Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.11.2004. In der Zeit verteilt Ted Gaier eine Goldene Zitrone an Bob Dylan. In der SZ reagieren Schriftsteller auf die Wiederwahl von George W. Bush. Die FR beschwört nach der Ermordung Theo van Goghs ein "multikulturelles Drama" in den Niederlanden. Die FAZ auch. Die NZZ beklagt die prekäre Lage der Nacht. Im Tagesspiegel erklärt Diedrich Diederichsen, was Jazz ist.

Zeit, 04.11.2004

Ted Gaier (40), Mitglied der Goldenen Zitronen, beschreibt aus Anlass des Erscheinens von Bob Dylans Memoiren, was Dylan für ihn bedeutete. Er erzählt, wie Dylan den armen Donovan in einer Dokumentarfilmszene mit seiner berühmten Arroganz fertig macht und gesteht: "Ende der achtziger Jahre, als mein Hass auf die Hippies noch nicht in Mitgefühl umgeschlagen war, identifizierte ich mich voll und ganz mit dieser Haltung. Dylan, der Typ, der Klartext spricht, der die Gemütlichkeit verweigert. Der dem Nachmacher, dem Fake-Typ klarmacht, was Sache ist. Ich sah in dem Dylan des Jahres 1965 plötzlich einen engen Verwandten von John Lydon, dem ich mich wiederum immer sehr nahe gefühlt habe."

Weitere Artikel: Peter Kümmel meditiert in der Leitglosse über deutsche Spielarten der Late-Night-Show. Peter Assheuer stellt in einem ganzseitigen Artikel einige DDR-Intellektuelle wie Wolfgang Engler und Udo Tietz vor, die einst die DDR kritisierten und heute den Kapitalismus. "tes" schreibt über ein gespenstisches Foto, das den todkranken Arafat im Kreise der ihm nahestehenden (und wahrscheinlich demnächst aufeinander losgehenden) politischen Erben zeigt. Irene Dische setzt ihre Geschichten aus dem wahren Leben fort. Roland Müller stellt den Regisseur Hasko Weber vor, der seit neuestem als Intendant in Stuttgart amtiert. Und Konrad Heidkamp porträtiert deutsche Jazzsängerin Lisa Bassenge.

Besprochen werden eine vom nächsten Documenta-Chef Roger Buergel kuratierte Ausstellung in Barcelona (mehr hier), eine Ausstellung mit Werken Peter Weibels in Graz, Morton Feldmans Oper "Neither" in Stuttgart, Thomas Riedelsmeiers Dokumentarfilm "Touch the Sound" über die taube Perkussionistin Evelyn Glennie und neue deutsche Filme, die sich in verschmockter Weise (wenn man Katja Nicodemus glaubt) mit der Nazizeit befassen.

Im Aufmacher des Literaturteils bespricht Rolf Vollmann einige Flaubert-Neuerscheinungen.

Im politischen Teil hat die alte Dame ihre Beine in die Hand genommen und kommentiert den Ausgang der amerikanischen Wahlen. "George W. Bush hatte zwei große Wahlhelfer - John Kerry und den Krieg gegen den Terror", analysiert Josef Joffe. Und im Dossier beschreibt Andrea Böhme, wie die Menschen in Ohio den Schicksalstag erlebten. Im Leben fragt Henning Sussebach, warum ältere Damen in Deutschland so häufig als Silberpudel vom Friseur kommen.

SZ, 04.11.2004

Auf zwei Seiten hat die SZ Kommentare von Schriftstellern aus aller Herren Länder versammelt, die Bushs Wiederwahl fast unisono als Fiasko empfinden. "... eigentlich fühle ich mich noch zu dumpf und zu verzweifelt, um zu schreiben", hören wir von Richard Powers. Der ungarische Autor Peter Zilahy findet, die Demokraten sind selbst schuld am Wahlausgang: Sie "müssen, wenn sie das nächste Mal gewinnen wollen, eine noch einfachere Persönlichkeit als Bush als Kandidaten finden. Einen neuen Terminator." Der kenianische Schriftsteller David G. Maillu meint, "Kenia ist als militärische Basis gegen den weltweit operierenden Terrorismus interessant geworden; es werden Gelder investiert; Kenia wird im Kampf gegen den Islamismus wie damals gegen den Kommunismus profiliert. Und dadurch isoliert ... Der große moralische Bruder Amerika hat versagt. Kenia muss nach neuen moralischen Modellen suchen, in sich selbst." Andrzej Stasiuk fand die Wahlen in der Ukraine wichtiger: "Ich kann Ihnen versichern - das wirkliche Leben, das wirkliche Drama spielt sich dort ab. Und meine osteuropäische Intuition sagt mir, dass für unseren kleinen und zerbrechlichen Kontinent das, was sich an seinem östlichen Rand abspielt, viel wichtiger ist als das amerikanische Spektakel.

"'Was hier passiert, das ist Geschichte. Dieser Mord wird unser EU-Europa stärker verändern, als wir ahnen', zitiert Siggi Weidemann den niederländischen Bestsellerautor Harry Mulisch, den er am Rand einer Demostratrion nach dem Mord an Theo van Gogh gesprochen hat. 'Die Politiker, die alles schönreden, haben jetzt Angst. Es wird gefährlich, denn die Ur-Holländer werden zurückschlagen und irgendwann wird die erste Moschee brennen. Andererseits: Der Täter war ein Marokkaner, und es sind bei dieser Kundgebung viele Marokkaner dabei. Das ist ein Zeichen der Hoffnung'."

Weitere Artikel: Andrian Kreye erklärt uns, warum George W. Bush ein "typischer 68er" ist. Jsl. erläutert das Modell "Heilung durch Teilung". Susan Vahabzadeh meldet, dass Quentin Tarantino seinen nächsten Film komplett auf chinesisch drehen will, weil ihm die Arbeit an den japanischen Passagen in "Kill Bill" soviel Spaß gemacht hat.

Besprochen werden Lynne Ramsays erster Spielfilm "Ratcatcher"Rudolf Thomes neuer Film "Frau fährt, Mann schläft" (dazu gibt es ein Interview mit Thome). Herbert Achternbusch rezensiert in höchst eigener Lesart Keenen Ivory Wayans Filmkomödie "White Chicks": "Ein feiner Höhepunkt ist eine Autofahrt mit 5 weißen Mädels, drei normale. He, sagt die Fahrerin, habe ich nicht ein N-Wort gehört? N für Neger? Da sagt so eine weiße künstliche Dame: Ist doch keiner da. Wie da die beiden schauen und schweigen, ist feiner nicht zu machen."

Buchkritiken befassen sich unter anderem mit F. C. Delius' Roman "Mein Jahr als Mörder" ("eines der trockensten, aber auch der ernsthaftesten Bücher dieses Herbstes", wie Christoph Bartmann findet). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.

FR, 04.11.2004

"Das 'multikulturelle Drama', das der Publizist Paul Scheffer den Niederlanden schon 2000 vorausgesagt hatte, scheint nun Realität geworden zu sein", befürchtet Anneke Bokern nach der Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh durch einen Marokkaner. Laut Bokkern hat sich bereits in den letzten Jahren herausgestellt, "dass die vielbeschworene Toleranz der Holländer oft nichts als eine Wegseh-Taktik ist, die in Segregation zwischen muslimischen Einwanderern und Niederländern mündet. Immer wieder kommt es zu Vorfällen, die die Spannungen anheizen. So spielten letztes Jahr marokkanische Jugendliche am Befreiungstag mit Gedenkkränzen für jüdische Nazi-Opfer Fußball. Kurz darauf machte ein Imam Schlagzeilen, der in seiner Moschee verkündet hatte, Homosexuelle solle man von hohen Gebäuden werfen."

Weitere Artikel: Harry Nutt bringt dem westeuropäischen Leser den wahlentscheidenden US-Bundesstaat mit dem Song "Dead in Ohio" von Crosby, Stills, Nash & Young näher, Christoph Schröder freut sich über Gert Haffmanns fünfbändige Oscar-Wilde-Ausgabe bei Zweitausendeins und ärgert sich, dass er daraus leider von Haffmanns auch vorgelesen bekommt.

Besprochen werden: die Ausstellung "Cezanne - der Aufbruch in die Moderne" im Essener Folkwangmuseum, die Schau "Design und Versprechen" im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt, David Böschs ("eine große Regiehoffnung") Inszenierung von "Romeo und Julia" in den Bochumer Kammerspielen, die Sammlung russischer Avantgarde-Kunst von George Costakis im Berliner Martin-Gropius-Bau, die Ausstellung "Ansichtssachen aus hundert Jahren" im Frankfurter Museum der Weltkulturen, ein offensichtlich wunderbarer "Sommernachtstraum" für Kinder im Schauspiel Frankfurt, der dem Theaterkritiker Peter Michalzik offenbar so die Sprache verschlug, dass er, statt eine Hymne zu schreiben, seinen achtjährigen Sohn zu niedlichen Ausführungen nötigt, und Bücher, darunter Claudia Beckers Biografie der Frankfurter Opernsängerin Magda Spiegel, die in Auschwitz ermordet wurde (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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TAZ, 04.11.2004

Auch die taz weint über den Wahlsieg von George W. Bush. "Alles, was bisher von streng blickenden Krawattenträgern mit hochgespreiztem Zeigefinger oder von irrlichternden Pariser 'Neuen Philosophen' als 'neuer Antiamerikanismus' verdammt wurde", schreibt Robert Misik auf der Meinungsseite, "war ja in Wahrheit überwiegend die Verteidigung des idealen Amerika, dieses kulturellen Magneten für Generationen, gegen seine Usurpatoren (...) gewiss sind auch Bush, seine Entourage und seine Wähler Kinder dieses Amerika. Gleichzeitig aber sind sie die Negation dieses Amerika. Sie sind die dunkle Unterseite des amerikanischen Traums. Wir gewöhnen uns besser daran, in Leuten wie Private Lynndie England das wahre Gesicht der Vereinigten Staaten zu sehen."

Auf den Kulturseiten resümiert Anke Leweke die Hofer Filmtage. Besprochen werden Rudolf Thomes neuer Film "Frau fährt, Mann schläft", Volker Löschs Inszenierung von Gerhard Hauptmanns Sozialdrama "Die Weber" am Staatsschauspiel Dresden, Till Hastreiters Hip-Hop-Film "Status Yo!" und Keiji Nakazawas Atom-Comic "Barfuß durch Hiroshima" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

NZZ, 04.11.2004

Ludger Lütkehaus befasst sich mit der "prekären Lage der Nacht" und prangert Projekte an, die Werbebotschaften in den Nachthimmel projizieren oder den Mond quadratmeterweise verkaufen wollen. Da gefällt ihm der Begriff der "Lichtverschmutzung", der vom tschechischen Astronomen Jan Hollan ins Spiel gebracht wurde. Hollan will alles überflüssige Licht, das seine Forschung behindert, verbieten lassen: "Fürwahr, ein kühnes Wort - eine Verschmutzung nicht des Reinen, sondern durch das Reine. Der Gesetzestext definiert die 'Lichtverschmutzung' als 'jede Form von künstlicher Beleuchtung, die außerhalb des zu beleuchtenden Bereichs fällt, insbesondere falls sie über die horizontale Ebene hinausreicht'."

Joachim Güntner kommentiert den Deutschland-Besuch der Queen und die Diskussionen um die Bombardierung von Dresden und eine mögliche Entschuldigung der Briten: "Müsste eine englische Entschuldigung die Entschuldung Nazideutschlands bedeuten? Nicht zwingend. Man kann das Leiden der Bombenopfer anerkennen, ohne Deutschland aus der historisch-politischen Haftung zu entlassen."

Weitere Artikel: Max Nyffeler stellt die Edition Zeitklang vor, die sich um Neue Musik vedient macht.

Besprochen werden eine Retrospektive des Malers Primaticcio in Paris, Chopin-Neuaufnahmen mit Piotr Anderszewski, Stefan Vladar und Dong-Hyek Lim und einige andere neue CDs und Bücher, darunter ein monumentaler Band über Leonardo da Vinci.

Tagesspiegel, 04.11.2004

Im Tagesspiegel erklärt Diedrich Diederichsen in einem stellenweise geradezu gelehrt klingenden Artikel, wie man heute Jazz definieren sollte: "Jazz ist dagegen etwas Drittes, nämlich Musik, die auf dem Geschehen an einem recording date basiert. Das, was eine bestimmte Gruppe von Musikern, an einem bestimmten Tag, an einem bestimmten Ort miteinander getrieben hat: ob sie 'Für Elise' spielen, ihre Instrumente anzünden oder über 'Donna Lee' improvisieren."

FAZ, 04.11.2004

Nach dem Mord an dem islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh beschreibt Dirk Schümer die Stimmung unter niederländischen Intellektuellen: "Aus ihrer lärmigen Provo-Welt der schrillen Happenings, des höheren Spaßes der Autorenfehden, der schockierenden Filme sind die so aufgeklärten und spielerischen Intellektuellen Amsterdams unversehens in einen realen Kugelhagel, in archaische Ritualgewalt geraten. Und viele fragen sich, ob es nicht der Schlaf ihrer eigenen Vernunft war, der dieses Monster gebar."

Hinlänglich kommentiert werden natürlich die amerikanischen Wahlen: Der Bostoner Politikwissenschaftler Alan Wolfe will George Bushs Wiederwahl nicht als Zeichen amerikanischer Stärke gedeutet sehen, sondern als "Symptom nahezu aller Schwächen Amerikas, seiner Unsicherheit, seiner Weigerung, ernsthaft eine globale Führungsrolle zu übernehmen, seiner Bevorzugung von Spaltung statt Einheit. Isolationismus, nicht Interventionismus, wird die kommenden vier Jahre bestimmen."

Patrick Bahners macht uns die ganze Tragweite der europäisch-amerikanischen Kluft bewusst: "Hoffnungslos unterbietet der metaphysische Dualismus die Komplexität der Wirklichkeit." Mark Siemons hat sich auf verschiedenen Wahlparties in Berlin vergnügt, Jordan Mejias ist in New York auf dem "Platz der Demokratie", dem Rockefeller Plaza, mit Kerry-Anhängern Achterbahn gefahren.

Weiteres: Ellen Kohlhaas hat bei den Kasseler Musiktagen ein buntes Programm erlebt, von hinduistischer Tempelkunst über erlesene Renaissance bis zur Polonaise. Andreas Rossmann gratuliert der Dramatikerin Judith Herzberg zum siebzigsten Geburtstag, Caroline Neubaur begeht mit dem Göttinger Lou-Andreas-Salome-Institut dessen fünfzigjähriges Bestehen. Dieter Bartetzko stellt im Kurzporträt den Architekten David Chipperfield vor, der die Queen durch das von ihm restaurierte Neue Museum führen darf. Niklas Maak erblickt in der Berliner Rehwiese ein "Juwel der Moderne". Die Medienseite versammelt die High- und Lowlights der Wahlnacht im deutschen und amerikanischen Fernsehen.

Auf der Filmseite berichtet Bert Rebhandl von der Viennale, die sich wie gewohnt den "Luxus einer Langzeitbeobachtung des Weltkinos" gönnte. Michael Althen hat sich die beiden "Elephant"-Versionen von Alan Clarke und Gus van Sant auf DVD angesehen. Und Peter Körte spricht im Interview mit der Produzentin von "Manchurian Candidate", der auf Deutsch den - man muss es mal sagen - unglaublich bescheuerten Titel "Der Manchurian Kandidat" trägt.

Besprochen werden Rudolf Thomes Film "Frau fährt, Mann schläft" mit Hannelore Elsner und Karl Kranzkowski, die Ausstellung "Matisse und die Farbe der Stoffe" in Le Cateau Cambresis und Bücher, darunter Frank Tichys Biografie des Schriftstellers Franz Innerhofer und Frank T. Zumbachs Anthologie "Das Balladenbuch" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).