Magazinrundschau

Die Schönheit von Orpiment

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
09.09.2025. The Ideas Letter lotet den immer geringeren Spielraum chinesischer Medien aus - dazu passt Anne Applebaums Essay im Atlantic über die Schleifung von Medien wie Radio Free Europe durch die Trump-Regierung. Atlantic lässt sich außerdem vom amerikanischen Rechtsintellektuellen Mike Solana seine Vorstellung von effizienter Politik darlegen. Emergence hat offene Augen für die hässlichste Farbe der Welt: "Opaque couché", aber auch für alle anderen Farben. Das tschechische Literaturmagazin Tvar widmet sein aktuelles Heft der unabhängigen russischen Literatur. Die LRB lernt in El Salvador, wie ein moderner Gefängnisstaat aussieht.

The Ideas Letter (USA), 21.08.2025

Der Medienexperte Li Jun wirft einen detaillierten Blick auf jüngere Geschichte und Gegenwart der Medien in China - und erinnert daran, dass insbesondere in den Nuller-, aber auch noch in den frühen Zehnerjahren zwar ebenfalls kein repressionsfreies Publizieren in der Volksrepublik möglich war, aber doch eine zumindest vergleichweise liberale Atmosphäre herrschte. "Mittlerweile ist der Ein-Parteien-Staat viel weniger transparent oder zugänglich für die Interessen der Öffentlichkeit und unterdrückt ihm ungenehme Presse viel gewaltvoller. Zumindest seit 2014 hat China jedes Jahr mehr Journalisten inhaftiert als jedes andere Land der Welt. Heute sind sowohl die institutionell eingebundene Nachrichtenindustrie als auch die spezielle Tradition des kritischen Journalismus in China nahezu ausgestorben. ... Einige Intellektuelle, Aktivisten und Journalisten haben China auf der Suche nach Orten, wo sie ihre Arbeiten veröffentlichen und ihre Gedanken frei äußern können, verlassen. In Tokio, Chiang Mai, Berlin, New York und Washington D.C. haben sie neue Anlaufstellen für eine chinesische Diaspora-Kultur geschaffen. ... Die Tatsache, dass selbst einige der zentralen Sprecher der Staatsmedien sich ins Exil begeben haben, zeigt nicht nur an, wie die relativ durchlässige Zensur früherer Jahre zusehends endet, sondern auch wie sich sogar die kulturelle Elite entfremdet. Journalisten und Intellektuelle unterstützen die Ziele des Regimes nicht mehr und suchen auch nicht mehr innerhalb des Systems nach Unterschlupf. ... Im Festlandchina selbst nimmt das, was vom kritischen chinesischen Journalismus im Zuge der Anpassung institutioneller und der Schließung privater Medien übrig geblieben ist, die Form kleiner, dezentralisierter Gruppierungen an. Sie sind deinstitutionalisiert (und bis zum gewissen Grad entprofessionalisiert), im hohen Maß vertikal orientiert - sie fokussieren also auf sehr spezifische Themen und Communitys - und ungleichmäßig über die Social-Media-Landschaft verteilt."

The Atlantic (USA), 08.09.2025

Der Open Technology Fund der US-Regierung ermöglicht Radiostationen in aller Welt, Nachrichten an die Bürgerinnen und Bürger in Ländern und Regionen zu vermitteln, in denen Zensur auf der Tagesordnung steht, doch unter der Trump-Regierung sollen nun Gelder gekürzt werden. Warum das fatal wäre, erklärt Anne Applebaum für The Atlantic: "Seit der Gründung von Radio Free Europe 1950 haben Demokraten, Republikaner, Senatoren, Abgeordnete und jeder Präsident von Harry Truman bis Joe Biden alle daran geglaubt, es sei wichtig, der Bevölkerung in abgeschotteten Gesellschaften Zugang zu faktenbasierten Informationen zu schaffen, und das nicht nur zu deren eigenem Nutzen. Besser informierte Russen oder Iraner würden mit geringerer Wahrscheinlichkeit gegen uns in den Krieg ziehen, mit geringerer Wahrscheinlichkeit in andere Länder einmarschieren und mit größerer Wahrscheinlichkeit den Launen ihrer Diktatoren widerstehen. (…) Am 29. August hat die Behörde angekündigt, mehr als zwei Dutzend Abkommen aufzulösen, die das Global Engagement Center mit Ländern um die ganze Welt hatte. Diese Abkommen waren geschaffen worden, um mit einer gemeinsame Sprache und Taktik gegen russische, chinesische, iranische und terroristische Einflusskampagnen zu wirken. In dem Fax, das an die Angestellten ging, hat die Behörde insistiert, die Abkommen 'verletzen die in der US-Verfassung festgelegte Meinungsfreiheit'." Diese völlig bizarre Begründung freut vor allem jene, die an Meinungsfreiheit eh kein Interesse haben: "Hu Xijin, der frühere Chefredakteur von Global Times, einer staatlich unterstützten chinesischen Publikation, schrieb in den sozialen Medien, die 'Chinesen sind glücklich zu sehen, dass die amerikanische Anti-China-Ideologie-Festung von innen aufgebrochen wird'. Margarita Simonyan, die Chefin von RT, dem staatlichen Nachrichtensender Russland, hat diese Sicht in einer russischen Talkshow wiederholt: 'Heute ist ein Feiertag für meine Kollegen und mich bei RT und Sputnik.'"

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Mike Solana ist ein Peter-Thiel-Protegé, dessen eigener viel gelesener Newsletter ironischerweise Pirate Wire heißt. Christopher Beam hat den Mann vor einem Jahr in Atlantic porträtiert, jetzt schreibt Solana selbst dort einen Essay und rechnet mit der radikalen Linken ab. Er selbst hält zu viel Demokratie und Gewerkschaften für hemmend - er hält einen Dezisionismus à la Roosevelt für effizienter, der auch mal über demokratische Procederes hinwegging. Solana glaubt auch nicht, dass die liberale Linke um Ezra Klein und Derek Thompson die radikale Linke, für die beispielsweise Zohran Mamdani steht, von der Idee eines "neuen Wohlstands" (so der deutsche Titel von Kleins und Thompsons Buch) für alle überzeugen kann. Der Fehler, so Solana, ist der Linken inhärent: "Im Jahr 2021 verabschiedete Biden seinen mittlerweile berüchtigten Billionen Dollar teuren American Rescue Plan Act of 2021 und versprach unter anderem eine bessere Infrastruktur. Wir schreiben das Jahr 2025. Aber wo ist die Infrastruktur? Die Menschen fragen sich oft, wie solche Misserfolge zustande kommen. Haben wir einfach vergessen, wie man baut? Die Antwort ist einfach und deprimierend... Genauso wie das Hauptinteresse einer Lehrergewerkschaft nicht darin besteht, jungen Menschen die bestmögliche Ausbildung zu gewährleisten, sondern bessere Bezahlung und mehr Freizeit für Lehrer, besteht das Hauptinteresse unserer aufgeblähten staatlichen und lokalen Belegschaft bei Projekten nicht darin, die schnelle Fertigstellung sicherzustellen. Ihr Ziel ist es, Geld für ihre eigene eine feste Anstellung so lange wie möglich zu sichern. Was ist bis heute der Hauptzweck jeder NGO für Obdachlose in San Francisco, wenn nicht die Beschäftigung von NGO-Mitarbeitern? Denn dass damit das Problem der Obdachlosigkeit nicht gelöst wird, ist verdammt sicher."
Archiv: The Atlantic

New Statesman (UK), 08.09.2025

Die antiwestliche Rhetorik autokratischer Regime in Asien ist nicht neu, erläutert Katie Stallard, mit Blick auf den Schulterschluss zwischen Wladimir Putin, Xi Jinping und Kim Jong-Un anlässlich einer Militärparade in Beijing am 3. September diesen Jahres. In Zeiten von Trump und dessen erratischer Politik fällt sie jedoch auf zunehmend fruchtbaren Boden und wird zur Grundlage einer strategischen Allianz antiliberaler Mächte. Dabei setzt insbesondere der chinesische Staatschef auf Friedens- und Sicherheitsversprechen: "In seiner Rede vor den Mitgliedern des Gipfels der Shanghai Cooperation Summit (SCO) am 2. September bezog sich Xi auf die 'tiefgreifenden Lehren aus dem Fluch zweier Weltkriege' und auf die vermeintlichen 'historischen Trends' von Frieden, Entwicklung und Kooperation in den 80 Jahren seither. Doch er warnte, dass die 'Mentalität des Kalten Krieges, Hegemonialstreben und Protektionismus die Welt weiterhin heimsuchen', während wir in eine 'neue Phase der Turbulenzen und des Wandels' eintreten. Die USA nannte er dabei nicht namentlich - das war auch nicht nötig. Die Antwort, sagte er, liege in einem 'gerechteren und ausgewogeneren System globaler Regierungsführung', das den Stimmen der Entwicklungsländer und den Bedürfnissen der globalen Mehrheit mehr Aufmerksamkeit schenkt - anstelle einer privilegierten Minderheit. Ähnliche Töne hört man von Xi seit über einem Jahrzehnt, doch da Trump nun die Rolle des unberechenbaren globalen Hegemons verkörpert, vor dem Xi lange gewarnt hat, finden diese Klagen zunehmend Gehör."

Tanjil Raschid kann kaum fassen, wie schnell sich in Britannien die Einstellung zu Massenabschiebungen verändert hat: "Es ist kaum ein Jahr vergangen ist, seit der radikal rechte Parlamentarier Rupert Lowe wegen seines Vorschlags von Massenabschiebungen aus seiner Partei, den Konservativen, ausgeschlossen wurde. Nigel Farage versuchte damals noch das Image seiner Partei Reform UK zu mäßigen. 'Es ist politisch unmöglich, Hunderttausende von Menschen abzuschieben', betonte Farage im September 2024 mit einer Schärfe, die selbst die Labour-Partei heute nicht mehr aufbringen würde. 'Wir können das einfach nicht tun.' Inzwischen versuchen die Konservativen Farage zu übertrumpfen, und die Labour Partei "befindet sich heute dort, wo die Reformpartei vor einem Jahr stand: Sie behauptet, die Vorschläge seien lediglich undurchführbar und nicht unfair. ... Dieses Zeitalter der Abschiebung ist ein globales. Das ist ein Paradoxon: Die brutale Verfestigung nationaler Grenzen durch Abschiebungen ist heute ein durch und durch globalisiertes Phänomen. Das Abschiebungsprojekt der Reformpartei ist nach eigenen Angaben 'Trump 2.0'. Das zeigt, wohin die Reise kurzfristig geht. Aber seine Pläne spiegeln auch das Muster der Abschiebungen wider, das derzeit in vielen ehemaligen Kolonien Großbritanniens, wie beispielsweise Indien, weit verbreitet ist und möglicherweise die Richtung für die langfristige Entwicklung vorgibt. Die aufkommende Hektik, illegale Migranten aus England auszuweisen, ist in Indien bereits weit fortgeschritten. In den letzten Monaten wurden Hunderte von indischen Staatsbürgern bengalischer Herkunft wegen des Verdachts der illegalen Einwanderung festgenommen und über die Grenze nach Bangladesch abgeschoben. In der Provinz Assam wurden bis zu vier Millionen bengalische Inder ihrer Staatsbürgerschaft beraubt: man beschuldigte sie, illegale Einwanderer aus Bangladesch zu sein, wo ihre Vorfahren vor Generationen ihren Ursprung hatten. Sie vegetieren in aufwendig gebauten Haftanstalten dahin, gefangen in einem bürokratischen Albtraum. Es ist nicht abwegig, darin Vorzeichen für die Zukunft Großbritanniens zu sehen."
Archiv: New Statesman

Emergence (emergencemagazine.org/), 28.08.2025

Ein prähistorischer Büffel in der Grotte de Font-de-Gaume vor etwa 18.000 Jahren


Stephanie Krzywonos stellt einige bekannte und weniger bekannte Farben vor: Ocker, die erste von Menschen verwendete Farbe, Opaque couché, die als die hässlichste Farbe der Welt gilt, Tyrianischer Purpur - für eine Unze müssen 250.000 Murex-Meeresschnecken sterben - oder Orpiment und Purree: "Orpiment ist ein seltenes Mineral, ein Sulfid des Arsens. Es glänzt und hat eine leuchtende kanariengelbe Farbe. In der Antike und im Mittelalter wurde Orpiment verwendet, um Gold zu imitieren. Man findet es in hydrothermalen Adern und heißen Quellen. Ein Großteil des Orpiments in der italienischen Malerei stammte aus den Fumarolen des Vesuvs. ... Orpiment wurde als Gift für Pfeilspitzen und in der chinesischen Medizin verwendet. Trotz der Risiken gewann die Schönheit von Orpiment die Oberhand: Spuren des Pigments wurden im Grab des Pharaos Tutanchamun und auf dem Taj Mahal gefunden. Ocker kann manchmal gelb sein, ist aber nicht leuchtend. Im Indien des 15. Jahrhunderts begann man, Kühe mit Mangoblättern zu füttern und ihren Urin auf speziellem Sand zu sammeln. Der getrocknete Urin wurde dann gemahlen, um ein Pigment namens Purree herzustellen. Van Gogh verwendete dieses leuchtende Gelb für seine wirbelnden Himmelskörper in 'Sternennacht'. Eine Ernährung mit Mangoblättern macht Kühe krank, daher wurde die Herstellung von Purree vermutlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts verboten. Der englische Maler J. M. W. Turner, bekannt für seine turbulenten und gewalttätigen Meeresbilder, verwendete Purree so häufig, dass seine Kritiker sagten, seine Bilder seien 'von Gelbsucht befallen'. Turner wechselte zu einem synthetischen Gelb auf Bleibasis, das bekanntermaßen Delirium verursacht."
Archiv: Emergence
Stichwörter: Farben

Letras Libres (Spanien / Mexiko), 01.09.2025

In einem ursprünglich in Letras Libres erschienen Artikel, den Eurozine ins Englische übersetzt hat, rechnet Gilles Bataillon mit der französischen Politik ab - und zwar mit allen Parteien. Von ganz links bis ganz rechts zeichneten sich die Politiker durch ihre Weltfremdheit, fehlendes Rückgrat, intellektuelle Dürftigkeit und fehlenden Realismus aus, ganz zu Schweigen von den zahlreichen Skandalen der jüngsten Vergangenheit, die alle Parteien betrafen. Außerdem, so Bataillon, fehle den meisten Abgeordneten echte Expertise in ihrem Bereich, auch wenn fast alle einen Hochschulabschluss haben: "Sie haben selten Berufserfahrung, abgesehen von kurzen Sommerjobs. Wer eine Stelle als Parlamentsassistent bekommt, beginnt in der Regel mit der Zusammenstellung von Akten oder Berichten. Ehemalige Studenten von Sciences Po sagen oft, sie hätten studiert, 'wie man (Schall und) Rauch verkauft'. Der Ausdruck trifft den Nagel auf den Kopf. Sie wissen, welche Themen gerade im Trend liegen, und können selbstbewusst über zahlreiche Themen sprechen, von denen sie nur oberflächlich etwas verstehen. Wenn sie Erfahrungen in anderen Ländern als Frankreich gesammelt haben, dann im Rahmen von Studentenaustauschen, die nicht länger als ein paar Monate dauern. Das bedeutet, dass diese Menschen vom Rest des Landes abgekoppelt sind, sehr konventionelle Ideen haben und wenig Neugier oder intellektuellen Erfindungsreichtum besitzen."
Archiv: Letras Libres
Stichwörter: Französische Politik

Dekoder (Deutschland), 19.08.2025

Dekoder veröffentlicht einen Briefwechsel des russischen Publizisten Andrej Archangelski und des russischen Historikers Sergej Medwedew, die versuchen herauszufinden, welche Denkmuster die russische Führung und russische Gesellschaft derart kriegerisch werden lässt, wie wir es heute in der Ukraine sehen. So schreibt Medwedew, die russische Propaganda hätte "den Mythos von der Größe Russlands und den Mythos vom Opfer des 9. Mai" kombiniert und miteinander verschränkt. "Herausgekommen ist eine explosive, atemberaubende Mischung: der Mythos vom Sieg als Hauptparadigma der russischen Geschichte. Oder noch weiter gefasst - der Mythos des Krieges als Basisontologie des russischen Lebens. (...)  Archangelski:  Aus dem von dir beschriebenen Mythos des 'Krieges als Religion' ergeben sich meiner Meinung nach zwei weitere wichtige Denkmuster: einerseits der Mythos, der uns zu Sowjetzeiten eingetrichtert wurde und der jetzt wiederkehrt - dass die UdSSR den Faschismus ganz allein besiegt habe (vor allem ohne Großbritannien und die USA). Was dem heutigen Russland und seiner Bevölkerung quasi das absolute moralische Recht für die Zukunft verleiht: 'Wir haben das Böse in der Welt besiegt, darum steht die ganze Welt für immer in unserer Schuld. Also dürfen wir alles.' Wohlgemerkt fehlt diesem 'Wir' der elementare Anstand allein schon dem früheren 'Wir' gegenüber, zu dem ja auch die Bürger der anderen Sowjetrepubliken gehörten. Und das zweite Denkmuster betrifft, was genau 'wir' als 'Unseres' betrachten: 'Uns gehört alles, wo wir jemals Blut vergossen haben' (und wir haben fast schon überall gekämpft). Wie der Dichter Boris Sluzki schrieb: 'In fünf Nachbarländern liegen unsere Leichen verscharrt.' Das entspricht Putins Formel: 'Russland hat kein Ende.' Die Verluste in den zahlreichen Kriegen über mehrere Jahrhunderte - enorme, unnötige und, wie die Geschichte oft gezeigt hat, sinnlose Opfer - werden jetzt zu einem blutigen, symbolischen Kapital des Putin-Regimes. Je mehr Tote, desto größere das moralisches Recht auf neue Eroberungen! Es ist zynisch, funktioniert aber."
Archiv: Dekoder

iTvar (Tschechien), 08.09.2025

Das tschechische Literaturmagazin Tvar widmet sein aktuelles Heft der unabhängigen russischen Literatur. Unter anderem unterhält sich darin Jana Kitzlerová mit dem russischen Schriftsteller und Arzt Maxim Ossipow, der, in die Niederlande emigriert, die Antikriegszeitschrift Pjataja Volna (Fünfte Welle) herausgibt. Auf die Frage, warum besonders Menschen vom Land und aus den Randgebieten bereitwillig in den Krieg ziehen, sagt Osipov: "Das Problem der Menschen auf dem Land ist nicht der Mangel an Informationen, sondern der Mangel an Geld. Und genau das hat Putin auf teuflische Weise ausgenutzt. Einem Menschen, der monatlich 30.000 Rubel verdient, was ungefähr 300 Euro entspricht, werden plötzlich mehrere Millionen angeboten - eine Summe, die er in seinem ganzen Leben nicht verdienen würde. Und wofür? Dafür, dass er einen Vertrag unterschreibt. Wissen Sie, was eine der häufigsten Fragen ist, die Frauen im Internet stellen? Wie schickt man seinen Mann in den Krieg? Und die zweite: Wie schicke ich ihn dorthin, ohne dass er merkt, dass ich ihn geschickt habe? Kurz gesagt, einen Mann in den Krieg zu schicken, löst alle Probleme."
Archiv: iTvar
Stichwörter: Ossipow, Maxim, Russland

New Lines Magazine (USA), 08.09.2025

Einst boomte der Literatur- und Buchsektor in Beirut, doch schon seit einigen Jahren steckt er in der Krise, berichtet Amelia Dhuga. So tragen steigende finanzielle Belastungen sowie Zensur durch  dazu bei, dass viele Buchhandlungen bereits schließen mussten. "Der Literatursektor genießt nicht mehr die Freiheiten, die er einst hatte, und zensierte Werke sind auch heute noch schwer zu beschaffen. (…) Trotz dieser Zensurversuche sind eine große Anzahl von LGBTQ+-freundlichen und sexuell expliziten Büchern durch die Maschen geschlüpft. 'Bareed Mista3jil', eine Anthologie aus dem Jahr 2009 mit realen Geschichten von queeren Frauen im Libanon, Maya Zankouls illustriertes Tagebuch 'Amalgam Vol. 2' mit sexuellen Inhalten und Kritik an Institutionen sowie Saleem Haddads 'Guapa' aus dem Jahr 2016, ein Coming-of-Age-Roman über Homosexualität, sind Beispiele für Werke, die nach wie vor in den großen Buchhandlungen des Landes erhältlich sind." Ein großes Problem ist allerdings die zunehmende Selbstzensur. Und eine weitere Herausforderung stelle die Häufigkeit von Hassrede im Internet dar: "'Nachdem wir einen Beitrag zum Tod von Nawal El Saadawi veröffentlicht hatten, einer lautstarken ägyptischen feministischen Autorin, Aktivistin und Ärztin, die über Frauen im Islam, Sexualität, Patriarchat, Klassen und Kolonialismus schrieb, wurden hasserfüllte Kommentare auf Instagram gepostet', erzählt mir Halabi. Vorfälle wie diese haben dazu geführt, dass Buchhandlungen vorsichtiger geworden sind, was sie online oder in ihren Geschäften veröffentlichen."
Stichwörter: Libanon, Beirut, Buchhandel

Seznam Zpravy (Tschechien), 01.09.2025

Die Kunsthalle Prag bringt das Künstlerpaar Anna-Eva Bergman und Hans Hartung erstmals in einer Doppelausstellung zusammen. Obwohl der gebürtige Deutsche Hartung, der als Vertreter der gestischen Malerei gilt, und die norwegische Malerin Bergmann jeweils ihren eigenen einzigartigen Stil bewahrten, stellen die Kuratoren interessante Überschneidungen in ihrem Schaffen heraus, wie Helena Kardová berichtet. Deutlich werde auch die Hingabe, mit der beide sich der Kunst auch allgemein widmeten: "In Erinnerung an seine Besuche europäischer Museen skizzierte er Werke von Francisco Goya und Oskar Kokoschka. Sie wiederum studierte berühmte Kompositionen oder den Goldenen Schnitt anhand detaillierter geometrischer Diagramme." Kardová sieht zwar auch die Gefahr, das man hier eine Liebe idealisiert, die nicht immer romantisch war (Scheidung, Fremdenlegion, Kriegsverwundung etc.), es sei jedoch ein Verdienst der Ausstellung, dass sie die verborgene Kommunikation zwischen den Künstlern herausarbeite. "Bemerkenswert ist zum Beispiel Hartungs Mondfotografie aus dem Jahr 1916. Er nahm das Bild mithilfe eines selbstgebauten Teleskops auf, und mehr als ein halbes Jahrhundert später schuf Anna-Eva Bergman ihre Komposition mit Goldfolie und roter, blauer und schwarzer Farbe." Erfrischend sei in jedem Fall, dass es hier nicht um das klassische Stereotyp "Meister und Schülerin/Muse" gehe, sondern um zwei Künstler auf Augenhöhe in einer gleichberechtigten Ausstellung. Die ist in Prag noch bis zum 13. Oktober zu sehen.
Archiv: Seznam Zpravy

HVG (Ungarn), 04.09.2025

Der bildende Künstler und Animationsfilmemacher Gábor Ulrich spricht im Interview mit Zsuzsa Mátraházi über das Finanzierungssystem der Animationsfilme sowie über den Einfluss der KI auf die Filmbranche. "Je experimenteller ein Film ist, desto schwieriger ist es, ein Storyboard zu zeichnen, eine Synopse zu erstellen oder Figuren zu entwerfen. Oft sind diese Filme auch in ihrer Formensprache und Dramaturgie abstrakt. Im alten Fördersystem erhielten die Filmstudios einen bestimmten Betrag, den sie nach eigenem Ermessen intern ausgeben konnten. Im aktuellen NFI-Fördersystem sind echte experimentelle Filme inkompatibel, sie werden eigentlich als lila Nebel betrachtet, für die es zu schade ist, Steuergelder auszugeben. Das Animationskuratorium hat seit fünfzehn Jahren denselben Leiter. Als Kind habe ich seine Stop-Motion-Filme im ungarischen Fernsehen gesehen. Seitdem ist sein filmisches Schaffen unbedeutend. Die anderen Mitglieder des Kuratoriums sind in der ungarischen und internationalen Animationsszene noch weniger bekannt. Ich halte es für ungerecht, dass sie über die Pläne junger Menschen entscheiden, die bereits mit ihrer Abschlussarbeit weltberühmt geworden sind. (…) Im Hinblick auf die KI bin ich ein Befürworter, im Gegensatz zu meinen Schülern und meiner Tochter. Sie ist jetzt im fünften Jahr an der Filmakademie, und wenn sie ihren Abschluss macht, wird sie feststellen, dass viereinhalb Jahre umsonst waren. (…)  In der Filmindustrie ist es für den Produzenten wichtig, das gewünschte Ergebnis so schnell und so kostengünstig wie möglich zu erzielen, daher wird sich die KI durchsetzen. Es wird Filmemacher geben und solche, die der künstlichen Intelligenz Anweisungen geben. Auf diesen Zug kann man jetzt noch aufspringen, aber in ein oder zwei Jahren wird er so schnell fahren, dass man, selbst wenn man sich daran festhält, zurückbleibt."
Archiv: HVG

London Review of Books (UK), 11.09.2025

Tom Stevenson besucht El Salvador, ein Land, das seit ein paar Jahren mit harter Hand von Nayib Bukele regiert wird - 2019 gelangte er an die Präsidentschaft, im Jahr 2022 rief er den nationalen Notstand aus und zerschlug die kriminellen Banden (siehe auch hier), die weite Teile des Landes im Griff hatten. El Salvador ist jetzt zwar sicherer, so Stevenson, aber der Preis ist hoch: Bukele setzt sich über alle rechtsstaatlichen Prinzipien hinweg, inzwischen befindet sich ein signifikanter Teil der männlichen Bevölkerung hinter Gittern, nur sehr wenige Gefangene landen tatsächlich vor Gericht. Freilich gibt es, verglichen mit anderen totalitären Regimes, einen Unterschied: "Der wesentliche Unterschied zwischen dem Gefängnisstaat unter Bukele und zum Beispiel dem ägyptischen besteht in seiner Sichtbarkeit. In Ägypten, wie auch im Syrien Assads, spielt sich die Brutalität im Verborgenen ab - schon Nachforschungen darüber sind gefährlich. Die Regierung Bukeles hingegen führt gerne social-media-Influencer durch das Gefängnis CECOT. Die US-Ministerin für Heimatschutz, Kristi Noem, ließ sich vor eingesperrten Häftlingen filmen. Auf YouTube finden sich Videos auf Spanisch, Arabisch und Englisch, die alle im Wesentlichen dieselbe Tour durch dieselben zwei Blöcke mit überfüllten, aber sauberen Zellen zeigen. Dutzende Männer in einer Zelle starren hinter Gittern hervor, ihre Gesichter von Tattoos bedeckt; in der nächsten Zelle tragen die Gefangenen Brillen und haben Bäuche. ... Der Zweck von CECOT besteht - wie der Name schon andeutet - darin, Bandenmitglieder wie Terroristen zu behandeln, auf eine Weise, die offensichtlich vom Gefangenenlager Guantánamo beeinflusst ist. Die sorgfältig inszenierten Führungen verraten wenig darüber, wie Gefängnisgewalt unterdrückt wird oder wie die Bedingungen in den Bereichen aussehen, die Besuchern nicht gezeigt werden."