Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.01.2006. Die Welt erzählt, wie Jung Changs Mao-Biografie unter Chinas Dissidenten diskutiert wird. In der FAZ werfen zwei ehemalige Mossad-Agenten Steven Spielbergs "Munich"-Film eklatante Ungenauigkeiten vor. In der taz erklärt der Dokumentarfilmer Wilfried Huismann seine These, dass Fidel Castro den Kennedy-Mord in Auftrag gegeben habe. Die Berliner Zeitung feiert die Heimkehr der verlorenen Tochter Fritzi Haberlandt. Die NZZ freut sich auf den dreihunderttausendsten Isländer.

Welt, 06.01.2006

Kirstin Wenk berichtet, wie die neue Mao-Biografie von Jung Chang und Jon Halliday (Leseprobe hier) unter Chinas Dissidenten diskutiert wird, die immerhin Auszüge im Internet lesen können: "Anders als viele im Westen hoffen, stößt 'Mao, die unbekannte Geschichte' (so der Titel auf Englisch und auf Chinesisch) bei vielen eher auf Ablehnung als auf neugieriges Interesse. 'Die meisten Chinesen wissen sehr gut Bescheid über ihre eigene Geschichte', schreibt ein Li Xianyuan auf dem 'Diskussionsforum über Chinas Zustand' im Internet. 'Wir brauchen keine Belehrung von hasserfüllten extremen Kräften aus dem Westen.' Auch die Pekinger Kulturjournalistin Zhao Hong hat Vorbehalte. 'Das Buch ist im Ausland verlegt worden', sagt sie. 'Der Blick auf Mao kann also gar nicht objektiv sein.'"

Holger Kreitling denkt über die Bedeutung nach, die "der schönen Aussicht" neuerdings beigemessen wird, beim Streit um die Hochhäuser am Kölner Dom oder die Waldschlösschenbrücke in Dresden: "Wenn vom 'Canaletto-Blick' auf die Elbauen in Dresden die Rede ist, der durch ein 'Brücken-Monstrum' zerstört würde, stellt sich bürgerliches Kulturempfinden gegen bürgerliche Wirtschaftsordnung. Die Zerrissenheit des wertkonservativen Lagers manifestiert sich deutlich."

Weiteres: Hanns-Georg Rodek unterhält sich mit dem Filmemacher Andreas Dresen und dem Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase über die Kunst, schöne Dinge mit schönen Frauen zu tun, und ihren gemeinsamen Film "Sommer vorm Balkon": "Wo immer du lebst: Anpassung ist der Vorschlag, den sie dir machen." Uwe Schmitt warnt vor den schädlichen Wirkungen von iPods und MP3-Spieler, deren kleine, anatomisch geformte Kopfhörer (earbuds) tiefer im Gehörgang sitzen als herkömmliche: "Ein Hörforscher an der Wichita State University testete die durchschnittliche Lautstärke und kam auf Werte zwischen 100 und 120 Dezibel. Das ist die Orkanstärke eines Rockkonzerts in den vorderen Reihen. Bei 140 Dezibel startet ein Düsenflugzeug durch das Hirn." Und Anneke Bokern berichtet von der Ausstellung "Indonesia" in der Nieuwe Kerk in Amsterdam, die erstmals unter friedlichen Bedingungen die größten Schätze indonesischer Kunst in den Niederlanden präsentiert.

TAZ, 06.01.2006

Auf den Tagesthemenseiten spricht Dokumentarfilmer Wilfried Huismann über seinen heute abend in der ARD laufenden Film "Rendezvous mit dem Tod - Kennedy und Castro", der nahelegt, dass Lee Harvey Oswald im Auftrag Kubas John F. Kennedy tötete. All die Vertuschungen und Verschwörungstheorien erklärt er sich zum Beispiel so: "Kennedys Nachfolger Johnson war schnell zu dem Schluss gekommen, dass die Kubaner dahinterstecken. Er hat sich auf die Linie festgelegt, dass das nicht rauskommen darf, weil die weltpolitische Situation dann nicht mehr zu kontrollieren sei. Und Robert Kennedy hat dabei vor allem deshalb mitgemacht, weil er fürchtete, dass auch alles über die illegalen Operationen der Kennedys herausgekommen wäre. Deshalb sind damals viele Spuren vernichtet worden. Diese Vertuschung hat dazu geführt, dass viele Leute geglaubt haben, die CIA selbst habe ihre Finger im Spiel gehabt."

Zwischen den Rillen feiert Rene Hamann das neue Album "First Impressions of Earth" der Strokes und erklärt, dass man dieser Band mit der herkömmlichen Hype-Anti-Hype-Dialektik überhaupt nicht beikommen kann: "'Originell' war gestern, 'originell' ist so 20. Jahrhundert, was heute wichtig ist, ist Konsolidierung, Expansion und Variation. Sie krampfen sich eben nicht ab. Eher schütteln sie das so runter."

Weiteres: Peter "Sleazy" Christopherson erklärt im Gespräch mit Harald Fricke, warum sich die Industrial-Pioniere von Throbbing Gristle allen Ankündigungen zum Trotz doch wieder zusammengetan haben: "Als Band können wir all unsere Launen ausleben, wir können die Menschen mit Musik ein wenig piesacken und aus der Reserve locken. Das macht Spaß, und wir werden dafür auch noch bezahlt." Besprochen wird eine Ausstellung der Bildhauerin Ulrike Grossarth im Hamburger Bahnhof in Berlin.

Und hier noch TOM.

NZZ, 06.01.2006

Aldo Keel porträtiert im Schnelldurchgang das florierende Völkchen der Isländer. Bald wird die Bevölkerung zum ersten Mal die Marke von 300.000 überschreiten. "Wer keine Kinder hat, gerät unter Rechtfertigungsdruck. Schließlich versteht man sich als Glied einer Kette, die nicht abreißen darf. Man ist stolz darauf, dass man am Ende der Welt während elf Jahrhunderten überlebt und eine große Literaturtradition geschaffen hat und etwa von jenem Pfarrer Snorri abstammt, der auch als Ringer so gewaltig war, dass während fünfzig Jahren kein anderer Gottesmann es wagte, ihn auf der Synode herauszufordern."

Weiteres: Joachim Güntner knüpft Verbindungen zwischen Fußball und Mozart, ist sich aber sicher, dass Torschützenlisten immer mehr Menschen interessieren werden als die 626 Einträge im Köchelverzeichnis. Im zweiten Teil der Reihe über Paris flaniert Marc Zitzmann heute durch den Palais- Royal gegenüber dem Louvre und genießt das "Parkplatzflair" von Daniel Burens Säuleninstallation im asphaltierten Ehrenhof.

Die Medienseite: Amerikas bekanntester Radiomoderator Howard Stern wechselt zum Satellitenradio Sirius mit Studios im Rockefeller-Center in Manhattan. Für Fünf Jahre bekommt er dort 500 Millionen Dollar, weiß "snu". "Sterns Interviews sind fast schon legendär. Sie sind schnörkellos, kompromisslos und von verblüffender Offenheit. Doch die oft schlüpfrigen verbalen Eskapaden des 51-Jährigen provozieren die konservativen Amerikaner. (...) Auch Moderate empfanden Sterns wiederholte Zugeständnisse, sich gerne Pornofilme anzusehen und in seiner Jugend mit Vorliebe vor dem Bild einer Tante masturbiert zu haben, als Affront."

Stefan Krempl berichtet im Medienteil außerdem vom alljährlichen Hackertreffen Chaos Communication Congress in Berlin, auf dem der wachsende Überwachungsstaat und Sicherheitslücken angeprangert wurden. Gleich darunter wird auf die Anfälligkeit des WMF-Grafikformats von Microsoft für Viren hingewiesen." Um den gefährlichen Code zu aktivieren, braucht es unter Umständen nicht einmal einen Doppelklick, es genügt, den Verweis auf die entsprechende Datei im Windows Explorer zu betrachten." Gemeldet wird auch, dass Europas Regierungschefs die neuen Medien für sich einspannen. Nicolas Sarkozy hat den bekannten Blogger Loic Le Meur getroffen, Tony Blair lässt professionelle Privatvideos von sich drehen.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Projekten des Architektenduos Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa in der Basilica Palladiana in Vicenza und eine "materialreiche, aber visuell nicht sehr attraktive" Schau über die frühen Errungenschaften arabischer Wissenschaftler im Pariser Institut du monde arabe.
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FAZ, 06.01.2006

Zusatz vom 19. Januar: Aufgrund eines Missverständnisses, das aus allzu schneller Lektüre resultierte, bezeichneten wir die Autoren des Artikels über Steven Spielberg als "ehemalige Mossad-Agenten". Wir entschuldigen uns dafür und ändern die Einführung in diesen Artikel hiermit:

Der israelische Journalist Yossi Melman und sein amerikanischer Kollege Steven Hartov werfen Steven Spielbergs "Munich"-Film einen eklatanten Mangel an historischer Akkuratesse vor. Einerseits, so klagen sie, behauptet der Film, auf tatsächlichen Begebenheiten zu beruhen, andererseits schöpft er seine Geschichte aus dem Buch eines nachweislichen Aufschneiders, während Spielberg es vermied, die wirklich ins Geschehen verstrickten Akteure zu interviewen: "Mehr als dreißig Jahre waren seit dem Beginn dieses tödlichen Katz-und-Maus-Spiels vergangen, und Beteiligte auf beiden Seiten waren durchaus bereit, darüber zu sprechen. Doch niemand nahm Kontakt zu den Menschen auf, die über die geheimen Vorgänge Bescheid wissen. Bei Zvi Zamir, der als ehemaliger Mossad-Chef den Mythos in weniger als einer Stunde hätte zerpflücken können, klingelte niemals das Telefon. (...) Die Familien der elf ermordeten Sportler waren gleichfalls sehr enttäuscht, dass niemand von Spielbergs Leuten Kontakt mit ihnen aufnahm. Selbst Mohammed Daoud, der ehemalige Chef des Schwarzen September, der gemeinhin als führender Kopf bei der Planung der Münchener Geiselnahme gilt, war äußerst erstaunt, dass niemand mit ihm sprechen wollte." (Hier ein Artikel Melmans aus Ha'aretz zum Thema, und hier weitere Erläuterungen der Autoren.)

Weitere Artikel: Camilla Blechen feiert eine kunsthistorische Sensation in der Berliner Gemäldegalerie, nämlich die Zusammenführung von Fragmenten eines großen Hochaltarretabels von Masaccio. Dirk Schümer schreibt dem Anlass gemäß über die rätselhafte Behauptung Marco Polos, er habe auf seinen Reisen, die Grabmale der Heiligen Drei Könige gesehen. In seiner Kolumne "Kunststücke" beklagt sich Eduard Beaucamp, dass im Museum Ludwig, entgegen den Intentionen des Sammlers, keine Werke von DDR- und osteuropäischen Künstlern gezeigt werden. In ihrer E-Mail-Kolumne rät Elke Heidenreich der Ministerin von der Leyen zu einer Frisur a la Julia Timoschenko. Jürg Altwegg weist auf den Aufruf des Heidegger-Kritikers Emmanuel Faye zur Öffnung des Heidegger-Archivs aus Le Monde hin. Timo John stellt einen Bau der Universität Stuttgart vor, der Europas schnellsten Computer beherbergt (er wurde vom Hochbauamt der Uni selbst entworfen). Der Juraprofessor und ehemalige Innenminister Schleswig-Holsteins Hans Peter Bull kritisiert in einem detailreichen Artikel die "falschen Wege der deutschen Hochschulpolitik".

Auf der Medienseite schildert Michael Hanfeld neue Episoden aus dem Drama um Springer und das Kartellamt. Nils Minkmar empfiehlt vorsichtig die WDR-Dokumentation "Rendezvous mit dem Tod", in der nahegelegt wird, dass Fidel Castro den Kennedy-Mord in Auftrag gegeben hat. Und gemeldet wird, dass der Ringier-Verlag das Kunstblatt Monopol kauft.

Für die letzte Seite besucht Christian Schwägerl das das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, wo an der Erforschung der Kernfusion gearbeitet wird, die uns dereinst vom Erdöl befreien soll. Lorenz Jäger würdigt die Arbeit einer US-amerikanischen Studentengruppe, die die Auswirkungen des Sedition Acts im Ersten Weltkrieg untersucht, der Äußerungen gegen den Krieg unter Strafe stellte - Ziel ist es, die Opfer dieses Gesetzes, darunter viele Deutschstämmige, wenn auch spät zu rehabilitieren (hier der Artikel aus der Los Angeles Times mit allen Informationen). Und Dieter Bartetzko stellt Alexis Alatsis vor, der gerade zum künstlerischen Chef der Aktivitäten der europäischen Kulturhauptstadt Patras gekürt wurde.

Besprechungen gelten einer Ausstellung von Aquarellen und Zeichnungen Oskar Kokoschkas in Hamburg, Zhang Yangs Film "Das Badehaus" und Neuerscheinungen aus der akademischen Welt.

FR, 06.01.2006

Die FR begleitet eine Diskussionsreihe über das Schwinden der zeitgenössischen Urteilskraft. Im Auftaktartikel skizziert Peter Michalzik auch die Krise der Bewertung von Kunst. Seit Kant ist die Ästhetik die Urteils-Übungswiese des bürgerlichen Subjekts, die Fähigkeit zum ästhetischen Urteil eng mit der gesellschaftlichen Urteilsfähigkeit verknüpft. Was ist mit dem ästhetischen Urteil geschehen? Die Jahrzehnte lange Auseinandersetzung zwischen Pop- und Hochkultur hat eine vorläufige und unbefriedigende Lösung in der Herrschaft der Quote gefunden, die den Geschmack als Kategorie hat verschwinden lassen. Das Fernsehprogramm kann leicht davon überzeugen, dass es keinen 'schlechten Geschmack' mehr gibt."

Weiteres: In Times mager wundert sich Harry Nutt, woher das Land Baden-Württemberg den Glauben nimmt, mit ihrem obligatorischen Fragebogen für muslimische Einbürgerungskandidaten etwas Relevantes herauszufinden. Christian Thomas begeht das neue "scharfkantige" Museum des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, das David Chipperfield entworfen hat. Sandra Danicke stellt den "kleinsten Kunstverein Deutschlands" in Gießen vor, der immerhin 8,5 Quadratmeter sein eigen nennt.

Am 10. Januar will die KEK über die Fusion von Springer und ProSieben Sat1 entscheiden. Auf der Medienseite schätzt Daland Segler die Chancen von Springer, doch noch eine Erlaubnis zu bekommen, als gering ein. Denn der Verlag will den geforderten Fernsehbeirat nicht einrichten.

Berliner Zeitung, 06.01.2006

Nach sechs Jahren am Hamburger Thalia-Theater geht Fritzi Haberlandt im Herbst, wenn Armin Petras Intendant wird, überraschenderweise fest ans Berliner Maxim-Gorki-Theater. Ulrich Seidler erzählt sie im Interview ihre Gründe. "Alle, die da hinkommen, sehen diesen Neuanfang als eine seltene Chance und sind voller Energie. Das hängt sehr an der Person Armin Petras. Ich weiß ja nicht, wie er als Intendant ist, aber als Regisseur würde ich ihm überall hin folgen. Also theoretisch." Die Hansestadt wird sie nur bedingt vermissen. "Die Hamburger? Die mögen mich und haben mich sehr gut behandelt. Es wäre also fies zu sagen, die können mich alle mal. Aber es ist wirklich ein sprödes Publikum. Man hat immer das Gefühl, man soll gefällig sein."

SZ, 06.01.2006

Die SZ feiert heute die Heiligen Drei Könige und erscheint erst morgen wieder.