Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.01.2002. In der Zeit spricht Jürgen Habermas über die Gefahren der Gentechnik, in der SZ denkt Martin Mosebach über die V-Mann-Krise nach, die FR betrachtet Familienbilder von Herlinde Koelbl und in der FAZ erklärt Hussain Al-Mozany, warum arabische Länder nicht gegen die Behandlung der gefangenen Al Qaida-Kämpfer protestieren: Sie selbst würden's auch nicht besser machen.

NZZ, 24.01.2002

Außer dem Nachruf auf den Schriftsteller Franz Innerhofer bietet das NZZ-Feuilleton heute ausschließlich Besprechungen: Olaf Karnik stellt den Elektro-Musiker Ekkehard Ehlers vor, der Werke von Albert Ayler, Schönberg und neuen Folk eingespielt hat, und sein Label "Whatness". Besprochen werden Peter Brooks Inszenierung von Caryl Churchills Dreipersonenstück "Far away" im Pariser Theatre des Bouffes du Nord und Bücher, darunter Alain Robbe-Grillets jüngster, bisher nur auf Französisch erschienener Roman "La Reprise", Joachim Sartorius' Gedichtband "In den ägyptischen Filmen" und ein kleines Wörterbuch der Gartenkunst (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 24.01.2002

Angesichts der gegenwärtigen V-Mann-Krise im Innenministerium hat der Schriftsteller Martin Mosebach einige notwendige Fragen gestellt:" War es die Treue zum alten Dienstherrn, die den gewesenen V-Mann dazu veranlasste, im Nachhinein noch all das Material zu produzieren, das er in seiner Vertragszeit nicht hatte herbeischaffen können? Verkörpert er den tragischen Fall des entlassenen Polizisten, der seinen Fall auf eigene Initiative lösen wollte? Oder wollte er den Verfassungsschutz durch möglichst dreiste Äußerungen verhöhnen, weil er wusste, das jedes seiner Worte durch das gegenseitige Verhältnis strafrechtlich unbrauchbar geworden war? Oder ging es ihm wie der Wiener Witzfigur Graf Bobby, der sich erst 1950 bei der Spruchkammer zur Entnazifizierung meldete, 'weil er 1945 noch gar kein Nazi gewesen' sei?"

Klaus Lüderssen, emeritierter Professor für Strafrecht und Rechtssoziologie, findet die Sache nicht so witzig, und sieht mit der Affäre das Ende staatlich gelenkter Aufklärungsarbeit via V-Mann angezeigt. Zutritt zum Milieu erhalte, wer dessen Vertrauen erworben habe. Doch um dies Vertrauen zu erlangen, stecke der V-Mann bald selbst tief in verbotenen Handlungen. Skandalös findet Lüderssen, dass die Behörden an der V-Mann-Praxis festhalten, obwohl sie die Argumente dagegen seit langem kennen. Eine Steigerung erfahre der Skandal noch durch das schlechte Behörden-Gewissen, das zur permanenten Verheimlichung dränge. "Und wenn das nicht mehr geht, erfolgt der Rückzug auf euphemistische Wendungen, die das Vorgefallene bagatellisieren."

Weitere Artikel: Jens Bisky findet, dass wir nun also eine Bundeskulturstiftung, bekommen haben, von einer nationalen Kulturpolitik aber noch weit entfernt sind. Florian Coulmas fordert: "Gebt den Helden ihre Stimmen wieder!" Denn Coulmas zufolge trägt die deutsche Synchronkultur zur Verdummung der Deutschen bei. Macht also Bild-Redakteure zu Kultursenatoren: Reymer Klüver stellt uns Dana Horakova, Hamburgs neue Kultursenatorin vor, die während ihrer Zeit als Leiterin des Bild-Kulturressorts die Serie Hausbesuche bei Literaten erfand. "Sie war mit Uta Danella auf Sylt baden und bei Wolf Wondratschek auf der Couch. Auch brach sie eine Lanze für die deutsche Lyrik, als sie Bild-Leser zumVerseschmieden anhielt, und diese auch abdruckte." Joachim Kaiser hält eine Laudatio auf die Geigerin Anne-Sophie Mutter, die den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München bekam. Karl-Markus Gauß schreibt zum Tod des Schriftstellers Franz Innerhofer.

Besprochen werden: das Hamburger Konzert des Ex-Beach-Boys Brian Wilson, das frisch eröffnete Berliner Jakob-Kaiser-Haus, eine Ausstellung mit Architekturmodellen von Bodys Isek Kingelez in der Münchener Villa Stuck, Thomas Ostermeiers Inszenierung von Marieluise Fleißers Volksstück "Der starke Stamm" an den Münchner Kammerspielen, Gabriele Muccins Film "Ein letzter Kuss", Alejandro Amenabars Film "Open Your Eyes" zusammen mit dessen US-Remake "Vanilla Sky", sowie ein Interview mit Michael Apted über seinen neuen Film "Enigma"

Außerdem wird vermeldet, dass die nordische Götterszene wieder zur Besichtigung freigegeben ist. (mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages)

FR, 24.01.2002

Elke Buhr hat sich über die aktuelle Familienkampagne der Bundesregierung Gedanken gemacht. Für die Fotografin Herline Koelbl, die mit der Langzeitbeobachtung von Politikern "Spuren der Macht" bekannt geworden sei, habe sich die Nähe zur Politik jetzt offensichtlich in der neuen Rolle als staatliche Familienfotografin ausgezahlt. In den Fotos solle sich die Bevölkerung selbst erkennen, und somit wissen: auch der Staat kennt uns. Tatsächlich werden hier für Buhr aber zwei unterschiedliche Bildtraditionen übereinandergeblendet. "Grundlage ist die Konvention der 'heiligen', patriarchal hierarchisierten Familie, deren zeitgenössische Fortsetzung die Harmoniemenschen von der Rama-Werbung sind. Der Gegenpol dazu ist die im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte Tradition des seriellen Einzelporträts.... Die Synthese aber suggeriert: Familien, atmet auf, ihr seit genauso individualisiert und vielfältig wie die hübschen Singles auf der Love Parade."

Weitere Artikel: Angesichts des Skandals um das NPD-Verbot fragt die Kolumne "Times Mager" inwieweit das, was sich als NPD präsentiert, auch ein von der Teilnahme des Verfassungsschutzes geprägtes Gebilde ist. Ein Nachruf auf den österreichischen Schriftsteller Franz Innerhofer, der sich 58-jährig das Leben nahm. Und Theaterkritiker Peter Michalzik freut sich auf den Wahlkampf: "In diesem Wahlkampf werden ganz neue Register des Werbens und Kämpfens um die Macht möglich sein."

Besprochen werden: David Aldens Inszenierung von Händels "Tamerlano" an der Komischen Oper in Berlin, Cameron Crowes Film "Vanilla Sky", der zeitgleich mit der Erstverfilmung des Stoffs "Open Your Eyes" von Alejandro Amenabar in die Kinos kommt, sowie eine Pariser Tagung über den Philosophen Jean-Luc Nancy.

Last but not least: Florian Malzacher berichtet live von der Armin-Petras-Premiere in Kassel: "Zuschauer schreien sich an, rennen raus, schlagen Türen. Während Schauspieler theaterblutverschmiert auf der Bühne stehen und warten bis Ruhe einkehrt. Am Ende dann Bravo- und Buh-Gerufe, minutenlang. Und das alles wegen Schiller!"
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TAZ, 24.01.2002

Anne Huffschmid berichtet von einem ungewöhnlichen Kunstprojekt in Mexico-City, wo auf Einladung des Goethe Institus deutsche und mexikanische Künstler an unterschiedlichsten Orten Arbeiten zum Thema Wasser ausstellen. "Das Vorhaben selbst könnte kaum weniger primitiv formuliert sein: Man wolle, sagt Bernd Scherer, Leiter des mexikanischen Goethe-Instituts, "die Geschichte der Stadt aus der Perspektive des Wassers erzählen". Zugleich soll der Moloch zum "Paradigma" für das werden, was Kolonisierung, vermeintliche Zivilisation und Moderne anrichten kann. Und es ist eine denkbar triste Story. Die damit anfängt, dass das Hochtal von Mexiko, ursprünglich gar kein Tal, sondern eine Bucht war. Die 1325 gegründete Aztekenmetropole Tenochtitlan, von den Eroberern bei ihrer Ankunft noch als "amerikanisches Venedig" gepriesen, war inmitten einer Seenplatte nur über Brücken erreichbar, es gab ausgeklügelte Kanalisation und jede Menge Wasserkulte. Kaum hatten die neuen Machthaber das aztekische Imperium unterjocht, begannen sie schon, Kanäle zuzuschütten und ringsherum die Seen auszutrocknen."

Der Rest ist Kino: Gerd Kroskes Film "Der Boxprinz", dessen defensive Haltung gegenüber Protagonist Norbert Grupe alias Prinz Wilhelm von Homburg die neue taz-Filmredakteurin Christina Nord etwas anbiedernd findet. Cameron Crowes Coverversion "Vanilla Sky" inklusive dessen Original von Alejandro Amenabar "Abro los Ojos", Thomas Strucks Dokumentarfilm "Walk / Dont Walk", Mehdi Charefs neuer Film "Marie-Line" und schließlich Filippos Tsitos DFFB-Abschlußfilm "My Sweet Home".

Und Tom.

FAZ, 24.01.2002

Der irakische Autor und Grass-Übersetzer Hussain Al-Mozany (mehr hier) beschreibt die Misshandlungen der Al-Qaida-Kämpfer durch US-Soldaten (man hat ihnen die Bärte abrasiert!) und fragt sich dann, warum eigentlich nur westliche Menschenrechtsorganisationen dagegen protestieren, nicht aber die arabischen Länder. In diesem Zusammenhang erinnert der Autor an die kuweitischen Geißeln, die immer noch im Irak gefangengehalten werden, und auch an den Gefangenenaustausch zwischen Iran und Irak, der nach zwanzig Jahren immer noch nicht abgeschlossen ist. Fazit: "Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die islamischen Staaten sich in tiefes Schweigen hüllen, was das Schicksal der muslimischen 'Gotteskrieger' im amerikanischen Gefangenenlager auf Kuba betrifft. Von hier ist sicherlich keine Kritik im Sinne einer Menschenrechtsfrage zu erwarten."

Im Leitkommentar des Feuilletons denkt sich Jürgen Kaube seinen Teil zum NPD-Mann, der für den Verfassungsschutz arbeitete: "Wenn der Verfassungsschutz von dieser Technik Gebrauch macht, wird er aber zum Parasiten seiner Gegner. Er müsste es am Ende gut, weil seinen Zwecken dienlich finden, dass es Antisemiten gibt, die sich überdies noch unter Zeitvertrag nehmen lassen, um aus ihrer Gesinnung doppelten Gewinn zu schlagen."

Andreas Kilb vergleicht Alejandro Amenabars Film "Abre los ojos" mit dem amerikanischen Remake von Cameron Crowes, "Vanilla Sky" mit Tom Cruise in der Hauptrolle, die gleichzeitig in die Kinos kommen: "Es ist, seltsam genug, gerade der unauffällige Auftakt, der einen in die Handlung von "Open Your Eyes" hineinzieht. Und es ist der grandiose Anfang von "Vanilla Sky", der eine Erwartung weckt, die der Film dann nicht erfüllen kann, weil er seine unglaublichste und wahnwitzigste Einstellung schon nach ein paar Minuten verschossen hat." Auf der Filmseite stellt Verena Lueken die amerikanischen Filme vor, die eine Chance auf den Oscar haben.

Weitere Artikel: Der Bamberger Sprachwissenschaftler Helmut Glück fordert von der Bundesregierung, sich mehr dafür einzusetzen, dass Deutsch auch im Ausland gelehrt und gesprochen wird. Stephan Sahm wirft einen Blick in bioethische Zeitschriften. Jürg Altwegg berichtet über ein bisher nur in Frankreich erschienenes Buch, in dem der in Genf lebende Halbbruder Bin Ladens und sein Anwalt beschuldigt werden, Geschäftsbeziehungen zu Bin Laden zu unterhalten. Yeslam Bin Laden bereitet übrigens gerade eine Modekollektion vor, die als Logo den Namen seines Bruders tragen soll. Eberhard Rathgeb porträtiert die ehemalige Ressortleiterin für die Kultur der Bildzeitung und künftige Kultursenatorin in Hamburg Dana Horakova. Susanne Kaiser erklärt, wie Lernen trotz Hirnverletzung möglich ist.

Tilman Spreckelsen schreibt zum Tod des Schriftstellers Franz Innerhofer. WWS. schreibt zum Tod der Jazzsängerin Peggy Lee. Dirk Schümer schreibt über das in diesem Winter ausbleibende Hochwasser in Venedig. Auf der Medienseite erklärt Michael Hanfeld, was Jan Mojto von der Kirch-Gruppe vom neuen Urheberrecht hält: nichts. Und Jörg Thomann berichtet über die IM-Tätigkeit des ORB-Chefredakteurs Hagen Boßdorf. Und auf der letzten Seite porträtiert Michael Gassmann den zypriotischen Opernbariton Pieris Zarmas, der in seiner Heimat zu einer Symbolfigur geworden ist.

Besprochen werden das Konzert von Brian Wilson in Hamburg, Thomas Ostermeiers Inszenierung des Fleißer-Stücks "Der starke Stamm" in München ("ein starkes Stück und großes Theater", schreibt Renate Schostack), eine Ausstellung mit kinetische Kunst aus Italien in der Mannheimer Kunsthalle, der Beethoven-Marathon (alle neun Symphonien) von Mackerras und Eschenbach in Baden-Baden und Bücher, darunter Sachbücher, Reisebücher und ein Band mit den Schriften von Louise Bourgeios (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Zeit, 24.01.2002

Ein letzter Verzweiflungsschrei der Verlagswelt gellt durch die Hallen des Hamburger Wochenblatts, bevor sie nun höchstwahrscheinlich geschlossen Pleite geht. Autoren und Übersetzer werden sie ruinieren, weil sie "angemessene Honorare" nachfordern - so sieht es ein wuchtig-sozialdemokratischer Gesetzentwurf vor, der morgen verabschiedet werden soll. Michael Naumann höchstselbst schreitet in der Leitglosse mannhaft zur Verteidigung der Branche. Dabei weist er nach, dass Autoren gar nicht unangemessen bezahlt werden können. Denn "Autoren und Übersetzer sind Kleinunternehmer. Niemand zwingt sie, ihren Beruf zu ergreifen." Während Naumann gezwungen wurde, Zeit-Herausgeber zu werden und dafür ein knapp angemessenes Schmerzensgeld bezieht.

Auch Arnulf Conradi vom Berlin-Verlag beschwört den an sich seltenen Fall, dass ein deutsches Buch in den USA zum Bestseller wird und Autoren dann Nachforderungen stellen: "Überall wird dereguliert - nur im Justizministerium werkelt ein staatliches Widerstandsnest wie in einer Zeitfalte vor sich hin, blind und taub gegen jede Praxis."

Aufmacher ist ein Gespräch, das Jens Jessen und Thomas Assheuer mit Jürgen Habermas führten. Es geht um die Gefahren der Gentechnik, und Habermas äußert sich in zuverlässiger Grundvernünftigkeit: "Die deutsch-platonistische Selbstüberschätzung von Philosophen war mir immer zuwider. Ich plädiere ja nicht für ein Verbot der weiteren Entwicklung von Gentechnologien, sondern nur für eine Kanalisierung, die später vor einem falschen Gebrauch schützt. Wenn man nicht will, dass uns das Wissen, das wir für therapeutische Zwecke haben möchten, auf falsche eugenische Gedanken bringt, muss man sich heute schon darüber klar werden, wie schonend wir allgemein mit vorpersonalem menschlichen Leben umgehen sollten."

Weiteres: Volker Hagedorn hat sich in die Slowakei begeben, um der Reihe über das Kulturleben der EU-Beitrittsländer einen weiteren Baustein hinzuzufügen. Besprochen werden Christoph Marthalers Bearbeitung der "Schönen Müllerin" fürs Schauspiel Zürich, eine Ausstellung über die Zukunft von Ground Zero in New York, eine Ausstellung über Jakob van Ruisdael in der Hamburger Kunsthalle, Calixto Bieitos "Don Giovanni"-Inszenierung in Hannover, die Holocaust-Ausstellung in Berlin und ein Konzert des ehemaligen Beach Boys-Sängers Brian Wilson in Stockholm.

Aufmacher des Literaturteils ist Ulrich Greiners Besprechung von Peter Handkes neuem Roman "Der Bildverlust".

Auch außerhalb des Feuilletons haben wir ein paar interessante Artikel gefunden. Im Leben porträtiert Christine Korff den amerikanischen Schriftsteller John Irving, der behauptet, dass ihm der Nobelpreis nicht wichtig wäre (wahrscheinlich bezieht er angemessene Honorare). Katharina Born berichtet über zwei Filme, die der junge Regisseur David Teboul exklusiv über Yves Saint-Laurent drehen konnte - und was sie berichtet, klingt interessant: Die Filme scheinen auf allen Chichi zu verzichten und den Modeschöpfer vor allem bei der Arbeit zu zeigen. (Die Filme wurden für Canal Plus gedreht und laufen wahrschienlich im April im WDR.) Im politischen Teil bekennt sich Klaus Schwab, der Begründer des Wirtschaftsforums von Davos, das in diesem Jahr allerdings in New York stattfindet, als der wahrscheinlich erste Antiglobalisierer. Und im Dossier fragt Jan Ross nach ausführlicher Feldforschung: Wie fabelhaft ist das Land der Bayern wirklich?