Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.08.2004. FAZ und taz sind sich einig: Die Rückkehr zur alten Rechtschreibung ist ein Triumph des Konservatismus. Ihre Begeisterung darüber fällt unterschiedlich aus. Die FR sieht einen seltenen Gleichklang von Chaos und alter Ordnung. In der SZ träumt Jeremy Rifkin einen europäischen Traum. In der NZZ wünscht sich Gamal al-Ghitani, auch in Saudiarabien gelesen zu werden. Und in der Welt kündigt Jonathan Meese einen "Parsifal" an, bei dem er alle Rollen selbst übernimmt.

FAZ, 07.08.2004

Spiegel und Springer Verlag kehren jetzt also auch zur alten Rechtschreibung zurück - oder zur "bewährten", wie es jetzt heißt. Henning Ritter sinniert aus diesem Anlass und inspiriert von Schopenhauer über den ureigensten Zusammenhang von Sprache und Konservatismus: "Es gilt zu bewahren, weil von außen herangetragene Zwecke an der Sprache abgleiten können oder die subtile Verkettung von Bedeutungen, die in ihr schon realisiert ist, zerstören: 'Die Sprache, zumal eine relative Ursprache wie die deutsche, ist das köstlichste Erbteil der Nation und dabei ein überaus kompliziertes, leicht zu verderbendes und nicht wieder herzustellendes Kunstwerk, daher ein noli me tangere.'"

Dazu gibt es ein Interview mit dem Schulbuchverleger Michael Klett, der sich nun von seinen staatlichen Auftraggebern die Freiheit wünscht, die Rückkehr zur alten Rechtschreibung selbst zu bestimmen. Und auf der Seite 1 schreibt Frank Schirrmacher: "Dass die Politiker wichtigere Probleme haben als die, die sie ohne Not in die Welt gesetzt haben, ist eine Lektion nicht nur für die Rechtschreibreform, sondern für Reformen überhaupt."

Weiteres: In seiner Kolumne "Geschmackssache" bemerkt Jürgen Dollase, "dass für die Beschreibung des Weinaromas eine große Palette von Begriffen ('nach altem Leder mit leichtem Hintergrund von Teer') entwickelt wurdefür das Zusammenwirken von Essen und Wein aber fast keinerlei Vokabeln zur Verfügung stehen. Jordan Mejias stört sich ein wenig an den Wahlempfehlungen, die ihm in den USA allenthalben bei Konzerten oder im Theater mitgegeben werden. Jürg Altwegg blickt in französische Zeitschriften, die gewaltig an den erfundenen antisemtischen Überfällen der jüngsten Zeit zu knabbern haben.

Steffen Dietzsch schreibt zum Tod des Antiquars Albi Rosenthal. Werner Spies erinnert noch einmal an Henri Cartier-Bresson. Wolfgang Sandner hat beim Schleswig Holstein Musikfestival ein wunderbares Beethoven-Konzert gehört, "im Rinderstall von Gut Haseldorf". Edo Reents kürt Walter Kempowskis "Hundstage" zu seinem Lieblingsbuch.

In den Überresten von Bilder und Zeiten bilanziert Kim C. Priemel die Firmengeschichte des Flick-Konzerns. Zu lesen ist auch ein Vorabdruck aus Wilhelm Genazinos (mehr hier) Essayband "Der gedehnte Blick", in dem er den Ursachen des Lachens nachspürt, der "komischen Kompetenz" und der "komischen Empfindung".

Auf der Medienseite stellt Matthias Schümann eine zehnteilige Dokumentation über die DDR an, an die sich MDR und WDR wagen.

Besprochen werden eine Ausstellung zu Thomas Rentmeister in Nürnberg, eine Schau von Dichter-Handschriften in der Wiener Nationalbibliothek. Auf der Plattenseite geht es um neue Aufnahmen von Lars Vogt, die Beta Band und Rod Stewart.

Rezensiert werden natürlich auch Bücher, darunter Peter Handkes "Don Juan" und Ludovico Ariosts "Rasender Roland" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Und schließlich stellt in der Frankfurter Anthologie Walter Helmut Fritz das Gedicht "Abreise" von Eduard Mörike vor:

"Fertig schon zur Abfahrt steht der Wagen,
Und das Posthorn bläst zum letzten Male.
Sagt, wo bleibt der vierte Mann so lange?
Ruft ihn, soll er nicht dahinten bleiben!..."

TAZ, 07.08.2004

Die Rückkehr von Spiegel und Springer zur alten Rechtschreibung - Meldung: "Nachfolgende Generationen gerettet! Bild und Spiegel ab sofort in alter Rechtschreibung"- kommentiert Daniel Bax: "Das kommt also dabei heraus, wenn sich die mächtigsten Medienmänner des Landes besser verstehen, als es einer demokratischen Öffentlichkeit gut tut. Jubeln können jetzt allenfalls alle Ewiggestrigen: die, die schon aus Prinzip gegen jede Veränderung oder gar Liberalisierung bestehender Regeln sind." Mehr dazu im Brennpunkt.

Im Feuilleton: Knapp, aber süffisant kommentiert Brigitte Werneburg die gestrige FAZ-Kritik von Patrick Bahners an den Äußerungen von Friedrich Christian Flicks Schwester: "Kann es sein, dass die FAZ deshalb so konfus und meistenteils nur auf der Randspalte über die Flick-Sammlung berichtet, weil Heinz Berggruen, der Kunsthändler und -sammler, ihr herausgehobener Gastautor ist? Heinz Berggruen, der das Patronat über F. C. Flicks Berlinpläne hält? Dem man verpflichtet ist?" Gerrit Bartels sieht nach dem Kursbuch-Rausschmiss und anderen Turbulenzen einige Unordnung im Rowohlt-Verlag und prophezeiht das Ende von Rowohlt Berlin. Thomas Winkler stellt die Kölner Band Von Spar als um stilistische "Einheitlichkeit" unbesorgte Truppe vor. Jens Kastner porträtiert die Künstlerin Elke Krystufek, deren Werk in einer Ausstellung in Wien zu bewundern ist.

In der tazzwei ist Clemens Niedenthal einem Trend auf der Spur: der Rückkehr des Klapprads: "In diesem Frühjahr hat sich die Klappraddichte in Prenzlauer Berg verdoppelt - die gefühlte wenigstens. Auch die 22-jährige Alena und ihre Freundin Ruth sind auf einem Flohmarkt in Friedrichshain fündig geworden. Schätzen 'den gemütlichen Fahrstil' und 'das Sehen und Gesehenwerden'. Auf dem Klapprad fühlt man sich in diesem Sommer als kleiner Teil eines großen Ganzen. Wenn auch vielleicht nur für eine Saison." Ralph Bollman macht sich angesichts der Erkrankungen von Peter Struck und Gregor Gysi Gedanken zum Thema "Siechtum und Macht".

Im taz mag wird ein Gespräch mit Rainer Langhans und Frank Schirrmacher auf der Best-of-taz-Veranstaltung zum Thema Jugend, Sex und Alter rekapituliert. Schirrmacher warnt: "Schauen Sie sich Philip Roths Roman 'Menschlicher Makel' an! Roth, der offenbar auch selber mit sechzig Jahren Viagra nimmt, beschreibt dort, was unter dem Einfluss der Potenzpille passiert. Die Männer erleben eine Art von seniler Pubertät." Und Friederike Wyrwich berichtet von Frauenfußballclubs in Kapstadt. "Die Spielerinnen von Winnies Frauenfußballklub trainieren für das Vodacom-Spiel am Sonntag - ohne Coach Rama, denn der besitzt einen eigenen Laster, mit dem er als Kurier fährt. Außerdem finanziert er teilweise den Fußballverein. Hier in Guguletu, wo massenhaft Menschen an Aids erkranken, wo die Arbeitslosenrate vierzig Prozent beträgt, wo es Gewalt gibt und Drogenmissbrauch, ist Fußball so überlebenswichtig wie Arbeit."

Bücher: Mit einem großen Porträt des Schriftstellers Dirk Wittenborn verbindet Henning Kober die Besprechung von dessen neuem Roman "Catwalk". Außerdem Rezensionen zu Neuem vom Tier-Experten Cord Riechelmann, Tim Wintons Roman "Der singende Baum", einem Lexikon der Naturwissenschaftler und Slavenka Drakulics Bericht "Keiner war dabei" (mehr dazu in unserer Bücherschau). Darüber hinaus gibt es auch Rezensionen zu englischsprachigen Neuerscheinungen (hier und hier) zum Thema Ex-Jugoslawien.

FR, 07.08.2004

Also, wenn Sie es noch hören und lesen können: Hier der Link zum FR-Topthema Rechtschreibreform. Stefan Hebel kommentiert: "Das ist auch eine Methode: Das Chaos vergrößern, um Ordnung zu stiften."

In einem online ohne jede Namensnennung wiedergegebenen Feuilletongespräch geht es ums Thema soziale Abstiegsangst. Am interessantesten dabei kulturbetriebssoziologische Auskünfte wie diese (überhaupt liest es sich wie eine der Bestandsaufnahmen von Heinz Bude): "Ich hatte bis 35 ein extrem verbummeltes Leben. Ich bin angefangen auf der Basis von fünf Mark am Montag und stand vor der Frage: Kaufst Du Dir Zigaretten oder den Spiegel. Ich hatte dabei Arbeitsphasen, in denen ich einen Monat lang das Gesamtwerk eines Schriftstellers gelesen und einen weiteren Monat gebraucht habe, darüber einen Text zu schreiben, für den es dann 800 Mark gab. Ökonomisch trat ich also auch extrem auf der Stelle. Ich hatte aber die Gewissheit, dass es an mir liegt, ob ich über diese Brücke gehe. Man lässt mich gehen, wenn ich denn durchhalte. Es gab nicht das Gefühl einer von außen herangetragenen Aussichtslosigkeit. Die Brücke stand nicht im Niemandsland. Sie führte ins feuilletonistische Leben."

Weitere Artikel: Hans-Klaus Jungheinrich berichtet von Enoch zu Guttenbergs Musikfestspielen im König-Ludwig-Schloss Herrenchiemsee und bescheinigt den jungen Musikern "hohes Wiedergabeniveau". Sylvia Staude war beim Wiener Tanzfestival ImPuls und hat eine Menge Aufbruchstimmung mitgebracht. Michael Rüsenberg war bei den Klangvisionen in Köln. In Times Mager kommentiert Holger Noltze noch einmal die Vorgänge um Schlingensief, Wottrich, Wagner etc.

Gemeldet wird, dass der auch auf der Berlinale gezeigte indische Dokumentarfilm "Final Solution" über Pogrome an Muslimen im Jahr 2002 nicht mehr gezeigt werden darf.
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NZZ, 07.08.2004

Der ägyptische Schriftsteller und Herausgeber der Literaturzeitschrift Akbar al-adab, Gamal al-Ghitani, spricht im Interview mit Adelbert Reif über die Situation arabischer Autoren und die Probleme bei der Übersetzung und Verbreitung ihrer Bücher: "Das Haupthindernis sind die Preise, die im Vergleich zum Einkommen der Bevölkerung viel zu hoch liegen. Auch gibt es keinen freien Buchtransfer zwischen den einzelnen arabischen Ländern. Denn anders als in Ägypten wird in vielen arabischen Ländern eine rigide Zensur ausgeübt, beispielsweise in Saudiarabien oder in Libyen. Bis heute gelangte zum Beispiel kein einziges Exemplar von Akbar al-adab legal nach Saudiarabien. Doch was die Zukunft angeht, bin ich optimistisch. Die Zensurbehörden mögen zwar das Buch in Papierform verbieten. Aber es ist ihnen nicht möglich, das Internet zu verbieten."

Weiteres: "Während Jahrhunderten galt in Island das Schaf als Maß aller Dinge", leitet Ald Keel seinen Bericht über die vitale Kunstszene Reykjaviks ein, die heutzutage aus lauter kreativen Multitalenten besteht (wie zum Beispiel dem Dichter, Musiker, Drehbuchautor, Komponisten und Performance-Artisten Sjon). Andreas Maurer berichtet von der verregneten, aber gelungenen Eröffnung des Locarno Filmfestivals "vor einigen Dutzend von Enthusiasmus imprägnierten Zuschauern, deren Freudengesang der Donner überrollte". Zu sehen gabe es Filme von Volker Schlöndorff, Laetitia Masson und Götz Spielmann. Der Wirbel um die deutsche Rechtschreibung wird gemeldet.

Die Beilage Literatur und Kunst empfiehlt sich mit einem kleinen Schwerpunkt zur Musikkritik, die, wie Peter Hagmann meint, in der Defensive scheint: "Der Gegenstand, um den die Worte der Kritiker kreisen: immer derselbe. Die Worte, die den Kritikern zu dem Gegenstand einfallen: immer dieselben." Trotzdem will Hagmann die Sache nicht verloren geben. Christian Wildhagen porträtiert den Bismarck und Beckmesser der Musikkritik, Eduard Hanslick. Tilman Kellersmann schreibt außerdem zu "Abstraktion und Einfühlung" in den Filmen Fritz Langs. Und Thomas Aigner lässt seinen Gedanken zum Fluss freien Lauf, dem "Ort von Gefahr und Bewährung, von Träumerei und Liebe".

Besprochen werden natürlich Bücher, darunter die Neufassung von Tomasi di Lampedusas "Gattopardo", Hector Berlioz' Schrift "Betrachtungen eines musikalischen Enthusiasten" und die Gesamtausgabe von Siegfried Kracauers Filmaufsätzen (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 07.08.2004

Die Süddeutsche Zeitung kehrt, im Verbund mit Springer und Spiegel, zur alten Rechtschreibung zurück. Im Feuilleton, scheint es, ist dazu schon alles gesagt.

Der große Aufmacher ist ein Vorabdruck aus dem neuen Buch von Jeremy Rifkin, zur Zeit Präsident der Washingtoner "Foundation on Economic Trends". Es ist eine "Hommage an den jungen, alten Kontinent" Europa: "Während der amerikanische Geist in der Vergangenheit schwelgt, reift ein anderer Traum heran, beflügelt durch den Aufstieg der anderen Supermacht von globaler Bedeutung: der Europäischen Union." Und weiter im hymnischen Text: "Obwohl er noch in den Kinderschuhen steckt, ist der Europäische Traum die erste transnationale Vision - eine, die als Basis für den nächsten Schritt in der menschlichen Entwicklung geeigneter erscheint als die amerikanische."

Weitere Artikel: Von einem Prozess um - mögliche - Dali-Fälscherei im großen Stil berichtet Stefan Koldehoff. Tilmann Buddensieg fällt zum Thema Abriss der Maxhütte natürlich Petrarca ein - der die Umwidmung des heidnischen Pantheon in eine Marienkirche begrüßte. Sie sehen den Zusammenhang. Lisa Spitz klagt über das Phänomen der Podiumsdiskussion: "Die Achtundsechziger sind schuld, ganz sicher."

Gleich dreimal Film: Aus den USA berichtet Andrian Kreye über den so kritischen wie seriösen Dokumentarfilm "Outfoxed", der Rupert Murdochs Medienimperium beschreibt. Am interessantesten daran: Die Verbreitung über die erfolgreiche Gegenöffentlichkeitsbewegung MoveOn. Fritz Göttler bespricht "New York Minute". Einen kurzen Nachruf gibt es auf die US-Schauspielerin Virginia Grey.

Besprochen werden außerdem eine chilenische Inszenierung des Falk-Richter-Stücks "Electronic City" in Salzburg und Bücher, darunter eine Cartier-Bresson-Biografie, der neue Roman von Kathrin Röggla und ein psychoanalytischer Opernführer (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende legt Holger Liebs einen "kleinen Katechismus des Tele-Happenings" vor. Soll heißen: Es geht um Sport im Fernsehen. Punkt 2: Wir "grenzen uns durch diese Teilhabe am sinnstiftenden Drama des Sports vom Rest der Gesellschaft ab. Wir gründen eine Kommune. Drinnen versteht sich alles von selbst. Mann, dieser Wayne Rooney spielt wie ein junger Gott! Hast du Tschechien gegen die Niederlande gesehen? Der arme Rene Haselbacher! Draußen sind nur die, die noch nicht erleuchtet sind." Holger Gertz erinnert daran, wie Stadionsprecher Joachim Fuchsberger bei der Schlussfeier zu den Olympischen Spielen 1972 eine Massenpanik verhinderte, indem er die Falschmeldung, ein womöglich mit Bomben bestücktes Flugzeug sei im Anflug, nicht weitergab.

Jens Bisky meint: Was der Berliner braucht, ist "eine neue Offensive der Angeberei". Vorabgedruckt ist eine Erzählung des im letzten Jahr jung verstorbenen chilenischen Schriftstellers Roberto Bolano: "Telefongespräche". Auf der letzten Seite unterhält sich Willi Winkler mit dem Leiter der Münchner Glyptothek und Antikensammlungen Raimund Wünsche - über "Griechen".

Schließlich Tom.

Welt, 07.08.2004

Im Feuilleton spricht der Künstler Jonathan Meese über seine neuesten Pläne: "Im März wird es den 'Parsifal' im Magazin der Staatsoper geben - parallel zur Neuinszenierung von Bernd Eichinger. Ich übernehme alle Rollen. Außerdem halte ich jetzt viele Propagandareden über Kunst. Ich werde zu Ausstellungseröffnungen eingeladen wie jüngst im Göttinger Literaturzentrum und da habe ich meinen Frust rausgelassen, auch schreiend. Die Leute waren überrascht, weil das ja keiner mehr erwartet." Nach Bayreuth müsse er nicht, denn "Ich bin Bayreuth!"

Auf den Forumsseiten analysiert Robert Kagan John Kerrys Ernennungsrede, in der der Präsidentschaftskandidat der Demokraten erklärt hatte, Amerika "zu einer langgehegten Tradition zurückzuführen: Die Vereinigten Staaten von Amerika ziehen nie in den Krieg, weil sie es wollen; wir ziehen nur in den Krieg, wenn wir dazu gezwungen sind." Dazu Kagan: Kerrys 'Notwendigkeits-Doktrin' würde die USA zu einem Pazifismus und Isolationismus führen, den keine andere Regierung seit den dreißiger Jahren je versucht hat. Alle Kriege aus humanitären Gründen wären ausgeschlossen. Sie sind alle gewollte Kriege. Für jemanden, der vorgibt, bessere Beziehungen zum Rest der Welt zu suchen, ist das eine erstaunlich enge, auf egoistische Interessen abhebende Politik - ganz im Gegensatz zu Bushs angeblichem 'Unilateralismus'."

In der Literarischen Welt schreibt Hans Ulrich Gumbrecht über Pindar, die Olympischen Spiele und den Ursprung der europäischen Lyrik: "... was genau können den Zuschauern, die nach Olympia gekommen waren, diese Siege und Niederlagen bedeutet haben? Warum gaben sie - gewiss für hohe Bezahlung - Sieger-Oden bei Pindar in Auftrag? Gewiss sahen sie gern Sportler aus ihrer eigenen Polis siegen. Aber als 'Mitfreude', wie wir heute sagen würden, sollte man ihre Gefühlslage nicht beschreiben. Das Wort ist zu psychologistisch und zu weich, zu privat und zu modern. 'Nationalstolz' wäre ein ebenso anachronistischer Begriff. Für das, worum es wohl ging, habe ich einmal von Tyrone Willingham, einem der angesehensten Coaches im American Football eine zugleich elementare und perfekte Formulierung gehört (sie war als Kompliment an den damaligen Schachweltmeister Kasparov adressiert): 'Es ist eine Ehre, in der Gegenwart solcher Größe zu sein.'"

Und Josef Haslinger erzählt, wie er zum Fachmann für sexuelle Übergriffe von Schwarzröcken wurde.