Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.03.2004. Der Spiegel druckt Martin Walsers offenen Brief an die Mitarbeiter des Suhrkamp Verlags außer der Leitungsebene. Die FAZ und die taz berichten: Walser darf sein Gesamtwerk nur zu Rowohlt mitnehmen, wenn Imre Kertesz sein Gesamtwerk zu Suhrkamp überführen darf. In der SZ und der FAZ finden wir lesenwerte Artikel zu Iran nach den Wahlen. Die NZZ besucht die Stelle auf den 62.230 Quadratmetern des Rütli, wo der Schwur geleistet wurde.

FAZ, 01.03.2004

Im Spiegel verabschiedet sich Martin Walser per offenem Brief von den Mitarbeitern des Suhrkamp-Verlags, aber nicht von seiner Leitungsebene und begründet es damit, "dass es leichter ist, sich von einer Verlagsleitung zu verabschieden als von einem Verlag". Als Grund für seinen Weggang gibt er an, mehrfach ins "Blitzlicht einer Zeitgeistfraktion" geraten zu sein, zuletzt beim Streit um seinen Roman "Tod eines Kritikers". Hier, so Walser, wurde "unter Verletzung geltender Regeln ein Skandal angezettelt, und ich wurde Zeuge, wie die Verlagsleitung vor dieser Autorität in die Knie ging".

"Diese Autorität" hat heute für Walsers Abschied von Suhrkamp nur die Leitglosse übrig. Laut Hubert Spiegel hat die Südddeutsche Zeitung unrecht mit ihrer (am Samstag vorgetragenen) Behauptung, Walser könne sein Gesamtwerk mit zu Rowohlt nehmen - und zitiert aus Walsers Vertrag mit Suhrkamp, der ihm vorzuliegen scheint. Statt dessen annonciert Spiegel einen Rechteaustausch von literaturhistorischen Dimensionen: "Womöglich wird Walser seine 'Deutschen Sorgen' und die anderen Titel seines Gesamtwerks nur zu Rowohlt mitnehmen können, wenn im Gegenzug der frühere Rowohlt-Autor Imre Kertesz mit seinen Gesamtrechten dorthin gehen kann, wo er sich schon seit Jahren wohlfühlt."

Weitere Artikel: Der iranische Romancier Amir Hassan Cheheltan legt einen lesenswerten Stimmungsbericht über Teheran nach den von den Religionsführern manipulierten Wahlen vor - und stellt ein Erdbeben in der iranischen Hauptstadt in Aussicht, ein politisches vielleicht aber auch ein echtes. Robert von Lucius meldet, dass das Land Bayern als Inhaber der Rechte an Hitlers Buch "Mein Kampf" ein Erscheinen einer schwedischen Übersetzung nicht verhindern konnte. Kerstin Holm schildert den Rückweg Russlands vom Liberalismus zum autoritären Regime.

Auf der letzten Seite wird der Vorabdruck von Helmut Kohls Memoiren mit einer Passage über seine Kindheit fortgesetzt. Oliver Tolmein berichtet, dass immer mehr unheilbar Kranke in Großbritannien und Niederlanden Patientenverfügungen verfassen, in denen sie festhalten, dass sie weiterleben wollen - aus Angst, dass ihnen im wehrlosen Zustand mit Hinweis auf die Sterbehilfe die Apparate abgeschaltet werden. Und Edo Reents meldet, dass Cliff Richard inzwischen mehr Singles verkauft hat als die Beatles.

Besprochen werden Igor Bauersimas Stück "Berenice de Moliere" am Burgtheater (das ein recht freundlicher Gerhard Stadelmaier als "schaumgeborenen Intelligenzschwank" bezeichnet), eine große Ausstellung mit Barockschätzen aus Dresdner Museen in Jackson, Mississippi, Ariel Rotters Film "B. Aires - Solo por hoy", Constanza Macras' Choreografie "Back to the Present" an der Berliner Schaubühne, Wedekinds "Lulu" am Thalia Theater und einige Sachbücher, darunter ein mit 328 Euro etwas teuer geratener Bildband über die Who.

Im FAZ.net finden wir auch den dpa-Ticker zu den in der Nacht verliehenen Oscars.

TAZ, 01.03.2004

Auch Gerrit Bartels berichtet, dass Walser sein Gesamtwerk nicht so einfach zu Rowohlt mitnehmen kann, wie in der SZ am Samstag gemeldet: "Allerdings stellt sich die Übernahme seines Gesamtwerks durch Rowohlt als nicht so einfach dar. So hat Walser zwar mit dem 2002 verstorbenen Siegfried Unseld 1997 einen Vertrag aufgesetzt, der vorsieht, dass Walser die Rechte an seinem Gesamtwerk zurückfordern kann, sollte Unseld den Suhrkamp-Verlag einmal nicht mehr leiten, inklusive einer Kündigungsfrist und einer Übergangszeit von fünf Jahren. Doch scheint dieser Vertrag genügend Fallstricke und Kleingedrucktes zu beinhalten, als dass er so leicht wirksam werden könnte. So räumte Rowohlt-Chef Alexander Fest der Welt gegenüber ein: 'Bei den in dieser Hinsicht zu schließenden Verträgen kommt es auf die Kulanz des Suhrkamp-Verlages an.'"

Mitfühlend beobachtet Tobias Rapp den Networking-Europe-Kongress in München, bei dem sich Gewerkschafter aus Südkorea mit Migrationsforschern aus Australien und Radikale aus Italien mit Studenten aus Berlin getroffen haben. "Ein Gefühl der Ratlosigkeit und Stagnation herrschte vor - eine Befindlichkeit, der man im Sinne einer Bewegungslogik am besten durch eine neue Organisationsform begegnen könnte. Etwas, das all die verschiedenen Interessen und Gruppen, Netzwerke und Ideen auf ein neues Plateau heben würde. Tatsächlich lauerte irgendwo am Erkenntnishorizont von Neuro eine Frage, die zu stellen man sich nicht so richtig traute: Braucht es am Ende eine Partei?"

Weitere Artikel: Die taz druckt auch den offenen Brief, mit dem sich Walser (mehr) nun offiziell von Suhrkamp verabschiedet. Christina Förch stellt eine Beiruter Initiative vor, mit der ein Scheich und eine Pfarrerin Gewalt gegen Frauen bekämpfen wollen. Auf der Medienseite erfährt Steffen Grimberg von der medienpolitische Sprecherin der Grünen, Grietje Bettin, dass Clements Kartell-Entwurf die Großkonzerne begünstigt. Bernd Müllender tanzt heute auf vielen Hochzeiten und berichtet auch in der taz vom voreiligen Ende einer Fussballsatire auf ARD. Besprochen wird einzig und allein Johnny Cashs "wunderbares" Vermächtnis, die fünf CDs schwere Box "Unearthed".

Lesenswert ist auch Daniela Weingärtners Interview mit dem Justiz-Experten Jean-Frederick Deliege (mehr), der die belgische Politik und die Gendarmerie eine Verantwortung für die Taten von Marc Dutroux zuspricht (hier die Chronik des Falls). Karim El-Gawhary schildert die ungemütliche Lage zwischen Destabilisierung und Reformzwang, in der Ägyptens Präsident Hosni Mubarak steckt.

Schließlich Tom.

NZZ, 01.03.2004

Zum zweihundertsten Jubiläum will das Deutsche Nationaltheater Weimar den "Wilhelm Tell" auf dem Rütli aufführen. Der Schweizer Historiker Georg Kreis (mehr hierräsoniert über den "Schmelzpunkt einer gemeinschaftsbildenden Urkraft", einer Wiese am linken Ufer des Vierwaldstättersees. "Es gibt den Ort am Ort: Wie man in der amerikanischen Überlieferung meint, den Stein zu kennen, auf den die ersten Einwanderer der 'Mayflower' ihren Fuß ins neue Land gesetzt haben, so gibt es auf dem Rütli, das immerhin 62 230 Quadratmeter umfasst, den Punkt, an dem vermeintlicherweise geschworen wurde. Es ist der Ort mit den drei Quellen. Diese sollen als Folge des Schwurs dort zu sprudeln begonnen haben. Die Wasserstelle gab es schon im 18. Jahrhundert, sie wurde, weil ein entsprechendes Mythenbedürfnis noch nicht vorhanden war, aber bloß als gewöhnlicher Trog genutzt. 1798 zogen Mitglieder des helvetischen Parlamentes zum Rütli und tranken dort - außer Wein - von diesen Quellen, 'dem schönsten und reinsten Geschenk der Natur, welches sie auf dieser heiligen Stelle erzeugt'."

Weiteres: Bernhard Kathan befasst sich mit den Fantasien, die mit einer Organtransplantation verbunden sind. "Die Frage nach dem Verhältnis von Eigenem und Fremdem wird anders gestellt. Das Motiv vom Toten, der zurückkehrt, um sich das geraubte Organ zu holen, lässt sich in jüngeren literarischen Bearbeitungen nicht mehr nachweisen. Stattdessen spielt die Frage nach der gewaltsamen Organbeschaffung eine zentrale Rolle." Martin Zingg gratuliert dem Schriftsteller Jacques Chessex zum Siebzigsten. Stephan Hentz erinnert an Glenn Miller, der heute hundert Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden Igor Bauersimas neues Stück "Berenice de Moliere" in Wien, die Ausstellung zu Bosch und Breughel in der Londoner National Gallery.

Wie erwartet, hat Peter Jackson mit dem "Herrn der Ringe" bei der Oscar-Verleihung abgeräumt. NZZ Online listet sämtliche Gewinner auf.
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FR, 01.03.2004

Michael Thalheimer hat sich in Hamburg an Frank Wedekinds "Lulu" versucht. Peter Iden verlässt das Thalia Theater recht zufrieden, er lobt die enge Textbindung, die "hautnahe" Inszenierung und natürlich - Fritzi Haberlandt. "Es ist auffällig, wie sie für jeden Auftritt, jedes neue Zusammentreffen mit einem der Männer, die ihr erliegen und sie damit doch immer nur weiter verletzen, zunächst die Führung übernimmt und auch dann noch behält, wenn sie in der Szene abermals zum Opfer wird. So formuliert diese Hamburger Lulu eine Warnung: Seht, wie stark die Person ist, die das hier trifft - und wähnt euch also ja nicht in Sicherheit. Das ist auch eine politische Botschaft." Ole, hab acht!

Thomas Molzahn gratuliert dem "King of Swing" Glenn Miller zum Hundertsten. In Times mager berichtet Gunnar Luetzow aus dem Londoner Stadtteil Hackney, dem "Nordkorea Großbritanniens" und neuentdecktem Kunststandort. Gemeldet wird, dass Martin Walser (mehr) sich in einem offenen Brief (siehe taz) ganz offiziell von Suhrkamp verabschiedet. (Einen ausführlichen Kommentar zur Affäre von FRler in Ruhestand Wolfram Schütte finden wir im Titel-Magazin.) Auf der Medienseite argwöhnt Bernd Müllender, dass die ARD eine schon beschlossene Fussball-Satire gekippt hat, um die Mächtigen nicht zu verärgern.

Besprochen werden zwei Bücher, das Manuskript der drei Tübinger Poetik-Vorlesungen von Amos Oz "Wie man Fanatiker kuriert" sowie Petra Terhoevens Untersuchung der Geschlechterbeziehungen im faschistischen Italien "Liebespfand fürs Vaterland" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Debatten-Seite warnt der Historiker Heinrich-August Winkler in harschen Worten vor eine Aufnahme der Türkei in die EU: "Wer glaubt, die EU könne neben dieser historischen Herausforderung auch noch die Integration der Türkei bewältigen, gibt sich einer Illusion hin. Ein Großeuropa von Lappland bis zu Euphrat und Tigris wäre ein Koloss auf tönernen Füßen - räumlich groß, aber politisch handlungsunfähig. Selbst wenn die EU den Verfassungsentwurf des Konvents doch noch annehmen würde, hätte sie keine Chance, eine derartige Erweiterung politisch zu überleben."

Tagesspiegel, 01.03.2004

Im Interview mit Flora Wisdorff beschreibt der belgische Schriftsteller Pierre Mertens (mehr hier), was der Dutroux-Fall für Belgien bedeutet. "Belgien war lange ein Land, wo nichts Schlimmes passierte. Probleme wurden einfach verdrängt. So war das auch mit dem Streit zwischen den flämischen und frankophonen Gemeinden. Es wurde immer gerade soviel getan, damit es keinen Bürgerkrieg gibt - aber richtig angepackt hat man das Problem nie. Auch in der Justiz tolerierte man viel. Die so genannten Massaker vom Brabant-Wallon in den Achtzigerjahren wurden nicht aufgeklärt; die Mörder wurden bis heute nicht gefasst. All das gab Dutroux mehr Freiraum für seine Taten.... Die Belgier sind vom Tod fasziniert, und sie wachen gerne inmitten ihrer Trauer auf. Das geht glaube ich bis auf die spanische Okkupation zurück, sie hat uns gebrandmarkt. Ich meine das nicht ironisch: Den Tod auszuhalten - darin steckt auch Größe."

SZ, 01.03.2004

Die irakischstämmige Künstlerin Haifa Zangana schildert die Lage der Frauen im besetzt-befreiten Irak, die sich eher verschlechtert als verbessert hat. "Es gab wahrlich keinen Mangel an Initiativen, die irakischen Frauen politisch zu erziehen und dazu zu ermuntern, am Wiederaufbau des Landes mitzuwirken. Das britische Entwicklungshilfeministerium sowie das Auswärtige Amt haben zum Beispiel erklärt, es müsse 'dringend ein Frauentreffen in Bagdad anberaumt werden, das eine Deklaration im Sinne von 1325 verabschiedet'. Derweil konnten die Bauern Diwanyas, darunter viele Frauen, nicht mit der Winterarbeit auf den Feldern beginnen, weil dort noch zu viele Blindgänger von Clusterbomben herumliegen."

Im Aufmacher wütet Johannes Willms gegen die Paranoia der amerikanischen Rechtskonservativen, die von David Frum und Richard Perle in ihren zwei neuen Büchern anschaulich aufbereitet wird. "Ist es auch Unsinn, so hat es dennoch Methode. Soviel ihrer selbst bewusste und markig ausgesprochene Ignoranz lässt unweigerlich den Verdacht aufkommen, dass das von Perle verhießene Ende des Bösen noch viele böse Enden haben wird."

Gustav Seibt meditiert in einem Artikel, der online seltsamerweise nicht freigeschaltet wurde über das Feuilleton an und für sich und konstatiert "eine untergründige Lustlosigkeit, eine Selbstskepsis, die in einer Zeit auch materieller Bedrohungen für die Kultur und die Zeitungen den Geist depressiv herabstimmt. Ein Symptom der Krise sind Artikel wie dieser: Man betrachtet sich selbst und schreibt auch noch darüber."

Weitere Artikel: Sabina Griffith erinnert an die Pulverisierung des Bikini-Atolls vor fünfzig Jahren. "RJB" offenbart die finanziellen Nöte der Musikschulen. Fritz Göttler listet die diesjährigen Träger der goldenen Himbeere auf, mit der schlechte Schauspieler bedacht werden. Siggi Weidemann verkündet die Eröffnung der dritten Eremitage-Dependance in Amsterdam (mehr). Gottfried Knapp schreibt zum Tod des Architekten und Stadtplaners Otto Steidle. Christian Jostmann leidet mit der Slawistik, deren Situation an den Universitäten langsam "trostlos" wird. Außerdem druckt die SZ die Lobeshymne Hans-Harald Müllers bei der Vorstellung des "Internationalen Germanistenlexikons" in Marbach. "Es ist eine wissenschaftliche und kulturelle Großtat."

Besprochen werden Thomas Langhoffs insgesamt "misslungene" Inszenierung von Brechts "Mutter Courage" am Münchner Residenztheater, Michael Thalheimers "fader Quickie" von Wedekinds "Lulu" am Hamburger Thalia-Theater, die Aufführung von Enjott Schneiders Oper "Bahnwärter Thiel" in Görlitz, das Melodram Jenseits aller Grenzen mit Angelina Jolie und Clive Owen, und noch ein Buch, nämlich Jonathan Rabans weit verästelte Schilderung der "Passage nach Juneau" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).