Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.10.2003. In der Berliner Zeitung erklärt Bischof Huber, warum er das islamische Kopftuch an den Schulen für verfassungswidrig hält. In der Welt analysiert Christoph Stölzl das Phänomen Bohlen. Die SZ besucht russische Verlage und präsentiert heute ihre Literaturbeilage. In der NZZ fragt Wolfgang Sofsky, was die vielen Stromausfälle mit uns machen. Die FR findet den Lettre Ulysses Award für Anna Politkowskaja mehr als verdient. Die taz vermisst den kämpferischen Geist im deutschen Theater.

Berliner Zeitung, 06.10.2003

Im Interview mit der Berliner Zeitung hält der evangelische Bischof Wolfgang Huber ein erfrischend klares Plädoyer gegen das Kopftuch an den Schulen: "Es gibt einen offenkundigen Unterschied zwischen einem Kopftuch und dem Kreuz am Revers eines Pfarrers. Der Unterschied besteht darin, dass das Kopftuch eine kulturelle Kluft symbolisiert. Es soll die Stellung von Frauen im Islam zeigen. Damit wird eine kulturelle Differenz und eine Abwehr der Gleichberechtigung zum Ausdruck gebracht, wie sie im Artikel 3 des Grundgesetzes festgeschrieben ist."

Welt, 06.10.2003

Ausführlich analysiert Christoph Stölzl den Erfolg von Dieter Bohlens neuem Buch als Zeitgeistphänomen, schon wegen seiner kollektiven Autorschaft: "Bohlens Buch ist ein arbeitsteiliges Fließbandprodukt, absolut virtuell. Wer nach seiner 'Wahrheit' oder 'Unwahrheit' fragt, hat die Sache nicht verstanden."
Stichwörter: Autorschaft

SZ, 06.10.2003

Bis nach St. Petersburg ist Sonja Zekri gereist, um herauszubekommen, wie die Pläne der russischen Verlage für die nächsten Jahre aussehen. Wadim Nasarow vom tonangebenden Verlag Amfora hat die Massen der einfachen Leser entdeckt. "Der Pionier Nasarow, von dem es heißt, er habe in der Zeit der Hyperinflation Brodskij-Bände in Zügen in die ausgehungerte Provinz geschickt und Waggons voll Geld zurückbekommen, distanziert sich von seinen idealistischen Anfängen: 'Wir waren ein sehr intellektueller Verlag, aber das hängt mir zum Hals raus.' Wie so viele Verleger spekuliert er auf die gigantische, in jeder Hinsicht unterversorgte Peripherie, wenn er nun 'romantische Komödien' herausbringen will - Karen Duve zum Beispiel. 'Menschen, die Handke lesen, wohnen in Petersburg und Moskau. Menschen, die Duve lesen, wohnen überall.'"

"Der Ulysses Award for the Art of Reportage, der am Wochenende in Berlin mit großem Tamtam verliehen wurde, kommt daher wie eine Journalismus-Preis, ist aber im Kern eine literarische Auszeichnung, ein Nobelpreis für politische Non-Fiction", schreibt Gustav Seibt über diesen erstmals verliehenen internationalen Preis für Reportage. Den ersten Preis erhielt übrigens Anna Politkowskaja für ein Reportagebuch über Tschetschenien.

Auf der dritten Seite lesen wir Milan Pavlovics Porträt von Sönke Wortmann, der sich gut vorstellen kann, mit dem "Wunder von Bern" seine Karriere zu beschließen. "Mehr kann ich nicht, das ist es jetzt."

Weitere Artikel: Volle Dichterlesungen, überlaufene Philosophieseminare: Henning Klüver staunt über seine neuerdings kulturbegeisterten Italiener. Als Veteranentreffen und Leichenfeier bezeichnet Arnd Wesemann die Zusammenkunft der Theatermacher in Berlin. Direkt aus Udo Lindenbergs mit Rotkäppchen-Sekt getränktem Sonderzug nach Pankow kabeln Oliver Fuchs und Axel Henrici. Fritz Göttler weiß, dass Nadine Trintignants Vorabverurteilung von Bertrand Cantat, der ihre Tochter Ende Juli erschlagen hatte, nun fast ungeändert in Frankreich erscheinen darf. Volker Breidecker resümiert eine Frankfurter Tagung über die "Referenz Rom". Glückwünsche zum Achtzigsten überbringt Karl Markus-Gauß dem Schriftsteller Yasar Kemal (mehr), Kristina Maidt-Zinke gratuliert dem Anwalt und Erzähler Louis Begley (mehr) zum Siebzigsten. Fritz Göttler verabschiedet den verstorbenen Zeichner und Kinderbuchautor William Steig.

Auf der Medienseite lobt Christopher Keil Thomas Gottschalk für seine Tritte gegen Bohlen. Eva Marz empfiehlt das Kleine Fernsehspiel im ZDF mit Filmen aus Slowenien, Zypern, Rumänien und Lettland. Und Evelyn Roll stellt uns Heinrich "Harry" Heine vor, den blitzschnellen Erfinder aller journalistischen Genres.

Die Literaturseite birgt Georg Kleins (mehr) Besprechung der neuen Faksimile-Edition von Kafkas Verwandlung. "Gebeugt über diese Ausgabe konnte ich mir nur schwerlich eine luxuriösere Weise, Kafkas Verwandlung zu lesen, vorstellen." Außerdem präsentiert die SZ heute eine 60-seitige Literaturbeilage. Im Aufmacher schreibt Thomas Steinfeld über Vladimir Sorokins "Ljod".

Besprochen werden eine Retrospektive des Malers Edouard Vuillard in Paris, eine Bonner Ausstellung über die Kultur der Azteken, Decalage Horaires sanfte Komödie Jet Lag mit Juliette Binoche und Jean Reno, Joachim Masanneks gelungenes Filmdebüt "Die Wilden Kerle", Falk Richters Kriegs-Medien-Stück "Electronic City" und Lessings "Minna" in Bochum, Florian Fiedlers freie Inszenierung von Martin Sperrs "Nieder Bayern" am Münchner Volkstheater, Nikolai Tokarevs überirdischer Auftritt beim Klavierfestival Bad Kissingen, und Bücher, darunter Christoph Türckes Suche nach der Herkunft des Fundamentalismus, Konrad Heidkamps interessant das Thema verfehlendes Frauenbuch "Sophisticated Ladies" sowie Christine Ockrents aufschlussreiches Porträt der politischen Journalistin "Francoise Giroud" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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FR, 06.10.2003

"Generell war wieder einmal auffallend, wie wenig die wirklichen Reporter mit Reporter-Klischees gemeinsam haben", schreibt Ulrich Clewing über die erstmalige Verleihung des Reportagepreises Lettre Ulysses Award (mehr) in Berlin. Anna Politkovskaja, die den ersten Preis erhielt, "ist so schüchtern, dass sie auf der Bühne kaum einen Fuß vor den anderen bekam - Politkovskajas Thema ist der Bürgerkrieg in Tschetschenien, gegenwärtig wahrscheinlich das heißeste Pflaster für Journalisten überhaupt, vor allem, wenn sie so deutliche Worte finden wie die 45-jährige Russin aus Moskau."

Unermüdlich scheint Peter Michalzik im Auftrag des Lesers unterwegs zu sein, ganze drei Uraufführungen hat er sich angesehen. In Zürich war er bei Falk Richter, der nach einer einjährigen Inszenierungspause seine eigene Kriegs-Medien-Collage "Electronic City" sowie Roland Schimmelpfennigs "Für eine bessere Welt" auf die Bühne brachte. In Bochum wiederum inszeniert Matthias Hartmann Richters ebenfalls neue "Sieben Sekunden". Die gefallen Michalzik nur fast so gut wie Schimmelpfennigs bessere Welt: "Eine Frau wirbt auf Plakaten für ein neues Getränk auf Espressobasis mit der Dose zwischen ihren Brüsten. Am Ende wird das zerschossene Brustbein der zur Kriegerin mutierten Frau durch ein Metallimplantat ersetzt. Dazwischen liegt der Krieg: eine Reise in den Dschungel, in den Irrsinn, ins Herz der Finsternis. Schimmelpfennig hat ein so schlüssiges wie enigmatisches Stück über den Krieg geschrieben."

Weitere Artikel: In Times mager resümiert Peter Iden das Protesttreffen der Theatermacher im Berliner Schillertheater. Gemeldet wird, dass der amerikanische Zeichner und Shrek-Schöpfer William Steig gestorben ist und dass Baden-Württemberg die Etats aller Theater pauschal kürzen will.

Peter Nonnenmacher skizziert auf der Medienseite, wie der englische Independent der Zeitungskrise trotzen will: seit Dienstag wird er sowohl im Frühstückstisch- als auch im U-Bahn-Format verkauft.

NZZ, 06.10.2003

Der Soziologe Wolfgang Sofsky macht sich Gedanken, wie Stromausfälle unser soziales Leben verändern. "Der Zusammenbruch des Stromnetzes ist weit mehr als ein technischer Defekt mit wirtschaftlichen Folgen. Er betrifft die Struktur der Kommunikation, den Austausch der Gesten und Güter, die Bedeutung materieller Objekte, die Ordnung des Raums, die Bewegung der Körper und die Gegenwart der Macht. Der Stromausfall ist ein totales soziales Ereignis. Bis in die Verästelungen der Seele und Sinne wirkt sich die banale Begebenheit aus, bis in die sozialen Gefühle und kollektiven Stimmungen. Es ist eine Katastrophe des Alltags."

Der Freiburger Schriftsteller Karl-Heinz Ott hat eine Reise vom westdeutschen Süden in den ostdeutschen Norden angetreten: ins mecklenburgische Fischerdorf Ahrenshoop, der Heimat einer traditionsreichen Künstlerkolonie. "Ein sozialkritischer Aussagewille hat von Peter Hacks über Christa Wolf bis zu Heiner Müller stets die Feder geführt, und bei den langen Nachtgesprächen im Künstlerhaus Lukas erlebte ich, wie unterschiedlich die Debatten und Literaturen hüben und drüben nicht nur gewesen sind, sondern bis heute andere Akzente besitzen, als sei es immer noch spürbar, ob man entscheidende Jahre seines Lebens mit Lukacs oder mit Nietzsche, Brecht oder Beckett, Dialektik oder Deleuze zugebracht hat."

Des weiteren gratuliert Martin Zähringer dem türkischen Schriftsteller Yasar Kemal zum achtzigsten Geburtstag. Joachim Güntner freut sich über neue Impulse aus dem Verlagswesen, so zeige etwa der neugegründete Verlag Schirmer-Graf, wie man Krisenzeiten nutzen kann.

Besprochen werden zwei Inszenierungen von Falk Richter: Roland Schimmelpfennigs Stück "Für eine bessere Welt" am Schauspielhaus Zürich und die Aufführung seines eigenen Werkes "Electronic City" am Bochumer Schauspielhaus.

FAZ, 06.10.2003

Christian Geyer meditiert kunst- und geistvoll über die Frage, was ein Sachbuch können soll und streift dabei einige Neuerscheinungen des Herbstes. Auch auf die morgige Buchmessenbeilage der FAZ wird schon hingewiesen - Aufmacher ist eine Besprechung von Wladimir Makanins Roman "Underground oder ein Held unserer Zeit". Zhou Derong berichtet, dass der Dalai Lama auf die Forderung der Unabhängigkeit Tibets gegenüber China verzichtet hat. Hubert Spiegel gratuliert Louis Begley zum Siebzigsten. Lorenz Jäger beklagt, dass in Frankfurts Schulen keine Schiller-Balladen mehr gelernt werden. Wolfgang Sandner gratuliert Udo Zimmermann zum Sechzigsten. Uwe Walter resümiert das Symposion "Referenz Rom" am Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte. Gemeldet wird, dass Anna Politkowskaja den "Lettre Ulysses Preis" für literarische Reportage erhalten hat. Wolfgang Günter Lerch gratuliert Yasar Kemal zum Achtzigsten.

Auf der letzten Seite begeht Michael Grill das neue Terminal 2 des Münchner Flughafens. Kerstin Holm macht uns Hoffnung, dass die Russen das jüngst aufgefundene Rubens-Gemälde "Tarquinius und Lukretia" an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der es gehört, zurückgeben werden. Und Dietmar Dath porträtiert Tammy Bruce: "Das gibt's nur in Amerika: eine lesbische Waffenbesitzerin, die für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch eintritt, die Todesstrafe billigt, Reagan gewählt hat, den Sozialisten George Orwell... zu ihren Lieblingsschriftstellern zählt..." Jetzt bekennt sie sich zu Arnold Schwarzenegger.

Auf der Medienseite porträtiert Hans-Dieter Seidel die Drehbuchautorin Hannah Hollinger. Frank Kaspar berichtet vom Hörspielforum in Köln. Jürg Altwegg setzt seine Berichterstattung über die peinliche Politik der Le Monde-Chefs gegenüber ihren Kritikern fort - sie werden einfach entlassen.

Besprochen werden zwei "tapfer antiamerikanische" (so Gerhard Stadelmaier) kriegskritische Stücke von Falk Richter und Roland Schimmelpfennig in Zürich, Fred Schepisis Film "Es bleibt in der Familie", Werner Schroeters Inszenierung der Berg-Oper "Lulu" in Bonn, ein Dialog in Bildern zwischen Georg Baselitz und Enzo Cucchi in der Villa Massimo, Inszenierungen des Bochumer Saisonauftakts und Sachbücher, darunter Bernard Lewis' Buch über "Die Wut der arabischen Welt" und "Die Kultur Japans" von Florian Coulmas.

TAZ, 06.10.2003

"Theaterland wird abgebrannt", lautete das Motto des Treffens, das in angemessen morbider Umgebung im ehemaligen Schillertheater stattfand. Den kämpferischen Geist suchte Katrin Bettina Müller unter den versammelten Theatermachern aber vergebens: Am besten war da noch Rudolf Hickel, Wirtschaftswissenschaftler aus Bremen, der "hemdsärmelig die falsche Logik der Politik angriff: wie die Kommunen, die die Theater unterhalten, verarmten, weil die großen Unternehmen immer weniger Steuer zahlen müssen, und wie soziale Vorsorge gerade für die immer mehr abgebaut werde, die privat vorzusorgen gar nicht die Mittel haben. Seiner Logik zufolge wären die SPD-Politiker, die zurzeit als Abweichler marginalisiert werden, die erste Adresse auf der Suche nach politischen Bündnispartnern der Theater. Aber diesen Weg, der nach scheißviel Basisarbeit riecht, griff niemand auf. Schließlich will man Theater spielen und keine Revolution machen."

Jenni Zylka nutzt die neue Platte der Ärzte, um Band und Fans nach zwanzig Jahren einem Gesundheitscheck zu unterziehen. Diagnose: das blühende Leben. Helmut Höge besichtigt ein wenig angeekelt das herbstliche "Fun-Stahlbad" und andere kulturell-kommerzielle Höhepunkte der vergangenen Berliner Woche.

Auf der Medienseite informiert Sebastian Heiser über das Bordmagazin von Air Berlin, das mit "rassistischen Beiträgen" glänzt. Und Silke Burmester erörtert Vor- und Nachteile der schwulen Fernseh-Cops.

Schließlich Tom.
Stichwörter: Silke Burmester, Kommune