Magazinrundschau
Paradox der Popularität
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
25.11.2025. Der New Yorker bringt eine große Reportage aus dem Ostkongo, in dem sich über hundert Milizen bekämpfen. In Africa is a Country bedauert und kritisiert der Dichter Efe Paul-Azino die Intellektuellen in Nigeria. Die LRB blickt auf 15 zerschnittene Gutenberg-Bibeln. In Eurozine sprechen die Investigativjournalisten Andrei Soldatov und Irina Borogan über "Our Dear Friends in Moscow". In Irozhlas kritisiert der tschechische Sicherheitsanalytiker und Oberst Otakar Foltýn den absoluten Dilettantismus des US-Friedensplans für die Ukraine. Die London Review lernt, wie Cybercrimes in Indien das Kastenwesen in Frage stellen.
New Yorker (USA), 24.11.2025
Genau das möchte man im New Yorker lesen: zwei großartige Artikel über den Kongo und den Sudan, die sich nicht in Elendsbeschreibung oder Schuldzuweisungen erschöpfen, sondern versuchen die Hintergründe und Interessenlage aufzudröseln. Zuerst die Demokratische Republik Kongo: Im Osten des Landes operieren ungefähr 120 Milizen, die um Rohstoffe und Territorien kämpfen, was mittlerweile tausende Menschenleben gekostet hat, berichtet Jon Lee Anderson in einer atemberaubenden Reportage aus Goma im Ostkongo. Am stärksten sind auf der einen Seite die M23, die von Ruanda unterstützt werden, weil sie die nach dem Genozid an den Tutsis in den Ostkongo geflüchteten Hutu in Schach halten. Auf der anderen Seite die Wazalendo und die F.D.L.R., die mit der kongolesischen Regierung von Felix Tshisekedi verbündet sind. Anderson unterhält sich mit alten Damen, Milizenführern, Ruandas Präsident Paul Kagame, Ärzten und einem Priester, während sich vor den Augen des Lesers langsam ein Bild formt, zu dem auch die reichen Bodenschätze des Kongo gehören. Grund genug für Donald Trump, einen "Friedensplan" vorzulegen: "Das Abkommen, das sich im Kern nicht wesentlich von der kolonialen Berliner Konferenz unterscheidet, sieht vor, dass die verschiedenen Konfliktparteien, anstatt um die Ressourcen im Osten des Kongo zu kämpfen, diese einfach untereinander aufteilen. Die Ruander sträuben sich, aber Katar dränge sie zur Unterzeichnung. Die Katarer haben neben ihrer Rolle als Vermittler auch ein finanzielles Interesse: Sie sind bereits Partner eines milliardenschweren Deals, um Ruanda zu einem regionalen Finanz- und Logistikzentrum zu machen, und die Mineralien würden enorme Einnahmen bringen. Ruanda hat auch Erfahrung mit dem Transport und der Verarbeitung von kongolesischen Erzen, was helfen könnte, den Deal an die USA zu verkaufen. Ein humanitärer Experte in der Region sagte mir: 'Tatsache ist, dass einfach jeder weiter Rohstoffe aus der DR Kongo fördern will, und jetzt will das auch Präsident Trump.'" Ob Ruanda dem Abkommen zustimmt, hängt vor allem davon ab, ob Präsident Tshisekedi es auch gegenüber den eigenen Leuten durchsetzen kann. "Das Problem ist", erklärt ein Diplomat Anderson, "dass Tshisekedi unfähig ist, irgendwas durchzusetzen." Und selbst wenn das Abkommen zustande kommt, gibt es immer noch mehr als hundert Milizen, die um Rohstoffe und Territorien im Ostkongo kämpfen, ganz zu schweigen von Uganda, das mit seiner Armee im Kongo intervenierte - angeblich um Islamisten zu bekämpfen. Inzwischen "exportiert es jedoch Gold im Wert von mehr als drei Milliarden Dollar im Jahr, das meiste davon aus einer einzigen Mine im Osten des Kongo".Ebenfalls sehr interessante Lektüre ist ein Interview mit Kholood Khair von der NGO Working Group on Women, Peace and Security über Hintergründe, Strippenzieher und Interessen im Sudan. Außerdem im New Yorker: Ben Taub besucht einen Eisbärjäger in Island. Alex Ross besucht die Megalithdenkmäler auf den schottischen Orkney-Inseln. Sarah Stillman berichtet über Schicksale von Deportierten, die unter Trump genau in den Gewaltverhältnissen landen, vor denen sie geflohen sind. Gideon Lewis Kraus liest Sven Beckerts Globalgeschichte des Kapitalismus. Und Justin Chang sah im Kino Chloé Zhaos Film "Hamnet".
Africa is a Country (USA), 25.11.2025
In Nigeria muss man Intellektuelle nicht mehr töten, man kann sie einfach kaufen, bemerkt bitter der Dichter Efe Paul-Azino, während er beobachtet, wie geschickt und erfolgreich Präsident Bola Ahmed Adekunle Tinubu, selbst mal ein Oppositioneller im Exil, mit Geld und Pöstchen jede Kritik an seiner Herrschaft unterdrückt. Aber so richtig übel nehmen kann Paul-Azino es den Intellektuellen nicht, während er auf die Geschichte Nigerias zurückblickt: "Für die britischen Kolonialbehörden waren die Nigerianer Ressourcen, messbar in Tonnage, Steuern und Arbeitskraft. Die moralischen Fragen der Staatsbürgerschaft und Zugehörigkeit wurden der neuen politischen Elite überlassen, die das System erbte. Was folgte, war, wie zu erwarten, ein existenzieller Kampf um Positionen. Die Regierung wurde zu einer Fabrik für Privilegien, und die einfachen Nigerianer waren das Rohmaterial, das sie verbrauchten. Die tiefere Tragödie liegt darin, wie diese ausbeuterische Ordnung die moralische Vorstellungskraft deformiert hat. Nur wenige Regierungen in der Geschichte der Menschheit haben ihre Bürger mit so viel Verachtung behandelt wie die nigerianische Regierung. Das Volk wurde buchstäblich dazu gezwungen, Scheiße zu essen und sich dabei auch noch zu bedanken. In einer Gesellschaft, in der die Hauptfunktion des Staates eher in Ausbeutung als in Schutz besteht, hat das Volk gelernt, durch Nachahmung zu überleben: indem es Regeln beugt und sich einschmeichelt, schamlos Nähe zur Macht kultiviert - ein darwinistischer Überlebenswille, der sich seitdem zu einer Kultur verfestigt hat. ... Unter diesen Umständen wird ein Intellektueller, der sich aus Prinzip gegen Korruption stellt, als naiv oder, schlimmer noch, als erfolglos angesehen. Ein Schriftsteller oder Journalist, der sich weigert, seine Plattform an den Meistbietenden zu verkaufen, gilt als geschäftlich ungeschickt. Ein Wissenschaftler, der lukrative Beratungsaufträge der Regierung ablehnt, um seine Unabhängigkeit zu bewahren, wird eher als töricht denn als prinzipientreu angesehen.""Während die Welt über Restitution debattiert, brechen Afrikas eigene Kulturerbe-Institutionen zusammen. Die Frage ist nicht mehr, wer uns unsere Vergangenheit genommen hat, sondern wer sie am Leben erhält", ruft Ngaire Blankenberg, deprimiert über den Zustand der Kulturinstitutionen in ihrer Heimat Südafrika. "Das Tempo des städtischen Wachstums in Afrika ist beispiellos: Bis 2050 wird sich die in Städten lebende afrikanische Bevölkerung verdoppeln. Da immer mehr Menschen aus den Dörfern wegziehen und Beziehungen zu Menschen aufbauen, die ihnen nicht ähnlich sind - persönlich und online -, können wir uns nicht mehr auf regelmäßige Gespräche mit den Ältesten oder die Teilnahme an oder Beobachtung von Gemeinschaftsritualen und -veranstaltungen verlassen, um traditionelles Wissen zu erlernen oder zu bewahren. Institutionen sorgen für Kontinuität, Erinnerung und Widerstandsfähigkeit über Generationen und Regionen hinweg. In einer Welt, in der Wissen zunehmend über KI und ihre digitalisierten Informationsquellen produziert und gesucht wird, laufen wir auf diesem unglaublich weisen und schönen Kontinent Gefahr, dass das, was und wie wir wissen, nicht nur aus den kulturellen Aufzeichnungen der Welt, sondern auch aus unseren eigenen vollständig ausgelassen wird. Ohne afrikanische Institutionen, die unser reiches kulturelles Erbe bewahren, digitalisieren, verteidigen und fördern, laufen wir Gefahr, obsolet zu werden."
HVG (Ungarn), 20.11.2025

London Review of Books (UK), 25.11.2025

Außerdem: J. Hoberman verneigt sich vor Leben und Werk des Comic-Schmierfinken Robert Crumb.
Eurozine (Österreich), 24.11.2025

Irozhlas (Tschechien), 23.11.2025
Guardian (UK), 25.11.2025
Elet es Irodalom (Ungarn), 21.11.2025
Vergangene Woche hat die ungarische Fußballnationalmannschaft die Teilnahme an den kommenden Weltmeisterschaften durch ein Gegentor von Irland verpasst. Es entbrannte eine lebhafte (und lange nicht gesehene) Diskussion über die Verwendung der enormen Summen, die in den vergangenen 15 Jahren in den Fußball flossen, was wohl als getreuer Abdruck des "System Orbán" gelten darf. Die Äußerungen des Ministerpräsidenten über einen "Lungenschuss, den das ganze Land erlitten habe" befeuerten die Diskussionen zumal in den eigenen, regierungsnahen Reihen. ES-Chefredakteur Zoltán Kovács fasst sich an den Kopf: "Ich weiß nicht, ob ein Land einen Lungenschuss erleiden kann, aber ich vermute, dass es nicht der Fall ist. Das Bild ist Ausdruck eines in seiner eigenen Machtgier verstrickten, zunehmend verwirrten Geistes, der nur noch in Bildern der Kriegsführung denken kann und daher auch das Land in ständiger Kampfbereitschaft sehen möchte. Das Land ist zu seinem willkürlichen Spielfeld geworden, über dem er als Befehlshaber steht und Krieg führt. Er schafft sich auch selbst seine Feinde, mal sind es die Liberalen, mal George Soros, mal die Brüsseler Elite, mal die Migranten, neuerdings die Ukrainer und zuletzt alle, die nicht seiner Meinung sind. (...) Vor dem Spiel zwischen Ungarn und Irland zeigte das Fernsehen Viktor Orbán, wie er in der Tür der Loge stand, seinen Blick über das Publikum schweifen ließ und zufrieden lächelte. Um den Hals trug er einen Schal, offensichtlich für die Pressekonferenz nach dem Spiel. Orbán weiß es sicher nicht, aber er hat dem Sport bereits viel Schaden zugefügt. So unüberlegt Gelder in den Fußball zu gießen führt nur dazu, dass der Eigenaufbau des Sports zunichte gemacht wird: Aus dem Ausland strömen dickbäuchige alternde Profis und Halbtalente. Obendrein erinnert die Besetzung der größten Vereinsführungen mit Parteikadern an die schlimmsten Zeiten. Vom Fraktionsvorsitzenden der Regierungspartei im EP über den Generalsekretär der Partei bis hin zum Außenminister - was ist das für eine Liga?"Harper's Magazine (USA), 01.12.2025
Wird es bald in jedem Haushalt einen Roboter geben, der alle lästigen Aufgaben vom Geschirrspülen bis zum Wäschefalten übernehmen wird? Das Unternehmen 1X Technologies, geführt vom norwegischen Robotikexperten Bernt Børnich, präsentierte letztes Jahr den Prototyp eines "humanoiden Roboters für Zuhause", berichtet James Vincent. Zu einem Interview war das Unternehmen dann doch nicht bereit, lesen wir, überhaupt lernt Vincent, der die führenden amerikanischen Roboterhersteller besucht hat, dass Haushaltsroboter tatsächlich eine der am schwierigsten zu produzierenden Maschinen sind: zu komplexe Vorgänge, zu viel Risiko. Anders sieht es aber in der Industrie aus und hier kommt, mit Blick auf China, eine politische Komponente hinzu: "Eine Dokumentenanalyse von Reuters im Mai ergab, dass die chinesische Regierung im Vorjahr über 20 Milliarden US-Dollar für den Sektor bereitgestellt hatte. Die staatlichen Beschaffungen von humanoiden Robotern und zugehöriger Technologie stiegen um das 45-Fache. Das Entwicklungstempo ist rasant. Videos von chinesischen Robotern, die Kampfsport und Akrobatik vorführen, sind in den sozialen Medien weit verbreitet, und die chinesische Robotikindustrie hat eine Reihe von Großveranstaltungen organisiert, um ihre Fortschritte zu präsentieren. Im April fand in Hangzhou das erste Roboter-Kickboxturnier statt (...) Natürlich gelten die gleichen technologischen Herausforderungen, denen Humanoide in den Vereinigten Staaten gegenüberstehen, auch in China, obwohl diese Überlegungen zunehmend von geopolitischen Aspekten überschattet werden. Laut George Chowdhury, Robotikanalyst bei ABI Research, gibt es in Regierung und Industrie eine wachsende Gruppe von Menschen, die sich von dem Hype um Humanoide haben mitreißen lassen und glauben, dass die Weltwirtschaft von demjenigen dominiert werden wird, der das Problem als Erster löst. 'Wenn China seine eigene Arbeitskraft drucken kann, dann hat man wirtschaftlich gesehen ein Problem, oder?', sagt er. 'Das wird fast zu einer existenziellen Frage. In den Köpfen einiger Leute eskaliert das meiner Meinung nach fast zu einem Kalten Krieg.'"Hier ein paar Eindrücke von der Roboter-Olympiade in Bejing im August 2025:
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