Magazinrundschau
Ein Funke der Form
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
New Statesman (UK), 12.09.2025
Die entscheidenden Revolten dieser Tage, ist sich der franzöisische Geograf Christophe Guilluy sicher, gehen nicht von den Großstädten aus, vielmehr beginnen sie im ländlichen Raum. Die Unterscheidung zwischen frivoler "Metropolia" und ernsthafter "Périphéria", auf der seine Argumentation basiert, mag, zumindest in der journalistischen Kurzfassung, grobschlächtig und reduktionistisch wirken. Aber bezogen auf konkrete Protestbewegungen, zum Beispiel auf die jüngsten "Bloquons tout"-Demonstrationen am 10.9. diesen Jahres, sind seine Ausführungen lesenswert: "Die Bewegung der Gelbwesten begann an Schwung und öffentlicher Unterstützung zu verlieren, als sich die Demonstrationen auf die großen Städte konzentrierten. Die Logik ist unerbittlich: Zuerst übernahm die extreme Linke in den urbanen Zentren die Bewegung und machte sie gewalttätig. Dann setzten Meinungsmacher - Akademiker und Meinungsforscher - ein Narrativ durch, das darauf abzielte, eine tatsächlich von der Bevölkerungsmehrheit unterstützte Bewegung unsichtbar zu machen. Dies führte zu einer Fokussierung auf Minderheitssegmente und zur Darstellung eines fragmentierten Frankreichs - sehr zum Vorteil der Machthabenden. Am 10. September wirkte der erstickende Effekt der Metropolen noch schneller: Die mélenchonistische Wiederbelebung - die Bewegung hinter 'La France Insoumise' - und die politischen Kommentatoren ließen keinerlei Raum für Spontaneität. Aus Sicht der Metropolen existiert die gewöhnliche Mehrheit nicht. Die französische Gesellschaft wird auf Werbetafeln reduziert, auf Kategorien, die sich perfekt für den neoliberalen Markt eignen, und letztlich auf englische Schlagworte: 'Eat the rich', 'Free Palestine', 'ACAB', 'Let's block'… Die metropolitane Blase isoliert ihre Bewohner kulturell und politisch. Letztlich erstickt sie Politik und Denken: Soziale Bewegungen sind zu bloßen Spektakeln geworden."Persuasion - Substack, Yascha Mounk (USA), 04.09.2025
Man muss Trumps Versuche, die Universitäten zu schikanieren und zu bevormunden nicht gut heißen, um zuzugeben, dass auch die Universitäten Fehler gemacht haben, weshalb es die meisten Amerikaner heute kaum kümmert, was Trump mit den Universitäten anstellt. Woran liegt's? Yasha Mounk hat ein paar Antworten: "Eines der seltsamsten Dinge an einer amerikanischen Universitätsausbildung ist, dass sie eine ganze Reihe unterschiedlicher Dinge miteinander verbindet. Wenn Sie einen Kurs in höherer Mathematik belegen oder die Vorlesungen eines renommierten Historikers der Ming-Dynastie in China besuchen möchten, müssen Sie auch eine Mitgliedschaft in einem der luxuriösesten Fitnessstudios des Landes erwerben, All-you-can-eat-Mahlzeiten zum Frühstück, Mittag- und Abendessen kaufen, ein Zimmer in einem Studentenwohnheim mieten, selbst wenn Ihre Eltern nur wenige Kilometer entfernt wohnen, eine Armee von Verwaltungsangestellten bezahlen, deren Aufgaben von der Organisation von Partys bis zur Anmietung von Welpen reichen, die Sie während der Abschlussprüfungen streicheln können". Das macht das Studentenleben nicht nur sehr teuer, sondern auch sehr hermetisch, weil niemand natürlichen Kontakt zu den Einheimischen hat: Die Studenten "haben keine lokalen Vermieter oder Nachbarn, keine Einheimischen als Mitbewohner, treffen keine Einheimischen im Fitnessstudio und besuchen kaum lokale Einrichtungen. Die Tatsache, dass sie den Campus kaum verlassen oder mit jemandem außerhalb der Universitätsgemeinschaft interagieren, ist ein Hauptgrund dafür, dass sich viele Campusse zu solch monochromen Gewächshausumgebungen entwickelt haben. Die Bündelung ist auch der Kern der Krise der ideologischen Konformität auf dem Campus. ... Es ist wesentlich schwieriger, anderen Leuten in deiner Diskussionsrunde zu widersprechen, wenn deine Kommilitonen gleichzeitig deine Mitbewohner, deine Trainingspartner, deine Teamkollegen, deine Glaubensbrüder und deine einzigen Freunde im Umkreis von hundert Meilen sind."Noema (USA), 02.09.2025
Seznam Zpravy (Tschechien), 09.09.2025

New Yorker (USA), 15.09.2025
Die japanische Modemarke Uniqlo ist so eine Art Ikea der Bekleidung, stellt Lauren Collins in ihrer Recherche für den New Yorker fest, hergestellt werden Kleidungsstücke, die durch Form, Verarbeitung und Universalität überzeugen, nicht durch das Andocken an kurzfristige Trends. Ob die immensen Mengen an produzierter Kleidung aber mit den Nachhaltigkeitszielen der Marke vereinbar sind, ist fraglich: "Der Umfang von Uniqlos Tätigkeiten, ganz zu schweigen von ihrem Bestreben nach endloser Expansion, machen wirkliche Nachhaltigkeit unmöglich. Maxine Bédat, die Direktorin eines Sustainability Think Tanks namens 'New Standard Institute', sagte mir, 'auch wenn Uniqlo einige Schritte unternommen hat, sie sind Teil eines Problems, das die ganze Branche umspannt und nicht durch kleine Initiativen gelöst werden kann'. Den jüngsten Daten aus einem McKinsey-Report von 2016 zufolge kauft die Durchschnittskundin heute sechzig Prozent mehr Kleidung als noch vor fünfzehn Jahren und behält sie nur noch halb so lange. Dreißig Prozent aller Kleidungsstücken, die in einem Jahr hergestellt werden, werden nie verkauft, geschweige denn getragen. Die Frage, ob Uniqlo Fast Fashion, Sustainable Fashion oder Ethical Fashion ist oder nicht, ist vielleicht irrelevant geworden in einer Welt, in der Mode - egal welcher Couleur - zunehmend schuld an der Ausbeutung des Planeten ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass Uniqlo seine globalen Ambitionen erfüllen kann, hängt in hohem Maße davon ab, ob die Marke in der Lage sein wird, den amerikanischen Markt zu erobern. Werden die US-Kunden sich der Idee hingeben, dass es Vorteile hat, sich anzuziehen wie alle anderen? In der Mode, so wie in der Politik, macht Kollektivismus das Leben besser, aber Individualismus setzt sich oft durch." Zum Glück! Diesen Artikel haben wir nur gemacht, weil Mallarmé auf dem Cover einen so schön pinken Schal und Binder trägt.Weitere Artikel: Rachel Kushner gibt Lebenslektionen über Wünsche und Stil wieder. D.T. Max fragt sich, ob Gaudis Sagrada Familia vielleicht doch Kitsch ist. Kelefa Sanneh hört Bad Bunny. Rebecca Mead liest die Autobiografie Arundhati Roys. Adam Gopnik besucht Calder Gardens in Philadelphia. Lesen dürfen wir außerdem T.C. Boyles Erzählung "The Pool".
Le Grand Continent (Frankreich), 14.09.2025
Eurozine (Österreich), 15.09.2025
Der polnische Kriegsberichterstatter Marcin Ogdowski mahnt im Gespräch mit Michal Sutowski von der polnischen Zeitschrift Krytyka Polityczna, angesichts des Eindringens russischer Drohnen in den polnischen Luftraum nicht gleich in Panik auszubrechen. Eine persönliche Gefahr für polnische Bürger bestehe bisher nicht. Dennoch müsse die polnische Regierung Sicherheitsmaßnahmen ergreifen: "Wir müssen noch etwas lernen. In der Ukraine werden Informationen über russische Raketen oder Drohnen in der Luft über elektronische Geräte an die Zivilbevölkerung weitergeleitet. Am häufigsten werden Apps verwendet, die die Menschen über ihr Smartphone warnen, wenn sich etwas nähert. Wir befinden uns nicht im Krieg, daher haben wir dieses System nicht. Aber vielleicht ist es an der Zeit, solche Lösungen einzuführen, damit die Bevölkerung in Echtzeit über Bedrohungen informiert wird. ... Die beste Vorgehensweise, auch nach dem heutigen Angriff, ist es, die Ukraine stärker zu unterstützen. Dort wird die russische Kriegsmaschinerie zermürbt. Polen sollte sich auch mit Hilfe der alliierten Streitkräfte um den Aufbau eines robusteren Luftabwehrsystems kümmern. Dieser Schutzschild, obwohl hier stationiert, sollte auch die Westukraine abdecken. Einfach gesagt: Wir sollten russische Drohnen und Raketen abschießen, bevor sie in den polnischen Luftraum eindringen."

Jess Thomson berichtet im New Humanist über die ungleiche Repräsentation der Geschlechter bei der US Raumfahrtbehörde NASA. Besonders geht er auf einen Fall in den 1970er Jahren ein, wo entschieden wurde, unter anderem eine Abbildung eines nackten Mannes und einer nackten Frau mit der Pioneer-Raumsonde ins Weltall zu schicken, für den Fall, dass die Raumsonde von außerirdischen Leben entdeckt werde. Die Nacktheit löste einigen Protest aus. "Die Ironie dabei war, dass diese Nacktbilder bereits einem Zensurprozess unterzogen worden waren, bevor sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Während die männliche Figur auf der Pioneer-Plakette anatomisch korrekt ist und einen normal aussehenden Penis zwischen den Beinen hat, fehlt der weiblichen Figur etwas Kleines, aber Entscheidendes. Konkret hat die weibliche Figur keine Schamspalte - mit anderen Worten, keine 'Öffnung' an der Vorderseite der Vulva, wo sich die großen Schamlippen trennen. (…) Es mag nicht weiter schlimm erscheinen, dieses kleine Detail auf der Pioneer-Plakette zensiert zu haben, aber es gab einen guten Grund, warum alle Designentscheidungen lange und sorgfältig abgewogen wurden. Für unseren hypothetischen Außerirdischen, der das Bild ohne Kontext betrachtet, erhöht jede Auslassung die Wahrscheinlichkeit falscher Schlussfolgerungen. Die männliche und weibliche Figur wurden ansonsten sorgfältig entworfen, um die Grundlagen der menschlichen Biologie klar und genau zu vermitteln."
The Atlantic (USA), 03.09.2025
Nicht nur an amerikanischen Unis grassiert Antisemitismus - oft ein Vorwand für Donald Trump, um die Unis zu maßregeln - sondern auch in Trumps eigenem Lager. Extrem populäre Journalisten und Blogger wie Carlson Tucker und Candace Owens haben nicht die geringste Scheu, Holocaustrelativierer wie Darryl Cooper auftreten zu lassen und selbst ein "differenzierteres" Bild von Hitler zu fordern. Yair Rosenberg erklärt sich diesen neuen Antisemitismus in der MAGA-Rechten mit einem Wunsch, in die alten Muster der Vorkriegszeit zurückzukehren: Amerika war vor dem Krieg wesentlich antisemitischer als nach dem Krieg, schreibt er. Noch während des Krieges war die Stimmung gegnüber Juden in Amerika ziemlich feindselig, kann er mit Bezug auf Umfragen belegen. Erst nach dem Krieg sah man sich als Befreier der Juden, und Antisemitismus war verpönt. Tucker, der J. D. Vance sehr nahesteht, und seine Kollegen wollen dies Rad jetzt herumdrehen, so Rosenberg: "Wenn sie die amerikanische Politik von Grund auf verändern wollen, dann müssen sie die Art und Weise ändern, wie Amerika über sich selbst und seine Vergangenheit spricht, haben diese rechtsextremen Figuren erkannt. 'Der Grund, warum ich mich immer wieder darauf konzentriere, ist wahrscheinlich derselbe, aus dem Sie es tun', sagte Carlson zu Darryl Cooper, dem Amateur-Holocaust-Historiker. 'Ich denke, es ist von zentraler Bedeutung für die Gesellschaft, in der wir leben, für die Mythen, auf denen sie aufgebaut ist. Ich denke, es ist auch die Ursache für die Zerstörung der westlichen Zivilisation - diese Lügen.'" Vor zwanzig Jahren hätten Äußerungen wie die zitierten noch Empörung hervorgerufen. Heute verblasst die Erinnerung an den Holocaust, und Rosenberg zitiert Statistiken: "Ende letzten Jahres befragte David Shor, einer der führenden Datenwissenschaftler der Demokratischen Partei, rund 130.000 Wähler dazu, ob sie eine 'positive' oder 'negative' Meinung über jüdische Menschen hätten. Kaum jemand über 70 gab an, eine negative Meinung zu haben. Bei den unter 25-Jährigen waren es mehr als ein Viertel."New Lines Magazine (USA), 15.09.2025
Am Beispiel des verstorbenen sambischen Präsidenten Edgar Lungu erklärt Buster Kirchner die politische Bedeutung von Beerdigungen in vielen afrikanischen Ländern: "Die sambische Regierung kämpft nun für ein Staatsbegräbnis, während die Familienmitglieder, in komplexer Allianz mit der politischen Opposition, letztlich eine private Beerdigung in Südafrika anstreben." Einer der Gründe für das Beharren der Familie ist wohl, dass fast alle Verwandten Lungus in Sambia mit Verurteilungen rechnen müssen, weil sie wegen unterschiedlicher Vergehen dort angeklagt sind (darunter Autodiebstahl und Geldwäsche), so Kirchner. Allerdings gab es ähnliche Konflikte in der Vergangenheit zu Hauf: Von "Robert Mugabe in Simbabwe über José Eduardo dos Santos in Angola bis hin zu Mobutu Sese Seko in Zaire und John Atta Mills in Ghana haben Beerdigungsstreitigkeiten die Grenzen staatlicher Autorität und die unerledigte Aufgabe der nationalen Versöhnung offengelegt." Um die "politische Brisanz dieser Auseinandersetzungen vollständig zu erfassen, muss man sich jedoch zunächst mit dem sozialen Gefüge von Beerdigungen in Afrika südlich der Sahara befassen.(...) Trotz der großen Unterschiede auf dem Kontinent erinnert uns der Kulturanthropologe Martin Jindra daran, dass Beerdigungen in Afrika südlich der Sahara in Umgebungen stattfinden, in denen es keine scharfe Trennung zwischen Lebenden und Toten gibt. Diese Sphären seien 'fließend und miteinander verbunden', erklärt Jindra. Auf die jüngsten Streitigkeiten um Beerdigungen auf dem Kontinent angesprochen, war er von den hitzigen Debatten über den physischen Bestattungsort wenig überrascht. Der wichtigste Faktor, sagte er, sei die Vorstellung von Land. Viele Afrikaner glauben, dass die Geister ihrer Vorfahren in der Erde ruhen, in der sie begraben sind. 'Die Macht eines Menschen endet nicht mit seinem Tod', sagt Jindra. 'Menschen wollen mit dieser Macht in Verbindung gebracht werden, sie sogar nutzen. Beerdigungen sind oft umstritten und wirkungsmächtig, weil Menschen um diese Macht kämpfen. Es geht darum, wer sie erhält und kontrolliert. Deshalb ist der Bestattungsort so wichtig, und deshalb funktionieren öffentliche Friedhöfe in vielen Teilen Afrikas nicht."New York Review of Books (USA), 16.09.2025
Mark O'Connell beschäftigt sich mit dem derzeit schier unaufhaltsamen Aufstieg der Firma Palantir; und insbesondere mit "The Technological Republic", dem Buch, das der Palantir-CEO Alexander Karp gemeinsam mit Nicholas W. Zamiska verfasst hat. Angefüllt mit Banalitäten ist diese Veröffentlichung, stöhnt O'Connell. Was die Frage aufwirft: "Warum wollte Alexander Karp dieses Werk überhaupt schreiben? Ich vermute, seine Gründe hängen zumindest teilweise mit dem Silicon-Valley-Kult um die Tech-Gründer als Philosophenkönige zusammen und mit Karps Wunsch, nicht nur als Geschäftsmann, sondern auch als öffentlicher Intellektueller wahrgenommen zu werden. Dieses Buch existiert letztlich nur, weil es beweist, dass Karp ein Buch geschrieben hat. Viel ist über seine akademischen und intellektuellen Qualifikationen geschrieben worden. Er hat einen Doktortitel in Sozialtheorie von der Goethe-Universität Frankfurt. (Es wird oft betont, er habe dort bei Jürgen Habermas studiert, doch das scheint übertrieben: Laut Die Welt schrieb er Habermas mit der Bitte an, seine Dissertation zu betreuen, woraufhin Habermas ihn an einen Kollegen verwies.) In seinen Aktionärsbriefen zitiert er Adorno. Er wirft gern mit Begriffen wie Hermeneutik und Ontologie um sich." Letztlich jedoch ist sein Denken ähnlich schlicht wie das seines Palantir-Mitstreiters Peter Thiel, findet O'Connell: "Karps Freundschaft mit Thiel wird oft als eine beschrieben, die sich um ideologische Unterschiede herum strukturiert. Thiel, der Trump unterstützte, bevor es profitabel oder populär war, gilt weithin als Libertärer. Karp hingegen hat sich in der Vergangenheit öffentlich als Progressiver bezeichnet und sich gelegentlich - absurderweise - sogar selbst als 'Sozialist' identifiziert. In Wirklichkeit ist Karp jedoch nicht mehr ein Progressiver, als Thiel - dessen Vermögen gleichfalls zum großen Teil aus Regierungsaufträgen stammt - ein Libertärer ist."HVG (Ungarn), 16.09.2025
Der Architekt Árpád Ferdinand hat u.a. das kürzlich eingeweihte Mettrin Kulturzentrum am Bánki See ca. 70 km nördlich von Budapest gebaut. Im Interview mit Rita Szentgyörgyi spricht er u.a. über strukturelle Schwierigkeiten und Herausforderungen der Hauptstadt Budapest bezüglich der Architektur, sowie über zeitgenössische architektonische Trends. "Der Gebäudebestand in Budapest wurde seit dem Zweiten Weltkrieg stiefmütterlich behandelt. Durch die Umwandlung der Mietshäuser in Eigentumswohnungen wurde erreicht, dass eigentlich nichts mehr einen Eigentümer hat. Bis sich vierzig bis fünfzig Eigentümer einigen können, bricht die Fassade ein. In Österreich sind die Bewohner gesetzlich verpflichtet, die Fassade mit etwas EU-Förderung zu renovieren. Meiner Meinung nach werden die Angelegenheiten Budapests auf die Lösung der Verkehrsprobleme reduziert. Die alte Stadtstruktur, die für Pferdekutschen ausgelegt ist, sorgt seit dem Aufkommen der Motorisierung für ständige Spannungen. In den Nachrichten geht es um nichts anderes als um Straßensperrungen, Fahrradwege, Staugebühren und das Parken, als ob die bebaute Umgebung so in Ordnung wäre, dass man sich nicht mehr darum kümmern müsste. In den letzten 10 bis 15 Jahren sieht man aber auch immer mehr Gebäude von besserer Qualität. Beim Bau von Einfamilienhäusern haben wir alle möglichen Trends durchlaufen, von alpenländisch über mediterran bis hin zu Neobauhaus. Neo ist eine Wiederaufbereitung von Altem. Wenn uns nichts Neues einfällt, machen wir das Bewährte, denn damit kann nichts schiefgehen. Und dazu wird auch eine Ideologie produziert. Der britische König schrieb früher Essays darüber, wie schädlich die moderne Architektur sei und dass alle so bauen sollten wie in der viktorianischen Zeit. Diese Sichtweise scheint auch bei uns vorherrschend zu sein, zumindest wenn man sich das Burgviertel in Buda ansieht. Wir bauen aus Stahlbeton wieder auf, was einst zerstört wurde, als hätte es keinen Krieg gegeben. Oft kommt mir der Gedanke, dass Gebäude keinen gesamtgesellschaftlichen Nutzen haben."The Comics Journal (USA), 10.09.2025




