfgang Büscher von Gerhard Schröders Innenarchitekten, die wohl bald auch für Angela Merkel tätig werden, die Farbe der Berliner Republik: Porschemetallicgrün (so etwa). Nach dem New York Magazine und der New York Times (die nur einen Kommentar freischaltet) glaubt nun auch Georg Diez, dass der Autor JT LeRoy eine Erfindung seiner Eltern ist. Für Wolfram Siebeck verrät die Eile, mit der die neue Regierung die ökologische Landwirtschaft begräbt, "puren Hass".

NZZ, 19.01.2006

In jüngster Zeit hat der iranische Präsident mehrfach öffentlich Zweifel am Holocaust geäußert, die teilweise in der arabischen Welt geteilt werden, schreibt der Literaturkritiker Fakhri Saleh, "allerdings gibt es auch arabische Historiker, die sich selbst mit der westlichen Holocaust-Forschung auseinandersetzen. Der bekannteste unter ihnen ist der ägyptische Literaturwissenschafter und Historiker Abdel Wahab al-Missiri, der jahrelang im Dienste der Uno tätig war." In seiner Enzyklopädie "Zionismus, Nazitum und das Ende der Geschichte" versuche al-Missiri "die moderne jüdische Geschichte als integralen Teil der westlichen Historie darzustellen. Das Potenzial zur gezielten, massenweisen Auslöschung und Vernichtung von Menschen sieht er als Spezifikum der westlichen Zivilisation. Aufgrund dieser fragwürdigen Idee mit ihrer Spenglerschen Aura vom 'Untergang des Abendlandes' zieht er es vor, von der 'Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten' zu sprechen; den Ausdrücken 'Shoah' oder 'Holocaust' schreibt er eine jüdisch-religiöse Prägung zu, die das Ereignis aus seinem spezifischen historischen und zivilisatorischen Kontext löse."

Christoph Egger schreibt über die 41. Solothurner Filmtage. Eine Meldung informiert uns über die Verleihung der Schweizer Filmpreise 2006 - als bester Spielfilm wurde "Mein Name ist Eugen" von Michael Steiner ausgezeichnet, als beste Darsteller Carlos Leal und Marthe Keller.

Besprochen werden das neue Album von Coldcut und Bücher, darunter Kirsten Fuchs' Romandebüt "Die Titanic und Herr Berg" und die Autobiografie des Psychoanalytikers Johannes Cremerius (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 19.01.2006

"Niemand verstand uns Autoren wie er", schreibt Jochen Schmidt in der Reihe "Schriftsteller, die ich gerne wäre" über Sigmund Freud. "Da er von der Selbstanalyse ausging, tat Freud sich schwer, die Frauen zu erklären. Aber seine Fantasie half ihm auch hier weiter, etwa beim weiblichen Ödipuskomplex. Das Mädchen ist enttäuscht von der Mutter, weil es sie dafür verantwortlich macht, keinen Penis zu haben. Daher fantasiert es, vom Vater geschwängert zu werden. Das vorgestellte Kind ersetzt ihm den fehlenden Penis. Da fällt es einem wie Schuppen von den Augen, wenn man an manche Auseinandersetzung mit der Exfreundin denkt. Auch dass es damals sexuell nicht richtig klappte, hat einen einfachen Grund: Man war zu pazifistisch erzogen. Denn Balgereien sind ein Weg, kontrollierten Einsatz von Aggression zu lernen, und begünstigen ein erfülltes Sexualleben. Wer sich als Jugendlicher nicht geprügelt hat, wird nie ein zärtlicher Liebhaber sein!"

Weiteres: Jan-Hendrik Wulff ist unzufrieden mit der Präsentation der neugestalteten Ausstellung in der Berliner Wannseevilla, die ihm zu geschmackvoll geraten ist. Besprochen werden Ben Youngers Film "Couchgeflüster" (mehr hier), Rob Marshalls Bestselleradaption "Die Geisha" ("panasiatischer Quark", findet Andreas Busche) und Reza Baghers Bestsellerverfilmung "Populärmusik aus Vittula" (mehr hier).

In der tazzwei befasst sich Philipp Gessler mit dem theologischen Wirbel um Martin Dreyers populistische und unfreiwillig komische Bibelneuübersetzung "Volxbibel" (hier eine Textprobe). Yasemin Karakasoglu, Professorin für Interkulturelle Bildung an der Uni Bremen, ärgert sich auf der Meinungsseite darüber, dass in der Debatte über die Integration von muslimischen Einwanderern die Migrationsforschung ignoriert wird.

Schließlich Tom.
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Welt, 19.01.2006

Eva Behrendt trifft die höchst erfolgreiche Jungdramatikerin Anja Hilling in einem Kreuzberger Cafe: "Sie wird dieses Jahr 30, die Nachwuchsdramatikerin des Jahres 2005, und scheint, hochgewachsen und mädchenhaft zugleich, auf fast irritierende Weise in sich selbst zu ruhen. Kein Wort darüber, dass sich um ihre Stücke schon die Theater in München und Hamburg, Jena und Köln geschlagen haben - und zwar mit allen Tricks. Keine Silbe dazu, dass ihr neuestes Stück 'Bulbus' im März an der Wiener Burg herauskommen wird."

Weitere Artikel: Eckhard Fuhr lauschte einem Vortrag von Jürgen Habermas in den nordischen Botschaften in Berlin. Uta Baier unterhält sich mit Markus Brüderlin, dem neuen Direktor des Wolfsburger Kunstmuseums über die Erfolge des Hauses. Matthias Heine erzählt die Geschichte des wiederaufgetauchten Grimmschen Wörterbuchs mit Annotationen der Gebrüder. Besprochen werden Rob Marshalls "zu fischiger" Film "Geisha" und Reza Baghers Romanverfilmung "Populärmusik aus Vittula".

Auf der Forumsseite gibt Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn den Politikern Tipps für eine moderne Führungskultur: "Es ist heute die vordringliche Aufgabe der Führung, neue Wege zum Erfolg zu suchen und dabei auch den Mitarbeitern Freiheit zur Entwicklung ihrer Kräfte zu gewähren. Diese Freiheit beinhaltet dann aber auch Verantwortung und setzt Bewährung voraus."

Im Magazin porträtiert Sven Felix Kellerhoff den Forscher Klaus Schmidt vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI), der im Südosten Anatoliens die älteste Kultstätte der Menschheit entdeckt hat.

FAZ, 19.01.2006

Nach einiger Bedenkzeit nimmt auch diese Zeitung Stellung zu den Vorgängen bei Suhrkamp, wo bekanntlich Marketingchef und Vorstandsmitglied Georg Rieppel entlassen wurde. Richard Kämmerlings berichtet, dass nicht nur Rieppel, sondern gleich auch sein Posten abgeschafft wurde, und er nimmt den Verlag und die Verlegerin Ulla Berkewicz-Unseld gegen den Vorwurf wirtschaftlicher Inkompetenz in Schutz: "Natürlich wäre es tragisch, wenn Suhrkamp durch seine Beharrungskräfte finanziell in eine Schieflage geriete. Doch kennt niemand die Bilanzen, und noch hat es keinen Sparkurs oder gar Entlassungen gegeben. Weltfremdheit ist vielleicht der Preis für Literaturvertrautheit. Und in erster Linie auf literarische Qualität zu setzen ist ein unternehmerisches Risiko, ohne Zweifel. Wenn selbst Suhrkamp es nicht mehr eingehen dürfte, wer dann?"

Holger Gemba begibt sich unterdes auf eine Reise in die Heimatstadt eines der jüngeren Suhrkamp-Autoren: Iwano-Frankiwsk, wo Juri Andruchowytsch und eine ganze Reihe von Künstler- und Verlegerfreunden für das "Stanislauer Phänomen" verantwortlich zeichnen - denn Andruchowytsch nimmt gern auf den österreichischen Namen der Stadt, Stanislau, Bezug: "Zusammen mit befreundeten Künstlern und Schriftstellern wie Jurko Izdryk, Taras Prochasko, Halyna Petrosanjak und anderen ist es ihm gelungen, das künstlerische Leben der mitteleuropäischen Provinzstadt zu einem eigenen Markenzeichen zu machen. Die Berufung auf das historische, auf das galizische Stanislau half dabei den aufstrebenden Schriftstellern und Künstlern, sich unter einem gemeinsamen Banner zu sammeln, das augenscheinlich nichts mit dem sowjetischen Erbe zu tun hatte und zugleich Identifikation mit der Stadt bot, in der man lebt und arbeitet."

Weitere Artikel: Heinrich Wefing wendet sich in der Leitglosse gegen die heute im Bundestag diskutierte Idee, die Deutsche Bibliothek in Frankfurt und Leipzig in "Deutsche Nationalbibliothek" umzubenennen. Paul Ingendaay fragt sich, wie es das Reina-Sofia-Museum in Madrid hinkriegen konnte, eine 36 Tonnen schwere Eisenskulptur von Richard Serra spurlos verschwinden zu lassen. Der Hausarzt Michael Feld schreibt einen Abgesang auf den Berufsstand des Hausarztes. Andreas Kilb besucht die neue Dauerausstellung des Hauses der Wannsee-Konferenz. Felicitas von Lovenberg gratuliert dem englischen Schriftsteller Julian Barnes zum Sechzigsten. Jürgen Kaube verfolgte in Zürich eine Konferenz über das Urheberrecht in Zeiten des Internets. "Till" berichtet über in Krakau wiederaufgefundene Exemplare des Grimmschen Wörterbuchs, die von den Gebrüdern Grimm im Hinblick auf eine zweite Auflage annotiert wurden. Edo Reents gratuliert der Country-Sängerin Dolly Parton zum Sechzigsten. Und Kerstin Holm hat sich erste Konzerte des Schostakowitsch-Jahres in Sankt Petersburg angehört.

Auf der Kinoseite unterhalten sich Michael Althen und Andreas Kilb mit Hanns Zischler über seine sehr eigene Karriere zwischen Derrida-Übersetzungen, Wenders-Filmen, Fernsehschmonzetten und Spielbergs "Munich". Dieter Bartetzko erinnert an Lilian Harvey, die in in diesen Tagen hundert Jahre alt würde. Und Peter Körte kommentiert die Angst der Branche vor Steven Soderberghs neuem Film "Bubble", der zugleich als Kinofilm, Fernsehfilm und DVD herauskommt.

Auf der Medienseite berichtet Jürg Altwegg über ideologische Spaltung im Zentralorgan des linken Weltgeistes Le Monde diplomatique in Paris, das immer mehr zum Kampfblatt für die Attac-Bewegung umgemodelt werde. Gina Thomas berichtet über ein Urteil gegen die Financial Times, das einem durch seine Berichterstattung geschädigten Spekulanten 5 Millionen Pfund zahlen muss. Christoph Ehhardt empfiehlt eine Dokumentation über den Terroristen Abu Musab al-Zarqawi (mehr hier), die heute spät Abends in der ARD läuft. Und schließlich befürwortet der hessische Ministerpräsident Roland Koch im Gespräch mit der FAZ in bewegenden Worten eine Ministererlaubnis für die Fusion von Springer und Pro 7 Sat 1.

Auf der letzten Seite kommentiert Heinrich Wefing ein Urteil des Supreme Court in den USA, das es dem Staat Oregon erlaubt, an aktiver Sterbehilfe festzuhalten. Und Christian Schwägerl würdigt den chinesischen Sternanis, aus dem der Stoff gegen die Vogelgrippe gewonnen wird.

Besprochen werden der Film "Populärmusik aus Vittula" von Reza Bagher und "La Traviata" in Andreas Homokis Inszenierung in Bonn.

Korrektur zur Feuilletonrundschau vom 6. Januar: Aufgrund eines Missverständnisses bezeichneten wir die Autoren des FAZ-Artikels über Steven Spielberg als "ehemalige Mossad-Agenten". Wir entschuldigen uns dafür und haben die Einführung in diesen Artikel geändert, mehr hier.

Tagesspiegel, 19.01.2006

Stefan Hermanns erfährt im Fußball-Gespräch mit Schriftsteller Peter Esterhazy, der an der Runde der Kopfballspieler im Berliner Museum für Kommunikation teilnehmen wird, warum die Balltreterei im Fernsehen nur halb so schön ist. "Man sieht einerseits mehr, durch die Nahaufnahmen zum Beispiel. Aber man erkennt nur die Virtuosität der Fragmente, man sieht das Ganze nicht. Und gerade das ist doch das Schöne an diesem Spiel: dass man die Vielzahl der taktischen Möglichkeiten erkennt, und dass ein genialer Spieler genau das sieht, was ich sehe; denn der Zuschauer ist natürlich der Genialste."

FR, 19.01.2006

Isabelle Graw, die 1990 die Kunstzeitschrift Texte zur Kunst gründete, erklärt, wie der Kunstmarkt in dieser spektakulären Phase des Kapitalismus funktioniert. "In letzter Zeit konnte man beobachten, dass öffentliche Museen die Einschätzungen des Marktes übernehmen. Das Museum wird gewissermaßen zum Schaufenster dieser Definitionsmacht. Für die Sammlung für Gegenwartskunst des Moma wurden Arbeiten jener Maler - von Elisabeth Peyton bis zu Peter Doig - angekauft, die auf dem Sekundärmarkt besonders hohe Preise erzielen. Diese Kaufentscheidungen werden von Trustees getroffen, die ihrerseits auf dem Sekundärmarkt investiert haben und ihre Anschaffungen durch museale Präsenz nobilitieren. Auch in Deutschland hat es wie beim Frankfurter MMK Fälle gegeben, wo das Museum als wertsteigernde Instanz für private Leihgaben funktionierte."

Weiteres: Thomas Medicus stellt die neu konzipierte Ausstellung im Berliner Haus der Wannseekonferenz vor. Elke Buhr widmet die heutige Kolumne Times Mager den letzten und wohl vergeblichen Versuchen, den "charismatischen Schrottkasten" oder Palast der Republik in Berlin noch vor dem Abriss zu retten.

Besprochen werden Ben Youngers Film "Couchgeflüster" ("Die schönsten Subsubtexte seit "König Ödipus", jubelt Heike Kuhn.) Reza Baghers Verfilmung von Mikael Niemis' Roman "Populärmusik aus Vittula", Rob Marshalls Film "Die Geisha" ("Unterhaltungskunst als höhere Form der Prostitution", schreibt Michael Kohler) und Oliver Hirschbiegels Film "Ein ganz gewöhnlicher Jude" (mehr hier).

SZ, 19.01.2006

Werner Bloch hat im syrischen Aleppo das satirisches Theaterstück "Sorry, Amerika" von Hammam Hout gesehen, der Kritik an den Amerikanern, aber auch am eigenen Land übt. "Syrien sieht sich als nächstes Opfer der amerikanischen Nahostpolitik, der pralle Antiamerikanismus trifft die Stimmung. Andererseits zielen die Pfeile auch ins Innere. Hout übt erstaunlich offen Kritik an den Verhältnissen in Syrien, der Korruption, dem Einparteiensystem, den Medien. 'Warum bestiehlt uns die nationale Mobilfunkfirma Syriatel?', ruft er von der Bühne, 'warum zahlen wir so exorbitante Gebühren - und wissen doch genau, wohin unser Geld fließt' - nämlich in die Tasche eines Mitglieds der Präsidentenfamilie. Das schmutzige System der Vetternwirtschaft, das die Handlung steuert, ist der Nährboden des täglichen Wirtschaftslebens, und Syrien erscheint hier nicht nur als Opfer amerikanischer Großmachtgelüste, sondern als ein verfaultes System."

Weitere Artikel: Alexander Kissler berichtet über einen Vortrag von Jürgen Habermas, der in der Berliner Akademie der Künste über "Willensfreiheit" sprach, wobei sich der Philosoph von religiösen Orthodoxien ebenso wie von einem wissenschaftsgläubigen Naturalismus distanziert habe. Lothar Müller präsentiert ein verschollen geglaubtes und nun in der Krakauer Jagiellonen-Bibliothek wieder aufgetauchtes Arbeitsexemplar des "Deutschen Wörterbuchs" der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Louise Brown feiert Maurizio Cattelans "Wrong Gallery" in der Londoner Tate Modern als kleinsten Ausstellungsraum der Welt. Hermann Unterströger berichtet von Aufruhr in Altötting, weil "eines der rarsten Kunstwerke des Abendlandes", ein Marienaltar namens "das Goldene Rössl" (mehr hier) umziehen soll. Christina Maria Berr annonciert mit den Yindies die Ankunft einer neuen Spezies im urbanen Zoo, und Bernd Graff dechiffriert die Google-Formel: "Masse und Macht".

Besprochen werden Reza Baghers Film "Populärmusik aus Vittula" (in dessen "wild aufschäumende Bilderbeschwörung" und "unbekümmert vorangaloppierende karnevaleske Ekstase" Rainer Gansera voller Genuss eingetaucht ist), Oliver Hirschbiegels Film "Ein ganz gewöhnlicher Jude" (dazu gibt es auch ein Interview mit Hirschbiegel), Maria Peters Kinderfilm "Pietje Bell" und zwei Bücher aus dem Nachlass von Paul Celan, darunter sein Briefwechsel mit dem Literaturwissenschaftler Peter Szondi (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).