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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.05.2004. In der NZZ versucht Hassan Dawud das Grauen der arabischen Welt vor der Ermordung Nicholas Bergs in Worte zu fassen. Die SZ prophezeit einen Niedergang der Museen in Deutschland. Alle widmen Günter Gaus liebevolle Nachrufe. Außerdem: Das Theatertreffen war welthaltig, und in Cannes lief Kiarostamis neuer Film.

NZZ, 17.05.2004

Der libanesische Autor Hassan Dawud, Feuilletonchef der Zeitung Al-Mustaqbal (mehr hier) versucht sein Grauen über das Video von der Ermordung Nicholas Bergs in Worte zu fassen: "Wieder einmal siegen die Vermummten - aber nicht über irgendeinen 'Feind', sondern über unser eigenes ewiges Zögern, unsere Unfähigkeit, zu entscheiden, was besser und was schlechter ist: Saddam Hussein oder die amerikanische Besatzung. Wieder einmal werden wir nicht dazu in der Lage sein, mit lauter Stimme dieses Verbrechen zu verurteilen, das Abschlachten dieses jungen Mannes, dessen abgetrennter Kopf abschließend noch in die Kamera gehalten wurde - eine Szene, welche die Fernsehsender ihren Zuschauern nicht zeigten, weil sie so schrecklich war und eine solche Verurteilung enthielt."

Weitere Artikel: Sieglinde Geisel schildert in einer ausführlichen Reportage "neues jüdisches Leben in Berlin". Aldo Keel berichtet über einen dänischen Streit um die Aufstellung einer Lenin-Statue vor dem Arbeitermuseum in Kopenhagen. Michael Wenk schreibt zum hundertsten Geburtstag von Jean Gabin. Paul Jandl berichtet vom Wettbewerb um den 7. Meraner Lyrikpreis.

Besprochen werden die Ausstellung "Nähe und Ferne - Tschechen, Deutsche und Slowaken" (mehr hier) in Leipzig, die Choreografie "Forgeries, Love & Other Matters" von Meg Stuart am Zürcher Schauspielhaus und das 15. Jazzfestival Schaffhausen (mehr hier).

FAZ, 17.05.2004

Christian Geyer findet es durchaus plausibel, dass Rumsfeld und Bush die Folter gebilligt haben, wie Seymour Hersh im neuesten New Yorker behauptet. "Bush braucht nicht die Einzelheiten der irakischen Folterpraxis unterschrieben zu haben, um diese nun als den bestialischen Wurmfortsatz seiner paratheologischen Rechtsbeugung durchschauen zu können." Michael Jeismann schreibt zum Tod des "stillen und hartnäckigen Fragers" Günter Gaus. Mark Siemons berichtet über ein von Karl Schlögel ausgerichtetes Fest "Checkpoint Europa", das den Lastwagenfahrern als den eigentlichen Europäern galt. Niklas Maak verfolgte ein Gespräch zwischen Gerhard Schröder und Henning Mankell über "Europas globale Verantwortung" im Berliner Hebbel-Theater. Andreas Kilb hat sich in Cannes Filme von Abbas Kiarostomi und Jean-Luc Godard angesehen.

Auf der Medienseite porträtiert Gina Thomas Piers Morgan, der als Chefredakteur des Daily Mirror zurücktreteten musste, nachdem sich herausstellte die von der Zeitung veröffentlichten angeblichen Folterbilder als Fälschungen erwiesen (hier die Entschuldigung). Stefan Niggemeier weist auf die heutige Premiere der Late Night Show mit Anke Engelke hin. Außerdem wird kurz das neue Internetmagazin Europolitan vorgestellt.

Auf der letzten Seite erinnert Katja Gelinsky an den Fall Brown, der vor genau fünfzig Jahren dazu führte, dass der Supreme Court die Verfassungswidrigkeit der Rassentrennung an den Schulen feststellte (die New York Times bringt hierzu ein Gespräch zwischen Cornel West und Henry Louis Gates, mehr in unserer Magazinrundschau heute Nachmittag). Paul Ingendaay berichtet über das von der neuen Regierung in Gang gesetzte Personalkarussell im spanischen Kulturbetrieb. Frank Pergande porträtiert die letzte preußische Kronprinzessin Cecilie, die mit politischen Dummheiten wie ihrer Nähe zu den Nazis die Traditionen ihrer Familie würdig fortführte - ihr ist eine Ausstellung gewidmet.

Besprochen werden ein Auftritt Britney Spears' in Frankfurt, Shakespeares "Heinrich IV.", bearbeitet von Lukas Bärfuss am Schauspielhaus Bochum, ein Frankfurter Konzert des Philadelphia Orchestra unter seinem Leiter Christoph Eschenbach und mit dem Violinisten Gil Shaham, Martin Heckmanns Stück "Anrufung des Herrn" als Abschiedsvorstellung in Dresdens Theater in der Fabrik (das als Experimentalbühne unter dem Dach des Staatsschauspiels fortexistieren wird), Unni Straumes Film "Musik für Hochzeiten und Begräbnisse" (mehr hier), der vom Terror der Architektur handelt, das neue Werk "Stones" der israelischen Komponistin Chaya Czernowin, uraufgeführt durch das Ensemble Modern in Frankfurt und Sachbücher, darunter Dieter Henrichs zweibändiges Opus Magnum "Grundlegung aus dem Ich", besprochen von Kurt Flasch.

TAZ, 17.05.2004

Der "Grandseigneur des Fernsehens" und Brandt-Vertraute Günter Gaus ist tot, und die taz macht ihn zum Tagesthema. Die Schriftstellerin Christa Wolf erinnert sich im Gespräch mit Patrik Schwarz wehmütig an die Zeit, als Gaus der erste Ständige Vertreter der BRD in der DDR war. "'Bürgerlich' sehen Sie mich? Sehr komisch - für mich war bei Gaus besonders wichtig sein radikal politisches Denken. Viele, viele Stunden hat er uns die Bundesrepublik erklärt, meinem Mann und mir und Freunden. Und Sie wissen, dass er vor wenigen Monaten einen Artikel geschrieben hat, in dem er erklärte, er sei kein Demokrat mehr. Der Grund dafür war ja, dass er ein so tiefer Demokrat war, dass er so tief an der Demokratie hing und eine so große Sorge hatte, dass sie verloren gehen könnte im Parteiengezänk, das die Demokratie unterhöhlt." Außerdem gedenkt der Hamburger Anwalt Heinrich Senfft (mehr) des Aufklärers "mit überraschender Geduld".

Im Kulturteil unterhält sich Katrin Bettina Müller mit dem belgischen Tanztheater-Choreografen Alain Platel, mit dessen Stück "Wolf" über die Musik Mozarts das diesjährige Theatertreffen in Berlin abschließt. Cristina Nord glaubt, bei den Cannes-Filmen vom Wochenende eine Linie entdeckt zu haben: Alle "setzen aufs Interieur". "Bei Henri Cartier-Bresson stimmte oft alles", weiß Marcus Woeller nach dem Besuch der großen Retrospektive, die gerade im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist.

Und schließlich TOM.
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FR, 17.05.2004

Im Feuilleton begrüßt Nikolaus Merck erstaunt die Welthaltigkeit, die ihm auf dem Berliner Theatertreffen begegnet ist. Michael Kohler gedenkt der Symbolfigur des poetischen Realismus, Jean Gabin, der heute seinen hundertsten Geburtstag feiern könnte. Jenny Zylka nutzt Times mager, um über einen Schnorrerkurs für bisher unentdeckte Künstler zu lächeln. Gemeldet wird, dass nun auch die deutsche Sektion des Schriftstellerverbandes PEN die Rücknahme der Rechtschreibreform gefordert hat. Stefan Behr polemisiert ein wenig über den Eurovision Song Contest auf der Medienseite. Und auf der Dokumentationsseite erinnert Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, an den Aufstand im Konzentrationslager Auschwitz und an die Dringlichkeit eines Holocaust-Denkmals für seine Volksgruppe in Berlin.

Nur schwer hält Mirja Rosenau den intim-distanzierten Blick auf paralysierte Autobahnpferde des albanischen Filmkünstlers Anri Sala aus, von dem einige Stücke in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen sind. Besprochen werden außerdem zwei politische Bücher, nämlich Heide Oestreichs "nützliche" Orientierungshilfe "Der Kopftuch-Streit" sowie Jörg Baberowskis "Der rote Terror", die Geschichte des Stalinismus von der Oktoberrevolution bis 1953 (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 17.05.2004

Ira Mazzoni prophezeit ein museales Massensterben. "6000 Museen gibt es in Deutschland derzeit. In manchem Bundesland haben sich die musealen Einrichtungen seit 1990 verdoppelt bis vervierfacht. Wann immer eine historische Remise, ein Mühle, ein Fabrik oder ein Schlösschen vor dem Verfall gerettet wurde, stand die beste aller möglichen Nutzungen schon fest: Ein Museum sollte es sein. Aber: 'Wer Museum sagt, muss auch Depot sagen, Sammlung, Restaurierung, Sonderveranstaltungen' erklärt Michael Eissenhauer, Präsident des Deutschen Museumsbundes. 'Aber davon wollen die Politiker nie etwas hören. So sind die Museen frühzeitig auf eine schiefe Bahn geraten.'"

Zum Tod von Günter Gaus hat die SZ neun kurze Stimmen eingeholt, von Alexander Kluge bis Oscar Negt. Wir zitieren aus Monika Marons (mehr) Erinnerungen an die feuchtfröhlichen Künstlerempfänge der Ständigen Vertretung: "Kein Nachfolger brachte den eher slawischen Feiergewohnheiten der Geladenen vergleichbares Verständnis, sogar Sympathie entgegen wie er, der, wenn das Protokoll das trunkene Treiben enden lassen wollte, kategorisch einen Whisky bestellte." Willi Winkler porträtiert den verstorbenen Publizisten auf der Dritten Seite, der ihm besonders als Conferencier in "Zur Person" im Gedächtnis blieb.

Weitere Artikel: Gustav Seibt lernt aus Gerhard Schröders öffentlichem Gespräch mit dem schwedischen Schriftsteller Henning Mankell: "Das Mögliche ist also nicht das Vernünftige - Schröder lebt offenbar gut mit diesem Befund." Aus Cannes meldet sich Susan Vahabzadeh mit Filmen über alte Knaben von Park Chan-Wook und Abbas Kiarostami. Ralf Hertel kam die mit hochdotierten Rednern gespickte Feier am ehemaligen EU-Grenzübergang Frankfurt an der Oder vor allem sehr deutsch vor. Der vielbeschäftigte Fritz Göttler schreibt nicht nur zum hundertsten Geburtstag von Jean Gabin, sondern auch zum Tod von Marika Rökk. Alex Rühle stellt Heinz-Peter Lauf vor, den einzigen deutschen Kassettenjockey. Werner Burkhardt meldet, dass Alfred Brendel in München den Siemens-Musikpreis erhalten hat.

Auf der Medienseite räsonieren Hans Hoff und Oliver Fuchs über den European Song Contest, seine Auswirkungen auf Europa und weitere "Verbrechen an der Musik". Thomas Urban stellt die Siegerin Ruslana als Kind der neuen Ukraine vor.

Besprochen werden Luc Bondys Uraufführung von Martin Crimps "Cruel and Tender" in London, ein Abend "mit einem großen Charme" und einem Aufritt von Schorsch Kamerun sowie Calixto Bieitos "globale" Version von Bert Brechts "Dreigroschenoper", beides auf den Ruhrfestspielen, ein musica viva Abend in München dirigiert von Esa-Pekka Salonen, und Bücher, darunter Hugo Hamiltons Kindheitserinnerungen "Gescheckte Menschen", eine "erschreckende" Bilddokumentation über den deutschen Wald von Georg Meister und Monika Offenberger und die von Wiglaf Droste und Vincent Klink herausgegebene Zeitschrift Häuptling eigener Herd (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).