Martin Walser

Meßmers Reisen

Cover: Meßmers Reisen
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783518414637
Gebunden, 191 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Meßmers Reisen ist eine Selbst- und Welterkundung von geradezu bestürzender Radikalität. Was der Autor hier vorstellt, ist nichts weniger als eine Art Autobiografie der 4. Dimension. Er bezieht nicht den Schutzraum einer erzählten Geschichte, sondern erfindet sich die Figur Meßmer, an die er sich nachdenklich, aggressiv, erkenntnissüchtig wendet; immer wieder wechselt er dabei vom "er" zum unverstellten "ich", das sich weder Maske noch Schonung gönnt. Walser lässt seinen Meßmer unterwegs sein, etwa auf Lesereisen im Deutschland der Jahre 1989/90 und danach, als Gastprofessor in Kalifornien, als jemand, der seine Erfahrungen nicht geringschätzt und doch mit schärfster Neugier alles und sich selbst in Frage stellt - eben, um neue Erfahrungen zu machen jenseits des Meinens.

Im Perlentaucher: Rezension Perlentaucher

Martin Walsers "Meßmers Reisen" ist ein erfolgreiches Aphorismenbuch. Man wird schon daraus schließen, dass es sich nicht um wirkliche Aphorismen handelt. Zu Martin Walsers Fähigkeiten gehört ganz wesentlich die, sie zu verbergen. Gegen seine Lust an der prägnanten Formulierung stemmt sich die ebenso starke am Hineinziehen des gegenläufigen Gedankens. Das führt in den ihm am leichtesten glückenden Fällen zu solchen klassischen, definitorischen Aphorismen wie dem ersten von "Meßmers Reisen": "Phantasie ist Erfahrung." Das ist schön, weil es Widerspruch einlegt gegen die herrschende Lehre, Phantasie sei so etwas wie eine Fluchtbewegung, ein Ausweichmanöver vor der Erfahrung. Kurz danach kommt: "Wir feiern die Folge wie einen Sinn." Das ist so eng an David Hume, dass es nach dem Zopf des 18. Jahrhundert schmeckt. "Vielleicht bin ich vorsteuerabzugsberechtigt" dagegen ist ein Satz, der hat jene Komik, in der wir den Autor Martin Walser und uns sofort wieder erkennen. Es ist eine Komik, die uns nicht blind macht dafür, dass es vielleicht doch vernünftig wäre, den Steuerberater anzurufen und ihn mit diesem Satz zu konfrontieren...
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.08.2003

Anfangs preist Iris Radisch Walsers Notatensammlung geradezu überschwänglich, sie wirkt erfrischt und energiegeladen nach diesem Urlaub vom literarischen Alltag. "Endlich einmal: keine aufgedonnerte Story, kein Dekor, keine Kolportage und keine gelben Pollunder." Radisch schätzt den Minimalismus des Buches, Walsers selbstverordnete Leichtigkeit und seinen Mut, noch einmal "mit so gut wie nichts" neu anzufangen. Aber ganz könne sich Walser in der Porträtskizze seines schon 1985 eingeführten Alter Ego Meßmer nicht von dem alten Motiv der Selbsterniedrigung lösen, das der Rezensentin mittlerweile "schrecklich routiniert" vorkommt, ja "Bundesbahn-kompatibel". Ein letzten Endes vertrauter Walser also, in ungewohnt reduziertem Gewand einer fragmentarischen Sentenzensammlung.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.08.2003

Wer Aufschlüsse über jüngste Ereignisse - die Paulsrede oder den "Tod eines Kritikers" - erwartet, dürfte von diesem Buch enttäuscht sein, warnt Roman Bucheli. Sie fänden sich allein indirekt in Form ärgerlicher Überspanntheiten wieder. Sätze wie "Vergessensleistungen sind verlangt zur Fortsetzung des Lebens", versichert Bucheli, bilden die Ausnahme. Denn im Großen und Ganzen sei "Meßmers Reisen" eine "lange Etüde über das Mängelwesen Mensch", dessen Wünschen und Wollen immer größer sei als das Können. Für die schönsten Stücke hält Bucheli denn auch die Passagen, in denen sich Walser als jemand zu erkennen gibt, "der den Schmerz weniger liebt, als er sagt, und das Glück stärker verlangt, als er eingesteht". In den weniger gelungenen Passagen findet sich zu Buchelis Bedauern jedoch immer wieder ein unsouveräner Zynismus, ein "Snobismus aus Gekränktheit", alberne Abgeklärtheit oder triste Harmlosigkeiten. Erstaunlicherweise schafft Bucheli nach aller Kritik jedoch die Wende zu einem beeindruckten Fazit: "'Messmers Reisen'", schreibt er, "zeugt von einer Existenz im höchsten Erregungszustand - aufgespannt zwischen Melancholie und Selbstbehauptung: stolz und resignierend, pathetisch und hellsichtig, illusionslos und voller unerfüllter Hoffnungen."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.07.2003

"Ein Sentenzenbuch", so sieht es Gustav Seibt, hat Martin Walser hier geschrieben: lauter Kalendersprüche - über Glück und Unglück, über Deutschland, über Sex, über alles mögliche - ganz ohne Roman drum herum. Seibt sieht hier die grundsätzliche Abneigung Walsers gegen große Zusammenhänge am Wirken, in denen sich das Einzelne zum System fügt, oder vielmehr gefügt wird, zu harten Meinungs-Briketts. Walser beharre dagegen trotzig auf dem "unverrechenbar Besonderen des Lebens", und zu diesem Zweck habe er den "bockig-ernüchterten, oft kaustisch verzweifelten und brutal offenen Herrn Meßmer" aus einem früheren Buch wiederbelebt. Dieser, das Alter Ego des Autors, reise umher, gucke sich um, sammle lebenserhellende Eindrücke, die er an den Leser weitergibt. Doch so leicht will Seibt den Herrn Walser nicht davonkommen lassen. Denn auch seine "Antisystematik" habe System, auch die subjektive kleine sprachliche Form stehe für eine Meinung gerade, die gegen irgendetwas in Stellung gebracht wird, und bei Walser sei das nicht weniger als der "Widerspruch gegen eine ganze Tradition abendländischer Metaphysik". Merke: Es gibt "kein Leben jenseits der Meinung".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.07.2003

Martin Walsers "Meßmers Reisen", die Fortsetzung von "Meßmers Gedanken" aus dem Jahr 1985, hat Rezensentin Ina Hartwig nicht uneingeschränkt überzeugt. Halb als Tagebuch, halb als Notizbuch voll von Sinnsprüchen, Aphorismen, Anekdoten und kleinen Erzählungen komme der Band daher, in dem Meßmer, so der fiktive Name von Walsers alter ego, sich wieder einmal ausführlich der Selbstbefragung und Selbstdarstellung widmet, berichtet Hartwig. Verglichen mit "Meßmers Gedanken" erscheint ihr die Fortsetzung als "weniger geschmeidig" und "weniger konsistent". Den Ton des Buches findet sie "larmoyant" und "seltsam antiquiert". Aber man müsse ihn ja nicht mögen, Meßmer selbst wolle ja auch nicht gemocht werden. Natürlich spielt auch das Sexuelle wieder eine große Rolle: "Das Geschlechtsteil der Frau ist das einzige, das nichts eingebüßt hat von seinem Reiz, seiner Gewalt", zitiert Hartwig den Autor und weiß nicht so genau, wie sie darauf reagieren soll: anerkennend, grinsend oder peinlich berührt. Dass Walser das Ganze noch mit ein wenig "gender trouble" anreichert, macht das Buch nach Ansicht Hartwigs nicht unbedingt homogener. Muss es auch nicht. Irritiert hat sie an Walsers neuen Werk vor allem eines: "das wacklige Verhältnis zwischen überraschender Einsicht und Allgemeinplatz, zwischen ausgeflippter Phantasie und Ängstlichkeit, zwischen der weltläufigen Abgeklärtheit des Promis und einer süddeutsch-studienratesken Biederkeit."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.07.2003

"Altersleise und sehr mild" gibt sich Martin Walser in seinem neuen Roman, meint der angetane Rezensent Jörg Magenau. Denn "Meßmers Reisen", mit dem Walser an "Meßmers Gedanken" von 1985 anknüpfe, lese sich wie eine "Einübung in die Standpunktlosigkeit". Meßmer ist die Figur des Reisenden, der sich auf der Reise "von sich selbst entfernt", sich von seinen "Gewissheiten" verabschiedet, der "aufnimmt" und in seinen Reisenotizen "mitschreibt". Was Magenau vor allem interessiert ist Meßmers Nähe zu Walser selbst: hier könne kaum von einer "Kunstfigur" die Rede sein, so stark sei die autobiografische Prägung. Dennoch, und obwohl sich alle wohlbekannten Walser-Themen die Hand reichen, zeige sich hier ein neuer Walser, im Zeichen einer "Prosa des Abschiednehmens". Die Sprache scheine sich an der Musik zu orientieren - die Sätze antworten sich motivisch wie in einem Konzert - und sogar aufs Schweigen abzuzielen, so wie das Reisen in eine Art Stillstand münden.