Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.01.2002. In der FR spekuliert Benjamin Barber über die Chancen der Globalisierungskritik. Die FAZ verabschiedet Craig Venter. Die SZ ermittelt, was von der Freiheit der Hochschulen bleibt, wenn sich die Sozialdemokraten ihrer annehmen, und die NZZ stellt eine marokkanische Feministinnengruppe vor, die Frauen zum Schreiben ermutigt.

NZZ, 23.01.2002

Martina Sabra stellt die Bürgerinnenkarawane vor, eine Gruppe marokkanischer Feministinnen, die übers Land ziehen, die Landbevölkerung - besonders die Frauen - mit Büchern versorgen und Schreibwerkstätten abhalten: "Emanzipation ist zwar das wichtigste, aber nicht das einzige Thema der Schreibwerkstätten. Zurzeit begleitet Fatima Mernissi im Zusammenhang mit der Bürgerinnenkarawane Buchprojekte über Ökologie, über Märchen der Berber und über weibliche politische Gefangene in Marokko. Der gemeinsame Nenner ist, dass die Bücher von Kollektiven verfasst werden und dass sie demokratisches Denken und Verhalten fördern."

Weiteres: Felix Philipp Ingold stellt russische Neuerscheinungen von und zu Joseph Brodsky vor. Claudia Schwartz resümiert die neueste Debatte um das Berliner Holocaust-Mahnmal - Beton oder Schiefer? (die allerdings schon beigelegt scheint) Frank Helbert gratuliert dem neapolitanischen Sänger Roberto Murolo zum Neunzigsten. Marcus Stäbler feiert das "bemerkenswerte Comeback der Langspielplatte" und stellt einige neue LPs vor. Besprochen werden in einer Doppelkritik "Les Contes d'Hoffmann" und "Tamerlano" in Berlin und einige Bücher, darunter eine Biografie des Psychoanalytikers Henry Lowenfeld (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und in einer Meldung erfahren wir, dass Stefan Bachmann das Basler Theater verlässt.

SZ, 23.01.2002

Was von der Freiheit der Universitäten bleibt, wenn sich Sozialdemokraten ihrer annehmen, Albrecht Koschorke kann davon ein Lied singen. Ein elegisches: "Das System verschärfter Regulationen fängt bei den immer kürzer getakteten Studiengängen an ... Es setzt sich in der bevorstehenden kompletten Verschulung der Promotionsphase fort und reicht bis zur Forschungsplanung, die sich auf teilweise absurde Weise in der Anpassungsspirale wechselseitiger Begutachtungen verfängt und damit Innovation durch Dissens erschwert. Mag die Ordinarienuniversität ständischer Prägung auch ein Nährboden für gewisse Privatneurosen gewesen sein: Man wird sich angesichts der Kultur betriebskonformer Gruppenneurosen, die heraufzieht, mit Nostalgie an sie erinnern."

Angesichts der Kaltstellung von Christoph Vitali als Direktor des Hauses der Kunst in München überlegt Dorothee Müller, was ein Museums-Leiter eigentlich alles haben muss: Führungsqualitäten, Visionen, Durchsetzungsvermögen, Risikobereitschaft; "er muss Ressourcen erschließen und natürlich auch den Conferencier spielen vor dem Förderverein und den Wirtschaftsbossen ? ein Manager, der mit Tempo und Energie arbeitet und omnipräsent ist." Ach ja, und vor der Event-Falle muss er sich natürlich hüten. Alles in allem jemand wie ? Vitali. Er sei es schließlich gewesen, "der uns vorgeführt hat, wie man die Gratwanderung zwischen Hoch- und Trivialkultur, zwischen kanonischer und populistischer Museumsinzenierung souverän meistert".

Weitere Artikel: Ein Nachruf auf die amerikanische Jazzsängerin Peggy Lee, Sonja Zekri konstatiert kleine Schritte in der deutsch-russischen Beutekunst-Verhandlung, der Theaterkritiker Helmut Schödel berichtet von seinem Regiedebüt in Wien (warum nicht), Oliver Fuchs liefert Eindrücke von der Musikmesse Midem in Cannes, Harald Eggebrecht erinnert an den vor 50 Jahren gestorbenen Wunder-Cellisten Emanuel Feuermann, und Svenja Klaucke stellt die Barock-Komponistin und Cembalistin Elisabeth-Claude Jacquet de la Guerre und ihre Musik vor.

Auch bei den Besprechungen ist Musik drin: Andrej Gavrilovs Klavierabend im Münchner Herkulessaal wird besprochen, ferner eine Neuaufnahme von Luciano Berios "Voci"-Zyklus, Christoph Sperings "ungeschönte" Einspielung des Mozart-Requiems.
Weiter werden besprochen Michael Apteds Verfilmung von Robert Harris' "Enigma", eine Werkschau des amerikanischen Künstlers Tom Friedman im New Museum of Contemporary Art in New York und Bücher, darunter Oliver Sacks Erinnerungen an "Onkel Wolfram" und Essays von Hans-Ulrich Wehler (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 23.01.2002

In der FR untersucht der Strafrechtler Klaus Lüdersen, ob sich der Krieg durch ein Weltstrafrecht zivilisieren ließe, da ja offenbar "das nationale Strafrecht nicht effizient genug ist, das Bürgerstrafrecht aber noch keine Weltgeltung beanspruchen kann und wir das Kriegsrecht nicht mehr haben wollen". Lüdersen schlägt vor, zwei Sorten Strafrecht zu etablieren: "Das Bürgerstrafrecht der engen Verhältnisse und das Feindstrafrecht der großen Verhältnisse." Allerdings bestehe hier die Gefahr, "dass Konflikte, die bei dem auf innerstaatliche Verhältnisse begrenzt bleibenden Strafrecht nach diesem beurteilt werden, im Zeichen der Trennung von Bürgerstrafrecht und Feindstrafrecht auf einmal in das Feindstrafrecht überwechseln". Dann doch lieber auf die Effizienz "einer dem Gegner moralisch überlegen bleibenden, sich rechtlich auch anderen Staaten gegenüber selbst begrenzenden Staatsgewalt" hoffen, meint Lüdersen. Und denkt dabei ? an wen wohl?

Desweiteren gibt es ein Gespräch mit dem US-Politikwissenschaftler Benjamin Barber ("Jihad vs. McWorld") über die Chancen und Probleme der Globalisierungkritik: "Die Stärke ist, dass viele Menschen, die nicht selber direkt von Globalisierung geschädigt wurden, verstanden haben, dass etwas moralisch und politisch im Argen liegt ... Das Problem ist, dass die Bewegung es zugelassen hat, als Antiglobalisierungsbewegung charakterisiert zu werden. Das ist ein grobes Missverständnis, denn es gibt keinen Stopp für die Globalisierung. Sie ist eine notwendige historische Konsequenz aus technologischen, ökologischen, ökonomischen und historischen Trends."

Und was noch? Jochen Schimmang warnt vor der Dämonisierung Edmund Stoibers ("Der Edi ist kein Franz Josef"), Matthias Dell stellt den Palais de Tokyo, Paris' neues Museum für zeitgenössische Kunst, vor, Hans Wolfgang Hoffmann war auf Betriebsprobe im von Dietrich Bangert entworfenen neuen Tierheim in Berlin-Falkenberg (gibt's eigentlich sonst nichts zu berichten?), und Daniel Kothenschulte schreibt zum Tode der Sängerin und Songschreiberin Peggy Lee.

Besprochen werden eine Inszenierung von Max Frischs "Graf Öderland" im Stadttheater Bonn, Gert Jonkes wenig flatterige "Vögel" am Wiener Volkstheater, und Ulrich Speck nimmt sich mit weiser Verspätung der vergangene Woche gestarteten Holocaust-Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin an und befindet: zu wenig Aussagen, zu wenig Perspektiven.
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TAZ, 23.01.2002

In den Tagesthemen berichtet Michael Braun aus Rom über die diversen juristischen Tricks, mit denen Silvio Berlusconi sich schadlos und seine Wähler zum Narren hält: Fragwürdige, in aller Eile vorgenommene Gesetzesänderungen, Befangenheits-, Unzulässigkeits- und Ablehnungsanträge, die gegen ihn angestrengte Verfahren (u.a. wegen Richterbestechung) bis zur Verjährung in die Länge ziehen, Versetzung und Sanktionierung unliebsamer Richter etc., etc. "Den Königsweg kennt der Justizminister: Er plant eine Justizreform, die engültig mit der Unabhängigkeit der Staatsanwälte Schluss macht. Der Exekutive gegenüber weisungsgebundene Staatsanwaltschaften" ? ein Alptraum. Dazu gibt es auch ein Interview mit dem italienischen Philosophen Paolo Flores DArcais, der die von Berlusconi ausgehende Gefahr für den Rechtsstaat bestätigt und seiner Regierung Peronismus vorwirft.

Was politisch korrektes Flaggehissen meint, hat Thomas Girst im Kulturteil für uns eruiert, indem er den gerade entbrannten Streit um das Denkmal für die umgekommenen New Yorker Feuerwehrmänner zu dem berühmten, aber leider gefaketen Foto der Flagge hissenden Soldaten auf Mount Suribachi in Parallele setzt: "Die drei weißen Kollegen, die im Foto die Flagge hissen, sind in der Statue zu einem weißen, einem schwarzen und einem hispanischen Feuerwehrmann transformiert." Als ob das wer hätte unterscheiden können. Bei dem Staub.

Außerdem kulturell: Im Aufmacher des Feuilletons hält Reinhard Krause Kanonisierung Serge Gainsbourgs zum französischen Klassiker-Poeten mit den Wiederveröffentlichungen seines Ouevres (hier kann man mal reinhören) endgültig für abgeschlossen. Aus der Marketingküche meldet Thomas Winkler, wie sich BMG Ariola mit den "Nu-Divas" einen Medienhype bastelte. Martin Zeyn stellt den aktuellen Band "Comics neu erfinden" von Scott McCloud vor ("eine deprimierende Lehrstunde"), und Daniel Tyradellis bespricht den Tagungsband "Über Schall. Ernst Machs und Peter Salchers Geschossfotografien" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

FAZ, 23.01.2002

Die FAZ bietet mal wieder Stoff für drei Feuilletons.

Vor kurzem war Craig Venter noch der strahlende Held der Genrevolution, nun ist er vom Boss der Firma Celera Genomics, mit der er das Humangenom entschlüsselte, zum Berater degradiert worden (und wir dachten eigentlich immer, er sei der Boss). Joachim Müller-Jung fragt: "Stürzt damit der Mann, der schon zu Lebzeiten reichlich Stoff für Legenden lieferte, ein für allemal vom Sockel? Venters letzte Worte nach der Kündigung lassen vermuten, daß sein Stern am Biotechhimmel in der Tat verglüht ist: 'Wir sind jetzt an einem Zeitpunkt angelangt, an dem ich am besten als wissenschaftlicher Berater zum Unternehmenserfolg beitragen kann', schreibt er in einem kurzen Kommentar zur entscheidenden Mitteilung seiner Muttergesellschaft."

Ein drastisches Bild für das Verhältnis zwischen Österreichern und Tschechen nach der Volksabstimmung zum Atomkraftwerk Temelin findet Eva Menasse: "Da die wesentliche charakterliche Verwandtschaft zwischen den beiden Völkern darin besteht, dass sie schnell beleidigt sind, diese Beleidigtheiten aber so ungesund lange in sich hineinfressen, bis sie mit Gestank und Getöse platzen, erinnerten die in den letzten Tagen eskalierenden Auseinandersetzungen zwischen Haider und dem tschechischen Premier Milos Zeman an das Glück von Magenkranken, die endlich die Toilette erreicht haben: soviel loswerden wie möglich und keine Zurückhaltung mehr bei den Begleitgeräuschen."

Wilfried Wiegand resümiert französische Debatten um Bertrand Taverniers neuen Film "Laissez-passer", der die Filmemacher der Besatzungszeit als Helden dastehen lässt, Wiegand aber auch filmisch nicht überzeugt ("Unentwegt wechseln Schockszenen und Kalauer. Hilflos taumelt die Kamera durch das Geschehen, und je länger das dramaturgische Patchwork dauert, um so mehr bekommt man den Eindruck, dass hier ein Regisseur vor sich selbst flieht.") Auf der Berlinale wird man sich selbst ein Bild machen können. Eine andere Geschichte aus Frankreich erzählt Jürg Altwegg. Die Zeitung Le Monde will an die Börse gehen. Ihr Ableger Le Monde diplomatique - eine Schaltzentrale der Globalisierungsgegner - ist dagegen und hat es auf ihren Seiten auch gesagt. "Die Ausführungen waren derart tendenziös, dass sich der publizistische Leiter des Gesamtunternehmens, Jean-Marie Colombani, jetzt zu einer Gegendarstellung in Le Monde diplomatique selbst veranlasst sah."

Weitere Artikel: Marion Löhndorf hat Hintergründe zur Auflösung des deutschen Exil Pen-Clubs recherchiert - auch Ärger mit dem wiedervereinigten deutschen Pen-Club, der die Vergangenheit des Ost-Pens nur unzureichend aufarbeitete und dafür von den letzten Exilautoren kritisiert wurde, sollen hier eine Rolle gespielt haben. Der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff (mehr hier) versucht, uns in einem sehr langen Essay zu erklären, dass der Schöpfungsglaube einen rationalen Gehalt habe, der in der Debatte um Biopolitik konsequent entfaltet werden sollte. Florian Borchmeyer schickt einen Stimmungsbericht aus Kuba, wo sich die Bevölkerung für die von den Amerikanern auf ihrer Basis in Guantanamo inhaftierten Taliban nicht die Bohne interessiert. Thomas Wagner gratuliert dem Maler Leon Golub (Bilder) zum Achtzigsten. Der Ornithologe Cordt Riechelmann prüft die Stimmigkeit eines von den Grünen propagierten Selbstbildes - in einer Formation wie die Wildgänse wollen sie ja in den Wahlkampf ziehen, haben dabei aber wohl vergessen, dass die Führungsgänse in einer solchen Formation beständig rotieren. Alexandra Kemmerer resümiert einen Leipziger Vortrag von Johannes Fried über "Erfahrung, Wissen, Gesellschaft".

Ferner meldet Ilona Lehnart, dass die Bundesländer entgegen anderslautenden Gerüchten an ihrem Engagement in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz festhalten. Dieter Bartetzko beklagt, dass das abrisswütige Frankfurt nun auch noch zwei historische Zollhäuser demolieren will. Paul Ingendaay schreibt zum Tod des spanischen Theatermanns Adolfo Marsillach. Kerstin Holm begleitet Julian Nida-Rümelin auf Moskaureise, wo unter anderem über Raubkunst diskutiert wird - und nebenbei erfahren wir, dass Putin einen weiteren privaten Fernsehsender geschleift hat. Die Geheimdienstkolumne von Carl Zuckmayer wird mit einem Profil über Erich Kästner fortgeführt. Ilona Lehnart betrachtet die Kunst im neu eröffneten Jakob-Kaiser-Haus.

Auf der letzten Seite stellt Verena Lueken das Buch "Public Intellectuals: A Study of Decline" des amerikanischen Rechtsprofessors Richard Posner vor, der durch Eingaben bei Suchmaschinen eine Rangfolge amerikanischer Intellektueller ermittelte. Gerhard R. Koch schreibt ein Porträt der tatarischen Pianistin Anna Gourari, die in Werner Herzogs letztem Film spielt und zur Zeit durch die Talkshows gereicht wird - an ihrem proklamierten Weltklasserang aber zweifelt Koch: "Zu suggerieren, wahre Skrjabin-Interpretation erwachse einzig aus der Absenz jeglicher Deutlichkeit, ist fatal."

Zuguterletzt setzt sich Christoph Albrecht mit dem amerikanischen Naturhistoriker Jared Diamond auseinander, der Geschichte aus Naturtatsachen ableiten will und diese These in der Washington Post auch auf den 11. September anwandte - "Er fordert, dass wir die Hunde füttern, die uns beißen könnten", schreibt Albrecht. Aber in der Post steht es anders: "Why We Must Feed the Hands That Could Bite Us".

Neben so vielen Essays, Erwägungen und Erzählungen bleibt Platz für zwei Besprechungen. Sie gelten einem Konzert der "Walkabouts" und dem Berliner Händeltreffen.