Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.10.2005. In der Zeit erklärt Klaus Berger, Professor für evangelische Theologie, warum er immer katholisch war. Die FAZ hält das für einen einzigartigen Fall gelebter Ökumene. In der FR erklärt Kurt Scheel, warum er aus seiner deutschen Mördergrube kein europäisches Herz mehr machen kann. Die SZ fürchtet, das neue Konzerthaus in Hamburg könnte die Kunst in den Ruin treiben.

Zeit, 27.10.2005

Katja Nicodemus schwärmt wie losgelöst vor dem rätselhaften Film "Tropical Malady" des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul. Zwei Männerfreunde stehen sich im Dschungel unvermittelt als Soldat und als Tiger gegenüber. "Dieser Dschungel ist die eigentliche Sensation des Films, ein Urwald, wie man ihn im Kino noch nie gesehen hat. Er besteht aus einer Tonspur, auf der sich das Insektengezirpe, das Knacken der Äste, das Rascheln des grün verschatteten Dickichts zu einer geheimnisvollen Wand auftürmen. Wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, begibt sich die Kamera gemeinsam mit dem Soldaten immer tiefer in den Wald hinein. Während sich an den Unterschenkeln des Jägers Blutegel festsaugen, während der Mann weiter ins Dickicht dringt, sein Funkgerät und seine Uniform hinter sich lässt, während er Schnecken isst und sich zur Tarnung mit Schlamm einreibt, begreift man, dass etwas Unerhörtes im Gange ist."

Der Theologe Klaus Berger, ehemaliger Professor an der evangelischen Fakultät der Universität Heidelberg, erklärt, warum er jahrelang offiziell Mitglied der evangelischen Kirche war, heimlich aber immer Katholik geblieben ist. "Ich wollte Priester werden und durfte es nicht, weil ich Positionen vertreten habe, die die katholische Kirche nicht hören wollte. So begann ein Weg, den nur Menschen verstehen, die ohne Wenn und Aber lieben. Hätte ich die 'formelle Mitgliedschaft' in der katholischen Kirche bewahrt, ich hätte mein Leben nicht leben können."

Weitere Artikel: Nicht nur auf der Art Cologne fällt Wolfgang Ulrich auf, dass die Sammler zu den tonangebenden Figuren im Kunstbetrieb geworden sind. "Ein Sammler wird nicht nur als Experte, sondern geradezu als eine monetäre Variante von Märtyrer geschätzt". Im Gespräch mit Claus Spahn sieht der Präsident des Deutschen Bühnenvereins Klaus Zehelein die Insolvenzgerüchte um das Bremer Theater als Symptom der "absoluten Durchökonomisierung" der Kultur. Die Zeit druckt Joachim Sartorius' Lobrede auf den türkischen Schriftsteller und Friedenspreisträger Orhan Pamuk. "Sie können mir glauben: Diese Äußerungen bedeuten Mut." Thomas E. Schmidt weist den künftigen Kulturstaatsminister noch einmal auf seine mannigfaltigen Aufgaben hin und wünscht sich "eine Art Zeitgenossenschaft". In der Randglosse amüsiert sich Peter Kümmel über den "Übersexual", offizieller Nachfolger des metrosexuellen Mannes. Ein Prachtexemplar der neuen Gattung soll Bono, der Sänger der Band U2, sein.

Ulrich Ladurner besucht den französischen Regisseur Christophe de Ponfilly, der in Afghanistan gerade einen Film über den ermordeten Guerillaführer Ahmed Shah Massudi dreht, besser bekannt als Löwe von Panschir. Klaus Dermutz stellt den Schriftsteller, Hörspielverfasser und Theaterautor Werner Fritsch als "Dramatiker der Stunde" vor. Susanne Weingarten besucht die Krump-Tänzer in Los Angeles, die David LaChapelle in seinem Film "Rize" porträtiert. Krumping ist eine vor drei Jahren aufgekommene "Kreuzung aus HipHop und afrikanischen Stammestänzen, die wirkt, als hätte jemand Brandbeschleuniger über die Choreografien geworfen".

Ist der Islamkritiker Hans-Peter Raddatz Ziel der ersten islamistischen Morddrohung gegen einen Deutschen oder nicht? Jochen Bittner und Matthias Stolz versuchen sich im Aufmacher des Leben-Ressorts ein Bild der verfahrenen Lage zu machen. Der Betreiber der Internet-Seite, Yavuz Özoguz, der das Gebet veröffentlichte, behauptet , "man habe es mit einer 'Mubahala' zu tun, einer Art gegenseitiger Verwünschung. Da der Streit mit Raddatz auf dieser Welt nicht zu lösen sei, solle eben irgendwann Gott über die Angelegenheit richten." Seit einer Sendung des ARD-Magazins Report Mainz, die das Thema aufgegriffen hatte, wird laut Özoguz seine Familie mit Mord- und Vergewaltigungsdrohungen überhäuft.

Besprochen werden Thomas Manns Erzählungen auf 12 CDs, gelesen von Will Quadflieg, der erste Teil einer Reihe mit allen Beethoven-Sonaten vom Pianisten Andras Schiff und Sam Peckinpahs Filmklassiker "Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia".

Im Literaturteil feiert Michael Naumann Irene Disches Roman "Großmama packt aus" als "unbarmherzig, liebevoll, hinreißend".

FAZ, 27.10.2005

Im Aufmacher kommentiert Edo Reents den Fall des katholischen IM und regelmäßigen Autors der FAZ, Klaus Berger: Dies sei ein "einzigartiger Fall einer gelebten Ökumene".

Die ersten toten Vögel in Deutschland läuten für Richard Kämmerlings eine symbolische Umwertung des Vogelzugs ein. Michael Gassmann berichtet von einem von der Passauer Neuen Presse organisierten Podiumsgespräch mit Georg Ratzinger, Gloria von Thurn und Taxis, Alessandra Borghese, Gesine Schwan und dem ehemaligen Abt des Andechser Klosters Odilo Lechner, die auch nicht wussten, ob sich die Katholische Kirche unter Benedikt XVI. im Aufbruch befinde. Es gibt einen Vorabdruck aus den Erinnerungen Helmut Kohls, im ausgewählten Text geht es um den Besuch der Gräber in Bitburg. Hansgeorg Herrmann hat den Haarkünstler Robert of Paris getroffen, Friseur später berühmter Menschen, dem Edith Piaf ins Ohr geflüstert haben soll: "Mein Kleiner - im Leben wirst du nur von dem Geld reich, das du ausgegeben hast." Andreas Obst war bei einem Konzert in Saigon, wo Auszüge aus Werken von Bach, Händel, Bruch und Beethoven gespielt wurden. Joseph Hanimann berichtet kurz über kritische Reaktionen auf Botho Strauß' Theaterstück "Schändung" in Paris. Miga. schreibt den Nachruf auf die Kirchenlieddichterin Maria-Luise Thurmair.

Auf der Filmseite berichtet Bert Rebhandl über Dokumentarfilme auf der Viennale. Andreas Kilb kündigt die Verfilmung von Miltons "Paradise Lost" an (10.656 Blankverse!). Eva-Maria Magel war dabei, als der koreanische Regisseur Lee Myung-Se in Frankfurt seinen Film "The Duelist" vorführte. Und Michael Althen interviewt den südafrikanischen Künstler William Kentridge über die Grenzen zwischen Kunst und Kino.

Auf der letzten Seite porträtiert Wolfgang Sandner den Komponisten Matthias Pintscher. Regina Mönch erzählt, dass ostdeutsche Frauen allen Gerüchten über einen Gebärstreik zum Trotz immer noch mehr Kinder bekommen als westdeutsche - was nicht zuletzt der besseren Versorgung mit Ganztags-Kindergärten geschuldet sei. Und Jürgen Kaube war dabei, als in den Nordischen Botschaften in Berlin die neue deutsche Kierkegaard-Ausgabe präsentiert wurde.

Besprochen werden Carole Frechettes Theaterstück "Die sieben Tage des Simon Labrosse" am Berliner Maxim Gorki Theater, Doris Dörries Film "Der Fischer und seine Frau", eine Stifter-Ausstellung im Zürcher Museum Strauhof und eine Leni-Riefenstahl-Ausstellung in Nürnberg.

Welt, 27.10.2005

Eckhard Fuhr widerspricht Patrick Bahners, der gestern in der FAZ die Abschaffung des Kulturstaatsministers gefordert hatte (mehr hier). Für Fuhr spricht daraus "Konkurrenzangst". Mit den drei bisherigen Kulturstaatsministern sei das "Niveau der kulturpolitischen Debatten gestiegen. Es gibt heute einen kulturpolitischen Resonanzraum, in dem der neuerliche Ruf nach einer Debatte über 'Leitkultur' heute schon ganz anders klingt als vor einigen Jahren, nicht mehr als plumpe Kampfparole, sondern als einladende Frage. So muß es weiter gehen. Nichts ist gescheitert."

Weitere Artikel: Die Kuratorin Karin Adrian von Roques, die gerade eine Ausstellung zeitgenössischer arabischer Kunst im Kunstmuseum Bonn organisiert hat, spricht in einem kurzen Interview über den Stellenwert von Künstlern in der arabischen Gesellschaft. Dankwart Guratzsch vergleicht den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche mit der Vollendung des Kölner Doms. Gabriela Walde stellt die iranische Videokünstlerin Shirin Neshat vor, die gerade eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin hat.

Besprochen werden der Film "Die Legende von Zorro", der thailändische Film "Tropical Malady", Marilyn Agrelos Dokumentarfilm "Mad Hot Ballroom" (mehr) und Doris Dörries Film "Der Fischer und seine Frau".
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NZZ, 27.10.2005

Florian Coulmas rechnet bei der gerade laufenden Volkszählung in Japan mit einer Bestätigung der gesellschaftlichen Vergreisung und ungewohnten Ungenauigkeiten aufgrund schwer zu erfassender Lebensmodelle. Besprochen werden eine Compilation mit Neueinspielungen diverser Großmeister des Calypso "Dirty Jim's Swizzle Club", eine Ausstellung über den Innenraumgestalter und Designpionier Giocondo Albertolli im schweizerischen Rancate, und Bücher, darunter Monique Schwitters "rasantes" Erzähldebüt "Wenn's schneit beim Krokodil", Pankaj Mishras "seltsame" Ausführungen "Unterwegs zum Buddha" sowie Daniel Clowes' "kühler" Comic-Krimi "Ice Haven" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 27.10.2005

"Wie der Bergmann nach Jahrzehnten unter Tage seine Staublunge bekommt, so kann auch ich aus meiner deutschen Mördergrube nun kein europäisch Herz mehr machen." bekennt Merkur-Herausgeber Kurt Scheel in einem Beitrag zur neuen FR-Serie über das europäische Heimatgefühl. "Als Schwede, der ich gerne gewesen wäre, wenn man mich gefragt hätte, wäre ich sicher ein vorbildlicher Europäer geworden und hätte dann großartige Bekenntnisse über 'Mein Europa' abgeben können, über meine souveräne Liberalität - ich wäre ein cooler Kosmopolit post- oder mindestens metanationaler Provenienz im Sinne Ulrich Becks geworden, ein Fanal der Zweiten oder gar schon Dritten Moderne. Zu spät! Einer musste den Bluthund machen, und wer hätte das besser gekonnt als ein gelernter Deutscher, der den Deutschen nicht traut?"

Weiteres: Peter Iden bestaunt den Neubau des de-Young-Museums (mehr) von Herzog & de Meuron in San Francisco. In Times Mager klagt Ina Hartwig, dass niemand mehr Tageszeitungen im Cafe liest.

Auf der Medienseite berichtet Daland Segler, dass die ARD-Sender die am 1. April von den Ministerpräsidenten entgegen den Empfehlungen der Kommisssion zur Ermittlung des Finanzbedarfs festgesetzte Erhöhung der Rundfunkgebühr um nur 88 Cent nicht akzeptieren wollen und deshalb in Karlsruhe klagen.

Besprochen werden Stevie Wonders neues Album "A Time To Love", Lars Kraumes Film "Keine Lieder über Liebe", Marilyn Agrelos und Amy Sewells Dokumentarfilm "Mad Hot Ballroom" sowie Frauke Sandigs und Eric Blacks L.A.-Dokumentation "Frozen Angels".

Tagesspiegel, 27.10.2005

In Deutschland bildet sich eine transnationale Erinnerungskultur heraus, konstatiert der Literaturwissenschaftler Manuel Gogos, der an der Ausstellung Projekt Migration im Kölnischen Kunstverein mitgearbeitet hat. "Auschwitz, so hat es Maxim Biller formuliert, ist das zentrale Erinnerungsmoment der Deutschen. Dass 'so etwas nie wieder geschehen sol'" dürfte eine universelle Botschaft sein; trotzdem hat Viola Giorgi in ihrer Studie über das Geschichtsbild junger - in diesem Fall - türkischer Migranten nachgewiesen, dass die deutsche Geschichte keineswegs 'adoptiert' wird. Manchmal scheint es, als würden die verschiedenen Erinnerungskulturen sogar in eine heimliche Konkurrenz zueinander treten: Der Bahnhof in Köln Deutz war das zentrale 'Einfallstor' der spanischen und portugiesischen Arbeitsmigranten, aber auch der 'Umschlagplatz' für die Deportationen jüdischer Zwangsarbeiter."

TAZ, 27.10.2005

"Den Kopf richtet das Tier frontal zur Kamera aus", beschreibt Cristina Nord ihre Kinobegegnung mit einem Tiger in Apichatpong Weerasethakus Film "Tropical Malady". "Sein Leib schimmert grün im spärlichen Licht der Urwaldnacht, seine Flanken heben und senken sich im Rhythmus seiner Atmung, und seinem Blick auszuweichen ist unmöglich. Spätestens dann ist klar, dass 'Tropical Malady' ein einzigartiger Film ist."

Außerdem besprochen werden Doris Dörries Beziehungskomödie "Der Fischer und seine Frau", Martin Campbells Zorro-Fortsetzung "Die Legende des Zorro", Peter und Bobby Farrellys Nick-Hornby-Verfilmung "Fever Pitch", das Festival "Uwaga! Polen kommen" in Leipzig und Weimar und die Ausgabe 49 der Zeitschrift "kultuRRevolution",

Auf Seite zwei freut sich Michael Braun auf die zweite Ausgabe von Adriano Celentanos markiger Show gegen das Berlusconi-Establishment "RockPolitik", heute abend im italienischen Fernsehen.

Und Tom.

SZ, 27.10.2005

Reinhard J. Brembeck kann sich über den gestern beschlossenen Bau des neuen Konzerthauses (mehr) über dem alten Kakao-Speicher im Hamburger Hafen nicht unbefangen freuen. "Diese Bauten, und mögen sie noch so futuristisch ins Stadtbild gesetzt sein, sind nichts als Materie, der es zunehmend an Geist mangelt." Brembeck fürchtet, dass durch den spektakulären Bau noch mehr kalkuliert werden muss im Kulturbetrieb. "Ein billig betriebenes Renommierprojekt wie die Elbphilharmonie mit ihrem überdimensionierten Saal aber muss, um überleben zu können, die Kunst gnadenlos kommerzialisieren. Und so wird die Erosion der klassischen Musik gerade durch solch einen ambitionierten Klassiktempel ein Stück vorangetrieben."

Weitere Artikel: Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Chris Mooney (mehr hier) schildert Andrian Kreye in einem Gespräch, wie die Bush-Regierung seiner Meinung nach die Wissenschaft bekämpft. "Eine andere Methode ist es, die Wissenschaftler persönlich anzugreifen, ihre Arbeit in Frage zu stellen, sie vor Untersuchungsausschüsse zu zerren." Hans Schifferle verneigt sich vor dem Wiener Filmfestival "Viennale", das er so einzigartig wie kontemplativ findet, weil es "aus einer traditionellen Cinephilie heraus stets auf der Suche nach einer neuen Sensibilität ist". Johanna di Blasi schreibt über die zweite Kölner KunstfilmBiennale. Hennig Klüver gratuliert dem Mailänder Architekten Giorgio Grassi zum siebzigsten Geburtstag. Und Petra Steinberger macht Werbung für Band acht der SZ-Kinderbuchklassiker-Reihe, Cornelia Funkes "Potilla".

Besprochen werden Lars Kraumes Film "Keine Lieder über die Liebe", Sylke Enders neuer Film "Hab' mich lieb!", Martin Campbells "The Legend of Zorro" (mit Antonio Banderas als Peacenik und "militanter Globalisierungsgegner"), Apichatpong Weerasethakuls fantastisches Kinoabenteuer "Sud Pralad/Tropical Malady", Antonia Ganz? Dokumentarfilm über die Berliner Band "Mutter" "Wir waren niemals hier", Enrico Stolzenburgs Uraufführung von Lars Norens Ehedrama "Distanz" an der Berliner Schaubühne ("Leider stellt der Regisseur den Schrecken des Banalen aber nur aus, statt ihn leise auszuloten", gähnt Christine Dössel), eine Walter-Höllerer-Ausstellung im Berliner Literaturhaus und Bücher, darunter Andre Glucksmanns Terrorismusstudie "Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages.)