Magazinrundschau

Paradox der Popularität

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
25.11.2025. Der New Yorker bringt eine große Reportage aus dem Ostkongo, in dem sich über hundert Milizen bekämpfen. In Africa is a Country bedauert und kritisiert der Dichter Efe Paul-Azino die Intellektuellen in Nigeria. Die LRB blickt auf 15 zerschnittene Gutenberg-Bibeln. In Eurozine sprechen die Investigativjournalisten Andrei Soldatov und Irina Borogan über "Our Dear Friends in Moscow". In Irozhlas kritisiert der tschechische Sicherheitsanalytiker und Oberst Otakar Foltýn den absoluten Dilettantismus des US-Friedensplans für die Ukraine. Die London Review lernt, wie Cybercrimes in Indien das Kastenwesen in Frage stellen.

New Yorker (USA), 24.11.2025

Genau das möchte man im New Yorker lesen: zwei großartige Artikel über den Kongo und den Sudan, die sich nicht in Elendsbeschreibung oder Schuldzuweisungen erschöpfen, sondern versuchen die Hintergründe und Interessenlage aufzudröseln. Zuerst die Demokratische Republik Kongo: Im Osten des Landes operieren ungefähr 120 Milizen, die um Rohstoffe und Territorien kämpfen, was mittlerweile tausende Menschenleben gekostet hat, berichtet Jon Lee Anderson in einer atemberaubenden Reportage aus Goma im Ostkongo. Am stärksten sind auf der einen Seite die M23, die von Ruanda unterstützt werden, weil sie die nach dem Genozid an den Tutsis in den Ostkongo geflüchteten Hutu in Schach halten. Auf der anderen Seite die Wazalendo und die F.D.L.R., die mit der kongolesischen Regierung von Felix Tshisekedi verbündet sind. Anderson unterhält sich mit alten Damen, Milizenführern, Ruandas Präsident Paul Kagame, Ärzten und einem Priester, während sich vor den Augen des Lesers langsam ein Bild formt, zu dem auch die reichen Bodenschätze des Kongo gehören. Grund genug für Donald Trump, einen "Friedensplan" vorzulegen: "Das Abkommen, das sich im Kern nicht wesentlich von der kolonialen Berliner Konferenz unterscheidet, sieht vor, dass die verschiedenen Konfliktparteien, anstatt um die Ressourcen im Osten des Kongo zu kämpfen, diese einfach untereinander aufteilen. Die Ruander sträuben sich, aber Katar dränge sie zur Unterzeichnung. Die Katarer haben neben ihrer Rolle als Vermittler auch ein finanzielles Interesse: Sie sind bereits Partner eines milliardenschweren Deals, um Ruanda zu einem regionalen Finanz- und Logistikzentrum zu machen, und die Mineralien würden enorme Einnahmen bringen. Ruanda hat auch Erfahrung mit dem Transport und der Verarbeitung von kongolesischen Erzen, was helfen könnte, den Deal an die USA zu verkaufen. Ein humanitärer Experte in der Region sagte mir: 'Tatsache ist, dass einfach jeder weiter Rohstoffe aus der DR Kongo fördern will, und jetzt will das auch Präsident Trump.'" Ob Ruanda dem Abkommen zustimmt, hängt vor allem davon ab, ob Präsident Tshisekedi es auch gegenüber den eigenen Leuten durchsetzen kann. "Das Problem ist", erklärt ein Diplomat Anderson, "dass Tshisekedi unfähig ist, irgendwas durchzusetzen." Und selbst wenn das Abkommen zustande kommt, gibt es immer noch mehr als hundert Milizen, die um Rohstoffe und Territorien im Ostkongo kämpfen, ganz zu schweigen von Uganda, das mit seiner Armee im Kongo intervenierte - angeblich um Islamisten zu bekämpfen. Inzwischen "exportiert es jedoch Gold im Wert von mehr als drei Milliarden Dollar im Jahr, das meiste davon aus einer einzigen Mine im Osten des Kongo".

Ebenfalls sehr interessante Lektüre ist ein Interview mit Kholood Khair von der NGO Working Group on Women, Peace and Security über Hintergründe, Strippenzieher und Interessen im Sudan. Außerdem im New Yorker: Ben Taub besucht einen Eisbärjäger in Island. Alex Ross besucht die Megalithdenkmäler auf den schottischen Orkney-Inseln. Sarah Stillman berichtet über Schicksale von Deportierten, die unter Trump genau in den Gewaltverhältnissen landen, vor denen sie geflohen sind. Gideon Lewis Kraus liest Sven Beckerts Globalgeschichte des Kapitalismus. Und Justin Chang sah im Kino Chloé Zhaos Film "Hamnet".
Archiv: New Yorker

Africa is a Country (USA), 25.11.2025

In Nigeria muss man Intellektuelle nicht mehr töten, man kann sie einfach kaufen, bemerkt bitter der Dichter Efe Paul-Azino, während er beobachtet, wie geschickt und erfolgreich Präsident Bola Ahmed Adekunle Tinubu, selbst mal ein Oppositioneller im Exil, mit Geld und Pöstchen jede Kritik an seiner Herrschaft unterdrückt. Aber so richtig übel nehmen kann Paul-Azino es den Intellektuellen nicht, während er auf die Geschichte Nigerias zurückblickt: "Für die britischen Kolonialbehörden waren die Nigerianer Ressourcen, messbar in Tonnage, Steuern und Arbeitskraft. Die moralischen Fragen der Staatsbürgerschaft und Zugehörigkeit wurden der neuen politischen Elite überlassen, die das System erbte. Was folgte, war, wie zu erwarten, ein existenzieller Kampf um Positionen. Die Regierung wurde zu einer Fabrik für Privilegien, und die einfachen Nigerianer waren das Rohmaterial, das sie verbrauchten. Die tiefere Tragödie liegt darin, wie diese ausbeuterische Ordnung die moralische Vorstellungskraft deformiert hat. Nur wenige Regierungen in der Geschichte der Menschheit haben ihre Bürger mit so viel Verachtung behandelt wie die nigerianische Regierung. Das Volk wurde buchstäblich dazu gezwungen, Scheiße zu essen und sich dabei auch noch zu bedanken. In einer Gesellschaft, in der die Hauptfunktion des Staates eher in Ausbeutung als in Schutz besteht, hat das Volk gelernt, durch Nachahmung zu überleben: indem es Regeln beugt und sich einschmeichelt, schamlos Nähe zur Macht kultiviert - ein darwinistischer Überlebenswille, der sich seitdem zu einer Kultur verfestigt hat. ... Unter diesen Umständen wird ein Intellektueller, der sich aus Prinzip gegen Korruption stellt, als naiv oder, schlimmer noch, als erfolglos angesehen. Ein Schriftsteller oder Journalist, der sich weigert, seine Plattform an den Meistbietenden zu verkaufen, gilt als geschäftlich ungeschickt. Ein Wissenschaftler, der lukrative Beratungsaufträge der Regierung ablehnt, um seine Unabhängigkeit zu bewahren, wird eher als töricht denn als prinzipientreu angesehen."

"Während die Welt über Restitution debattiert, brechen Afrikas eigene Kulturerbe-Institutionen zusammen. Die Frage ist nicht mehr, wer uns unsere Vergangenheit genommen hat, sondern wer sie am Leben erhält", ruft Ngaire Blankenberg, deprimiert über den Zustand der Kulturinstitutionen in ihrer Heimat Südafrika. "Das Tempo des städtischen Wachstums in Afrika ist beispiellos: Bis 2050 wird sich die in Städten lebende afrikanische Bevölkerung verdoppeln. Da immer mehr Menschen aus den Dörfern wegziehen und Beziehungen zu Menschen aufbauen, die ihnen nicht ähnlich sind - persönlich und online -, können wir uns nicht mehr auf regelmäßige Gespräche mit den Ältesten oder die Teilnahme an oder Beobachtung von Gemeinschaftsritualen und -veranstaltungen verlassen, um traditionelles Wissen zu erlernen oder zu bewahren. Institutionen sorgen für Kontinuität, Erinnerung und Widerstandsfähigkeit über Generationen und Regionen hinweg. In einer Welt, in der Wissen zunehmend über KI und ihre digitalisierten Informationsquellen produziert und gesucht wird, laufen wir auf diesem unglaublich weisen und schönen Kontinent Gefahr, dass das, was und wie wir wissen, nicht nur aus den kulturellen Aufzeichnungen der Welt, sondern auch aus unseren eigenen vollständig ausgelassen wird. Ohne afrikanische Institutionen, die unser reiches kulturelles Erbe bewahren, digitalisieren, verteidigen und fördern, laufen wir Gefahr, obsolet zu werden."

HVG (Ungarn), 20.11.2025

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Der Journalist und Historiker Tamás Szőnyi veröffentlichte vor Kurzem ein populärwissenschaftliches Sachbuch über die Überwachung von Musikern und Kulturschaffenden zwischen 1945 und 1990 durch die Dienste der ungarischen Staatssicherheit. Im Interview mit István Balla spricht er über sein Buch und über die wiederholt aufgeworfenen Fragen zur Öffnung der Akten der Dienste. "Die westliche Unterhaltungsindustrie und die Gegenkultur der Nachkriegszeit galten, nachdem sie hinter den Eisernen Vorhang eingesickert waren, als kapitalistischer Virus und Verderber der Jugend. In den 1940er und 1950er Jahren wurde Jazz als gefährliches Produkt der dekadenten westlichen Ideologie bezeichnet, später dann Rock 'n' Roll. Danach milderte sich diese Haltung zwar, aber populäre Musik wurde weiterhin als Mittel zur 'westlichen Verweichlichung' angesehen. So war sie immer auch mit Politik verbunden, denn man musste etwas unternehmen, um 'die Jugend richtig zu erziehen'. (…) Meistens wird die Öffnung der Akten der Geheimdienstagenten aus Unwissenheit oder als wohlklingender Parole gefordert. Doch zum einen ist es nicht wahr, dass die Akten nicht öffentlich sind. Zehntausende Menschen haben die sie oder ihre Familien betreffenden Unterlagen erhalten und erhalten sie weiterhin, einschließlich der Identifizierung der IMs. Dies geschieht nicht öffentlich, sondern im Rahmen eines Informationsausgleichsprozesses, an dem ausschließlich die Betroffenen beteiligt sind. Andererseits hätten die vielen hundert Studien und Bücher, die sich mit diesen Dokumenten befassen, nicht entstehen können, wenn die Akten im Historischen Archiv der Staatssicherheitsdienste nicht öffentlich und recherchierbar wären. Die Akten sind also einsehbar. Das Problem ist die Vollständigkeit. Ein Teil der Dokumente befindet sich weiterhin bei den nationalen Sicherheitsdiensten, deren Veröffentlichung wäre wirklich von Bedeutung."
Archiv: HVG

London Review of Books (UK), 25.11.2025

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Adam Smyth bespricht ein Buch des Bibliothekwissenschaftlers Eric Marshall White, das sich mit der Überlieferung der Druckerzeugnisse Johannes Gutenbergs beschäftigt. Ein Schluss, den Smyth aus der Lektüre zieht: Es ist wenig sinnvoll, sich nur auf die großen Prachtbände aus der Frühzeit des Buchdrucks - wie etwa die berühmten "Gutenberg-Bibeln" - zu konzentrieren. Vielmehr brachte die neue Technologie von Anfang an eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Artefakte hervor: "Viele von Gutenbergs frühesten Texten haben nicht als vollständige Bücher überlebt, sondern als Fragmente, die zerrissen und für die Einbände anderer Bücher wiederverwendet wurden. Teile dessen, was Bibliographen das 'Mainzer Sibyllenbuch' nennen - eine prophetische Nacherzählung von Bibelgeschichten und dem Jüngsten Gericht in deutschen Paarreimen, etwas unbeholfen in kräftiger gotischer Type gedruckt und dafür gedacht, verängstigten Zuhörern vorgelesen zu werden - wurden 1892 in Mainz in eben diesem Zustand gefunden. Auch mehrere Fragmente aus Gutenbergs Ausgaben von Donatus' 'Ars minor' haben sich in den Buchrücken und -deckeln anderer Bände erhalten. Die 'Ars minor' war ein äußerst beliebtes Lehrbuch der lateinischen Grammatik, basierend auf den Lehren des Aelius Donatus aus dem 4. Jahrhundert, und wurde von den Schülern des 15. Jahrhunderts buchstäblich 'zu Tode gelesen' - ein Beispiel für das Paradox der Popularität: Bücher, die von vielen gelesen werden, überleben selten, während unberührte Exemplare fortbestehen. (Es ist ein grundlegender Wesenszug von Büchern und ihrer Geschichte, dass Lesen und Beschädigung oft Hand in Hand gehen.) Ein Fragment überdauerte im Einband einer 1479 in Basel gedruckten Ausgabe von Augustinus' 'De civitate dei', die in Seitenstetten, Österreich, gebunden wurde. Diese Beispiele für Wiederverwertung und Bewahrung machen deutlich, welche Rolle der Zufall für das Überleben von Büchern spielt. Fragmente älterer Bücher, die in neueren Büchern fortbestehen, zeigen auch die starken Schwankungen im Wert an, der Büchern zu unterschiedlichen Zeiten beigemessen wurde. Es erscheint erstaunlich, dass das Interesse an Gutenbergs Bibel so weit nachließ, dass mindestens fünfzehn Exemplare in Streifen geschnitten wurden, um damit 'attraktivere' Titel zu verstärken - etwa ein Handbuch zur sächsischen Prozessordnung aus dem Jahr 1666, die 'Erneuerte und verbesserte Landes und Procesz-Ordnung', gedruckt in Köthen mit einem Einband aus einem wiederverwendeten Pergamentblatt aus Gutenbergs Bibel, mit Text aus 1 Chronik 4-5, einschließlich eines elegant rubrizierten Anfangskapitals 'F'. Wie White anmerkt, waren leeres Pergament oder Papier teuer. Es war besser und wirtschaftlicher, Gutenbergs Bibel in Stücke zu schneiden."

Außerdem: J. Hoberman verneigt sich vor Leben und Werk des Comic-Schmierfinken Robert Crumb.

Eurozine (Österreich), 24.11.2025

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Im Interview mit der ehemaligen Kriegsberichterstatterin Mirjana Tomić, unterhalten sich die russischen Investigativjournalisten Andrei Soldatov und Irina Borogan, die beide von russischen Behörden zu "ausländischen Agenten" erklärt wurden, über ihr neues Buch "Our Dear Friends in Moscow: The Inside Story of a Broken Generation". Sie beschäftigen sich darin mit einigen ihrer ehemaligen Kollegen, mit denen es vor allem während der Proteste in Moskau im Jahr 2011 wegen der mutmaßlichen Wahlfälschungen bei den Parlamentswahlen zum Bruch kam, wie Soldatov erklärt: "Um wen geht es also? Die meisten von uns lernten sich in der politischen Redaktion der Iswestija kennen. Da war zum Beispiel Petya Akopov, ein sehr intelligenter Mann, er war ein Freigeist, der sich stets für ungewöhnliche Dinge begeisterte. Er sammelte beispielsweise nordkoreanische Briefmarken und besaß eine riesige Bibliothek, die hauptsächlich Bücher über Nordkorea und China enthielt - er kannte sich in diesen Ländern bestens aus (...) Doch unsere Trennung verlief dramatisch. Ich würde sagen, der Moment, in dem wir begriffen, dass wir nicht mehr miteinander reden konnten, war während der Moskauer Proteste, als Akopov eine Liste von 'Volksfeinden' veröffentlichte. Uns allen war 2011 klar: Wer auf so einer Liste steht, hat ein Problem. Es gab bereits eine Liste von Journalisten, die in Russland angegriffen und getötet worden waren. Sie war 2011 schon recht lang, und Akopov setzte unsere Namen darauf. Ja, er hat sie geschrieben und weiterverbreitet. Mit unseren Namen darauf. Es war eine so persönliche Sache geworden, dass wir dachten, es sei unmöglich, darüber zu sprechen. Aber für das Buch haben wir den Kontakt zu den meisten dieser Menschen wiederhergestellt. Akopov war bereit, stundenlang mit uns zu sprechen. Das Buch ist das Ergebnis dieser Gespräche, unserer Erinnerungen und unserer Erkenntnisse über die 25 Jahre, die Russland durchgemacht hat."
Archiv: Eurozine

Irozhlas (Tschechien), 23.11.2025

Der tschechische Sicherheitsanalytiker und Armeeoberst Otakar Foltýn sieht in dem amerikanischen 28-Punkte-Plan für die Ukraine in seiner jetzigen Form eine ganz klare Parallele zum Münchner Abkommen von 1938. "Europa muss sich klarmachen, dass sich Zugeständnisse an Aggressoren in der Geschichte noch nie ausgezahlt haben", sagt er im Interview mit Tomáš Pancíř. Es handele sich um maximalistische russische Forderungen. Nebenbei lasse sich durch eine linguistische Sprachanalyse nachweisen, dass jener "Friedensplan" ursprünglich in russischer, nicht in englischer Sprache verfasst wurde. Harsche Worte findet er auch für den "absoluten Dilettantismus" des US- Verhandlungsführers Steve Witkoff. Dass dieser nicht die geringste Ahnung von Diplomatie habe, zeige sich schon daran, "dass er bei den Verhandlungen mit Putin keinen eigenen Dolmetscher dabei hatte und sich stattdessen von Putins Dolmetscher übersetzen ließ. Ein eklatanter Anfängerfehler, der perfekt demonstriert, was für einen unfähigen Stümper die Vereinigten Staaten in diesem Fall zum Verhandeln mit Russland entsandt haben", so Foltýn.
Archiv: Irozhlas

Guardian (UK), 25.11.2025

Die London Review hat kürzlich über die Scamcamps in Südostasien berichtet (unser Resümee): Da ging es vor allem um die Ausbeutung der Scammer. Snigdha Poonam schaut sich jetzt in Jamtara um, einem Ort, der in Indien zu einem Synonym für Cybercrime geworden ist. Er erzählt die Geschichte eines legendären Scammers nach und erläutert, inwiefern der Siegeszug der Handys und der diversen Betrugsmaschen, die die Mobiltelefone ermöglichen, das Leben im ländlichen Indien nachhaltig verändert hat - hier eher zugunsten der Scammer. Geändert hat sich nicht zuletzt das Kräfteverhältnis zwischen den einzelnen Kasten. Tatsächlich gehören viele Scammer den niederen Kasten an. Das sorgt immer wieder für Ärger "Die Polizei hatte Betrüger dank lokaler Informanten aufgespürt. Doch wer waren diese Informanten? Die Beschuldigten verweisen oft auf Angehörige höherer Kasten aus ihren Dörfern, die ihre Missbilligung über den ausgestellten Wohlstand von Familien niedrigerer Kasten zum Ausdruck gebracht hatten. Nicht alle von ihnen konnten Informationen weitergeben, aber es bestand kein Zweifel daran, dass sich in ihren Reihen eine Menge Groll aufgebaut hatte. Als ich durch die Dörfer reiste, war die Spannung unübersehbar." In einem Dorf trifft Poonam auf den Großgrundbesitzer Bunty Singh, der zu denjenigen gehört, denen die neue Situation nicht behagt. "Einst war seine Familie die einflussreichste in der Gegend gewesen; nun haben die Singhs Konkurrenz durch Familien aus niederen Kasten bekommen, die ihren Status durch Cyberbetrug verbessern konnten. Früher arbeiteten deren Männer auf Singhs Feldern, und ihre Frauen rollten Tabak im Hof seines Bungalows. Er verkaufte die Ernte auf einem Großmarkt und den handgerollten Tabak an eine Fabrik. An manchen Tagen bezahlte er die Arbeiter; an anderen schickte er sie mit Getreide für ihre Küchen und Stroh für ihre Dächer nach Hause. Jetzt seien einige dieser Familien Millionäre geworden, sagte er in einem Ton unerträglichen Bedauerns. 'Ihre täglichen Transaktionen würden dich schockieren. Heute siehst du große Geldscheine entweder im Portemonnaie eines Politikers oder eines Cyber-chor (Cyber-Diebs).' Dass Politiker durch Korruption märchenhaft reich wurden, verstand sich von selbst; weit schwerer zu akzeptieren war die Vorstellung, dass marginalisierte Menschen mit ähnlichen Mitteln ähnliche Erfolge erzielten."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Cybercrime, Indien, Kastenwesen

Elet es Irodalom (Ungarn), 21.11.2025

Vergangene Woche hat die ungarische Fußballnationalmannschaft die Teilnahme an den kommenden Weltmeisterschaften durch ein Gegentor von Irland verpasst. Es entbrannte eine lebhafte (und lange nicht gesehene) Diskussion über die Verwendung der enormen Summen, die in den vergangenen 15 Jahren in den Fußball flossen, was wohl als getreuer Abdruck des "System Orbán" gelten darf. Die Äußerungen des Ministerpräsidenten über einen "Lungenschuss, den das ganze Land erlitten habe" befeuerten die Diskussionen zumal in den eigenen, regierungsnahen Reihen. ES-Chefredakteur Zoltán Kovács fasst sich an den Kopf: "Ich weiß nicht, ob ein Land einen Lungenschuss erleiden kann, aber ich vermute, dass es nicht der Fall ist. Das Bild ist Ausdruck eines in seiner eigenen Machtgier verstrickten, zunehmend verwirrten Geistes, der nur noch in Bildern der Kriegsführung denken kann und daher auch das Land in ständiger Kampfbereitschaft sehen möchte. Das Land ist zu seinem willkürlichen Spielfeld geworden, über dem er als Befehlshaber steht und Krieg führt. Er schafft sich auch selbst seine Feinde, mal sind es die Liberalen, mal George Soros, mal die Brüsseler Elite, mal die Migranten, neuerdings die Ukrainer und zuletzt alle, die nicht seiner Meinung sind. (...) Vor dem Spiel zwischen Ungarn und Irland zeigte das Fernsehen Viktor Orbán, wie er in der Tür der Loge stand, seinen Blick über das Publikum schweifen ließ und zufrieden lächelte. Um den Hals trug er einen Schal, offensichtlich für die Pressekonferenz nach dem Spiel. Orbán weiß es sicher nicht, aber er hat dem Sport bereits viel Schaden zugefügt. So unüberlegt Gelder in den Fußball zu gießen führt nur dazu, dass der Eigenaufbau des Sports zunichte gemacht wird: Aus dem Ausland strömen dickbäuchige alternde Profis und Halbtalente. Obendrein erinnert die Besetzung der größten Vereinsführungen mit Parteikadern an die schlimmsten Zeiten. Vom Fraktionsvorsitzenden der Regierungspartei im EP über den Generalsekretär der Partei bis hin zum Außenminister - was ist das für eine Liga?"
Stichwörter: Ungarn

Harper's Magazine (USA), 01.12.2025

Wird es bald in jedem Haushalt einen Roboter geben, der alle lästigen Aufgaben vom Geschirrspülen bis zum Wäschefalten übernehmen wird? Das Unternehmen 1X Technologies, geführt vom norwegischen Robotikexperten Bernt Børnich, präsentierte letztes Jahr den Prototyp eines "humanoiden Roboters für Zuhause", berichtet James Vincent. Zu einem Interview war das Unternehmen dann doch nicht bereit, lesen wir, überhaupt lernt Vincent, der die führenden amerikanischen Roboterhersteller besucht hat, dass Haushaltsroboter tatsächlich eine der am schwierigsten zu produzierenden Maschinen sind: zu komplexe Vorgänge, zu viel Risiko. Anders sieht es aber in der Industrie aus und hier kommt, mit Blick auf China, eine politische Komponente hinzu: "Eine Dokumentenanalyse von Reuters im Mai ergab, dass die chinesische Regierung im Vorjahr über 20 Milliarden US-Dollar für den Sektor bereitgestellt hatte. Die staatlichen Beschaffungen von humanoiden Robotern und zugehöriger Technologie stiegen um das 45-Fache. Das Entwicklungstempo ist rasant. Videos von chinesischen Robotern, die Kampfsport und Akrobatik vorführen, sind in den sozialen Medien weit verbreitet, und die chinesische Robotikindustrie hat eine Reihe von Großveranstaltungen organisiert, um ihre Fortschritte zu präsentieren. Im April fand in Hangzhou das erste Roboter-Kickboxturnier statt (...) Natürlich gelten die gleichen technologischen Herausforderungen, denen Humanoide in den Vereinigten Staaten gegenüberstehen, auch in China, obwohl diese Überlegungen zunehmend von geopolitischen Aspekten überschattet werden. Laut George Chowdhury, Robotikanalyst bei ABI Research, gibt es in Regierung und Industrie eine wachsende Gruppe von Menschen, die sich von dem Hype um Humanoide haben mitreißen lassen und glauben, dass die Weltwirtschaft von demjenigen dominiert werden wird, der das Problem als Erster löst. 'Wenn China seine eigene Arbeitskraft drucken kann, dann hat man wirtschaftlich gesehen ein Problem, oder?', sagt er. 'Das wird fast zu einer existenziellen Frage. In den Köpfen einiger Leute eskaliert das meiner Meinung nach fast zu einem Kalten Krieg.'"

Hier ein paar Eindrücke von der Roboter-Olympiade in Bejing im August 2025: