Magazinrundschau

Dante tat es schließlich auch

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
02.09.2025. Das Smithsonian Magazine begutachtet Cormac McCarthys riesige Bibliothek und seine Geschirr-Schnäppchen. New Lines staunt über Deep Fakes von afrikanischen Staatsoberhäuptern, die zwar nicht gewählt wurden, aber populäre Sprüche klopfen können. Die belarusische Oppositionelle Natalja Dulina glaubt in Osteuropa nicht an lautere Motive für ihre Freilassung. Die London Review freut sich, dass Boccaccio gern für Frauen schrieb. In der Israel Law Review beklagt der Völkerrechtler Avraham Russell Shalev, dass sich niemand für den Völkermord in Israel interessiert.

Smithsonian Magazine (USA), 01.09.2025

Richard Grant begleitet ein Team von Literaturwissenschaftlern, das Cormac McCarthys riesige Bibliothek in seinem entlegenen Anwesen in New Mexico katalogisieren und durchleuchten möchte. Dabei stellt sich unter anderem heraus, dass der zurückgezogen lebende, vor zwei Jahren gestorbene Schriftsteller auch in handwerklichen Dingen - zahlreiche Möbel hatte er selbst gebaut und auch das Haus architektonisch modizifiert - gut bewandert war. Und dass er - Grillen braucht wohl jeder Mensch - trotz eines zumindest im Alter beträchtlichen Auskommens, an keinem Geschirr-Schnäppchen vorbeigehen konnte, ohne zuzuschlagen. "Die zweite große Entdeckung, in seinem Werk zu erahnen, aber durch seine Bibliothek zweifelsfrei belegt, ist die, dass McCarthy ein intellektueller Universalgelehrter vom Rang eines Genies mit einer unstillbaren Neugier gewesen ist. Seine Interessen reichten von Quantenphysik, die er sich durch die Lektüre von 190 Büchern über das berüchtigt herausfordernde Thema erschloss, über die Biologie der Wale, Geigen, obskure Nischen der französischen Geschichte im frühen Mittelalter bis zu den höchsten Ebenen der avancierten Mathematik. ... Dann erfuhr ich, dass er ein bildhaftes Gedächtnis hatte und sich an nahezu alles erinnern konnte, was er je gelesen oder gehört hatte, darunter die Texte zu tausenden Songs. Mehr und mehr erschien McCarthy als ein Mann von zahllosen Talenten und grenzenloser Intelligenz, und doch lebte er im Kuddelmuddel eines Hamsterers, der zu beschichteten Pfannen und Obstschalen einfach nicht Nein sagen konnte." Allerdings "fanden die Wissenschaftler kaum Romane im Haus. Bis sie Kisten öffneten, die sein Bruder Dennis aus einem Außenlager in El Paso angefordert hatte. Aus ihnen purzelte der gesamte Kanon der westlichen Literatur, vom antiken Griechenland und Rom bis zu den besten Belletristen, Lyrikern und Essayisten der Siebziger, fast alle in billigen, abgenutzten Taschenbuchausgaben. 'Das sind die Bücher, die er in seinen Zwanzigern und Dreißigern und vielleicht noch in seinen Vierzigern las. Er war damals ständig pleite', erzählte Dennis. 'Sobald er zu Geld gekommen war, kaufte er all seine Bücher im Hardcover, wenn möglich, und las die letzten 40 Jahre seines Lebens dann so gut wie keine Belletristik mehr.' Warum? Eine Antwort findet man in McCarthys tiefer Abscheu vor der modernen Gesellschaft, die er für verloren hielt, abgelöst von Natur, Geschichte und Tradition und auf dem Weg zum gesellschaftlichen Zusammenbruch und der Apokalypse. 'Cormac hielt die zeitgenössische Literatur für Zeitverschwendung', erzählte Denis, 'weil zeitgenössische Schriftsteller nicht mehr über die seriöse Kultur verfügen, um damit ihre Seelen zu füttern.'"

New Lines Magazine (USA), 28.08.2025

Seit einigen Monaten werden die sozialen Medien mit Deepfakes von afrikanischen Staatsoberhäuptern überschwemmt, berichten Kwangu Liwewe und Alec D'Angelo. Ein kurioses Phänomen, die Videos zeigen zum Beispiel Burkina Fasos Interimspräsident, Hauptmann Ibrahim Traoré, der eine flammende Rede hält: "Der Kolonialismus ist nicht zu Ende, er hat seine Form verändert. Früher kamt ihr und besetzte unser Land, jetzt kommt ihr und gründet Unternehmen," verkündet er - das Video ist komplett KI-generiert. Allerdings hat es einen Nerv getroffen. Über 26 Millionen Menschen haben es gesehen und geteilt. Manche halten es für authentisch. Anderen ist es egal. 'Wenn das KI ist', kommentierte ein Zuschauer, 'dann soll uns KI führen.' Ein anderer postete: 'Er sagt, was jeder afrikanische Staatschef sich nicht zu sagen traut.' Die Rede ist nur eines von zahlreichen KI-generierten Videos, die die sozialen Medien überfluten. Und sie sind nicht nur politisch: Sie sind musikalisch, visuell und zutiefst emotional und wirken echt. Auf Plattformen wie YouTube, TikTok und X gibt es eine wachsende Zahl von Videos, in denen Prominente wie Beyoncé, Buju Banton, R. Kelly, Chris Brown, Diddy und Burna Boy Traoré in den höchsten Tönen loben. Die Musik klingt unheimlich nach den echten Künstlern." Der Politikwissenschaftler Folahanmi Aina sieht hier ein großes Risiko, "er warnt, dass junge Menschen, insbesondere diejenigen, denen die kritischen Fähigkeiten fehlen, das, was sie online sehen, zu überprüfen, Gefahr laufen, Diktatoren wie Traoré als Helden und Vorbilder zu sehen. Dies, so Aina, normalisiere Autoritarismus und mache viele blind für den langfristigen Schaden, den solche Führer für Frieden und Stabilität bedeuten. 'Politiker wie Traoré müssen als das gesehen werden, was sie wirklich sind - Diktatoren, die Demokratien demontiert und den Fortschritt um Jahre zurückgeworfen haben', sagte Folahanmi gegenüber New Lines. 'Die virale Verbreitung ihres digitalen Bildes verstärkt dieses falsche Narrativ nur.'" Hier kann man Traorés KI-Rede auf Youtube anschauen. 

Michael Weiss informiert, dass mittlerweile vor allem die nordischen und baltischen Staaten zu den entschiedensten Unterstützern der Ukraine gehören. Viele dieser Staaten sind durch eigene militärische Konfliktgeschichten mit Russland geprägt und unterstützen die Ukraine, indem sie ihr besonders umfangreiche finanzielle und militärische Mittel zukommen lassen. "Zwischen Januar 2022 und Juni 2025 gab Dänemark 2,9 Prozent seines BIP für die Unterstützung der Ukraine aus, Estland 2,8 Prozent, Litauen 2,2, Lettland 1,8, Schweden 1,4 und Finnland 1,3 Prozent. Insgesamt ergibt dies rund 29 Milliarden US-Dollar oder etwa 15 Prozent der gesamten europäischen Ausgaben für die Ukraine seit Februar 2022, als der Krieg begann. Diese sechs Länder machen nur 6,3 Prozent der Gesamtbevölkerung der Europäischen Union aus, sodass ihr Pro-Kopf-Beitrag zweieinhalb Mal so hoch ist, wie er sonst gewesen wäre. Weiss betont zudem, dass "während andere NATO-Verbündete unter Berufung auf ihre eigene militärische Bereitschaft darüber streiten, was sie der Ukraine zur Verfügung stellen können und was nicht, haben die Frontstaaten zu Recht erkannt, dass die Unterstützung in einem derzeit geführten Krieg eine höhere Rendite bringt als die Vorratshaltung für einen Krieg, der vielleicht später kommen wird. Man kann einer Nation nicht vorwerfen, klein oder geografisch verwundbar zu sein - nur, dass sie geizig und kurzsichtig ist. Wie der ehemalige Stabschef Estlands, Martin Herem, zu Beginn des Krieges gerne sagte: Jede Javelin-Panzerabwehrrakete, die auf den Schlachtfeldern der Ukraine eingesetzt wird, um einen russischen Panzer zu vernichten, bedeutet einen russischen Panzer weniger, der in Estland einmarschieren kann."

Osteuropa (Deutschland), 01.09.2025

Natalja Dulina war Hochschullehrerin in Minsk, bis sie 2020 wegen der Proteste gegen den belarusischen Präsidenten suspendiert und 2022 verhaftet wurde. Im Juni 2025 wurde sie freigelassen und nach Litauen gebracht. Im Interview mit Ilja Azar für die Novaja Gazeta Evropa, übersetzt von Volker Weichsel für Osteuropa, erklärt sie, wieso sie ihre Freilassung nicht als Befreiung empfindet und wieso Verhandlungen des Westens eher Lukaschenko nutzen. Sie kann sich selbst nicht erklären, wieso sie so plötzlich freigelassen wurde: "Was die kleinen Grüppchen betrifft, die im Laufe des vergangenen Jahres begnadigt wurden: von den Männern haben wir so gut wie nichts erfahren. Aber aus dem Frauenlager wurden in der Regel Gefangene freigelassen, deren Haftzeit fast abgelaufen war. Das ist wie eine Art Handel, bei dem die eine Seite einen minikleinen Schritt tut und dann abwartet, ob das reicht oder ob noch ein Schrittchen notwendig ist. Man will etwas haben, aber möglichst wenig dafür bezahlen. Reicht es, wenn man Leute rüberschickt, die schon auf der Zielgeraden sind, oder braucht es einen großen Fisch?" Sie warnt davor, sich allzu früh der Erleichterung hinzugeben: "Solange Lukaschenko Putin hinter sich oder an seiner Seite hat, kann man ihm nicht vertrauen. Lukaschenko kann nicht alleine agieren, und Putin hält seine schützende Hand über ihn. Ich verstehe, dass es einen Handel geben muss, anders erreichen wir gar nichts. Na gut, sollen die Politiker und die speziell dafür ausgebildeten Leute sich damit befassen, aber ich als schlaue belarussische Bäuerin aus dem Volksmärchen sage: 'Naaa - nein, irgendwie glaube ich das nicht, man kann ihm nicht trauen, der haut uns doch übers Ohr, der Betrüger.'"
Archiv: Osteuropa

Eurozine (Österreich), 27.08.2025

Im Februar 2025 "jährte sich zum dritten Mal der Beginn der massenhaften Deportation ukrainischer Kinder durch Russland", erinnert die Historikerin Julia Skubytska. Dafür stütze sich Russland auf ein Netz aus Sommercamps und Kindereinrichtungen, das noch aus der Zeit der UdSSR stamme. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine werben Besatzungsbehörden in besetzten und militärisch kontrollierten Gebieten der Ukraine für diese Sommercamps mit der Botschaft, dass die Kinder dort sicher vor dem Kriegsgeschehen wären. "Was ukrainische Kinder jedoch in diesen russischen Sommercamps erleben, hat nichts mit Sicherheit zu tun. Die Kinder werden in Camps geschickt, die oft über heruntergekommene Einrichtungen verfügen und sich in der gesamten Russischen Föderation und in Teilen der Ukraine befinden, die derzeit von Russland besetzt sind. (…) Die Besatzungsbehörden üben oft Druck auf die Eltern aus, Dokumente zu unterzeichnen, mit denen sie ihre Kinder zur Teilnahme am Camp freigeben; in einigen Fällen sagen sie den Kindern sogar, dass sie die Unterschriften ihrer Eltern fälschen können. Sobald die Kinder in den Camps sind, stellen sie fest, dass das Personal oft ihre Kommunikation mit Verwandten behindert; die Rückkehr nach Hause wird zu einem komplizierten und gefährlichen Unterfangen. Kinder, die in die Ukraine zurückgekehrt sind, berichten von Zwangsarbeit, Verhören, Schlägen, Inhaftierungen, schlechter Lebensmittelqualität, Nahrungsmangel sowie verschiedenen Formen emotionaler Gewalt, die darauf abzielen, die ukrainische Identität der Kinder zu demoralisieren und letztendlich auszulöschen. (…) Zusätzlich zu den Sommerlagern werden junge Ukrainer auch in spezielle militärische Einrichtungen geschickt, wo sie zu russischen Soldaten ausgebildet werden, was die Entwicklung der für den Militärdienst erforderlichen Fähigkeiten und eine intensive Indoktrination umfasst. Da Russland regelmäßig Menschen aus den besetzten ukrainischen Gebieten zum Militärdienst für sich zwingt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis junge Ukrainer gezwungen werden, gegen ihre Mitbürger zu kämpfen."
Archiv: Eurozine

London Review of Books (UK), 14.08.2025

Barbara Newman beschäftigt sich anlässlich zweier neuer Buchveröffentlichungen mit Boccaccio, zeichnet dessen Lebensweg nach und präpariert die diversen Bedeutungsschichten einiger Erzählungen des "Decamerone" heraus. Erstaunlich ist nicht zuletzt die Reflexivität seines Werks, findet sie: "In der Einleitung zu Buch 4 bietet Boccaccio ein frühes Beispiel für Rezeptionskritik. Obwohl das Werk noch lange nicht abgeschlossen war, hatten sich seine Erzählungen bereits verbreitet, und nicht jeder fand Gefallen an ihnen. Es scheint, dass prüde Kritiker sich über Boccaccios Wunsch beschwerten, den Damen zu gefallen, und seine literarischen Bemühungen als amouröse Eskapaden interpretierten. Boccaccio antwortet charmant, indem er ihre Kritik akzeptiert. Warum sollte er schließlich nicht Frauen lieben und Freude daran haben, ihnen zu gefallen? Die Musen sind schließlich auch Damen, und 'es ist eine Tatsache, dass Damen bereits Grund dafür waren, dass ich Tausende von Versen verfasste, lange bevor die Musen ins Spiel kamen.' Es ist nichts Schändliches, für Frauen zu schreiben; Dante tat es schließlich auch. Wo wäre die Commedia ohne Beatrice? Indem er den 'Decamerone' mit seiner eigenen Stimme beschließt, unternimmt Boccaccio einen revolutionären Schritt, indem er die moralische Verantwortung für die Literatur vom Autor ganz auf den Leser überträgt. 'Für die Reinen ist alles rein', wie es der heilige Paulus sagt, während ein korruptes Gemüt überall nur Verderbnis sieht. Sogar anstößige Erzählungen haben ihren Wert für diejenigen, die wissen, wie man sie richtig interpretiert. Wer sich jedoch an Kleinigkeiten stört, kann einfach die anstößigen Geschichten überspringen und sich auf die erbaulichen konzentrieren. Kurz gesagt: 'Die Dame, die ständig ihre Gebete spricht oder ... Kuchen für ihren Beichtvater backt, sollte sich von meinen Erzählungen fernhalten.' Dies ist Boccaccios größte Errungenschaft für die Literaturtheorie: Volkstümlichkeit, Unterhaltung, die Verantwortung des Lesers und die Autonomie der Fiktion sind miteinander verwoben und bekommen eine weibliche Färbung. Zum Guten oder Schlechten sollte diese Kette bestehen bleiben - besonders als immer mehr Frauen zu schreiben begannen. Es ist mehr als nur das Geschlecht, das die eleganten Erzählerinnen des 'Decamerone' mit der 'verfluchten Menge schreibender Frauen' verbindet, die Nathaniel Hawthorne in den 1850er Jahren verurteilte."

HVG (Ungarn), 28.08.2025

Szene aus Laszlo Nemes Jeles' Film "Arva"


Der Regisseur László Nemes Jeles, dessen Film "Árva" (Waisenkind) bei den Filmfestspielen in Venedig im Wettbewerb läuft, spricht im Interview mit Rita Szentgyörgyi u.a. über die Empfindungen und ihre langfristigen Auswirkungen, welche die Entstehung des Films motiviert haben. "Der Film heißt 'Árva' (Waisenkind), weil auch ich diese Verwaistheit in mir trage. Die Traumata, die unsere Vorfahren erlebt haben, entwickeln sich so weit, dass die nachfolgenden Generationen die Hilflosigkeit und Verlassenheit beibehalten und weitergeben. Auch in meinem Alltag ist dieser osteuropäische Schmerz präsent, der meiner Meinung nach Tradition hat. Der Mensch hinterfragt alles in der Welt, fühlt sich ständig verletzlich und hilflos. Andererseits hilft ihm das oft dabei, sich zu engagieren und seinen Willen durchzusetzen. (…) Das Ergebnis der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit ist beispielsweise, dass in der ungarischen Gesellschaft im Alltag Feindseligkeit und Unfreundlichkeit zu spüren sind. In den zwischenmenschlichen Beziehungen gibt es keine echte Empathie, keine Freundlichkeit. Es fehlt die Aufarbeitung und das Verständnis der Vergangenheit. Wir sind nicht bereit, das von sehr vielen Menschen verursachte große Leid anzuerkennen. Wir glauben, dass wir, wenn wir das Leiden der einen Seite anerkennen, das Leiden der anderen Seite nicht akzeptieren können. Man könnte viele Menschen gleichzeitig verstehen, anstatt sie gegeneinander auszuspielen. Die Geschichte sollte in den Kontext humanistischer Fragestellungen gestellt werden. Die Ideologie des Nihilismus hat die Menschen verblendet, aber auch weltweit ist ein moralisches Defizit zu spüren. In meinem Denken und meinem persönlichen Lebensweg versuche ich immer, einen gewissen Humanismus zu vertreten, der leider nur noch in Spuren zu spüren ist. Ich hoffe, dass meine Filme dazu beitragen, zu unserem humaneren Selbst zurückzufinden."
(Hintergrund:  )
Archiv: HVG

Guardian (UK), 02.09.2025

Eine ziemlich deprimierende Lektüre: Phil Hoad schreibt über die Filmindustrie der Gegenwart im Zeichen von Streaming (und demnächst AI). Wie groß der Einfluss der Algorithmen auf die Filmproduktion tatsächlich ist, ist schwer zu sagen. In jedem Fall werden die Streamingdienste mehr denn je von gleichförmigem, aggressiv mittelmäßigem Content überflutet. Die Hoffnungen, die einst hier und da in die neuen Vertriebswege gesetzt wurden, haben sich gründlich zerschlagen: "Es gab einmal die Vorstellung, dass Streaming-Dienste - mit der Hilfe unbegrenzten Speicherplatzes und entsprechend ausufernden Katalogen - neue Zielgruppen für weniger bekannte Filme finden würden. Doch in einer Analyse der Netflix-Nutzungsdaten zwischen 2016 und 2019 fand der unabhängige Forscher Stephen Follows heraus, dass das Unternehmen noch stärker auf eine Handvoll großer Titel angewiesen ist als das Kino mit seinen Ticketverkäufen: Die obersten sieben Prozent der Netflix-Titel in den USA machten 50 Prozent der Aufrufe aus (im Vergleich zu 41 Prozent der Kinoumsätze für die obersten sieben Prozent der Kinofilme). Das Problem ist nicht so sehr, dass Filme von Algorithmen gemacht werden, sondern vielmehr, dass der Algorithmus durch die kontinuierliche Bestätigung der dominanten Filmästhetik selbst eine verflachende, verrohende Wirkung auf unseren allgemeinen Geschmack hat. (…) 'Streaming-Unternehmen haben nicht nur keinen Anreiz, inhaltliche Vielfalt im Filmgeschäft zu fördern', sagte Ted Hope, 'sondern sie haben auch das vorher bestehende Geschäftsmodell zerstört, das Vielfalt überhaupt erst möglich machte.' Wenn Netflix oder ein anderer Streaming-Dienst einen Film kauft, verlangt er für gewöhnlich, dass er zum alleinigen weltweiten Distributor wird; dieses Modell begünstigt von Natur aus massenmarkttaugliche Produkte, die sich in vielen Gegenden durchsetzen werden. Es hat die alte Taktik, Verwertungsrechte stückweise in einzelnen Territorien vorzuverkaufen - die oft die einzige Möglichkeit war, unabhängige Filme zu finanzieren - obsolet gemacht."
Archiv: Guardian

Elet es Irodalom (Ungarn), 29.08.2025

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Elie Wiesels Trilogie "Die Nacht", "Die Morgendämmerung", "Tag" erschien vor kurzem das erste Mal in Gänze auf Ungarisch. Der Übersetzer des letzten Bandes, der Schriftsteller und Redakteur József M. Takács denkt im Interview mit Benedek Várkonyi u.a. über die Bedeutung der Erinnerung nach:  Dass die Erinnerung die Rache der Überlebenden ist, "scheint zwar wenig zu sein, aber es wäre sehr schwierig, konkret Rache zu üben. Man kann nicht ganze Völker zur Verantwortung ziehen. Die Hauptkriegsverbrecher wurden mehr oder weniger zur Rechenschaft gezogen, während wir wissen, dass viele davongekommen sind. Welche konkrete Vergeltung wäre dennoch möglich? Es gab jüdische Widerstandskämpfer, die versuchten, Rache zu nehmen, davon handelt Rich Cohens Buch 'The Avengers'. Aber eigentlich bleibt nur die Erinnerung; wir reiben den Schuldigen unter die Nase, was sie getan haben. Einerseits ist dies eine Erinnerung, andererseits eine Warnung an die Welt, dass sich diese Gräueltaten nicht wiederholen dürfen. (…) Ich möchte, dass die Erinnerung nicht an Kraft verliert. Ich sehe, dass die Welt weiterhin daran erinnert werden muss, dass solche Warnungen, wie sie diese Bücher enthalten, notwendig sind. Denn meiner Meinung nach verbessert sich der mentale Zustand der Welt nicht wesentlich. Dass ein Buch alt wird, sogar hundert Jahre alt, bedeutet nicht unbedingt, dass seine Botschaft an Bedeutung verliert oder an Kraft einbüßt."

Israel Law Review (Israel), 08.08.2025

In Israel fand ein Verbrechen statt, das alle Kriterien des Völkermords erfüllt. Der Völkerrechtler Avraham Russell Shalev führt einen lückenlosen Beweis mit sehr vielen Belegen, dass der 7. Oktober juristisch alle Aspekte eines solchen Verbrechens vorweist, die die internationalen juristischen Organisationen auch zum Handeln veranlassen müssten. Sowohl die Verbrechen des 7. Oktober inklusive der sexuellen Gewalt, als auch der klar bewiesene Vorsatz zu diesem Verbrechen sind in dieser Hinsicht einschlägig, schreibt Shalev in der Conclusio. Sie sind sowohl in den mündlichen Äußerungen von Hamas-Funktionären auch nach dem 7. Oktober als auch in Schriften der Organisation belegt. "Was diesen Fall jedoch auszeichnet, ist das dritte Element: das sofortige Erheben von Vorwürfen des Völkermords gegen die Opfer. Diese Umkehrungsstrategie, wie sie beispielsweise in Südafrikas Antrag beim IGH zum Ausdruck kommt, stellt eine raffinierte Weiterentwicklung der Art und Weise dar, wie sich die Täter vor ihrer Verantwortung schützen. Durch die Aneignung und Instrumentalisierung von Völkermordvorwürfen haben die Hamas und ihre Verbündeten einen rhetorischen Schutzschild geschaffen, der sowohl die Aufmerksamkeit von ihren eigenen Völkermordhandlungen ablenkt als auch das historische Trauma der Juden ausnutzt - ein Muster, das bereits bei früheren Völkermorden zu beobachten war, jedoch noch nie mit solcher Schnelligkeit und Präzision umgesetzt wurde."