Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.01.2005. In der FAZ hat Günter Grass für Aufbauverleger Bernd F. Lunkewitz das Ende der Solidarität erfolgreicher Urheber mit den weniger erfolgreichen eingeläutet. In der NZZ warnt der Historiker Georg Kreis vor einer Beschränkung des historischen Wissens auf die Jahre 39 bis 45. In der FR erklärt der Medientheoretiker Manfred Schneider die Versicherer zu den Metaphysikern unserer Tage. Die SZ untersucht die Bedeutung der Neocons.

FAZ, 25.01.2005

In einer Antwort auf Günter Grass' Klage über die unzureichende Entlohnung der Urheber (mehr hier) erinnert Aufbau-Verleger Bernd F. Lunkewitz daran, dass Verleger die Gelder aus dem Verkauf erfolgreicher Titel gern dazu nutzen, anspruchsvolle Titel und Debüts zu finanzieren: "Der Konflikt über die Teilung und Angemessenheit der Erlöse aus der Verwertung der Urheberrechte ist so alt wie die Buchbranche selbst. Aber aus der Debatte zwischen Kurt Tucholsky und Ernst Rowohlt in der 'Weltbühne' des Jahrgangs 1928 (Nr. 6, 20 und 33) über die Gewinnverteilung und die populäre Forderung 'Macht unsere Bücher billiger!' ist er schließlich in diesen Ruf gemündet: 'Zahlt uns höhere Honorare!' Damit ist aber nicht nur das 'Ende der Bescheidenheit' beschrieben, sondern auch das Ende der Solidarität erreicht, das Ende der Solidarität nämlich der wenigen erfolgreichen Urheber mit den vielen, die nur wenig Geld verdienen."

2002 nahm das Bundesland Brandenburg als erstes in Deutschland den Völkermord an den Armeniern in seinen Geschichtslehrplan auf. Jetzt hat das sozialdemokratische Bildungsministerium dieses Vorhaben wieder gestrichen - auf Druck des "verstimmten EU-Beitrittskandidaten Türkei", wie Regina Mönch berichtet. Die Lehrer könnten jedoch zwar laut Sprecher des Bildungsministeriums "weiter, sofern sie das wünschten, wie bisher verfahren. Doch welcher Lehrer wird aus der Tatsache, dass im jedermann, auch via Internet zugänglichen Rahmenlehrplan der Verweis auf andere Genozide gestrichen wurde, ausgerechnet die eigensinnige Schlussfolgerung ziehen, jetzt erst recht darüber aufzuklären", fragt Mönch. Na, jeder, hoffen wir.

Hans-Joachim Müller hat sich die von Ingrid Leonie Severin kuratierte, "intelligent gemachte" Ausstellung "Exit" im Karlsruher ZKM angesehen und nutzt die Gelegenheit, dem Direktor des ZKM, Peter Weibel, eine mitzugeben. Severin, die ein halbes Jahr Abteilungsleiterin des zum ZKM gehörigen Museums für Neue Kunst (MNK) war, ist nämlich inzwischen gegangen. Ihre Ausstellung wird "von Peter Weibel keines Kommentars gewürdigt". Über Severins Nachfolger Gregor Jansen würden schon "Wetten angenommen, wieviel Zeit wohl diesmal vergehen wird, bis sich die Inkompatibilität der Temperamente abermals erwiesen hat. Schließlich hat sich Peter Weibel erst unlängst 'immer am Limit' beschrieben, als 'Nomade zwischen Kunst und Wissenschaft, Anarchie und Forschung'. Und bei so anstrengender Existenzform kann es gar nicht wundernehmen, wenn auch die Sozialverträglichkeit aufs Äußerste strapaziert ist."

Weitere Artikel: In einem sehr kurzen Gespräch erklärt Elfriede Jelinek, warum sie nicht auf einer Briefmarke verewigt werden möchte: "Damit muss die Gesellschaft leben, dass sie den Frauen im Außen keine Macht zugestehen will. Ich werde das keinesfalls camouflieren." Dirk Schümer widmet sich in der Reihe "Sorgenraum Europa" den Holländern, die an einer "Wohlstandsdepression" leiden. Gina Thomas schreibt zum Tod der britischen Zoologin und "großen Exzentrikerin" Miriam Rothschild. Nach einem Bericht von Reiner Burger hat der wissenschaftliche Beirat das Konzept des in Chemnitz geplanten Hauses der Archäologie verrissen.

Auf der Medienseite berichtet Jürg Altweg, dass Edouard de Rothschild bei der "hochverschuldeten" Liberation einsteigt. Michael Hanfeld stellt den Nachfolger von Bernd Gäbler als Leiter des Grimme-Instituts vor: Uwe Kammann. Außerdem berichtet er über einen Prozess gegen Regierungssprecher Bela Anda, der den ihm anvertrauten Film eines Fotografen verloren und diesen dann über den Verlust belogen hatte. Sein Anwalt gab zwar zu, dass Anda die Unwahrheit gesagt hatte, stellte aber fest: "Lügen ist nicht strafbar." Auf der letzten Seite porträtiert Mark Siemons den neuen Generalsekretär des Goethe-Instituts, Hans-Georg Knopp, bisheriger Leiter des Berliner Hauses der Kulturen der Welt. Martin Kämpchen erzählt, wie die indische Bevölkerung den Tsunami verarbeitet. Und Iris Hanika schüttelt den Kopf über die Einladungskarte des Internationalen Auschwitz-Komitees zu einer Gedenkveranstaltung in Berlin: Auf der Rückseite der Einladung war "ein im Abendlicht gülden glänzender Mercedes-Sportwagen abgebildet, und darunter stand: 'Dieses Lustspiel sollten Sie sich unbedingt ansehen. Der neue SLK. Jetzt Probe fahren.'"

Besprochen werden die von Barrie Kosky inszenierte "Hochzeit des Figaro" an der Komischen Oper Berlin, die Aufführung von Henry Adams Stück "People Next Door" am Zürcher Schauspiel, die Uraufführung von Christian Josts "Vipern" am Düsseldorfer Opernhaus und eine Ausstellung der Reportagefotografie von Wolfgang Weber im Essener Museum Folkwang.

NZZ, 25.01.2005

Der Historiker Georg Kreis wendet sich gegen ein allzu eingegrenztes Gedenken an den Nationalsozialismus. Die historische Erinnerung dürfe nicht am Ende des zweiten Weltkriegs stehen bleiben, findet er. Wer spricht denn noch von der Epochenzäsur 1947, das Jahr in dem Indien in die Unabhängigkeit entlassen wurde? "Wir dürfen ohne weiteres zugeben, dass die von entsprechenden Filmproduktionen begleitete Konzentration auf den Zweiten Weltkrieg zu einer gewissen Verarmung der Kenntnisse und des Bewusstseins dessen geführt hat, was der Reichtum der Geschichte zu bieten hat. Die Beschränkung auf das Epos der Jahre 39 bis 45 des letzten Jahrhunderts erfährt zudem eine weitere Einengung, wenn die Faszination des Bösen dazu führt, dass wir immer wieder bei Hitler 'landen'. Dies mit der Folge, dass man von jedem Despoten gleich sagt, er sei ein Hitler, dass man in jedem Demagogen den Goebbels wiederentdeckt und jede Hetzpartei schnell mit der 'braunen Gefahr' gleichsetzt" (Der Text ist nicht online).

Ansonsten gibt es Rezensionen: Besprochen werden die Ausstellung "Die Algorithmische Revolution" im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM), die Neuproduktionen von Monteverdis Opern "Orfeo" in Genf und "L'incoronazione di Poppea" in Lyon sowie Bücher, darunter Marion Titzes Roman "Niemandskind" und der Familienroman "Habseligkeiten" von Richard Wagner (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 25.01.2005

Zwei Berliner Ausstellungen huldigen zwei großen Fotografen, dem durch seine Kriegsbilder bekannten Robert Capa und seinem unbekannteren Kollegen Erich Salomon, der sich auf die Politik konzentrierte. "In nur sieben Jahren schuf er die für ihn so charakteristischen Milieustudien diplomatischer Kreise: Ab 1928 fotografierte er Verhandlungen im Völkerbundpalast in Genf, der zweiten Haager Kriegsschuldenkonferenz oder der Lausanner Abrüstungskonferenz. Aber auch zu Gerichtssälen verschaffte sich Salomon (meist unerlaubt) Zutritt, um seine Porträts von 'Berühmten Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken' einzufangen. 1931 veröffentlichte er sein gleichnamiges Buch. In Europa wie den USA wurde er für seine distinguierte wie trickreiche 'Methode' gefeiert, der Prominenz ungestellte (weil unbemerkte) Ansichten abzuringen - damals ein absolutes Novum, das er selbst in zahlreichen Artikeln thematisierte." Hier einige Beispiele.

Weiteres: In der Jazzkolumne fragt sich Christian Broecking angesichts der Bewegung in der Musikszene, ob die Zeit nun reif ist für Plattenfirmen, die den Künstlern selbst gehören. Katrin Kruse bangt, ob der Modestandort Berlin auch die anstehende Normalität verträgt.

In der zweiten taz besucht Patrick Bauer die Studenten in "Rescue Engineering", das man weltweit nur ihn Köln studieren kann. Natalie Tenberg berichtet, dass die indische Nationalhymne nach 55 Jahren nun geändert werden soll. Eine im Liedtext genannte Provinz liegt in Pakistan. Im Medienteil wundert sich Hannah Pilarczyk, dass Uwe Kammann, der Bernd Gäbler als Leiter des Adolf-Grimme-Instituts folgt, nicht unbedingt etwas anders, sondern es nur besser machen soll. Sascha Tegtmeier informiert, dass Regierungssprecher Bela Anda für den Verlust der Bilder eines Fotografen vorerst nicht verurteilt wird.

Besprochen wird das Opernwochenende in Berlin mit Barry Koskys "hinreißend komischer" Inszenierung der "Hochzeit des Figaro" und Michael Thalheimers "beengter" Version von Leos Janaceks "Katja Kabanova".

Und Tom.
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FR, 25.01.2005

Der Germanist und Medientheoretiker Manfred Schneider findet in den Versicherern die Metaphysiker unserer Tage. Unablässig weisen sie auf die Gefahren und damit schließlich auf die Endlichkeit der Welt hin. Ja, sie haben das Risiko sogar erfunden. "Als im 13. Jahrhundert in Genua die Seeversicherung erfunden wurde und gegen den Willen der Kirche Policen für Reeder ausgestellt wurden, da errechnete man die Gefahren über den Daumen. Zehn Prozent der Schiffe oder auch zehn Prozent der Seeleute auf den Schiffen kehrten nicht zurück, sagte der Daumen. Damit waren Versicherer und Versicherte zufrieden. Erst als im 17. Jahrhundert die Statistik unser Leben und Sterben auszählte, da lösten Formeln den Daumen ab, und jetzt wurden Wahrscheinlichkeiten errechnet. In diesem Moment erblickte das Risiko die Welt." Die Müncher Rück etwa teilt die Welt in Gefahrenzonen auf.

Harry Nutt ist in Dresden durch die Ausstellung des Dresdner Hygienemuseums über das "Spielen" gewandert und ist von allen Bereichen angetan, die klassisch in Wettkampf (agon), Zufallsspiele (alea), Identitätsspiele (mimikry) und bewusstseinsverändernde Rauschspiele (ilinx) oder jetzt Strategiespiele am Computer aufgeteilt sind. "Wie fast immer bei den großen Dresdener Themenausstellungen ist eine Show zwischen spielerischer Eleganz und wissenschaftlicher Neugier dabei herausgekommen."

Besprochen werden eine Aufführung von Verdis "Otello" als "szenische musikdramatische Ausnüchterung" unter Martin Kusej am Opernhaus Stuttgart, Andrea Breths Inszenierung von Albert Ostermaiers "Nach den Klippen" im Wiener Akademietheater, der Auftritt des britischen Stand-Up-Comedians Richard Thomas am Schauspiel Hannover sowie ein Konzert der Band "And You Will Know Us By The Trail Of Dead", die ihr neues Album "Worlds Apart" vorstellen.

SZ, 25.01.2005

Die aktuelle wie generelle Bedeutung der Neocons in der amerikanischen Politik versucht Tim B. Müller im Aufmacher des Feuilletons abzustecken. Deren Einheitsfront bröckelt derzeit, die Lage ist unübersichtlich und am Ende bleiben nur die europäischen Wurzeln der Bewegung bei Leo Strauss unstrittig. "Umstritten bleibt, ob die Neocons an der allgemein diagnostizierten Krise der amerikanischen Außenpolitik Mitschuld tragen, und ob man sie auch künftig noch braucht, als idealistisch-moralisches Gegengewicht zu Realpolitik und Nationalismus. Dieser Idealismus ist so typisch amerikanisch, und doch ist er ebenso sehr alteuropäisch geprägt. Er ist das Erbteil, das die Flüchtlinge aus der alten Welt in die neue hinübergerettet haben."

In Paris wird heute das größte europäische Holocaust-Museum eingeweiht, was Johannes Willms dazu veranlasst, eine französische "Wahrnehmungssperre" zu attestieren. "Fast hat es den Anschein, als würde man sich hier erst jetzt des ganzen Ausmaßes von Deportation und Vernichtung bewusst. Die Feststellung wäre gewiss übertrieben, aber sie ist auch nicht so ganz falsch, denn im öffentlichen Gedenken in Frankreich stand lange nur die Erinnerung an die Deportierten insgesamt im Vordergrund, die man nicht nach Resistants und Juden unterschied."

Weitere Artikel: Beim Max-Ophüls Festival in Saarbrücken fand Hans Schifferle diejenigen jungen deutschen Filme interessant, die sich nicht am großen Gesellschaftsbild versuchen, sondern sich auf Ausschnitte konzentrieren. Thomas Steinfeld meldet, dass Hans-Georg Knopp neuer Generalsekretär des Goethe-Instituts wird. Der Kunsthistoriker Manfred F. Fischer wirbt für die Denkmalpflege, bei der sich übermäßiges Sparen früher oder später rächt. Christian Jostmann hat zwei Studien über das schwierige Verhältnis von Juden und Vatikan gelesen. Evelyn Roll meditiert in der "Zwischenzeit" über das, was von Einstein und Schiller hängen bleibt.

Auf der Medienseite lesen wir einen kurzen Nachruf auf den Erfinder des Late-Night-Formats Johnny Carson. Und Senta Krasser erzählt rund um die "Burg" von ProSieben ein wenig aus dem Nähkästchen.

Besprochen werden die Uraufführung von Albert Ostermaiers Monodram "Nach den Klippen" unter Andrea Breth im Wiener Akademietheater, die Schau "Femme Flaneur" über Frauen in der Öffentlichkeit in Bremen, Barrie Koskys "erotisierte" Version von Mozarts "Hochzeit des Figaro" an der Komischen Oper Berlin, Constanza Macras Choreografie "Big in Bombay" in Berlin, Ettore Scolas filmisches Porträt "Gente di Roma", und Bücher, darunter die von Henry Hardy herausgegebenen Briefe Isaiah Berlins aus den Jahren 1928 bis 1946, der frühe Roman "Die Mestizin" des argentinischen Autors Cesar Aira sowie Henry David Thoreaus klassischer Essay "Über die Pflicht zum Ungehorsam" in einer Neuausgabe (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).