Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.10.2001.

NZZ, 19.10.2001

Philipp Meuser singt dem Plattenbau ein Loblied. In der usbekischen Hauptstadt Taschkent, erzählt er, haben die besten sowjetischen Architekten nach dem großen Erdbeben 1966 "die phantasievollsten Beispiele des modernen Plattenbaus" geliefert, "in denen sich bautechnische Anforderungen mit lokalen Traditionen verbanden. So etwa finden sich auf den Fassaden vieler Wohnbauten geometrische Formenmuster, die ihre Wurzeln in der islamischen Baugeschichte haben." Leider wollen die heutigen Stadtplaner nichts mehr davon wissen, "und für offizielle Vortrags- und Lehrveranstaltungen scheinen die Jahrzehnte vor 1991 tabu zu sein. Laut Aussagen von Studenten werden zurzeit sogar die Bände der sowjetischen Architektur aus den Bibliotheken geräumt." Gefragt ist jetzt statt dessen Retro-Architektur.

Elisabeth Schwind berichtet über das Studio für elektronische Musik des WDR. Noch vor einem Jahr sah es so aus, als würde es still und heimlich abgeschafft ? Haus verkauft, künstlerischer Leiter ausgeschieden ?, doch dank des Einsatzes von WDR 3-Chef Karl Karst gibt es inzwischen erfolgversprechende Verhandlungen zwischen dem WDR und der Stadt Köln über den Fortbestand des Studios. Wer hören möchte, was dort so im Laufe der Jahre produziert wurde, sollte die Radiosendung "WDR 3 open" einschalten, die einmal die Woche spät abends (das muss wohl so sein) von Frank Hilberg präsentiert wird.

Weitere Artikel: Georges Waser meldet die Verleihung des Booker Preises an Peter Carey für "True History of the Kelly Gang". Und Joachim Güntner kündigt die Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt an, die am 25. Oktober beginnt.

Besprochen werden eine Ausstellung zu Ödön von Horvath im Wiener Literaturhaus und die Ausstellung Sverre Fehn (er hat den nordischen Pavillon für die Biennale in Venedig entworfen, hier ein paar Fotos seiner Arbeiten) im Centre Pasquart in Biel.

SZ, 19.10.2001

Andrian Kreye hat in New York ein Arbeitsessen des "Middle East Forum" besucht, bei dem auch Ravan Farhadi, Botschafter der afghanischen Nordallianz in Amerika, anwesend war. "Ravan Farhadi vertritt zwar die Vereinigte Front der Kriegsfürsten, aber eigentlich symbolisiert er die goldenen Jahre Afghanistans, jenen kurzen Aufschwung in den sechziger Jahren, als der heute 87-jährige König Mohammed Zahir Schah versuchte, sein Land mit einer konstitutionellen Monarchie in die Moderne zu führen ... Nur wenige erinnern sich heute noch an das aufblühende Kabul, die Obsthaine von Kandahar, die prächtigen Moscheen von Haret." Vertreter der damaligen intellektuellen Elite wie Farhadi sind heute entweder tot oder alt. "Zu alt, um noch einmal eine Regierung zu gründen, einen Staat aufzubauen."

"Bayreuth, ein Hort der Zukunft? Was bislang wie ein Oxymoron klang, wird wahr. Reinhard J. Brembeck sieht die Berufung Lars von Triers zum Herr des Rings 2006 allerdings eher als geschickten propagandistischen Schachzug des Herrn des Hügels: "Wollte er seinen Kritikern tatsächlich Paroli bieten, so müsste er zuallererst seinen patriarchalischen Führungsstil ändern ? für den diese Entscheidung allerdings ein neuerlicher Beleg ist. Auch macht dieses eine Votum fürs Experiment keineswegs seine jahrelange Verweigerung aufregender Regietaten unvergessen. Eines ist jedoch mit dieser Entscheidung auf jeden Fall klar: Für die nächsten zehn Jahre werden Wolfgang Wagners Ideen den Spielplan in Bayreuth bestimmen."

Weitere Artikel: Burkhard Müller-Ullrich erzählt, wie er sich auf einer Londoner Auktion in den nächsten Roman von Robert Harris eingekauft hat, Wolfgang Schreiber avisiert die Donaueschinger Musiktage, wir lesen, warum Nike Wagner doch nicht Hamburger Kultursenatorin wird, dass Alain Robbe-Grillet gar nicht tot, sondern quicklebendig ist und soeben einen neuen Roman vorgelegt hat, es gibt ein Interview mit dem Städteplaner Albert Speer über das neue Weltdorf Fröttmaning, einen Geburtstagsgruß an John le Carre zum 70. und einen Nachruf auf den Hollywoodkomponisten Jay Livingston.

Besprochen werden heute: Eine Ausstellung über die Erziehung am preußischen Hof im Berliner Stadtmuseum, Trevor Jacksons Tanzplatte "Playgroup" (hier was zum Hören) und Bücher, darunter Julia Schochs Erzählband "Der Körper des Salamanders" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 19.10.2001

In der FR äußert Ulrich Speck die Vermutung, dass die Weltgesellschaft durch den Terror via Jet und Briefpost einen "Virtualisierungsschub" erlebt: "Aus E-mails ist bislang noch kein weißer Staub gerieselt, und wer online im Chatroom verhandelt, muss keine Angst davor haben, dass ihm plötzlich ein Tapeziermesser an den Hals gehalten wird. Bleibt zu Hause, so die implizite Botschaft des Terrors, werft den PC an, statt miles and more hinterherzujagen und euch damit abzumühen, halbwegs lesbare Adressen auf den Briefumschlägen anzubringen."

Thomas Medicus staunt nicht schlecht. Über eine Buch nämlich, das auf über vierhundert Seiten Kampftechniken und Einsatzorte des eigentlich streng geheimen britischen Special Air Service (SAS) vorführt. "Von der Vorbereitung unterschiedlicher - luft-, wasser- oder erdgestützter - Operationen über die Durchführung der Aktion selbst bis hin zu gegenterroristischen Strategien ist alles dabei, was jetzt in Afghanistan militärtauglich ist." Zu bestellen ist der für alle Schläfer höchst praktikable Band für 45,24 Mark übers Internet.

Marcia Pally schickt (sicher per E-Mail) einen ihrer trefflichen Flatiron Letters. Diesmal überlegt sie, was die USA und ihre Verbündeten wohl anstellen, wenn Afghanistan erst zivilisiert ist: "Pakistan nehmen wir uns vielleicht später vor. Ein paar Mängel in der Wasserversorgung werden zwar nicht zu beseitigen sein, aber ansonsten wird der Nahe Osten bald so aussehen wie der Frauenwahlverein von Milwaukee."

Und besprochen werden: Arbeiten des ukrainischen Obdachlosen-Fotografen Boris Mikhailov in der Londoner Saatchi Gallery, eine Ausstellung der schweizerischen Videokünstler Teresa Hubbard und Alexander Birchler in Krefeld, Siegfried Wagners "Heilige Linde" in Köln, ein Heidelberger "Hamlet", schließlich Thomas Arslans "herausragender" Film "Der schöne Tag."
Anzeige

TAZ, 19.10.2001

Thomas Winkler widmet der Teenieband Echt sage und schreibe 367 Zeilen. Um die neue Platte "recorder" geht's allerdings nur am Rande. Vor allem interessiert sich Winkler für die Selbstfindungsgruppe um den Sänger Kim Frank (19, 1,75 m, Haare: dunkelbraun; Augen: blaugrau; Zwilling), die sich müht, das Image vom "substanzlosen Casting-Projekt" loszuwerden, um dafür das Lied von der "natürlich gewachsenen, ehrlichen Rockband" zu singen. Seit dem Erfolg mit "Junimond," so beschwert sich ein Bandmitglied bei Winkler, tauchten bei den Konzerten immer "so Krawalltypen" auf. "Die drängeln sich extra ganz nach vorne, um uns das ganze Konzert den hochgereckten Stinkefinger zu zeigen." Vielleicht, so die Vermutung der netten Jungs, liegt es ja daran, dass man als Inbegriff der netten Jungs von nebenan gilt.

Ferner: Auf der Medienseite erklärt Roland Hofwiler, warum die Nordallianz in Afghanistan Radio nur im Internet sendet und wie die Menschenrechtsgruppe Droit de Parole jetzt ein Friedensradio aufbauen will. Und besprochen werden eine Kinski-Lesung mit dem Schauspieler Claude-Oliver Rudolph in Berlin, Stefan Jägers Dogma-Format-Film "birthday", das neue Album von Spiritualized: "Let It Come Down" (hier ein Video) sowie Platten aus dem ganz hohen Norden: Von 22 Pistepirkko ("Rally Of Love"), den Kings Of Convenience ("Versus") und dem norwegischen Label "Telle".

Und Tom.
Stichwörter: Afghanistan, Internet, Sänger

FAZ, 19.10.2001

Selten war ein Wahlkampf so mau, konstatiert Jürgen Kaube über unsere Hauptstadt. Am Sonntag wird abgestimmt, aber die Stadt ist am Ende der hochfliegenden Hoffnungen und mitten in ihrer grauen Realität angelangt. "Ein bisschen Aufregung über einen Kandidaten, der München - oder war es Ingolstadt? - für die schönste Metropole hält, mehr war nicht. Mühsam wird man sich zu den Urnen schleppen. Es heißt, die weltpolitische Lage habe die Aufmerksamkeit aus dem Wahlkampf abfließen lassen. Aber das ist eine Ausrede. Auch zuvor hat sich kaum ein übergeordnetes Interesse auf ihn gerichtet, ungeachtet des Krieges gibt es kein Motiv, durch das er überregionales Interesse verdienen würde." Naja, Jürgen Kaube hat immerhin den Aufmacher drüber geschrieben.

Joachim Müller-Jung verbindet die beiden großen Debattenthemen der letzten Monate und fragt die Biotechnologin Claire Fraser, ob die Genomforschung den Terroristen in die Hand spielen könnte. Anlass ist ein Artikel, den sie nächste in Nature Genetics veröffentlichen wird. Allerdings ist die Genomforschung selbst auch das Gegenmittel zu den Schäden, die man mit ihr anrichten kann: "Die Genomrevolution erlaubt uns, genau in dieser Richtung voranzukommen. Wenn es uns gelingen könnte, einen Erreger in Minuten vollständig zu identifizieren, und wenn wir in der Lage wären, entsprechend schnell zu reagieren, würde das die Gefahr von Bioterror deutlich mindern und potentielle Täter gegebenenfalls abschrecken."

Weitere Artikel: Klaus Englert hat sich mit Jacques Derrida über Bioethik unterhalten - er ist gegen das Klonen, aber nicht gegen Stammzellforschung. Auf einer ganzen Seite wird das erste Kapitel aus V.S. Naipauls neuem Roman "Half a Life" in deutscher Übersetzung abgedruckt. (Nebenbei können wir melden, dass die New York Review of Books den Essay von J.M. Coetzee über Naipaul jetzt freigeschaltet hat.) Konrad Kraske, Vorsitzender des ZDF-Fernsehrats, beklagt, dass Wolfgang Clement den neuen Intendanten Senders offenbar im Alleingang bestimmen möchte. Heinrich Wefing berichtet von "taktischen Winkelzügen, juristischen Erwägungen, föderalen Rechenspielen" gegen Julian Nida-Rümelins Plan, eine Kulturstiftung des Bundes zu errichten. "apl" meldet, dass Peter Greenaway, der gerade mit einem Theaterstück in Frankfurt gastiert, zwar den Tod des Kinos ausgerufen, aber zugleich "multimediales Projekt aus zwei Spielfilmen, einer dreizehnteiligen Fernsehserie, zwei Websites, mehreren DVDs und einem ganzen Regal Bücher" angekündigt hat. Paul Ingendaay gratuliert John Le Carre (mehr hier) zum Siebzigsten. Gerhard R. Koch kommentiert Wolfgang Wagners Entscheidung, Lars von Trier im Jahr 2006 den "Ring" inzenieren zu lassen.

Ferner berichtet Hans-Joachim Neubauer über den Besuch ehemaliger Studenten der Humboldt-Universität in ihrer Alma Mater, die sie 1933 als Juden ausgeschlossen hatte. Henning Ritter gratuliert dem Ethnologen Fritz Kramer zum Sechzigsten. Eberhard Rathgeb kommentiert, die Entscheidung des neuen Hamburger Senats, das ehemalige KZ Neuengamme nun doch nicht zur Gedenkstätte umzugestalen, als "Skandal". Sonja Margolina liest russische Zeitschriften, die sich mit dem 11. September beschäftigen. Josph Hanimann berichtet aus Paris über den Antrag auf die Revision des Prozesses von Mata Hari, die 1917 wegen Sionage für die Deutschen verurteilt wurde.

Besprochen werden eine konzertante Aufführung der Oper "Die heilige Linde" von Siegfried Wagner, die Michael Gassmann als subversive Attacke gegen die Götterwelt des Vaters deutet, das Theaterfestival "Dialog" in Breslau, die Farce "Othello. Therapie" von John von Düffel in Bonn, Martin Stiefermann Choreographie von Prokofjews "Romeo und Julia" in Oldenburg, der Film "Sams" von Paul Maar, Arbeiten von Wolfgang Tillmans, Elizabeth Peyton und die Überblicksaustellung "The Contemporary Face" in den Hamburger Deichtorhallen und der Film "Birthday".