Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.10.2005. In der SZ erzählt Sonja Margolina, wie Michail Chodorkowskij versehentlich das Geheimnis des Kremls aufdeckte. Die NZZ erzählt, wie der Schriftsteller Francois Weyergans Verleger, Finanzamt, Wohnungssorgen, Mätressen und eine liebende Ehegattin befriedigt. In der taz erklärt der Architekturtheoretiker Georg Franck, was mentaler Kapitalismus ist. Die Welt feiert Thomas Ostermeiers "Hedda"-Inszenierung als tollen Thriller. In der FR wünscht sich Christina Weiss einen Bundeskulturminister.

Welt, 28.10.2005

"Toller Thriller", meint Reinhard Wengierek über Thomas Ostermeiers Inszenierung der "Hedda Gabler" an der Berliner Schaubühne. "Freilich, so hat Hedda Gabler sich ihren Abgang nicht gedacht, bevor sie den Salon verlässt und sich draußen vor der Tür die Kugel gibt. Es knallt, und ihre Leute sagen: Ach, die Hedda, die ballert mal bloß wieder mit Papas Pistolen ... Doch diesmal ist es ein bisschen anders, da fällt Hedda tot zu Boden - und keiner merkt, was los ist. Keiner wird sie, das ahnt man, wirklich vermissen. Dumm gelaufen. Dabei hätte Hedda es wissen müssen. Schon immer hat sie gemurrt: 'Alles, was ich anfasse, wird lächerlich und klein.' Warum also nicht auch ihr Ende, ihr beiläufiger Tod. Da hat Regisseur Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne ganz recht. Überhaupt ist seine Inszenierung von Henrik Ibsens 'Hedda Gabler' eine einzige große Beiläufigkeit. Ein leichthin, aber präzise und auf grausam leisen Füßen serviertes Kammerspiel."

Weitere Artikel: Hans-Jörg Schmidt berichtet über einen Streit in Prag um die Frage, wem der Veitsdom gehört - der katholischen Kirche oder dem Staat. Peter Dittmar schreibt zum 100. Geburtstag des "Castell 9000".

Besprochen werden der Film "Ein Mann für eine Saison" von den Brüdern Farrelly und eine Ausstellung über die deutsch-norwegischen Beziehungen im Technischen Museum in Oslo.

TAZ, 28.10.2005

Der Architekturtheoretiker Georg Franck erklärt Robert Misik im Interview im Meinungsteil seine Wortschöpfung des mentalen Kapitalismus (Buch). In zunehmender Weise gehe es in der Gesellschaft, der Wissenschaft und auch der Wirtschaft nicht mehr nur um Geld, sondern um Beachtung. "Die Brennpunkte heute sind die Schnittstellen zwischen materieller und immaterieller Ökonomie: die Werbung, die Medien, der Sport (wo es um Ruhm geht), die Mode (wo ohne Aufmerksamkeit überhaupt nichts geht), aber auch die Hochtechnologie, die Pharmaindustrie. Hier sind die Konflikte zwischen den beiden Ökonomien notorisch."

Im Feuilleton registriert Gerrit Bartels bei einem Leseabend mit Orhan Pamuk in der Berliner Volksbühne, wie erleichtert der türkische Schriftsteller ist, wieder als Romancier und nicht als politischer Autor auftreten zu können. Dietmar Kammerer verfolgt eine Diskussion in der Berliner Akademie der Künste über die Beeinträchtigungen der kulturellen Vielfalt in Deutschland.

In der zweiten taz besichtigt Christina Deicke die Refugien von Stadtflüchtigen in Mecklenburg-Vorpommern und erklärt die neuen Bundesländer zum Experimentierfeld für neue Lebensformen. Jan Feddersen meldet, das Peter Hahne nicht Regierungssprecher wird. Reinhard Krause kommentiert das neue Gesicht der Kinderschokolade.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenierung wird Henrik Ibsens "Hedda Gabler" an der Berliner Schaubühne, und Stevie Wonders Album "A Time To Love" ("Wo Überschwang und Motown war, ist Operette geworden", seufzt Harald Fricke).

Und Tom.

NZZ, 28.10.2005

Das meist erwartete Buch im französischen Bücherherbst war gar nicht der Roman von Michel Houellebecq, sondern das neue Buch von Francois Weyergans berichtet Jürgen Ritter. "'Trois jours chez ma mere' heißt das kleine und kurzweilige Glanzstück. Darin meldet sich ein Schriftsteller namens Francois Weyergraf zu Wort, der mindestens ein halbes Dutzend Bücher in Arbeit hat (darunter auch 'Drei Tage bei meiner Mutter') und dem Verleger, Finanzamt, Wohnungssorgen, Mätressen und eine liebende Ehegattin gleichermaßen im Nacken sitzen. Selbstverständlich hat er die Vorschüsse für alle diese Bücher schon durchgebracht. Mit einem Wort: Dem Mann mangelt es an Geld, an Zeit, aber nicht an brillanten Ideen. Und so legt er - Weyergraf oder Weyergans? Egal! - ein Sammelsurium über alles und jedes vor, auch über seine Mutter, bedenkt sich und die Welt mit einem umwerfend bissigen Witz - und sucht seine Geldgeber (die Leser und Verleger) davon zu überzeugen, dass viele nicht geschriebene Bücher vielleicht besser sind als ein geschriebenes. Mit so viel Chuzpe und Fingerfertigkeit hat noch keiner ein Buch über die Unmöglichkeit, eben dieses Buch zu schreiben, geschrieben."

Günter Seufert stellt die Bücher des 30-jährigen türkischen Bestsellerautors Burak Turna vor. Turna hat mit Romanen wie "Metallsturm" und "Der dritte Weltkrieg", in denen die Türken - manchmal zusammen mit den Russen - die Europäer und Amerikaner niederringen und James-Bond-mäßig ihre Städte in Schutt und Asche legen, vor allem bei jungen Lesern einen Riesenerfolg. "Endlich sind die Türken Europa nicht nur moralisch, sondern auch technisch und politisch überlegen. Man spürt das Luftholen all derer, denen Europa seit dreißig Jahren sagt, dass sie ganz anders sind. 'Ja, wir sind anders', sagen sie jetzt, 'und wir sind besser!'"

Weitere Artikel: Gerd Hammer erzählt, wie Lissabon den 250. Jahrestag des großen Erdbebens begeht. Jan-Heiner Tück berichtet über die römische Bischofssynode. Besprochen wird eine Ausstellung über antisemitischen Kitsch im Jüdischen Museum Hohenems.

Auf der Filmseite stellt Jürgen Kasten den deutschen Regisseur Richard Oswald (1880-1963) vor, dem das Filmpodium Zürich eine große Retrospektive widmet. Martin Girod schreibt über die Giornate del cinema muto, das Filmfestival von Pordenone und Sacile im Friaul, das Filme des Theaterregisseurs Andre Antoine (1858-1943) ausgegraben hat.
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FR, 28.10.2005

Die scheidende Kulturstaatsministerin Christina Weiss plädiert für einen Bundeskulturminister. "Zweifellos verdanken wir der Kulturhoheit der Länder und dem Engagement der Kommunen eine reiche und einzigartige Topographie der Künste. Diese will und kann auch der Bund nicht dominieren. Aber aus den Teilen muss ein Ganzes sichtbar werden. Goethe ist nicht nur Hesse, Schiller nicht nur Württemberger und Beethoven nicht nur Bonner. Wäre es so, könnten wir keine deutsche Identität finden. Ich bin mit Fritz Stern einig, wenn er sagt: 'Nationale Gefühle sind nicht Anspruch auf Größe, sondern Anerkennung und Ehrfurcht vor dem, was einst geschaffen wurde.' Und, so möchte ich ergänzen, was heute geschaffen wird."

Weiteres: In Times mager kommentiert Hilal Sezgin die Pläne des britischen Innenministers Charles Clarke, miltante Tierschützer wie Terroristen zu behandeln. Mirja Rosenau begutachtet die vier Kandiaten für den Turner-Preis, die gerade in der Londoner Tate Gallery Britain ausgestellt werden, bis auf zwei nackte Frauenhintern (von Gilian Carnegie) bisher schockierenderweise auch ganz ohne Skandal. Und Petra Kohse bespricht Thomas Ostermeiers "melancholisch-entspannte", aber tragische Inszenierung von Henrik Ibsens "Hedda Gabler" an der Berliner Schaubühne.

Auf der Medienseite berichtet Roman Arens, dass Silvio Berlusconi, der über 80 Prozent des italienischen Fernsehens kontrolliert, nun wieder einmal die Begrenzung der Werbezeiten abschaffen will, um im angeblichen linksdominierten TV endlich wieder gehört zu werden.

SZ, 28.10.2005

Gottfried Knapp steigt in jeden Winkel der Dresdner Frauenkirche und staunt immer noch, dass das Gesamtkunstwerk wieder steht, "und das zu einem Preis, mit dem kommerzielle Unternehmer gerade mal einen leeren Büroriegel der minderen Klasse zuwege bringen." Dreden habe schon immer von dem Sakralbau profitiert. "Die Kirchenruine mit ihrer eindrucksvollen Mahn-Geste hat die sozialistischen Planer davon abgehalten, wie in anderen kriegszerstörten Stadtkernen mit abgeworfenen Plattenbauten jahrhundertealte urbane Strukturen auszulöschen. Die vom Volk wiederaufgebaute Kirche aber zwingt nun die Investoren, die sich in ihre Nähe drängen, zu außergewöhnlichen Qualitätsanstrengungen."

Sonja Margolina hält die Verurteilung Michail Chodorkowskijs für die irrationale und außer Kontrolle geratene Revanche Putins an dem Oligarchen, der ihm auf die Schliche gekommen ist. "Der Politologe Andrej Piontkowski führt diese Vernichtungsgelüste auf jenes fatale Treffen zwischen Putin und den Oligarchen zurück, auf dem Chodorkowskij gegenüber dem Präsidenten sehr leichtsinnig bemerkte, all seine Beamten seien 'Erpresser und Diebe'. Als Beleg dafür hatte er den Kauf einer privaten Ölfirma durch einen Kreml-nahen Staatsbeamten genannt, die angeblich stark überbewertet war. Die Differenz in fünfstelliger Millionenhöhe sei, wie es nun bei solchen Deals üblich ist, von den Beamten untereinander 'zersägt' worden. Ohne es zu ahnen, glaubt Piontkowski, entlarvte Chodorkowskij das Geheimnis des Systems: Im Kreml hatte man bereits das Schema für die Umverteilung der Geldströme an die 'national denkenden Sicherheitsoligarchen' und ihre schwindelerregende Bereicherung erprobt."

Der ehemalige EU-Kommissar für freien Wettbewerb Mario Monti unterhält sich mit Henning Klüver über die Zukunft der Europäischen Union und glaubt, "dass Europa gerade wegen seiner kulturellen Vielfalt eine größere Befähigung zur Beteiligung an einer 'governance' der Globalisierung hat". Anne Meyer Gaterman stellt die amerikanische Girlie-Band Prussian Blue vor, deren 13-jährige Sängerinnen "Arier erwachet" säuseln und damit den Nachwuchs der US-Naziszene erreichen wollen. Andreas Bock erfährt auf einer Tagung der Thomas-Dehler-Stiftung in München, dass der globale Terrorismus die weltweite Kriegsführung aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt hat. Jens Bock lobt Andreas Mecks "nie eintöniges" Bibliotheks- und Hörsaalgebäude der Bauhaus-Universität Weimar. Susan Vahabzadeh resümiert kurt das Wiener Filmfestival Viennale, das gegen Cannes' Perfektion auf die Macht der Liebe zum Kino an sich setzt.

Auf der Medienseite erfährt Hans-Jürgen Jakobs vom ehehmaligen Monitor-Macher Klaus Bednarz, dass die Kürzung der Politmagazine der ARD eine "zielgerichtete Amputation" ist und er in Zukunft nur noch Reisereportagen produzieren will, etwa mit Gerd Ruge und Fritz Pleitgen.

Besprochen werden Andrij Zholdaks "bildersprudelnde" Eröffnung des Berliner Theaterfestivals "Spielzeiteuropa" mit dem Fragment "Romeo und Julia" an der Volksbühne, die "kleine aber feine" Ausstellung "Antijüdischer Nippes, populäre Judenbilder und aktuelle Verschwörungstheorien" im Jüdischen Museum Hohenems, und Bücher, darunter der Essayband "Sonntags dachte ich an Gott" des Lyrikers Lutz Seiler, Wolfgang Pehnts "große" Geschichte der "Deutschen Architektur seit 1900" sowie Sarah Kirschs Prosaminiaturen "Kommt der Schnee im Sturm geflogen" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 28.10.2005

Paul B. Baltes vom Internationalen Max-Planck-Forschungsnetzwerk Alter (mehr hier) macht sich Gedanken über das "vierte Lebensalter" nach achtzig, in dem die Lebensqualität immer stärker abnimmt - auch die Alzheimerraten sind durch die moderne Medizin nicht gesunken. Dieter Bartetzko schreibt über die Einweihung der Dresdner Frauenkirche am Wochenende. In der Leitglosse berichtet "oe" über Streikaktionen zweier Gewerkschaften, die das Teatro Colon in Buenos Aires praktisch permanent lahm legen.

Für die Medienseite besucht Martin Müller eine Ausstellung in Hilden zu fünfzig Jahren Bravo. Müller interviewt auch den legendären Dr. Sommer, der einst in Bravo die Jugend aufklärte. Marcus Theuerer schnappte bei den Münchner Medientagen die Äußerung eines hohen Springer-Funktionärs über das unvermeidliche Kommen von Gratiszeitungen auf.

Für die letzte Seite besucht Ingeborg Harms den wiedereröffneten "flagship store" von Louis Vuitton an den Champs-Elysees und kommt zu Einsichten, die auch künftige Feuilletonjournalisten betreffen: "Kompetent geführte Markenauftritte lassen sich heute wie literarische Texte analysieren. Und da die Kreativität zusehends in die Wirtschaft geht, dürfte auch die Philologie in die Shopping Malls abwandern." Wiebke Huester hat sich das Tanzstück "Letters from Tentland" angesehen, das die Choreografin Helena Waldmann auf Einladung des Goethe-Instituts in Teheran erarbeitet hat und das mit den strikten Zensurbestimmungen der Mullahs spielt. Und Andreas Rossmann berichtet, dass der monströse ehemalige Regierungsbunker im Ahrtal bei Bonn zum Museum umgewidmet wird.

Besprochen werden ein Konzert des Rocksängers Brendan Benson in Frankfurt, Ibsens "Hedda" und Norens "Distanz" an der Berliner Schaubühne und Konzerte des Irish Folk Festival in Frankfurt.