Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.08.2005. In der FAZ fragt Wilhelm Hennis, ob die 'Verfassungsorgane' nur noch Attrappen für die Machtgier der Parteien seien. Die NZZ beklagt den braindrain in Russland. Im Tagesspiegel erinnert sich Bertrand Tavernier an seinen Klassenkameraden Volker Schlöndorff. Die Welt erinnert an Oskar Lafontaines spontanen Widerwillen gegen all die Ostdeutschen im Jahre 1989.

NZZ, 17.08.2005

Katastrophale Ausmaße hat die Abwanderung der Intelligenz aus Russland angenommen, erzählt Felix Philipp Ingold. Noch immer verlassen tausende von Natur- und Humanwissenschafter, Techniker und Ingenieure das Land. "Auch wenn Umfang und Folgen des Braindrains durchaus kontrovers eingeschätzt werden, besteht kein Zweifel daran, dass der 'Abfluss der Gehirne' für die Sicherheit und die wirtschaftliche Entwicklung der Russländischen Föderation eine ernsthafte Gefahr bedeutet. Erst seit kurzem gibt es behördliche Bemühungen, diesen Schaden zu begrenzen. Einerseits versucht man, russische Spitzenforscher aus dem Ausland zurückzugewinnen, wozu primär patriotische Anreize gesetzt werden; andererseits sollen neu geschaffene Stipendien, Forschungsplätze und Wettbewerbe das Interesse jüngerer Menschen an einer akademischen Karriere in Russland wachhalten."

Klaus Englert besichtigt das neue Luxushotel "Puerta America", das von einem Staraufgebot aus neunzehn Architekten und Designern gestaltet wurde. "Schon ein kurzer Rundgang durch das Haus macht deutlich, dass in Madrid die Gattung Luxushotel, die einst durch Eleganz zu überzeugen suchte, mit dem 'Puerta America' zum Sinnbild kakophonischer Dissonanzen geworden ist."

Christoph Fellmann berichtet vom Altdorfer "Alpentöne"-Festival, bei dem das Zurich Jazz Orchestra mit dem Guggisberglied von 1741 brillierte. Besprochen werden Bücher, darunter Elif Shafaks Roman "Die Heilige des nahenden Irrsinns" (hier eine Leseprobe) und Christoph W. Aigners neue Gedichte "Kurze Geschichte vom ersten Verliebtsein" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 17.08.2005

Unter der Überschrift "Welt basiert auf Pfusch" denkt der österreichische Schriftsteller Franzobel in einer Rede zur Lage der Nation über Europa, Österreich und das Glück nach: "Bestimmt wird auch in Brüssel viel gepfuscht, schließlich gibt es keine Patentrezepte, fällt auch mir hier nichts Gescheiteres ein als das Thomas-Evangelium, Ich zu sein, jetzt das Paradies zu errichten, sich nicht vertrösten lassen. Andere Lösungen habe ich nicht, außer die der Flexibilität, die Idee, dass Lösungen immer von dort kommen, von wo man sie am wenigsten erwartet - etwa von der Ehefrau. Die wichtigste Entdeckung der Militärgeschichte ist vielleicht der Zwieback, also eine pazifistische Sache. Der Zwieback machte die Armeen beweglicher. Es möcht schon sein, aber ich bin kein Militarist. Ich wollte nur zeigen, dass die Lösung, das Glück, die Poesie oft völlig ungewollt entstehen."

Weitere Artikel: Sylvia Staude berichtet vom Wiener Tanzfestival ImPuls und in Times mager kommentiert Christoph Schröder den katholischen Weltjugendtag ("Wer einmal an einem katholisch motivierten und organisierten Zeltlager teilgenommen hat, hat eine Ahnung von der Vorhölle").

Besprochen werden Bücher, darunter der Erzählungsband "Hürriyet Love Express" von Imran Ayatas und eine Satire auf "Traumfrau, Todeszelle und Justiz" von Scott Bradfield, ein Essay über die "Kultur der Freiheit" von Udi Di Fabio, eine Studie über "Familientragödien" beziehungsweise den Amoklauf von Vätern, außerdem Essaybände über "die Möglichkeiten emanzipativen Handelns" und die "Eiszeit" im neoliberal beherrschten Deutschland (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 17.08.2005

In einem Essay versucht Jürgen Busche die Sehnsucht nach dem Konservativen in Deutschland zu ergründen: "Es gehört seit langem zu den Eigentümlichkeiten der Unionsparteien, dass wichtige ihrer Mitglieder mit handfesten Interessen keineswegs danach streben, im Bundestag oder im Landtag bedeutende Reden zu halten. Sie gehen, wenn überhaupt, in den Stadtrat, in den Kreistag und sehen dort mit ihresgleichen nach dem Rechten. Hier hat konservative Kommunalpolitik eine interessengestützte Stabilität, die der SPD abhanden gekommen ist, seit in der Folge der Studentenrevolte der 60er-Jahre die Arbeiterbewegung als politische Kraft der Linken marginalisiert ist." Über den Aspekt Bildungspolitik schreibt er: "Kann der Staat, kann eine Stadt, kann eine Schule Bildung erzwingen? Darf er das überhaupt? Dies würden keineswegs nur Liberale fragen, das würden gerade Konservative fragen und rundweg bestreiten. Aber Konservative sagen: Das braucht der Staat auch gar nicht zu tun, das tun wir selbst. Liberale, auch Linke, sagen dagegen heute immer öfter: Das können wir nicht. Das erklärt die Sehnsucht nach einer konservativen Kraft in der Politik."

Weitere Artikel: Jan-Hendrik Wulf hat einen Blick in die neue Fußballzeitschrift Rund (mehr) geworfen, die angetreten sei, "die zivilisatorische Grenzerfahrung dieser Sportart wieder ernsthaft in den Blick nehmen" beziehungsweise "die ontologische Barriere zwischen Fußballrasen und tertiärem Sektor zu überbrücken". Simone Kaempf porträtiert die Schauspielerin Wiebke Puls, die derzeit in München und Worms als Kriemhild und Brunhild auf der Bühne steht und bei der stets auch der "stärkste Held seine schwachen Seiten ausleben" will.

Schließlich Tom.
Anzeige

FAZ, 17.08.2005

Der emeritierte Politologe Wilhelm Hennis plädiert im Aufmacher vehement gegen eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts pro Neuwahlen und fragt, ob die "'Verfassungsorgane' nur noch Attrappen für die Machtgier der Parteien" seien. Horst Köhler kommt auch nicht gerade gut weg: "Köhlers Erklärung zum Auflösungsdekret ist an Flauheit und Mattheit kaum zu überbieten. Wie soll der Senat auf der Basis dieser juristisch völlig substanzlosen Erklärung ein zustimmendes Urteil sprechen können? Wie eindrucksvoll, jedenfalls im Vergleich, die Erklärung von Karl Carstens vom 7. Januar 1983. Nein: Wenn die letzten Wochen eine 'Krise' der Politik gewesen sein sollten - wieso eigentlich? -, dann möchte ich die offensichtlich so fragil geeinte Nation nicht in einer wirklichen Krise erleben."

Weitere Artikel: In der Leitglosse vermisst Christian Geyer Edmund Stoibers Coach Michael Spreng, der den Politiker im letzten Wahlkampf einigermaßen domestiziert hatte. Jürg Altwegg meldet, dass sich der Pariser Bibliotheque-Nationale-Chef Noel Jeanneney sehr über die Entscheidung von Google freut, erst mal nur Bücher einzuscannen, deren Urheberrechte verfallen sind. Heinrich Wefing berichtet über eine Krise der superreichen Paul-Getty-Stiftung wegen dubioser Kunst- und Immobiliengeschäfte. Michael Althen schreibt zum Tod der Schauspielerin Eva Renzi. Christian Schwägerl stellt eine Stellungnahme des Nationalen Ethikrates zu Fragen der gesundheiltichen Untersuchungen von Arbeitnehmern vor. Klaus Ungerer schickt atmosphärische Notizen von einer Veranstaltung der Linkspartei in Berlin. Timo John besucht das architektonisch auffällige Internationale Zentrum der Universität Stuttgart des Architekturbüros Dasch, Zürn und von Scholley.

Auf der Medienseite porträtiert Hannes Hintermeier die Fernsehmoderatorin Ursula Heller.

Auf der letzten Seite erinnert Peter Rawert an einen Besuch Goethes beim Helmstedter Alchimisten Gottfried Christoph Beireis vor 200 Jahren. Andreas Rosenfelder weist auf einige Gegenveranstaltungen zum Weltjugendtag hin, bei denen man aber nicht mit einem Generalablass rechnen darf. Und Andreas Platthaus porträtiert die fröhliche Pilgerschaft in Köln.

Besprochen werden eine Jan-van-Eyck-Ausstellung in Dresden (erstmals werden dort auch die Rückseiten frommer Zeichnungen der frühen Niederländer gezeigt, berichtet Niklas Maak, und dort sieht man dann "etwas, das im Katalog als 'Arschgesicht' bezeichnet wird: einen Kopf, der aus einem dicken Hintern und männlichen Genitalien besteht"), David Harrowers "Blackbird" in der Inszenierung von Peter Stein in Edinburgh, eine "Penthesilea"-Inszenierung und eine Dramatisierung des "Zöglings Törless" in Salzburg und Ereignisse des Astropolis-Techno-Festivals in Brest.

Tagesspiegel, 17.08.2005

Morgen kommt Bertrand Taverniers neuer Film "Holy Lola" ins Kino. Im Interview erinnert sich Tavernier daran, wie Volker Schlöndorff als Austauschschüler in seine Klasse kam. "Ich war 16 und fühlte mich sofort von ihm angezogen. Er war unglaublich intelligent, sprach perfekt Französisch, und wir schauten uns Hunderte von Filmen an. Anders als ich hatte er keineswegs vor, Regisseur zu werden. Aber er lernte in meinem Elternhaus einen Mitarbeiter von Louis Malle kennen, der ihm ein Empfehlungsschreiben mitgab. Darin stand: Lieber Louis, die Bekanntschaft mit einem deutschen Philosophen kann Dir nicht schaden. So wurde Schlöndorff Regieassistent von Louis Malle. Wir waren auch beide Assistenten bei Jean-Pierre Melville. Volker verschaffte sich mit der Autorität eines Deutschen den nötigen Respekt, er wusste, wie man brüllt. Ich dagegen war vollkommen unfähig und stand wie versteinert am Set. Inzwischen kann ich schon mal aus der Haut fahren."
Stichwörter: Volker Schlöndorff

Welt, 17.08.2005

Daniel Friedrich Sturm erinnert in einem hübschen Essay an Äußerungen Oskar Lafontaines gegen die DDR-Flüchtlinge im Jahr 1989: "Acht Wochen vor der saarländischen Landtagswahl offenbarte er ein hohes Maß an Sozialpopulismus. Bereits vor dem Fall der Mauer hatte er die Zahl der 'Übersiedler' thematisiert und die Notwendigkeit einer Beschränkung angedeutet. Es sei unmöglich, erklärte er wenige Tage vor dem Mauerfall, 'das Tor unbegrenzt aufzulassen'. Die Grenze des Verkraftbaren sei 'bereits erreicht'."

SZ, 17.08.2005

"Bewegend" findet Fritz Göttler Bertrand Taverniers Film "Holy Lola" über ein Paar, das in Kambodscha ein Kind adoptieren will. Tobias Kniebe beschreibt den verzweifelten Kampf von Sony gegen Apples iPod, den Niedergang und um neue Technologien, die den Mythos der Marke und die Marktführerschaft wieder herstellen könnten. Sony warf jetzt in einer Art "Verzweiflungstat" ein Handy auf den Markt, das auch Musik spielt - doch das könne der "Nokia-Standardknochen" eben auch. Wolfgang Schreiber berichtet über das Festival "Young Euro Classic" in Berlin. Andrian Kreye stellt den neuen Direktor des Getty-Museums in Los Angeles, Michael Brand, vor. Alexander Menden meldet einen Literaturfund in der Bibliothek des University College London, der als Indiz für Shelleys Dreiecksbeziehung zu seiner Frau und deren Stiefschwester gelten kann. Willy Hochkeppel stellt einen Aufsatz von Vittorio Hösle über das neuerwachte Interesse Amerikas an Hegel in der Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie (mehr) vor. Zu lesen ist schließlich ein kurzer Nachruf auf die Schauspielerin Eva Renzi.

Besprochen werden die Uraufführung von David Horrowers Kinderschänder-Drama "Blackbird" durch Peter Stein beim Edinburgh Festival, die Inszenierung von Robert Musils "Die Verwirrung des Zöglings Törleß" beim Young Directors Project in Salzburg und Tim Burtons Film "Charlie und die Schokoladenfabrik" und Bücher, darunter ein Porträt von Johannes Müller, dem Gründer des kürzlich durch einen Brand schwer beschädigten Schloss Elmau (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).