Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.01.2005. Schiere ästhetische Ideologie wittert die taz bei Jean-Pierre Jeunets Film "Mathilde - Eine große Liebe". Die FR beklagt die Peter-Pan-Mentalität ihrer fortpflanzungsfähigen Mitmenschen. Die Welt fragt: Wer sichert jetzt Münchens Ruf als Kapitale des Wahnsinns? Die FAZ plädiert für die Rückkehr der Mütter an den Herd. Die SZ lernt von Helmut Dietl: Venus ist sehr intelligent, halt nur nicht im Kopf.

TAZ, 26.01.2005

Ekkehard Knörer hat Jean-Pierre Jeunets neuesten Film, das Historienspektakel "Mathilde - Eine große Liebe" gesehen. Der Film, nach einem Roman von Sebastian Japrisot, spielt im Ersten Weltkrieg und gaukelt mit den raffiniertesten Mitteln der digitalen Bildbearbeitung historische Echtheit vor. Kein schöner Anblick, findet Knörer. "'Mathilde' nämlich kennt noch im Angesicht des Weltkriegsgrauens keine Skrupel beim Einsatz des Jeunet-typischen Märchentons. Und ein Märchen, das sich für historische Wirklichkeit ausgibt, ein Märchen, in dem abgerissene Glieder dekorativ durch die Luft fliegen und der Kriegssplatter als Schmiermittel für eine aufs Große zielende und im idyllisierenden Kitsch landende Liebesgeschichte dient, ein solches Märchen ist nicht mehr bloßer Eskapismus, sondern die schiere ästhetische Ideologie."

Weiter besprochen werden Richard Thomas' und Stewart Lees Musical "Stand up" am Schauspiel Hannover und Andreas Brembas Fotokonzept "berlin minimal", dessen Ergebnisse in einer Ausstellung im Kommunikationszentrum der Adam Opel AG in Berlin zu sehen sind.

In der tazzwei erzählt Mia Raben in einer Reportage von Jugendlichen im polnischen Oswiecim, die gern in einer gewöhnlichen Stadt leben würden und nicht in einer, die früher Auschwitz hieß.

Und Tom.
Stichwörter: Auschwitz, Berlin

FR, 26.01.2005

Elke Buhr bezweifelt, dass mehr Kindergartenplätze automatisch zu mehr Kindern führen werden. Die meisten Menschen im fortpflanzungsfähigen Alter hätten inzwischen nämlich entdeckt: "Man muss gar nicht erwachsen werden. Die Fee, die dabei hilft, heißt Popkultur. Sie hat sich zwischen das geschoben, was früher die Welt der Kinder und die der Erwachsenen war. Man fängt heute nicht nur bereits mit sechs Jahren an, Popmusiker cool zu finden, sondern wer einmal damit infiziert ist, muss auch mit Sechzig damit nicht aufhören, das beweist jeder Besuch eines Konzerts der Stones. Die anderen, die Langweiligen, das sind jetzt nicht mehr alle Erwachsenen, sondern eine bestimmte Sorte: die mit den Einfamilienhäusern - die mit den Kindern."

Weitere Artikel: Christian Thomas beklagt die schlechte "Raumbildung" der Frankfurter Stadtplanung. Und Nikolaus Merck bedauert die "Selbstgerechtigkeit", mit der er Bernhard Minetti zu Lebzeiten weniger als Schauspieler denn als Nazi wahrgenommen hat. In Times Mager berichtet Thomas Medicus über die Jahrespressekonferenz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Besprochen werden Bücher, darunter Marisa Madieris Erinnerungen an ihre Kindheit in Istrien und Antonio Lobo Antunes' Debütroman "Elefantengedächtnis" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 26.01.2005

Soll in Berlin eine Straße nach Rudi Dutschke benannt werden? In einer Zeitung des Springer-Verlags, der den Revolutionär einst mit herzlichem Hass bekämpfte, ist diese Frage nicht ohne Pikanterie. Offiziell will er sich einer Dutschke-Straße nicht entgegenstellen. Aber der Autor Alan Posener äußert sich auf der Forumsseite gegen eine Dutschke-Straße: "Dutschke hielt nichts von Kapitalismus und Konsum, Liberalismus und Parlamentarismus. Für ihn waren die USA und die Sowjets gleichermaßen imperialistische Besatzer. Es ist kein Zufall, dass sein Weggefährte Horst Mahler bei der NPD gelandet ist. Sein Genosse Bernd Rabehl wäre vermutlich auch dort, hätte er nicht Angst um seine Professorenpension." Und plädiert für die Bennenung einer Straße nach Brigitte Bardot - die nun tatsächlich ganz nach rechts gerutscht ist.

Hans Pleschinski (mehr hier) stellt eine Frage, die alle Münchner bewegt. "Nach Moshammers Tod: Wer sichert jetzt Münchens Ruf als Kapitale des Wahnsinns?" Und der Anfang seines Artikels ist wirklich sehr hübsch: "Anfang der Achtziger stieg ich nicht in den Rolls-Royce ein, der mir in der Reichenbachstraße hinterher fuhr. Zu alt, der Fahrer, unmögliche Frisur. Nun ist er einbalsamiert, und man muss abwarten, ob sein Mausoleum zu einer Zweigstelle der Walhalla wird oder ob der Schneider den Kampf um den Nachruhm verliert."
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NZZ, 26.01.2005

Im Andersen-Jahr fragt Sieglinde Geisel: "Soll man Kindern Märchen erzählen?" und antwortet mit ja: "Die Kinderseele wird dabei nicht geschont, und manchen Kindern raubt diese Welt, in der das Zauberische zu einem eigentümlichen Realismus wird, den Schlaf. Die Seele jedoch reift durch wiederholte Erfahrung: Ist die Geschichte einmal vertraut, verliert die Angst allmählich ihren Schrecken und verwandelt sich, in den Worten von Auden, 'in das Vergnügen einer Angst, der man sich gestellt und die man überwunden hat'." Nebenan werden dann auch gleich einige Neuausgaben der Andersen-Märchen besprochen.

Weitere Artikel: Marc Zitzmann schreibt zur Eröffnung des Pariser Memorial de la Shoah. Paul Jandl erinnert (ohne unhöfliche Anspielungen an sein Verhalten in der Nazizeit) an Bernhard Minetti, der heute hundert Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden Opern von Janacek und Mozart in Berlin und Johannes Kunischs Biografie Friedrichs des Großen (mehr hier).

FAZ, 26.01.2005

Im Aufmacher plädiert Kostas Petropolus vom Heidelberger Famlienbüro ausführlich gegen eine ganztägige Kinderbetreuung in Kindertagesstätten und für eine durch ein Erziehungsgehalt belohnte Rückkehr der Mütter an den Herd: "Es muss Schluss sein mit dem Ideal von Frauenerwerbsbiografien nach dem Vorbild der Männer, Schluss mit der weltfremden Parole: Kinder und Karriere sind kein Widerspruch. Beruf, Partnerschaft und Familie sind gleichzeitig nicht zu haben."

Weitere Artikel: Verena Lueken gratuliert Paul Newman zum Achtzigsten. Andreas Platthaus berichtet, dass die Financial Times Walter Euckens ökonomischen Klassiker "Grundlagen der Nationalökonomie" nicht in einer arg zerzausten Version als Beigabe für die Leserschaft herausbringen darf. "Rh" meldet, dass sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gegen eine bloß kommerzielle Bebauung des Berliner Schlossplatzes wendet. Brita Sachs resümiert eine Münchner Diskussion adliger Kunstbesitzer, die von der Öffentlichkeit mehr Verständnis für ihr Schicksal fordern. Joseph Croitoru schreibt über das bedenkliche Palästinenserbild, das in israelischen Schulbüchern verbreitet werde.

Auf der Medienseite schreiben Peter Lückemeier und Matthias Alexander über eine schüchterne Konsolidierung der Frankfurter Rundschau in den Händen der SPD-Medienholding DDVG (dafür musste sie aber einen Personalrückgang von 1.600 im Jahr 2000 auf 730 Vollzeitstellen heute hinnehmen). Karen Kröger berichtet, dass die GEZ künftig womöglich auch auf den privaten Adressenhandel zurückgreifen kann um säumige Gebührenzahler zu finden und dass sie sich dabei veständlicher Weise besonders für Abonnenten von Programmzeitschriften interessiert.

Auf der letzten Seite schildert Konrad Schuller das alltägliche Leben der Bürger von Auschwitz/Oswiecim im Schatten des Lagers und der Geschichte. Wiebke Huester verweist auf eine Tanzgala des Berliner Staatsballetts, das renommierte Gäste eingeladen hat. Und Gina Thomas stellt richtig, dass Admiral Nelson zwar auf einem Auge blind, aber nicht einäugig war und deshalb, anders auf populären Darstellungen etwa auf Pub-Schildern, keine Augenklappe trug.

Besprochen werden die Saatchi-Schau "Der Triumph der Malerei" in London, Helmut Dietls Film "Vom Suchen und Finden der Liebe" (mehr hier), Monteverdis "Poppea" in Lyon und ein Auftritt der Band Kasabian in Köln.

SZ, 26.01.2005

Susan Vahabzadeh wünscht zwar, Regisseur Helmut Dietl würde sich endlich mal von seinem Showbiz-Universum, seiner kalten Schickimicki-Hölle lösen, trotzdem hat ihr auch sein neuer Film "Vom Suchen und Finden der Liebe" gefallen, dessen Plot sie "rechtschaffen irre" findet: "Die Story mag manchmal etwas schwierig sein, aber man kann hier sehen, dass Dietl ein paar Dinge drauf hat, die im deutschen Kino alles andere als selbstverständlich sind. Das trifft schon auf den vielgerühmten Dialogwitz zu, der den meisten deutschen Komödien überlegen ist; ein paar Zoten sind dabei die des restlichen Films nicht so recht würdig sind, aber auch ein paar wunderbare Einzeiler - einmal jammert beispielsweise der verlassene Mimi, Venus sei sehr intelligent, halt nur nicht im Kopf."

Weiteres: Stefan Koldehoff meldet Ernüchterndes: Das vor knapp drei Jahren entdeckte angebliche Jakob-Ossuarium ist eine Fälschung, die Inschrift "Jakob, Sohn von Josef, Bruder von Jesus") nachträglich eingefügt. Andrian Kreye berichtet aus New York, dass sich Guggenheim-Chef Thomas Krens mit seiner globalen Linie gegen seinen finanzpolitisch konservativen Widersacher durchgesetzt hat, den Mäzen Peter Lewis, der von seinem mit Autoversicherungen gemachten Milliardenvermögen immerhin 77 Millionen dem Guggenheim gestiftet hatte. Thomas Steinfeld stellt jetzt auch eine Konjunktur des Bösen in Politik und Literatur fest. Fritz Göttler gratuliert dem wunderschönen Paul Newman zum Achtzigsten. Michael Frank verabschiedet den Zeichner und Karikaturisten Dieter Zehentmayr, der gestern in Wien gestorben ist.

Besprochen werden Martin Kusejs "Otello"-Inszenierung in Stuttgart (die Wolfgang Schreiber mit einem wahren Theatercoup das Fürchten gelehrt hat), die Inszenierungen von Frischs und Sorokins Romanen in Frankfurt (die Christine Dössel "weich geklopft, befremdet und berückt" haben), die Mammutschau "The Triumph of Painting" in der Londoner Saatchi Gallery und die Ausstellung zum hundertsten Geburtstag von Bernhard Minetti im Max Liebermann Haus. Und Bücher, darunter Cecilia Lengefelds Künstlerporträt "Anders Zorn" und Hartmut Lehmanns Studie zur europäischen Säkularisierung (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).