Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.10.2001.

NZZ, 20.10.2001

Der Schriftsteller Zülfü Livaneli denkt "als Türke an Griechenland", und dies durchaus hoffnungsvoll. Er lässt die gegenseitige Befruchtung der Kulturen Revue passieren und resümiert. "Heute, wo Griechenland Mitglied der Europäischen Union geworden ist und wo sich auch die Türkei auf Europa zu bewegt, haben sich die starren Fronten aufgeweicht. Insbesondere die Hilfe des griechischen Volkes nach dem letzten Erdbeben, dem in der Türkei 17 000 Menschen zum Opfer fielen, haben die Herzen weicher gestimmt. Die Urgewalt der Natur erinnerte die Feinde daran, dass dies- und jenseits der Ägäis Menschen leben. Für mich ist Griechenland wie eine zweite Heimat."

Weitere Artikel: Sabine Fröhlich erinnert an Margarete Buber-Neumann, die morgen 100 Jahre alt geworden wäre. Wolfgang Spohn schreibt zum Tod des Philosophen David Lewis. Besprochen werden die Andy-Warhol-Retro in Berlin und die Ausstellung "The Genomic Revolution" in New York.

"Die junge deutschsprachige Lyrik hat Konjunktur", meldet Kurt Drawert (selbst Lyriker) in der Samstagsbeilage Literatur und Kunst. Dabei findet er es auffallend, "dass die substanzielle Entleerung als Begleiterscheinung einer postmodernen Textauffassung, nach welcher die Sprache keinen Verweisungscharakter mehr besitzt, zumindest gebremst und mit Gegenentwürfen bedacht wird. Die Gedichte bergen verstärkt einen erzählenden oder reflektierenden Stoff und bewegen sich, wie auch immer sie formal organisiert sind, um ein signifikatives Zentrum - im Unterschied zum freien Spiel mit den Zeichen und zur Behandlung der Sprache als reines Material."

Zu dem Artikel gehören vier kleine Kästen zu den Lyrikern Sepp Mall ("Wo ich herkomme ist der Winter keine Jahreszeit/ sondern ein Zustand die im Speichel fest-/ gefrorenen Zungen lösen sich einmal im Jahr..."), Ulf Stohterfoht ("moskowiter einem biegsamen gorch zu ohren/ man wolle ein kinn von ihm das eigene sei ja/ anno im zugriff auf kronstadt geschmettert...", Christian Lehnert ("Mein Verhältnis zum Fluss trennte uns. In /Mäandern, mit zäher Strömung, trieb mich der/ Sog, das Land..."), Armin Senser ("Joseph Beuys - Er war sein einziges Werk - und er wurde nicht/ müde, es den Unverständigen in brutal strengen/ Worten zu flüstern...") und Lutz Seiler ("einmal, es hieß, die wurzel ihres hustens/ leuchtete uns die stiege herunter..." Also keine Frau und kein Grünbein drunter!

Weiteres: Birgit Sonna erinnert an Joseph Beuys und wundert sich, wie wenig Aufhebens um ihn in Deutschland zu seinem 80. Geburtstag im Mai gemacht wurde. Hubertus Adam benennt "neue Tendenzen im Werk von Diener & Diener Architekten". Julia Schmidt denkt über den Umgang des experimentellen Films und der bildenden Kunst mit der Herausforderung Fernsehen nach. Georg Germann schreibt zum 200. Geburtstag des Basler Architekten Melchior Berri. Und Martin Engler bespricht eine Olaf-Breuning-Ausstellung in Schaffhausen.

SZ, 20.10.2001

Bert Fragner ist Vorsitzender der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. In einem bemerkenswerten Beitrag hält er Ausschau nach einer universalen "Weltgeschichte" der Menschheit als Alternative zur Vorstellung von der "Weltaneignung" des westlichen Geistes: "Die Entstehungsgeschichte des Islams sehen wir nicht mehr als den spirituellen Aufbruch der Wüstensöhne an. Die Araber, Erben der Nabatäer und Syriens, sind gleichermaßen Erben der spätrömischen und byzantinischen Kultur. Eine der kulturellen Grossleistungen des frühen Islam ist die Amalgamierung des spätantik-oströmischen Zivilisationsraumes mit dem iranisch geprägten der Sassaniden in Persien sowie dem der Sogdier und Kuschanen in Mittelasien ... Noch nie davon gehört? Eben darin liegt das Problem."

Gottfried Knapp schwärmt vom "Maison Hermes", das Renzo Piano auf einem handtuchschmalen Grundstück in Tokio errichtet hat: "Das Firmen-Logo schwebt so diskret über dem Dach, dass es nur von Hochhäusern herab zu entdecken ist. Das winzige Stück Schaufenster an der Hauptstraße ist allenfalls ein Guckloch, eine Öffnung in eine geheimnisvoll sich verschließende, verlockende Welt." Hauptmedium dieser Welt ist eine semitransparente Haut aus Glasbausteinen. "Um mit dem tragfähigen, aber splittrigen Baustoff im erdbebengefährdeten Tokio eine geschlossene Gebäudehaut hochziehen zu können, mussten winzige Stoßdämpfer in den Fugen zwischen den Steinen angebracht werden."

Weitere Artikel: der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk ("Rot ist mein Name") lobt die "wahren Figuren" seines Kollegen V.S. Naipaul. Franziska Augstein knüpft ein "deutsches Mosaik" aus Gysi, PDS, Gauck-Behörde und dem Westen. Die Soziologin Saskia Sassen äußert sich zu nicht-ökonomischen Formen der Globalisierung. Ulrich Raulff kündigt eine Darmstädter Ausstellung zur Lebensreformbewegung an. Fritz Göttler unternimmt einen Streifzug durch internationale Journale, Sören Harms erinnert an Klaus Störtebeker, der vor 600 Jahren enthauptet wurde, und es gibt ein Gespräch mit Peter Mussbach, dem künftigen Intendanten der Berliner Staatsoper Unter den Linden.

Besprochen werden Rob Cohens Film "The Fast and the Furious", Jon Fosses "Traum im Herbst" in Wien, die wiederaufgelegte Hörspielfassung der "Buddenbrooks" von 1965, Friedrich Christian Delius' Roman "Der Königsmacher" und ein Paris-Fotoband von Paul Almasy (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

Die SZ am Wochenende bringt einen langen Text, in dem Erdmute Heller die historischen Hintergründe der islamischen Selbstmordattentäter beleuchtet und Hassan-i Sabbah, den genialen Begründer der im 11. und 12. Jahrhundert berüchtigten ismailitischen Sekte der Assassinen vom Berg Alamut, als Bin Ladens satanisches Vorbild erkennt. Außerdem schreibt Klaus Podak über Alberto Giacometti, Frieder Reininghaus erinnert an den Komponisten Albert Lortzing, und ein 70-jähriger John le Carre begibt sich auf die Spuren seines Vater, eines Schwindlers.

FR, 20.10.2001

In der FR erinnert Peter Fuchs an den Gründungsmythos der Medizin, bei dem auch der Milzbrand seine Rolle gespielt hat. Der von Robert Koch in seiner "Ätiologie der Milzbrand-Krankheit" geleistete gloriose Nachweis des Milzbranderregers hat für Fuchs mit den jüngsten Anthrax-Anschlägen allerdings eine dunkle Seite bekommen: "Der Fortschritt (in jenen Gründungsmythen evident geworden) ist offenbar kein Fortschritt gewesen, er hat zumindest ein doppeltes Gesicht ... Die Bedingung der Möglichkeit, Krankheiten abzuschaffen, ist zugleich die Bedingung der Möglichkeit, sie einzusetzen."

Passend zum Preußenjahr stellt Heinz Dieter Kittsteiner Deutungen des rätselhaften Schriftzugs am Schloss Sanssouci Friedrichs des Großen zusammen (da prangt in goldnen Lettern eben nicht "Sanssouci", sondern "Sans, Souci.", samt Komma und Punkt). Folgende Deutung scheint uns plausibel: "Komma heißt im Französischen nun einmal 'virgule' und leitet sich vom lateinischen 'virgula' - Rütchen, Stäbchen her. Und 'sans virgule...' hieße: ohne Rütchen. Aus dem Namen des Schlosses könnte man dann die verschlüsselte Botschaft herauslesen: 'Ohne Rütchen Sorgen.'" Wo ja was dran ist, "Sans, Doute."

Außerdem gibt es ein Gespräch mit dem Schriftsteller Robert Menasse über das Monopol der Sprachlosigkeit sowie einen Überblick über neue Ausgaben von Lettre, Kursbuch, Mittelweg 36 und Der Blaue Reiter, die z.T. übrigens noch vor der "Zeitenwende" des 11. September in Druck gingen. Und im FR-Magazin sagt die PDS-Politikerin Sahra Wagenknecht, warum Gysi kein zweiter Fischer werden darf.

Und besprochen werden: Jon Fosses "Traum im Herbst" in Berlin und Wien, Terry Zwigoffs Teeniefilm "Ghost World", die neue Platte der Berliner Band "Mutter", ein Band mit Gedichten von Elisabeth Bishop sowie Jonas Mekas' filmisch-fotografisches Tagebuch (auch in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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TAZ, 20.10.2001

Laurie Anderson erklärt im Interview mit Daniel Bax, worauf ihre Geschichten über New York gründen, die auf dem neuen Album "Life on a String" zu hören sind: "Sie gründen auf Beobachtungen, die ich beim Umherstreifen durch New York gemacht habe. Das hatte einen konkreten Hintergrund: Ich hatte den Auftrag, für die Encyclopaedia Britannica das Kapitel über New York City zu schreiben. Ich habe dabei auch viel über das World Trade Center geschrieben, denn ich mochte dieses Gebäude sehr - was ja nicht allen so ging. Ein Aspekt, dem ich bei meinen Recherchen nachgegangen bin, war übrigens die Frage, wie weit es wohl fallen würde, wenn es einstürzt..."

Daneben steht ein Bericht über das Anderson-Konzert in Berlin von Harald Fricke. Von Elektronik gab es kaum eine Spur: "Heute hat sich die mittlerweile 54-Jährige Performerin/Songwriterin drei angenehm niedertourige Mitmusiker hinzugeholt, die mehr Soundsprengsel einwerfen, als dass sie richtig rocken würden: Sitzkissentechno für eine Generation, die von Andersons New-Wave-Feminismus in den 80er-Jahren angefixt wurde, dann ins subkulturelle Bildungsbürgertum abdriftete und nun allmählich alt geworden ist."
Weitere Artikel: Fünf "Walkürenritte" durch den neu bearbeiteten "Apokalypse Now", besprochen wird noch Friederike Hellers Theaterabend "Bondage: Agent entfesselt" in Dresden. Auf der Medienseite schreibt Arno Frank über den Bedeutungswandel von "weißem Pulver", Steffen Grimberg gratuliert Leo Kirch sehr überschwänglich zum 75.

Und das tazmag überrascht mit einem Hochschuldossier. Darin u.a. ein Artikel, der die Effizienz von Geisteswissenschaftlern misst, und ein hoffnungsfroher Beitrag zum Thema Hochschulreform.

Bleibt uns der Tom.

FAZ, 20.10.2001

Der Mittelalter-Historiker Bernd-Ulrich Hergemöller, Autor eines Buchs über die Geschichte der Homosexualität in Deutschland, will zwar Lothar Machtans Thesen über Hitlers angebliche Homosexualität nicht folgen, versteht sein Buch aber als " die Rache dafür, dass die Erforschung des Nationalsozialismus bis heute zentrale Aspekte der historischen Wirklichkeit, vor allem die Aspekte der Genitalität und Erotik, systematisch ins Abseits gedrängt und die theoretischen Bemühungen der Geschlechterforschung allzulange ignoriert hat." An Machtans Buch lässt Hergemöller kein gutes Haar, aber er hofft, dass die Forschung dadurch dennoch einige Impulse erhält, zum Beispiel um "die nationalsozialistischen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit in den Kontext der historischen Entwicklung von den Zeiten des Turnvaters Jahn über den Wilhelminismus und das Heldenbild des Ersten Weltkrieges bis zu den Freikorps und Rechtsparteien einzuordnen."

Auf der letzten Seite schreibt Stefanie Flamm ein schönes Porträt der Stadt Baku im heute unaghängigen Aserbaidschan: " Die Röcke sind in Baku kürzer als in europäischen Städten, die Haare tragen die Frauen fast immer frei, meistens aufwendigst onduliert. Auch die sowjetische Schminkschule steht hier noch hoch im Kurs. Doch auch die drei aufgebrezelten Damen, die sich in dem kleinen Supermarkt neben der Hugo-Boss-Boutique in der Neustadt die Stelle an der Kasse teilen, betonen, dass sie muslimischen Glaubens sind. Aber ihr Islam führt sie nicht geradewegs zurück ins Mittelalter, sondern ist der Restbestand einer Kultur, die ihre Vorfahren zusammen mit der aserischen Sprache über drei Jahrhunderte russischer Besatzung in die Gegenwart gerettet haben."

Weiteres: Die FAZ druckt einen offenen Brief Amos Oz' nach, der auf das Schicksal von vier von der Hisbollah entführten Israelis hinweist - seit einem Jahr kein Lebenszeichen, kein Kontakt mit den Angehörigen und kein Interesse der internationalen Öffentlichkeit. Christian Schwägerl bringt die frohe Kunde, dass es möglicherweise bald einen künstlich gezüchteten Ersatz für menschliche Stammzellen gibt, so dass die Genforschung ohne schlechtes Gewissen voranschreiten könnte. Dieter Bartetzko berichtet auf einer schön illustrierten Siete über neue Fundstücke aus Pompeiji. Zhou Derong berichtet aus China, wie sich die dortigen Kommunisten mit schicken Hochhäusern bei westlichen Touristen beliebt machen wollen, um ihr Image im Westen aufzupolieren.

Ferner liest Ingeborg Harms deutsche Zeitschriften. Frank Kaspar erzählt auf der Medienseite, wie ein kroatischer Journalist, der ohne Beweise in Untersuchungshaft gesteckt wurde, auf Druck seiner Schwester und westlicher Kollegen freikam. Gina Thomas gratuliert dem britischen Historiker Hugh Thomas zum Siebzigsten. Gisa Funck resümiert eine Rothenburger Tagung über Kafka. Bernd Goebel schreibt zum Tod des Philosophen Gangolf Schrimpf. Paul Ingendaay kommentiert die Vergabe des (des mit exorbitanten 1,2 Millionen Mark dotierten) Planeta-Preises an die katalanische Autorin Rosa Regas - der Planeta-Preis ist die berühmteste literarische Auszeichnung in Spanien. Michael Gassmann gratuliert dem britischen Komponisten Malcolm Arnold zum Achtzigsten. (Es ist doch seltsam, dass der sonst so gedenkseligen FAZ zum 100. Geburtstag Margarete Buber-Neumanns dagegen gar nichts einfällt.)

Besprechungen gelten der Verfilmung des Comics "Ghost World" durch Daniel Clowes, dem "Nyyd"-Festival für Neue Musik in Estland, Jon Fosses "Traum im Herbst" im Wiener Akademietheater, Verdis "Ernani" in Karlsruhe, einer Peter-Pongratz-Ausstellung im Wiener Palais Harrach, dem Film "The Fast and the Furious" und einem Auftritt der Band "Rosenstolz" in Neu-Isenburg.

In der Samstagsbeilage Literatur und Kunst erinnert Edo Reents an das erste Erscheinen der "Buddenbrooks" vor hundert Jahren. Dokumentiert wird eine Rede Werner Spies' zur Verleihung des Goslarer Kaiserrings an Christian Boltanski. Arnold Esch schildert am Beispiel eines deutschen Notars und seines römischen Kundenkreises den Alltag im Italien der Renaissance. Freddy Litten erinnert an den ungarischen Abenteurer Ignatius Trebitsch-Lincoln. Und Dietmar Ploaczek bespricht eine Ausstellung über die Duse in Venedig.

In der Frankfurter Anthologie präsentiert Eckhard Heftrich ein Gedicht von Brecht - "Das erste Sonett":

Als wir zerfielen einst in DU und ICH
Und unsere Betten standen HIER und DORT
Ernannten wir ein unauffällig Wort
Das sollte heißen: ich berühre dich..."